Dienstag, 28. Juli 2015

Was, wenn die Dinge erzählen könnten?


Bildanalytischer Appetizer Nr 8
(Was meint: die Dinge befragen?)






Eine "Schöpfung" sich so denken, dass jedes Ding das "eigentliche" Ziel derselben ist...
 

Für jedes Ding gäbe es dann eine eigene (Gesamt-)Schöpfungsgeschichte. Der Gedanke EINER Schöfpung wäre damit überwunden. Für Schöpfung können wir in freierer Form jetzt auch "Entwicklung" sagen.
Wir schauen immer von dem was uns bekannt ist auf die Dinge, also immer von einer Ordnung oder Vorordnung aus. Wir sehen das uns interessierende Ding immer erst, INDEM
 wir versuchen es in unsere Ordnung einzubauen, ohne unbedingt etwas davon zu bemerken. Wir sollten diesen Blick umdrehen und zukünftig von dem jeweiligen Ding selbst aus versuchen, auf die Welt zu schauen: Was kann das Ding, die Sache uns über die Welt erzählen. Wir drehen den Blick herum.

Warum sollten wir das tun?
Die Dinge oder Sachen können sich nicht wehren. Sie haben keinen Anwalt, der ihnen zur Seite springt, wenn der Psychologe oder ein anderer Wissenschaftler hingeht und wie gewohnt von der ihm naheliegenden Ordnung her auf die Sache schaut. Wenn wir aber versuchen von dem Ding, also von der Sache selbst ausgehend etwas über die Welt zu erfahren, erhält es eine Chance: Es wird ihm keine andere Ordnung übergestülpt. Dabei setzten wir das Folgende voraus:
Alles kann zu einem Gleichnis gemacht werden für die Dinge dieser Welt; in jedem "Ding" steckt die Möglichkeit so ein Gleichnis zu werden. Dabei braucht es keine Vermittlung durch ein SYSTEM - im Gegenteil, die wäre gefährlich. Wohl aber wäre eine methodische Anleitung angebracht.

Es gibt ein romantisches Wissenschaftsideal: 

positiv das "Empirische" genannt. Dieses träumt davon, dass wir die Dinge ganz einfach befragen können, und dass sie dann offen zu uns sprechen. Es verhält sich aber ganz anders: Die Dinge können sich nämlich nicht wehren gegen die Ordnungen mit denen wir an sie herantreten; jeder Test, jedes Experiment ist die fleischgewordene Ordnung oder das fleischgewordene Vorurteil, und dagegen kommt ein "Ding" kaum an. Es "spricht" nicht im eigentlichen Sinne. Der Fragende bestimmt vielmehr die Antworten und es ist romantisch, das anders zu sehen. Wir müssen, wenn wir den Dingen mehr Raum geben wollen, bei der Art des Fragens selbst ansetzen. Romantik schadet hier nur. Dass wir als Fragende eine Ordnung in die Dinge hineinbringen, daran können wir nichts ändern, wohl aber können wir darüber entscheiden, um welchen Typus von Ordnung es sich dabei handeln soll. 

Und jetzt kommt mein Vorschlag: 
Warum legen wir uns nicht auf den folgenden Typus von Vorurteil fest:
Jedes Ding ist in der Lage, von sich aus einen neuen Blick auf die übrigen Dinge dieser Welt zu werfen. Das Ding müsste also methodisch (oder in der Befragung durch uns) so behandelt werden, als ob es möglich sei, von ihm aus auch ganz andere Dinge zu betrachten, am besten alle Dinge dieser Welt. Das lässt sich auch in einer Fomel fassen: "Das Ding/die Sache wird zu einem *Gleichnis für* statt nur zu einer *Abbildung* von." 


Jedes Ding könnnten wir so behandeln,
als gelte es, "aus ihm" einen "Aphorismus" zu machen.
 

Wir hätten dann eine "Aphoristische Psychologie" oder etwas weiter gefasst, eine "Bildperspektivische", eine "Bildanalytische". Jedes Ding eröffnet uns so einen neuen Blick auf die Welt. Eine Welt im rein buchhalterischen Sinne gäbe es dann aber nicht, denn: Jedes Ding erschafft eine Welt, von der aus es selbst das Zentrum ist. Dieses "Welterschaffen" ist aber vielleicht gerade das, was es selbst erst unter die existierenden Dinge stellt.
Eine Welt wo die Anzahl der Dinge zugleich die Anzahl der Zentren und Sinnmitten des Ganzen ist - das wäre eine Welt nicht außerhalb der Relativität stehend sondern die Relativität in einer entschiedenen Form selber.

Man muß Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben - sonst kann man nicht weise werden. Aber man muß über sie hinaus sehen, ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie nicht.
(Ausschnitt aus dem Aphorismus Nr. 292 in Nietzsches "Menschliches, Allzumenschliches" Erster Band, Fünftes Hauptstück; Kröner-Ausgabe, 8. Auflage 1978; S. 233/234)
.


Autor: Werner Mikus
(geht auf eine Seminarvorbereitung Juli 1993 zurück)


Bildquelle: Foto Karin Fischer



Sonntag, 7. Juni 2015

Zum geschichtenhaften Wesen des Seelischen.

Teil 1

Wie ist das Seelische gebacken?
- alltäglich und in der wissenschaftlichen Rekonstruktion -


Ein Märchen erlaubt die Bedeutungsübertragung von jedem seiner Einzel-Elemente auf ein beliebiges, reales Einzelgeschehen in der Welt und macht so ein psychisches Ereignis daraus. Dieser Vorgang "bedient sich" dabei lediglich eines der verschiedenen Gesamtdeutungsmuster, die einander überlagernd in dem jeweiligen Märchen angelegt sind. Eine weitere Bedingung tritt allerdings noch hinzu - und die ist nicht ohne!: Soll die Übertragung von dem einzelnen Element auf das reale Ereignis gelingen, so muss das reale Einzel-Ereignis in der Lage sein, auch die restlichen Elemente des gewählten Gesamtdeutungsmusters mit zum Ausdruck zu bringen und zwar über sein Atmosphärisches

Der Begriff Märchen steht in der Formel, die ich hier gerade für "das Entstehen von Seelischen" verwende, stellvertretend für die geschichtenhafte Natur des Seelischen. Zusammen mit der elementhaften Natur desselben, dem Sprachbildlichen, macht sein geschichtenhaftes Wesen es erst möglich, das Seelische hinreichend versteh- und einschätzbar zu machen.

Mithilfe eines bestimmten Märchens (Frau Holle) werde ich im nachfolgenden Beitrag "Teil 2" auf die spannenden Fragen zur geschichtenhaften Natur des Seelischen im Genaueren eingehen.

Autor: Werner Mikus


Bildquelle: Strichzeichnung Werner Mikus

Sonntag, 19. April 2015

Nachschaffende Sinnbildung







SINN hebt den Zufall auf und setzt an seine Stelle ein: "so hab' ICH es gewollt". 

Da der Mensch in jedem aktuellen Tun - ob er davon weiß oder nicht - auf ganz verschiedene Zukünfte gleichzeitig hinarbeitet, könnte er mit dem Zufall viel gelassener umgehen: 

Denn irgendeine der vielen möglichen "Zukünfte" wird es wohl erlauben, mit dem was diese sinnbildend zu bieten hat, einer "unglücklichen" Wendung entgegenzutreten. Etwa mit den "Worten": "Aber ja, genauso habe ich es gewollt oder hätte ich es eigentlich wollen sollen". Und zwischendrin, mitten in diesem Umbruchshaften, kann derselbe Mensch auf den Prozess der sich überlagernden möglichen Zukünfte genau an der für ihn passenden Stelle "aufspringen", um dann auch gefühlt wieder "die Zügel in der Hand" zu haben.

Sinn hat kein festes Zuhause, er ist vielmehr wie ein "Reisender" unterwegs. Unser Körperschema, zusammen mit dem entsprechend Biografischen und dem Zugang zu einem unerschöpflichen Potenzial von Geschichten und Bildern scheint ihm ein besonderer Rahmen zu sein, in welchem er immer wieder gerne seine Auftritte hat - bevorzugt unter dem Pseudonym eines "Ichs".  



Autor: Werner Mikus

Bild: Strichzeichnung Werner Mikus

Freitag, 3. April 2015

Rettungsversuch - wenn Seelisches droht, sich selbst nicht mehr zu verstehn

Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: In einer facebook-Diskussionsgruppe (Psychologie des 21. Jahrhunderts) kam die Sprache auf die seelische Erkrankung des Copiloten, der 150 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Im weiteren Kontext ging es dann um "krank" und "gesund" in einem eher frei assoziierenden Rahmen. Deshalb nahm ich dort irgendwann die Gelegenheit wahr, einen mir wichtig erscheinenden und grundlegenden Gedanken zum Thema "Kranksein und Seele" in die Runde zu stellen. Am Ende gehe ich noch kurz auf eine wesentliche Voraussetzung hierfür ein.





Die Haltet-den-Dieb-Technik - bewährt und zweischneidig

Das Seelische hat die Angewohnheit, immer dann wenn es sich selbst nicht mehr zu verstehen droht, nach etwas zu greifen, was die Dinge wieder in die Reihe bringt. Leider ist dieses Mittel dann aber auch immer von zweischneidiger Natur. Aber wie kommt es dazu? Der Mensch möchte sich nicht verlieren und in einen Zustand geraten, in welchem die Verhältnisse, die ihn tragen, plötzlich beginnen, auf eine entfesselte Weise ihr Wesen zu treiben (und das gilt nicht nur für die ganz persönlichen, sondern auch für die übergreifenden, gesellschaftlich-politischen Verhältnisse). Bevor es erst richtig dazu kommt, erfindet sich das Seelische eine Art von "Krankheit" - also ein irgendwie benennbares Leid - frei nach der Methode "Haltet-den-Dieb". Jetzt weiß das Seelische endlich wieder, wie alles zusammengeht - wenn nur dies und das getan oder geheilt werden könnte. Das Unheimliche eines sich nicht mehr Selbst-Verstehenden Ganzen ist damit erst einmal gebannt.

Der Preis

Was ist der Preis dafür? Das ist einfach zu beantworten: Man hat sich von nun an dauerhaft "verloren" in einem Programm, das alles bestimmen will.
      Kleiner Ausflug in eine Analogie aus dem Politisch-Gesellschaftlichen:
      Anfang 2014 / Es geht um Russland, Europa und die Ukraine / da machte
      Russlands eine "Ansage" an den Westen, die ihren Auftritt im Zufall
      einer Lichterspiel-Panne bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele
      im kaukasischen Sochi hatte - mit dem Inhalt: dass die Brecht'sche Logik vom
      "Kaukasischen Kreidekreis" mit Russland auf keinem Fall "aufgehen" werde.
      Und von da an (unumkehrbar) war ein neues Handlungsschema gefunden.
      - (Aber nun wieder zurück zum Seelischen in einem uns vertrauterem Sinn):


Was hilft, wenn wir uns persönlich in so ein Programm verloren haben? Der Betreffende muss die Möglichkeit finden, zu erfahren, dass sich sein Rettungsversuch gegen sich selbst verkehrt (also sein Kranksein, sein Festmachen allen Übels an einer ausgemachten "Stelle").  In dem "Projekt" einer therapeutischen Arbeitsbeziehung kann dies wie in einem Gleichnis erfahren werden: Der Betreffende erfährt, dass er eben nicht in den Entfesselungen einer verrückten seelischen Wirkungswelt verloren geht, wenn er sich wie in der therapeutischen Beziehung geschehen, seinen Abkürzungsversuchen stellt.

Wie kann echte Veränderung entstehen? 

Warum geht der Betroffene nicht in seinen Abkürzungsversuchen unter? Weil er in gemeinsamer Arbeit mit dem Therapeuten (Therapie-Projekt) erfährt, wie etwas nachträglich! einen ganz anderen und neuen Sinn erfahren kann. Und das, obwohl sich das Seelische in einer nicht ungefährlichen Abkürzung verloren hat, die sich auch im gemeinsamen Projekt der Therapie durchsetzen würde, wenn nicht der Therapeut in der Lage wäre, auf die bisher ungenutzten aber doch vorhandenen Spielräume einzugehen. Die so auf die therapeutische Bühne gebrachte Verselbständigung (das Programm des Klienten betreffend) ist es aber grade, die den Betroffenen im Weiteren nun zu einer haltungsrelevanten (und lebensverändernden) neuen Erfahrung bringt. Und diese Haltung sagt, dass alle Sinnbildung nachschaffend ist und es allein darauf ankommt, dass wir dem Vorausgegangenen durch das ihm Nachfolgende einen Sinn verleihen. Genauer gesagt: Das was am Ende dasteht, gibt dem Vorangegangenen immer erst seinen Sinn; Und das, was dann dasteht (das Werk, die erlösende Tat z.B.) muss für sich selber sprechen, das ist wichtig: Es kann sich nicht durch ein Schöndenken oder durch sonst einen Psychotrick ersetzen lassen. Tatsächlich können wir auf diesem Wege aus den unglücklichen Abkürzungsversuchen, die uns zuletzt in die Therapie getrieben haben, auch dadurch schon etwas Neues machen, dass wir sie entschlossen zum Anlass nehmen, an einer neuen krisenbereiteren Haltung zu arbeiten.

Eine neue Haltung wird entwickelt 

Der zweischneidige Rettungsversuch wird zwar als dumme Abkürzung erkannt, aber kann im Weiteren, durch die Entwicklung einer neuen Haltung, auch liebevoll gewürdigt werden. Dieser zweischneidige Rettungsversuch erhält also durch das Nachfolgende erst seinen definiten Sinn (und deshalb kommt es grade auf das was nachfolgt an und nicht auf ein Herumdoktern am Leiden selbst). Danach läuft das Seelische gleichsam "gesund" weiter mit seinen neuen Veränderungspielräumen bis zur nächsten Schleife. :)
Gut, es gibt auch schlimmere Problemlagen in dem sogenannten Seelischen - darüber aber an anderer Stelle mehr. Man vergisst bei diesem Thema leider immer die eher einfach gelagerten und überall anzutreffenden Fälle, von denen ich hier im Augenblick spreche. Dabei handelt es sich um Zusammenhänge, die sich - wie oben schon kurz erwähnt - übrigens ebenso in den großformatig übergreifenden Zusammenhängen des Seelischen aufzeigen lassen, also auch im Bereich des politisch-gesellschaftlichen Geschehens.

Zum Schluss - eine wichtige Voraussetzung für alles

Unsere Zeit hat nicht gelernt, den "Dingen" selbst etwas Seelisches zuzugestehen. Das Buch, der gute Film, oder auch der erwachende Frühling in der Natur z.B., das sind alles "Dinge", die eine Wirkung tun. Die machen etwas mit uns. Gestehen wir diesen Dingen aber keine eigene seelische Wirklichkeit zu, dann fehlt uns etwas Entscheidendes:
Es existieren dann eben nicht diese wunderbaren "Dinge", die uns durch ihre "Fürsprache" in manchen Fällen gleichsam erlösen bzw. von andrängenden Zweifeln befreien können. Es gibt dann nichts (außer uns Ich-Riesen selbst) das uns "an die Seite nehmen" und zu uns "sprechen" könnte: "Hey, das, was aus "mir" jetzt geworden ist (und es spräche dann das unerwartete Ergebnis einer bestimmten Sache selbst) das habe ich genau dem Ereignis zu  verdanken, das 'gestern' für "uns" noch ein Missgeschick und Unglück war."

Wenn wir dem Seelischen also nicht eine eigene, bewertende Wirklichkeit zugestehen wollen, die (locker gesagt) eben auch "außerhalb" von uns selbst existiert, und mit der wir - ohne große Schwierigkeiten - auch in einem guten Kontakt stehen können, dann sind wir allerdings auf uns selbst zurückgeworfen und damit, wie ich glaube, hoffnungslos überfordert. Die Dinge müssen vielmehr selbst zu uns und zu der Welt überhaupt "sprechen" dürfen: Sie sagen uns z.B. "Gut gemacht, so macht es einen Sinn" oder natürlich auch umgekehrt. Wenn wir den "Dingen" so etwas nicht zubilligen, praktizieren wir am Ende nur eine gut verkleidete Form vermeintlicher Überlegenheit, oder böse ausgedrückt, menschlicher "Hybris".

Vom kommenden Osterfest her gesehen

Der Mensch stilisiert dieses normale Leiden von dem ich hier gesprochen habe, gerne hoch um es dabei (trickreich) zu bagatellisieren. Wie in einer großen Perversion droht der Mensch dabei zu einer Art Leiden Christie zu werden, wenn er sich in solchen Abkürzungen ( = Heils- und Haltet-den-Dieb-Methoden) tatsächlich verliert. Aber da sei Gott vor! Mit Blick auf Ostern, sei das schon mal hier mit in die Waagschale geworfen.

Autor: Werner Mikus


Bildquelle: Foto JSK

Sonntag, 29. März 2015

Widersprüchliche Stimmigkeit - Grundqualität seelischer Realität



Das Prinzip einer unaufhebbar widersprüchlichen Stimmigkeit


Bildunterschrift hinzufügen
Der Blick einer Bildanalytischen Psychologie auf die Wirklichkeit ist ein Denken in Paradoxien. Entstehen und Werden sind in einer widersprüchlichen Stimmigkeit gefangen.
Wie kann man sich das an einem Beispiel vorstellen?
Jemand ist verabredet und erwartet eine Person, in die er sich möglicherweise bereits verliebt hat. Die Erwartete lässt aber auf sich warten und zwar sehr lange. In diesem Falle kann es passieren, dass der Wartende sehr ins "Leiden" kommt. Er befürchtet, dass seine Liebe vielleicht nicht erwidert wird. Gleichzeitig geschieht aber noch etwas davon sehr Verschiedenes: Der Wartende wird sich nämlich zur gleichen Zeit einer offenbar schon bestehenden, "Bindung" zu der Person bewusst und gerät dabei in die entsprechend zugewandten Gefühle - verhält er sich doch in seinem Bangen wie jemand, der den Anderen schon wie einen "Teil" von sich betrachtet. Wenn sich dieses gute Gefühl eines "Habens" mit dem gleichzeitig zunehmenden Gefühl eines Mangels jetzt wie in einer Verrechnung zusammenfinden würde, müsste dann nicht etwas von beiden, sich gegenseitig aufheben und in der Summe etwas "Kleineres" dabei herauskommen!? Wie wir wissen, verhält sich das Seelische aber gerade nicht so: Die entgegengesetzten Gefühlsverhältnisse bleiben vielmehr auf eine ganz eigene Weise erhalten! Kurz: Das Warten tut so richtig "schön" weh.

Dagegenhalten ändert nichts - aber so entsteht Kultur

Der Mensch in unserer Kultur deutet die Widersprüche in den Paradoxien gerne als etwas Vorübergehendes und setzt darauf, sich irgendwann von ihnen befreien zu können. An dem genannten Beispiel kann man sich deutlich machen, dass dies prinzipiell nicht gelingen kann: Der Widerspruch ist konstitutionell - nicht nur im geschilderten Beispiel sondern überall. Das führt zu einem wichtigem Grundsatz: So wie es in der Physik den Satz der Energieerhaltung gibt, so gibt es in dem psychodoxen, bildanalytischen Denken die Widerspruchs-Erhaltung: Die Widersprüche verändern ihre Erscheinungsformen, sie verschwinden nicht wirklich. Wir Menschen suchen aber unentwegt, dieser Natur ein Schnippchen zu schlagen. Mit großem Erfindungsreichtum entwickeln und erfinden wir alle möglichen Wege und Methoden, die uns am Ende doch noch die erfolgreiche Befreiung aus diesem Dilemma versprechen wollen. Die Widersprüche aber bleiben. In der Summe entsteht merkwürdigerweise etwas recht Brauchbares dabei: unsere Kultur.

Das Komplexe macht das Einfache - und nicht umgekehrt

Alle Zusammenhänge, die wir als erlebbar bezeichnen, sind von bildhafter oder genauer gesagt von sprachbildlicher Natur. Und jedes einzelne Bild ist in der Lage, ein Gleichnis für etwas Anderes zu werden. Auf diese Weise bringen sich die "Dinge" zum Sprechen. Sie zeigen ihr eigenes Verstehen von Wirklichkeit (Bildverstehen), wenn sie sich als Gleichnisse gegenseitig ausprobieren. Dabei bringt sich eine "widersprüchliche Stimmigkeit" ins Bild die uns nahelegt, auf das Verhältnis von "einfach und kompliziert/komplex" noch mal neu zu schauen. Und dabei erkennen wir Folgendes: Das, was uns als einfach und ursprünglich erscheint, leitet sich aus komplexen Zusammenhängen her, und nicht umgekehrt. Hierauf hat der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead schon hingewiesen, er hat sogar ein dementsprechendes neues Denken herausgearbeitet. Whitehead, der in seinen frühen Jahren noch mit Bertrand Russell zusammen ein mathematisches Großwerk geschrieben hatte (Principia Mathematica), brachte später als Philosoph ein neues, vom wissenschaftlichen Mainstream auch heute noch stark abweichendes Denken auf den Weg.

Bildanalytisches Denken setzt ein initiierendes Paradigma um

In Whiteheads Idee von den universalen, also überall in der Natur wirksamen "Erfahrungszusammenhängen" können wir  ein initiierendes Paradigma sehen. Dieses stößt die Entwicklung einer "Psychologie mit grundwissenschaftlichem Anspruch" an, eine Wissenschaft von den erlebbaren - wir können auch sagen sprachbildlichen - Zusammenhängen. Erlebbare (respektive sprachbildliche) Zusammenhänge zeichnen sich durch ihre potenzielle Natur aus und vereindeutigen sich erst in den gelebten Kontexten zu dem, was wir am Ende als Erleben und Verhalten vor uns haben. Aber auch dort, wo die besagten Zusammenhänge nicht schon auf diese Weise durchschlagen, bestimmen sie dennoch das Geschehen entscheidend mit. Die erlebbaren oder sprachbildlichen Zusammenhänge stehen im Mittelpunkt dieses neuen Denkens und einer bildanalytischen Psychologie.

Autor: Werner Mikus
(Kurzfassung eines Vortrags von 2009)

Bildquelle: Selbstportrait


Sonntag, 15. März 2015

Über Ereignisse, die "sprechen" und eine Ansage machen


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: In einer facebook-Diskussionsgruppe wollte jemand zu einer deutungsfreien Berichterstattung raten. Beschreibungen legen aber immer schon Wirklichkeiten aus, ob wir das wollen oder nicht. Aus diesem Grund ließ ich mich auf eine prinzipielle Erörterung dieses Problemes am Beispiel des Schreckensereignisses 9-11 und eines anderen Ereignisses ein, welches das aktuelle Verhältnis Russland, Westliche Welt und Ukraine betrifft. Der Gedankengang entwickelte sich wie folgt: (Ich schrieb) 
"Du fragst mich (mit leicht ironischem Unterton): 'Muss [denn] alles nur gedeutet werden!?' Und Deine Frage nimmt auf den 5. Kreis der olympischen Ringe Bezug, der bei der Eröffnungsfeier im kaukasischen Sochi 2014 *nicht aufgegangen* ist und auf die darin anklingende Parabel vom Kaukasischen Kreidekreis mit ihrer pointenhaft herausgestellten eigenen Bewertung von wahrer Mutterschaft und Zugehörigkeit." 


Zur Objektivität möchte ich an dieser Stelle folgendes sagen: 

Es gibt Ereignisse, die sprechen für sich, oder anders ausgedrückt, sie haben einen übersubjektiven "Text". Was sie uns sagen ist paradoxer Weise  kontextübergreifend (das heißt, unabhängig von einem definitionsähnlich vorgegebenen Deutungskontext). Eine explizite Deutungsanstrengung ist dabei noch nicht verlangt. Das ausdrückliche Deuten kommt erst in einem "zweiten Schritt" hinzu. Aber das Sochi- und noch eindrucksvoller das 9/11-Twintowerereignis geben nach meiner Ansicht einen gewissen "Grundtext" einfach vor. Vielleicht möchten wir ja in solchen Fällen lieber nicht so genau hinschauen. In beiden Fällen zeigt sich aber, dass ein einfaches "Lesen" uns schon sehr viel Verständnis bringen kann für das was geschieht und was voraussichtlich nachfolgen wird: Twintower, der Dom des Kapitalismus, Worldtradecenter, von Flugmaschinen zerstört, voll mit fliegenden, unschuldigen Menschen; ohne Kontrolle oder in den Händen einer höheren Macht,  totbringend und selbstvernichtend rasen sie in das besondere Symbol hinein. Der Sochi-"Grundtext" ist auch nicht wesentlich undramatischer (man nehme hierzu nur die Parabel vom Kaukasischen Kreidekreis - wozu ich an anderer Stelle Ausführlicheres geschrieben habe). 


Aber solche, ich nenne sie mal "kassandrische" Ereignisse

die einen verzweifelten Rettungsversuch darstellen in einer Phase sich verselbständigender Erledigungen, sind für ein psychologisches Verständnis, das großenteils noch aus dem letzten Jahrhundert stammt, eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Wir übersehen hier lieber etwas, anstatt genauer hinzusehen: Wir übersehen es durch eine Überbetonung der Vernunft auf der einen und durch eine Faszination an Verschwörungstheorien auf der anderen Seite. 

Autor: Werner Mikus

Bildquelle: Zeichnung Werner Mikus



Sonntag, 1. Februar 2015

Aufklärung: Psychologie ist nicht Heilkunde



 

Vorgetragen 1988 - aber immer noch aktuell

Bereichs- oder Grundwissenschaft? 

Wenn wir die Psychologie als eine Wissenschaft verstehen und einordnen wollen, müssen wir uns die Frage stellen, auf welche Weise das geschehen soll. Können wir von einer Psychologie ausgehen, über die sich reden lässt wie über eine eigene Einheit? Und welches Vorverständnis von Wissenschaft allgemein bringen wir schon mit in unsere Überlegungen ein? Was verstehen wir unter Wissenschaft allgemein? Auf die letzte Frage möchte ich zuerst eingehen, die zweite beantwortet sich im Laufe meines Vortrages von allein: Wir können in einer ersten groben Unterteilung erstmal von zwei Wissenschaftsarten sprechen. Die eine bezieht sich auf einen besonderen, irgendwie inventarisierbaren Phänomenbereich und kann so als Bereichswissenschaft verstanden werden [z.B. die Geographie mit ihren Flüssen und Bergen, um es salopp zu sagen]. Die andere stellt durch eine eigene, grundlegende Perspektive auf die Welt, ihre Phänomene und Methoden selbst erst her und kann deshalb als eine "perspektivische", "methodenbildende" oder kurz gesagt, als eine "Grundwissenschaft" verstanden werden.

Die leidliche Absicherung im Formalen! 

In der Wissenschaft ist das Vorurteil verbreitet, dass es eine allgemeingültige Beweismethode gibt, die einen methodisch festen Rahmen und Halt gibt, der für alle Wissenschaften gleichermaßen existentiell und nützlich ist. Demnach handelt es sich in einer wissenschaftlichen Untersuchung etwas überspitzt gesagt, vor allen Dingen darum, einen einwandfreien Beweisgang nach dem Muster einer logischen und widerspruchsfreien Schlussmethode aufzubauen (Vorbild: Formale Logik). Von einer solchen Auffassung her, erscheint das genaue Hinsehen, Beschreiben und kontext-heranziehende Einschätzen der Zusammenhänge, dann doch eher als eine Sache von geringerer Bedeutung. Wenn das Augenmerk so sehr auf das einwandfreie Schließen und das Verfertigen von logisch einwandfreien Aussagen gerichtet ist, dann steht wahrscheinlich ein Sinn dahinter: Möglicherweise soll es dem Forschenden das Gefühl der Sicherheit geben: Schließlich braucht er dann seine Beobachtungen und Arbeitsschritte nur noch in Sätze zu fassen, die formallogisch richtig sind und am Ende korrekt auseinander hervorgehen. Etwas salopp formuliert könnte man sagen:  Er muss dann seine Beobachtungen (und Sätze) nur noch in Formen übersetzen, die auch ohne Inhalt richtig sind. Und spätestens hier, melden sich bei dem psychologisch interessiert Mitdenkenden doch Bedenken an.

Kompensation eines fehlenden Regulativs 

Bezieht man dieses Verständnis von Wissenschaft auf die Erforschung der seelischen Zusammenhänge, wird schnell klar, dass die Komplexität der bildhaften Zusammenhänge nicht zusammenpasst mit dem Versprechen einer Sicherheit durch ein formallogisches Schließen. Ein geheimes Wissen um die Komplexität der Verhältnisse und ein gleichzeitiges Festhalten an der vermeintlichen Macht des logischen Schließens laufen in der Wissenschaft von heute nebeneinander her: Das Ergebnis ist ein Wissenschaftsbetrieb der mit extrem hohen Aufwand arbeitet. Das ungelöste Problem dieser Verbindung wird durch umfangreiche quantitative Erhebungen gleichsam zu kompensieren gesucht: Der Halt und die innere Sicherheit einer Methode im Ganzen lassen sich nicht durch die Logik eines formal korrekten Schließens herstellen. Halt und Sicherheit müssen sich aus Anderem entwickeln. Sie gehen aus der Stimmigkeit hervor, die sich zwischen den Methoden der Forschung und den Methoden der Sachen erst ergeben (Aufwände kompensatorischer Art erkennen wir an der inflationären Entwicklung evaluierender Verfahren).

Die so beschriebene Form von Wissenschaft ist trotz des enormen Aufwandes aber auch recht erfolgreich und expandiert. Dabei denke ich an eine große Zahl von Neugründungen in der Wissenschaft (Politologie, Informatik, Soziologie, Sozialwissenschaft). Es sind in der letzten Zeit so viele neue Wissenschaften entstanden, dass es nahe liegt zu fragen, ob diese sich nicht im Schwerpunkt als Anwendungsgebiete einer einzigen Wissenschaft verstehen, einer Wissenschaft, die in einem operationalisierenden, formal-logisch korrekten Beschreiben und Schlüsse-ziehen besteht. Im Zuge dieser Entwicklung ist u.a. auch die „wissenschaftliche“ oder sagen wir besser die „akademische Psychologie“ entstanden.

Bildperspektivische Psychologie und Methode

Die Psychologie, über die ich hier jetzt reden möchte, ist im Gegensatz zur akademischen Psychologie allerdings von einer anderen Natur. Sie geht auf eine andere Auffassung von Wissenschaft zurück und beschreibt einen anderen Typus von Wissenschaft. Es handelt sich dabei um ein Verständnis oder um ein Bild von Wissenschaft, wie es in den Schriften von Friedrich Nietzsche entwickelt wurde. Die Wirklichkeit wird hier als perspektivisch organisiert gedacht, oder wie wir auch sagen können: als bildperspektivisch. Aus ihr folgt, dass es nicht eine Beweismethode für alles zugleich  gibt. Nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die ihr hilfreichen Beweismethoden müssen an der Sache selbst entwickelt werden. Das gilt auch für das ganze Konzept, was uns sagt, nach welchen Regeln in der jeweiligen Wissenschaft eine hinreichende Erklärung bzw. eine angemessene Ableitung hergestellt und überprüft werden kann.

Durch den Vergleich der beiden Arten von Wissenschaftlichkeit wird sichtbar, dass Wissenschaft auch immer weltanschauliche Züge hat. Nietzsches Idee von der perspektivischen Natur der Wirklichkeit kann erschrecken: Es gibt hier keine hinter allen Dingen stehende letzte Ordnung. Wissenschaft arbeitet hier nicht an der einen Ordnung für alles, nicht an einer Hierarchie von Ordnungen, Wertigkeiten, Wahrheiten usw. Hierarchie kommt aus dem Griechischen und meint hieros und archai – Heilsordnung. Wir haben keine Ordnung, die uns jenseits des jeweils entwickelten Systems Halt und eine Rechtfertigung geben könnte. Vielleicht ist das auch der Grund, warum in der Öffentlichkeit von dieser Wissenschaftsauffassung so selten gesprochen wird. Ich muss zugeben, dass das mir jetzt auch ein bisschen Angst gemacht hat, das hier so laut und deutlich zu sagen, dass es mir um eine Wissenschaft geht, die sich nicht auf eine tendenziell feststehende und zumindest in der Tendenz klar vorgegebene Ordnung glaubt berufen zu können, sondern um eine Wissenschaft, die sich ihre Methoden und Maßtstäbe erst im Umgang mit der jeweiligen Sache selbst entwickeln muss und zwar so wie sie es angesichts bestimmter, von ihr selbst getroffener Setzungen am Ende braucht, und nicht wie es ihr aufgrund von irgendwelchen scheinbar objektiven, Kriterien vorgegeben ist.

Psychoanalyse als Protagonistin des Neuen 

Es war jetzt die Psychoanalyse, die sich getraute, eine solche Wissenschaftsauffassung in die Tat umzusetzen. Mit ihr entstand eine völlig andere Psychologie, die Tiefenpsychologie, wie wir heute sagen. Was war geschehen? Freud hatte im Umgang mit leidenden Menschen eine andere Natur der Wirklichkeit entdeckt. Er nannte das, was er entdeckt hatte die Logik des Unbewussten. Er war auf Gesetze gestoßen, die der Logik (der formalen Logik natürlich) widersprachen, mit denen man aber, wenn man etwas davon verstanden hatte, dann auch „rechnen“ konnte. Die besondere Beobachtung der Überdeterminiertheit von Zusammenhängen und die überall anzutreffende Ambivalenz seelischer Zusammenhänge, hätten unter dem Regiment einer formalen Logik keine rechte Anerkennung finden können. Freud hat, der neu entdeckten Sache folgend, eigene Ableitungsprinzipien entwickelt, auch eine eigene Auffassung darüber, was unter ausreichenden Erklärungen, eigenen Schlussmethoden, und angemessenen Kontrollen zu verstehen ist.

Man darf nicht vergessen, dass die Gründung einer psychoanalytischen Schule notwendig und für die weitere Entwicklung der Psychologie sinnvoll war -  auch wenn dies eine Trennung zwischen einer Forschung an den Universitäten und einer Forschung an den sich neu gründenden Ausbildungsinstituten (Tiefenpsychologische Psychotherapie) mit sich gebracht hatte. Diese Ausbildungsstätten und neuen Forschungszentren waren für die Pflege und die Erhaltung der neuen Methoden notwendig, die ja zunächst von der Wissenschaft der Universitäten abgelehnt wurden. Die neuen Methoden konnten also hier ihre eigenen Normen entwickeln und kultivieren, was in dem (ihnen gegenüber eher) "feindlichen" Klima der Universitäten nicht möglich gewesen wäre.

Freuds Plädoyer für ein "Jenseits der Medizin" (und Heilkunde)

Freud schuf eine Protagonistin für eine neue Wissenschaftsauffassung, und das war die Psychoanalyse oder Tiefenpsychologie. Ich möchte an dieser Stelle ein Stückchen Freud zitieren. Freud hatte seinem Freund Theodor Reik helfen wollen, als dieser in Schwierigkeiten wegen Kurpfuscherei gebracht werden sollte, weil er kein Mediziner war, aber Analysen durchführte. Bei der Gelegenheit hat Freud über die sogenannte Laienanalyse geschrieben. Ich will ihnen hier die wichtigsten Bemerkungen vorlesen, die in einer Diskussion zu diesem Aufsatz ein Jahr später, 1927, entstanden sind. Da sagt Freud:
„Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, dass ich im Vorstehenden etwas wie selbstverständlich vorausgesetzt habe, was in den Diskussionen noch heftig umstritten ist, nämlich, dass die Psychoanalyse kein Spezialfach der Medizin ist. Ich sehe nicht, wie man sich sträuben kann, das zu erkennen. Die Psychoanalyse ist ein Stück Psychologie, auch nicht medizinische Psychologie im alten Sinne oder Psychologie der krankhaften Vorgänge, sondern Psychologie schlechtweg, gewiss nicht das Ganze der Psychologie, sondern ihr Unterbau. Vielleicht überhaupt ihr Fundament. Man lasse sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendung zu medizinischen Zwecken nicht irreführen, auch die Elektrizität und die Röntgenstrahlen haben Verwendung in der Medizin gefunden, aber die Wissenschaft von beiden ist doch die Physik.“ - Ich glaube, das ist deutlich!

Die exakte Wissenschaft als eine Falle (Fixierung) 

Das Muster einer formal-logischen Wissenschaftlichkeit ist die exakte, bzw. klassische Naturwissenschaft. In der so genannten Philosophie der Logischen Analyse, von Bertram Russel, wird dieser Anspruch bezogen auf die Mathematik im Bündnis mit der Physik erhoben. Die exakte oder klassische Naturwissenschaft hat im Gegensatz zu der Psychologie, so wie sie sich heute gibt, ein Gegenbild. Das Gegenbild ist das vermutende und deutende Denken der "Philosophie". Die exakte Wissenschaft kann sich über dieses Gegenbild abgrenzen und damit ihre eigene Sache klar und deutlich vertreten. Die klassische Naturwissenschaft setzt das zwingende Schließen gegen die Methode des vermutenden Deutens und Auslegens. Damit hat sie im Deuten der Psychologen Freudscher Prägung ein klares Gegenbild gefunden. 

Die Tiefenpsychologie hat die Klarheit des Eigenen noch nicht. Ihr fehlt eben das eigene Gegenbild, ein Bild, was sich zur deutlichen Abhebung des Fremden vom Eigenen anbieten würde. Manche Psychologen neigen dazu, sich auf das ihnen eigentlich fremd bleiben müssende Bild, welches die "exakte Wissenschaft" sich als Gegenbild geschaffen hat, zu fixieren. Sie suchen dann zu beweisen, dass sie nichts Beliebiges tun und nicht etwa "deuten". Oder sie zwingen sich wie zum Beweis in allerlei Zwanghaftes, also in die verschiedensten "Systeme" hinein. 

Ein eigenes Gegenbild muss sein!  

Die Heilkunde ist es, die sich für ein psychologisch-wissenschaftliches Denken als ein Gegenbild anbietet: Die Tiefenpsychologie, so wie ich sie verstehe, setzt dem Heilen - wie in einer Drehung um 180 Grad - das Entwickeln entgegen, Entwicklung mit ihrer umbruchshaften Natur. Das zur Abhebung geeignete Bild für eine wissenschaftliche Tiefenpsychologie ist also nicht die Naturwissenschaft und auch nicht das mutmaßende Deuten einer sogenannten Geisteswissenschaft, welches ja das Gegenbild der sogenannten "exakten Wissenschaft" ist. Auch mit einer Gegenüberstellung von Geist und Seele auf der einen und Materie auf der anderen Seite ist nichts zu gewinnen. Diese und ähnliche Aufteilungen lenken nur ab von einer Selbstfindung als Wissenschaft mit Namen Psychologie oder Tiefenpsychologie. Ihr Gegenbild ist vielmehr in der Haltung und in dem Denken einer Heilkunde zu finden, kurz in einer heilkundlichen "Moral". Die Abgrenzung von einer Heilkunde hebt das Eigene des Psychologischen ebenso deutlich heraus, wie es das Bild des Herumdeutens für die exakte bzw. klassiche Naturwissenschaft tut. Ich möchte ihnen jetzt erzählen, zu welchen Klärungen das führen kann. Ich kann das natürlich hier nur in groben Zügen tun und zwar am Beispiel der Begriffe Leiden und Behandlung.


Das Beispiel Leiden

Menschen, die in einen Zwang geraten sind, sitzen eigentlich dem heilkundlichen Begriff von Leiden auf, dem Leiden im Sinne eines Gebrechens nämlich. Leiden muss aber im psychologischen Sinne als etwas Doppeltes gedacht werden, nicht als ein krankhaftes Geschehen oder als ein Gebrechen, wie es in den Bergriffszusammensetzungen Nierenleiden, Herzleiden usw. gemeint ist, sondern als etwas, das Leiden und Leidenschaft zusammenbringt: Wir sagen ja auch: Das mag ich leiden oder ich mag es nicht leiden. Mit dem neurotischen Menschen meinen wir jemanden, der in einem Zwang gefangen ist und der gleichsam der heilkundlichen Bedeutung von Leiden (Leiden als Gebrechen) aufsitzt. Menschen, die wir Neurotiker nennen, wollen beweisen, dass Leidenschaft auch ohne Leid zu haben ist, und dass das Leid, also das Schmerzliche und Leidvolle prinzipiell zu beseitigen sind. Dazu bewertet der Neurotiker das normale Leid in bestimmter Weise um: Das zu einem Nervenkitzel oder zu einem "Sich-Sehnen" substantiell dazu gehörende Leid wird dann zu einem herausgerückten, störenden Leid umgebaut, zu einem Leiden, dass sich regelrecht verdinglicht und sich wie ein Gebrechen präsentiert. Der Leidende rechnet nun damit, dass die Welt ihm darin zustimmt, dass dieses Leid, was er uns ja so deutlich vor Augen führt, nicht wirklich nötig und darüber hinaus unzumutbar ist. Auf diese Zustimmung rechnet er und er bekommt sie auch in aller Regel von seiner Mitwelt. Leiden meint psychologisch aber Leid und Leidenschaft zugleich. Die Leidenschaft des Lebens existiert nur in einem Leiden zweiseitiger Ausrichtung: Einerseits mögen wir etwas besonders gut "leiden" und binden uns daran - andererseits kommen wir aber gerade dadurch erst in ein "Leiden" hinein, was zentral mit dieser Bindung zusammenhängt. 

Das Beispiel Diagnose-Behandlung 

Auch der Begriff der Behandlung, den wir von der Medizin her kennen, macht in der Abgrenzung zur Heilkunde etwas Eigenes an der Psychologie deutlich. Wir müssen nämlich folgenden Unterschied feststellen: Der Mediziner diagnostiziert und dann erst behandelt er. Der Psychologe hingegen behandelt von Anfang an. Er behandelt also schon, indem er ein erstes Bild bei der Erfassung der lebensgeschichtlichen Daten mit dem Befragten herstellt und dies auf die eine oder andere Weise mit ihm teilt. Bilder sind eben schon immer Veränderungen und das heißt, sie sind Behandlung von Zusammenhängen. Die Psychologie hat also einen anderen Begriff von Behandlung. Kurz: Auch das Bildermachen und Diagnostizieren ist ein Umgang mit der Wirklichkeit, bei dem etwas in Bewegung gebracht wird. Man kann sogar sagen, dass das Spezifikum der psychologischen Arbeit genau in dieser ihrer bildmethodischen Natur liegt.

Sie sehen, wenn man sich das nicht alles ausdrücklich klar macht, fehlt dem Psychologischen die eigene Entschiedenheit. Psychologie wirkt durch ihre eigene Umwertung der Wirklichkeit. Wenn eine psychologische Deutung "heilsam" ist, dann liegt es daran, dass die Psychologie auf eine grundlegend andere Art auf die Wirklichkeit blickt und diese umerzählt und umbewertet. Die besondere, von der klassischen Naturwissenschaft, und vor allem von der Heilkunde abweichende Haltung verursacht die heilsame Wirkung. Ihre Wirkung geht also nicht auf irgendeine besondere Anwendung zurück, die es - wie ein Medikament etwa - zu "verabreichen" gelte. 

Die Tragödie des erwünschten Ganz-Seins

Nun noch einmal zurück zu der allgemeinen Idee des bildperspektivischen Denkens. Ganzheit und Heilsein, das geht nicht zusammen: die Ganzheit ist entweder das Total, welches sich dann aber nicht durch eine umfänglichere Ordnung gehalten wissen kann und in dieser Hinsicht einen Mangel hat; oder Ganzheit meint etwas perspektivisch Ganzes. Das perspektivisch Ganze hat diese haltende Ordnung in sich, aber es geht ihm andererseits auch alles das ab, was sich nur über eine andere Perspektive haben oder leben ließe. So oder so verstanden lässt uns der Traum vom Ganzen also unbefriedigt und dementsprechend un-heil zurück: Das könnte man als die Tragödie unseres Hanges zum Ganzen (oder Ganzsein) verstehen. Und weil es so wichtig ist, möchte ich es noch einmal sagen: Wenn wir das Ganze in einer perspektivischen Weise haben wollen, müssen wir auf die Vollständigkeit verzichten, die eben nur ein "Total" uns bieten kann,  Erstreben wir dagegen das Ganze im Sinne eines Totals mit seiner Grenzenlosigkeit nach allen Richtungen, verzichten wir auf die haltgebende innere Ordnung im Ganzen, die wir eben nur in einem perspektivischen Ganzen finden können. 

Zusammengefasst und perspektivisch

Die Idee der neuen Wissenschaftsauffassung und die Verwirklichung dieser in der Tiefenpsychologie, verlangen nach einer Abgrenzung von einem heilkundlichen Denken. Sie will uns ermutigen, die Psychologie nach Art einer Grundwissenschaft zu verstehen, welche in der Lage ist, auch etwas für andere Ausrichtungen zu tun, ohne dabei zur bloßen Hilfswissenschaft zu werden. In unseren Weiterbildungen für den pädagogischen und den sozialen Beruf haben wir begonnen, diesen Gedanken umzusetzen: Für die Pädagogik und die Sozialpädagogik/Sozialarbeit kann die Psychologie nach einem jeweils eigenen Gleichnis nützlich werden - perspektivisch ganzheitlich. Im Fall der Pädagogik gelingt ihr das über das Gleichnis der "Kultivierung" und im Falle der sozialen Berufe über das Gleichnis einer "Strukturbildung im Tätigwerden". Die Ausbildung zum Psychosozialberater ist ein Projekt, mit dem wir vor zwei Jahren begonnen haben und was sich zu unserer Freude sehr gut entwickelt. An solchen und ähnlichen Fragen, Zielsetzungen und Realisierungen arbeiten wir in unserem Forum. Heute feiern wir hier unser erstes öffentliches Auftreten. Wir würden Sie gerne dafür gewinnen, an der Verwirklichung unserer Ziele, in der einen oder anderen Weise teilzunehmen.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit.

Vortragender: Werner Mikus 

P.S.
Der Titel des Vortrags im Original: "Psychologie als Grundwissenschaft".
Er wurde 1988 in Köln von Werner Mikus auf der Veranstaltung des Psychosozialen Forums "Psychologie ist nicht Heilkunde" gehalten. Hierbei gab es einen Mitschnitt und eine Verschriftlichung desselben, die wir Anja Opelt verdanken. Aus dieser "Abschrift" konnten wir den Vortrag - zu dem wir ansonsten nur die Stichwortzettel des Redners hatten - im Genaueren rekonstruieren. Darüber hinaus haben wir versucht, mit Zwischenüberschriften und kleineren stilistischen Korrekturen, diesen ersten, wichtigen Vortrag in eine gut lesbare Form zu bringen. (die Redaktion).


Weitere Vorträge auf der Veranstaltung:
- Zur Gründung des Psychosozialen Forums (PSF) e.V. als
  Wissenschaftliche Gesellschaft für Bildananlytische Psychotherapie und Beratung
  (Karin Fischer, Erste Vorsitzende des Vereins)
- Die wachsende Bedeutung der analytischen Säuglingsbeobachtung
   (W. Ernest Freud als Ehrengast)

_____
         20 Jahre später zum Thema Psychologie und Heilkunde:
         Stuktur und Funktionieren von Psychotherapie
         Eine psychologische Analyse
         Werner Mikus (2008)

_____
         25 Jahre später zum ziemlich gleichen Thema:
          Zu den Dingen selbst - Wissenschaft von den erlebbaren Zusammenhängen
          Werner Mikus (20013)




Bildquelle: Foto Werner Mikus, Museumsinsel Hombroich

Sonntag, 11. Januar 2015

Die sprachbildliche Welt und eine Wissenschaft im Werden


Das Sprachbildliche und die Psychoanalyse

Das Sprachbildliche hat im letzten Jahrhundert eine neue Bedeutung erhalten. Und diese geht nicht allein auf die Literatur zurück oder auf das zunehmende Geschichtenerzählen im neuen Medium des Films, es war vielmehr die Psychoanalyse die etwas Neues und Überraschendes an der Natur des Sprachbildlichen zutage gefördert hatte.
Sie hatte sich nämlich eine bestimmte Eigenschaft derselben zunutze gemacht. Hierzu muss man folgendes wissen: Sprachliche Bilder können Prozesse und Entwicklungen organisieren (sie führen quasi Regie). Beispiel: Jemand ist das Aschenputtel in der Familie oder benimmt sich in seiner Welt wie Narzis aus den Ovidschen "Verwandlungen". Diese sprachlichen Bilder bestimmen darüber, in welchem Maß und auf welche Weise Widersprüchlichkeiten in einem Miteinander zugelassen werden oder eben nicht. Es gibt sprachbildliche Zusammenhänge, in denen vorhandene Widersprüche verleugnet werden, und solche in denen Widersprüchlichkeiten als unaufhebbar anerkannt und sinnstiftend zusammengebracht werden. Der zweite Typ gelebter Bildzusammenhänge war es, den sich die  Psychiatrie in Wien, über den dort als Neurologe arbeitenden Sigmund Freud, zunutze machte. Dabei ging es zunächst um eine ganz bestimmte Sorte von Widerspruch, um Widersprüche, die aus einem Konflikt der Sexualität mit der Kultur hervorgegangen sind (Scham, Wünsche, Verbotenes). Es ging um eine Reihe von folgenschweren Bildprogrammen, die an das Sophokles'sche Ödipusdrama angelehnt waren und in denen die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Größe aber auch die Rivalität und die Angst vor Verlust - thematisch eng mit der Sexualentwicklung verbunden - eine zentrale Rolle spielten. 
Leider verselbständigte sich das Interesse an den neu entdeckten Möglichkeiten des Sprachbildlichen schnell in Richtung bestimmter Inhalte des Sexuellen und des Emanzipatorischen. Die neu entdeckte Seite sprachbildlicher Wirklichkeit wurde nicht selten rein suggestiv und auf verschiedene Weise abkürzend genutzt.

Widersprüche nicht auflösen sondern in den Dienst stellen

Krankheiten und Zwänge lösen sich auf, wenn Bildprogramme gefunden werden, welche die vorher geleugneten Widersprüche eines Lebenszusammenhanges in ein sinnvolles Miteinander umgestalten können. Die Menschen dieses Jahrhunderts - und dazu gehöre ich zum guten Teil auch - wendeten sich vor allem der entdeckten Bedeutung der Sexualität zu und ebenso der eigenen Person. Es war ein Jahrhundert der exzessiven Selbsterfahrung und Psychologisierung. Das neue Interesse hatte bald ein anwendungswissenschaftliches Zuhause gefunden, das sein Zentrum nicht in den Instituten der Universitäten hatte, sondern in privaten Lehrinstituten. Verwandte Therapierichtungen kamen auf und traten zur anstoßgebenden Tiefenpsychologie hinzu (systemische oder Gestalttherapie, Gesprächstherapie, kognitive Verhaltenstherapie z.B., später auch eine morphologische Intensivbehandlung, und eine bildanalytische Entwicklungstherapie). Von der Gefahr einer Verselbständigung des Neuen sprach ich ja schon: Magische Überbewertung ganz bestimmter Bildzusammenhänge und eine unbemerkte Überschätzung suggestiver Wirkungen gegenüber einer strukturellen Behandlung von Zusammenhängen.

Ein relativistisches Denken führt weiter

Die Erforschung der sprachbildlichen Welt mit ihren noch unbekannten Möglichkeiten ging erst dann weiter, als man in der Wissenschaft den Mut fasste, auch übergreifende Prozesse ernstzunehmen und zwar auf gleicher Ebene wie die Prozesse, die allgemein für die ursprünglich Seelischen gehalten wurden. Die operationalisierende Wissenschaft konnte das nicht leisten, weil sie ja alles von Anfang an herunterbrach auf Einfaches, Kleines, Abzählbares. Deshalb war hier die Wirkungseinheiten-Psychologie von Wilhelm Salber (Morphologie) Durchbruch in ein Neuland. Das Wirkungseinheiten-Konzept nahm jetzt neben dem aktuellen Wahrnehmen, "Denken, Fühlen und Wollen" auch solche Zusammenhänge als seelische Zusammenhänge, die bisher wie eine kulturelle oder sonstwie vorgegebene Rahmung behandelt wurden. Die scheinbar von Außen auf das Seelische wirkende Realität verwandelte sich in der Morphologie Wilhelm Salbers selbst in etwas Seelisches, das aktiv und auf gleicher Ebene wie das aktuelle Seelische wirkte. Wie in der Physik, wo der Rahmen (also: Raum und Zeit) nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie plötzlich aktiv mitzuspielen begann und sich als Krümmung (räumlich) oder als Dehnung (zeitlich) auf die bewegte Masse reagierend bemerkbar machte, wurden im Seelischen nun die Prozesse einer scheinbar nur rahmenden Realität zu einem aktiven Mitspieler in einem seelischen Gesamtprozess. Wilhelm Salber bot ein Konzept, was die gleiche qualitative Veränderungswirkung auf die Psychologie von damals hatte, wie die Relativitätstheorie auf die Newtonsche Physik.

Übergreifende Prozesse 

Die Beschreibung des Seelischen musste von jetzt an die Bedingung erfüllen, personübergreifend zu sein und auch die so genannten nichtseelischen Dinge in ihr Organisationsprinzip mit einzubeziehen. Die sprachlichen Bilder - und das zeigte sich jetzt - HABEN die Fähigkeit, subjekt-unabhängige Prozesse herauszuheben! Das war eine neue Position in der Erkenntnis über die sprachbildliche Wirklichkeit. Im Kölner Institut wurden über mehr als 30 Jahre hinweg Studenten darin trainiert, auf diese Weise beschreiben zu können. Ich selber war in diesem Prozess als Ausbilder mit eingespannt, sowie als Redakteur der Zeitschrift "Zwischenschritte".

Hier gab es ebenfalls die Gefahr der Verselbständigung des Neuen:

Diese Gefahr bestand in einem allzu formalisierenden Umgang mit polaren Verhältnissen, welche durch ein Spielen mit Worten und oft mit großzügigem Bezug auf die darstellende Kunst "beschmückt" wurden. Diese Art Verselbständigung hat möglicherweise mit dazu beigetragen, dass sich die Morphologie trotz ihres revolutionären Ansatzes bisher nicht nachhaltig durchsetzen konnte. Es liegt demnach nicht nur an dem kräftigen Bruch, den die Morphologie mit der operationalisierenden und auf den Besitz eines methodischen Generalschlüssels bestehenden "akademisch-experimentellen" Wissenschaft vollzogen hat.

Eine nicht-deterministische Idee tritt hinzu

Je weniger man nun zentralistisch von einer Quelle der Seele aus dachte, desto mehr verlegte sich der Ursprung des Seelischen von seinem vermeintlich bekannten Ort aus (also vom Ort der Person) ins Ungewisse. Wo ist es eigentlich zu Hause? konnte man sich fortwährend fragen. Und mit dieser Orts-Ungewissheit trat zugleich die Frage auf: "Wie entsteht Seelisches überhaupt?", nachdem man es aufgegeben hatte zu wissen, wo es entsteht: Es entsteht eben nicht ausschließlich im Kleinkind und baut sich von da aus in eine erweiterte Seelenwelt vor. Seelisches entsteht offenbar auch in anderen Zusammenhängen. Und so bekommt die Frage nach dem Wie einen Sinn: Denn, wenn wir das wissen, können wir an vielen Orten Seelisches entstehen lassen.
 

Seelisches ist eine sinn- und bedeutungsschaffende Realität 

Seelisches ist immer erst einmal ohne (festen) Grund da - ganz so wie in der Quantenphysik, wo der Ort eines Elektrons im Überlagerungszustand nicht festgelegt ist. Seelisches erschafft sich seinen Grund immer erst in einem zweiten Schritt. Das ist die Analogie zur paradoxen Undeterminiertheit, die auch der Physik als Erkenntnis kurz nach dem Anerkennen der Relativitätstheorie beschert worden ist. Die Folgen für die weitergehende Erforschung der sprachbildlichen Wirklichkeit mit ihren noch unbekannten Möglichkeiten sind ebenfalls von großer Bedeutung: Die sprachlichen Bilder müssen eine hohe Bedeutungspotenz haben (Gleichnisse nach Art von Märchen, Mythen Literatur...). Wenn in dem Prinzip der NACHSCHAFFENDEN SINNBILDUNG das Entstehen von Seelischem begründet liegt, dann muss es immer bedeutungschwanger zugehen. Wenn etwas entsteht, ist es so wie in der Dekohärenz-Situation in der Physik: Ein Elektron hat die Qualität der Örtlichkeit gefunden und ist damit rein zufällig gerade hier oder da erschienen. So entstehen auch seelisch "singuläre Ereignisse", die hochindividuell sind. Die Entwicklung einer Sprache, welche diese hohe Bedeutungspotenz besitzt, muss auf breiter Front erst noch geleistet werden. Es sind z.B. großformatig übergreifende Bild-Zusammenhänge gefordert, wenn wir dem nachkommen wollen. Wie solch ein großformatig-übergreifender, sprachbildlicher Zusammenhang die verschiedensten Dinge zusammen- und in eine bewegliche Ordnung bringen kann, lässt sich am Beispiel des Märchens von "Einäuglein Zweiäuglein und Dreiäuglein" hier auf diesem Blog in einem Beitrag zum psychodoxen Denken nachlesen. Das Beispiel bringt die Entwicklung der Psychoanalyse mit einem perspektivischen Blick auf die besondere Bedeutung des Paradoxen ins Bild - und zwar bis in die aktuellen Entwicklungen einer, das Ganze weiterdenkenden Psychologie und  Wissenschaft hinein.  

Auch hier besteht die Gefahr der Verselbständigung

Die Gefahr besteht in einer Überforderung, weil nunmehr keine Institution - weder im weiten noch im engen Sinne - existiert, die uns die Arbeit abnimmt, Verantwortung für eine Bedeutungszumessung immer wieder neu zu übernehmen. Der Soziologe Dirk Baecker, ein Schüler von Niklas Luhman, entwickelt in seiner Aufsatzsammlung "Studien zur nächsten Gesellschaft" erste Vorstellungen darüber, wie wir uns auf diese Probleme gesellschaftlich einstellen können.

Die Perspektive der erlebbaren, sprachbildlichen Zusammenhänge 

Die bis hierhin beschriebene Entwicklung legt mit seinem letzten Akzent den Gedanken nahe, dass dieser Prozess auch einmal auf sich selbst zurückblicken möge. Und die dementsprechende Frage könnte lauten: Was ist der Gegenstand des psychologischen Denkens vom Ende her gesehen? Und die Antwort darauf: Es ist die Perspektive der erlebbaren, sprachbildlichen Zusammenhänge. Die sprachbildlichen Zusammenhänge beschreiben nicht nur die Wirklichkeit, sondern stellen selbst eine Wirklichkeit dar, eine Wirklichkeit, die wir leben und die uns lebt und weit über "uns" hinausgeht. 


Autor: Werner Mikus


Ergänzende Lektüre:


Baecker, Dirk;
Studien zur nächsten Gesellschaft
surhrkamp taschenbuch - wissenschaft
(Dirk Baecker im Interview)


Mikus, Werner:
Zu den Dingen selbst (lesbar hier im Blog)
oder lesbar in KUNO
Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie
Edition Das Labor - Verlag der Artisten


Mikus, Werner;
Die Perspektive der Erfahrungszusammenhänge
Alfred North Whiteheads und eine neue Wissenschaft




Bildquelle: http://www.isgeschiedenis.nl/wp-content/uploads/2012/12/eenhoorn-470x310.jpg