Samstag, 31. Mai 2014

Du musst es dreimal sagen


Einem Kameraden hilft man. 
Einem Kollegen misstraut man. Mit 
einem Freunde ist man albern.
(Peter Bamm)


Strichzeichnung: Werner Mikus

Dienstag, 27. Mai 2014

Mach ich mir ein BILD oder einen BEGRIFF von einer Sache
(Zwei Sprachbilder - statt Augen gegen Ohren)


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück


Kontext: In einer fb-Diskussionsgruppe sprach sich jemand gegen abstrakte Begrifflichkeit aus. "Begriffe" sollten vielmehr "dem beweglichen Umgang mit den BILDERN DIENEN". Weil dieser Gedanke aber mit dem Satz: eingeführt wurde: "Sprache [sei] ein sehr GROBES INSTRUMENT", fürchtete ich, dass auf diesem Hintergrund eine andere Botschaft daraus werden könnte - mit dem Inhalt: Die visuellen Bilder - im Gegensatz zu den Begrifflichen - erlaubten grundsätzlich einen feineren Umgang mit der Wirklichkeit (Begriffe seien eben für das Gröbere - s.o. GROBES INSTRUMENT).  



Man kann sich einen BEGRIFF oder auch ein BILD von einer Sache machen. Das meint - wenn auch sprachbildlich verschieden, doch nah beieinander liegend, so ziemlich das Gleiche. Stellen wir uns vor, im Mittelpunkt steht eine neue Erfahrung. In beiden Fällen braucht das Festhalten und Weitergeben dieses Neugewonnenen (oder das Teilen desselben mit dem anderen) ein MEDIUM. wir schaffen z.B. ein sprachliches Bild (Bedeutungsübertragung über das Wort) oder ein Augenbild (Bedeutungsübertragung über das Anschaubare).
Wenn wir in der Liste über die Bedeutung von *Dionysos* sprechen (wie geschehen) haben wir es in erster Linie mit einem sprachlichen Bild zu tun: Dionysos "beschreibt" für uns eine bestimmte Form von Wirklicheitsgestaltung und -bewertung. Und dieses sprachbildlich aufgebaute Verstehen stützen wir dann eventuell noch mit "bunten", vors Auge hinstellbaren Bildern (sprich: Augenbildern). Damit verstärken wir das bereits Verstandene und vertiefen es. Das grundsätzlich Zu-Verstehende, wird aber in diesem Fall NICHT durch DAS "hinübergebracht", was wir hierbei dem Auge zu bieten haben.

Aus diesem Anlass, eine kurzes Lob auf das "Sprachliche" Bild:

Im sprachlichen Bild (nicht im - nach Formalin riechenden - "Begrifflichen") liegt eine ungeheure Potenz. Dabei geht es um die Möglichkeit, Zusammenhänge ins "Bild" setzen zu können, die sowohl akustisch, als auch musikartig, geruchlich, augenbildlich oder auch gesamtkörper-fühlig ihren Ausdruck suchen, aber ihre verschiedensten Bedeutungen - mithilfe des sprachlichen Bildes - in ein Gegenseitiges Übertragen und "Sich-Verstehen" bringen wollen. 
Das setzt allerdings einen Hörenden oder Lesenden voraus, der die notwendigen "Dekodierungsprogramme" (Übersetzungspotenzen) "drauf hat". Die geleistete Verdichtung sprachbildlicher Beschreibungen hat also den Preis einer hohen Kultivierung als Voraussetzung auf allen Seiten: Das SCHEINT uns nun wiederum das Augen-Bild als Methode, ERSPAREN ZU KÖNNEN. Über den Preis dafür müssten wir aber noch einmal neu nachdenken und zwar mit dem Mut einer neuen Wertschätzung sprachbildlicher Komplexität (die übrigens nichts mit einer Formalisierung und Kodifizierung wissenschaftsÜBLICHER Beschreibung gemein hat). Zur Vertiefung empfehle ich meinem Leser den folgenden Beitrag (auf gleichem Blog):
Fixierendes oder Vergleichendes Beschreiben


Auor: Werner Mikus

Bildhinweis:  http://www.stellwerck.de/Zauberspruch-fuer-Verwundete-Cover-High.jpg

Montag, 26. Mai 2014

Info zu Apropos-Beiträgen


Bestimmte Beiträge sollen von den Standardbeiträgen unterscheidbar sein. und werden als "Apropos-Beiträge" gekennzeichnet (s.u.)


 I Art dieser Beiträge
II Übersicht (Liste)  

I

Apropos-Beiträge sind kleine, in sich abgeschlossene Kommentare oder auch direkte Postings in facebook, von denen wir glauben, dass sie vor dem Untergehen im Einerlei der fb-Meldungen gerettet werden sollen. Hier können sie nach einer leichten textlichen Überarbeitung und unter Hinweis auf den jeweiligen Kontext noch mal eine eigene Plattform erhalten.


II

Liste der bisherigen "Apropos-Beiträge"


(6)
Sinnüberschuss und bewegte Bilder
Dirk Baecker über bewegte Bilder in Studien zur nächsten Gesellschaft
3. Juni 2014

(5)
Kultur will intensivieren - und kann sich darin auch verlieren
(Zur Präsenz des Themas Homosexualität)
1. Juni 2014


(4)
Mach ich mir ein Bild oder einen Begriff von einer Sache
(zwei Sprachlichbilder - statt Augen gegen Ohren
27. Mai 2014

(3)
König Ödipus
Die unerträgliche Offenheit von Entwicklung
27. Mai 2014

(2)
für ein umfassendes Gestaltungs-Prinzip
25. Mai 2014 

(1)
Der Erwählte (von Thomas Mann)
Inzest als Metapher - mit neuem Blick aufs Seelische
25. Mai 2014


Bildquelle: Strichzeichnung Werner Mikus

König Ödipus
Die unerträgliche Offenheit von Entwicklung


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück


Kontext: Ein Link zu dem (via youtube, s.u., als Ganzes abspielbaren) Film Edipo Re (Regie: Pasolini). Camillo Schrimpf hatte diesen Link auf seiner eigenen facebook-Seite mit der folgenden Bemerkung gesetzt:  "Auf Leben und Tod in Griechenland. Warum der Ödipus sich so unbehaglich fühlte". Darauf antwortete ich mit folgendem Kommentar:

Über diesen Film freue ich mich schon seit vielen Jahren, seit ich ihn irgendwann im Fernsehen gesehen und aufgezeichnet habe. Er bringt ein Ödipus-Bild auf die Bühne, das uns besonders gut, einen sehr weit reichenden anderen Zusammenhang - neben dem, der uns durch die Psychoanalyse bekannt ist - vor Augen führt. Kann ich das aber in der Kürze hier erzählen? Ich versuch's: 

Ein Leben mit "Orakeln" und der Sphinx


Der Film ZEIGT auf ein Grundproblem von Entwicklung: Der Mensch, der ja immer in Entwicklungen steckt, ob er es will oder nicht, trifft auf dieses grundlegende Problem aber NICHT wie auf ein NATUREREIGNIS, sondern stellt es vielmehr (in seiner verschärften Form jedenfalls) selbst erst her - und das gehört eben auch zu seiner Natur:
Der Mensch kann oder will die Offenheit von Entwicklung nicht ertragen (diese fragt uns nämlich nicht danach, was wir denn bitteschön grade so wollen). Gegen diese Offenheit von Entwicklung erfindet der Mensch sich nun als eine Art Rettung das Weissagen - In der Ödipus-Sage ist es mehrfach das Orakel von Delphie und wie in einer tragischen Ergänzung zu der gelebten Verkehrtheit, einer "Verkehrtheit mit System", gesellt sich dann noch die erpresserische Figur einer Sphinx. Das ganze Ausmaß oder Übermaß an Elend, was der Mensch in seiner so gelenkten Entwicklung dann vorfindet, wird aber erst hierdurch hergestellt, nämlich durch das sich Heften an eine Weissagung und ähnlich magische Verkürzungen (das Verdrängen und Leugnen des Weisgesagten, was in der Geschichte auch vorkommt, sind hier nur andere Erscheinungsformen ein und derselben Fixierung, die man selber hergestellt hat): Der Film lässt uns genau DIESE bedrückende Erfahrung machen, aber er erwischt uns auch wie es ein makaberer Witz nur kann. Beinahe tut es gut, die selbst hergestellten Verdrehungen in der Geschichte zu sehen. Die Wunscherfüllung im Traum funktoniert ebenfalls häufig über die Ironisierung.


Das magische Kleinreden von "Entwicklung" geht schief!


Für mich ist König Ödipus eine SAGE, die über den Hinweis auf die Dreieckigkeit ;-) und die familiäre Bezogenheit eines jeden Konfliktes hinaus, noch etwas Anderes, und sehr Grundlegendes zu sagen hat: Es handelt sich dabei um unsere Not mit der Offenheit seelischer Entwicklung umzugehen. Wir möchten Entwicklung durch allerhand "Magie" zu etwas Einfacheren machen und hierzu muss nicht selten auch die (in diesem Fall Abkürzungen bevorzugende) "Wissenschaft" herhalten. In einer Fortsetzung von Ödipus' Geschichte (in dem Theaterstück: Ödipus auf Kolonos) ERSPART es Sophokles dem sterbenden Ödipus NICHT, zu erkennen, dass, entgegen seiner eigenen Wahrnehmung und Überzeugung, die Götter ihn NIE verurteilt oder gar verflucht hatten, sondern vielmehr IMMER AN SEINER SEITE gestanden haben.

Autor: Werner Mikus

hier ist der Film in HD-Qualität zu sehen

Bildhinweis: http://stubenhockerei.files.wordpress.com/2012/05/edipo-re.jpg

Sonntag, 25. Mai 2014

Dionysos als
Bild für ein umfassendes Gestaltungs-Prinzip


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück


Kontext: In diesem Fall war es kein fremder Beitrag, sondern die Lektüre eines lange verschmähten Buches von (dem meinerseits bevorurteilten) Friedrich Georg Jünger über die Griechischen Mythen, die mir ein unerwartetes Vergnügen brachte. Das Gelesene passte sehr schön zu den Themen in der facebook-Gruppe "Psychologiedes 21ten Jahrunderts"Deshalb setzte ich den folgenden Beitrag hinein: 

Dionysos ist für mich das Bild für den (werdenden) Menschen des 21ten Jahrhunderts. In der alten griechischen Mythologie, bilden die Titanen den Kontrast zu dem was mit **Dionysos als Prinzip** verstanden werden will (nicht unbedingt in der nachsokratisch glattgezogenen Fassung, die im Allgemeinen unser heutiges Verständnis von diesen Mythen prägt) .
Ich möchte hier einen Text für sich sprechen lassen. Er ist von Friedrich Georg Jünger aus seinem Werk: "Griechische Mythen". Auch wenn jemand vielleicht noch nie in solchen Bildern über sich selbst und über den Zeitgeist nachgedacht hat, wird er sicherlich von der Beschreibung dieses Gegeneinanders der zwei Typen berührt sein und sie im Hier und Jetzt mit Gewinn wiederfinden.




"Das titanische und dionysische Werden sind nicht eins, und auch die Wiederkehr unterscheidet sich bei ihnen. Die Wende, die mit dem Dionysos beginnt, hat einen anderen Weg und ein anderes Ziel. Sein Werden ist nicht die nicht endende elementare Wiederholung, in welcher Gang und Bewegung der Titanen aufgeht, ohne darüber hinauszureichen. Dieses tellurische Wirken furcht die Erde nur auf und zieht wie das Spiel der Wetter über sie hin. Dionysos ist nicht nur ein Gott der Wende, er ist auch ein Gott der Wandlung, durch den dem Werdenden das Gewordene als Widerspruch ins Bewusstsein kommt. Er hebt Vergangenheit und Zukunft aus den Angeln und schafft einen Zugang zur zeitlosen Gegenwart. Die dionysische Ungenügsamkeit ist eine andere als die titanische. [...]

Bei den Titanen gab es keine Feste. In dieser Welt einer ehernen Notwendigkeit ist nichts Festliches, wie in ihr nichts Tragisches und Komisches ist. Es ist ein großer, roher Ernst in den Titanen, nicht nur weil sie blind auf das vertrauen, was sie sind, sondern weil hier jeder nur sich kennt und keiner etwas von dem anderen wissen will. Jeder bewegt sich in der ihm eigenen Bahn. Dionysos aber ist Gemeingeist, Dionysos bringt die Tragödie nicht nur hervor; er ist im Unterschied zu den Titanen selbst ein tragischer Gott und zugleich der Herr der Feste und phallisch festlichen Aufzüge. Der tragische und der komische Konflikt gehen aus seinem Wirken hervor; sie kommen mit der Zeit und dem neuen Zeitbegriff, den er bringt. Daher ist er auch der Herr der Geschichte und macht dem geschichtslosen Werden ein Ende. Er stiftet jene Zäsur, durch welche Geschichte erst möglich wird. Es ist das nicht leicht zu fassen, es sei denn, man begreife, dass alle Geschichte etwas voraussetzt, das ihr selbst nicht angehört. Bliebe es bei dem Kreislauf der Titanen, dann könnte es keine Geschichte geben.
[...] Dort wo alles als notwendig gedacht wird, ist keine Freiheit gegeben; es regt sich nicht einmal das Bedürfnis nach ihr. Wo aber der Geist, der sich zum Spiele geschickt weiß, einmal dieses Bedürfnis gespürt hat, dort kommt er nicht wieder von ihm los. Die Macht und Anziehungskraft des titanischen Werdens ist nicht von dem Durst und der Leidenschaft nach dem Schönen durchdrungen. In ihr entsteht kein Überschuss und Überfluss, denn die Kräfte verzehren sich in ihrem Wirken, und wenn sie sich beständig erneuern, so geschieht es, um von neuem dem Verzehr anheim zu fallen. Die Titanen kennen nicht die Muße. Dionysos entzieht sich ihrem Wirken, das ihn nicht beschäftigen kann. Er ist ein Gott des Überflusses und spendet Überfluss, wohin er kommt. Von ihm gehen Reichtum, Trunkenheit, Vergessen aus. Die Titanen schenken niemandem etwas; sie teilen sich nicht mit, sondern verharren in unzugänglichen Behausungen, aus denen keine Frucht wegzutragen ist. Sie pflegen und hüten den Menschen nicht. Dionysos aber ist ein Pfleger. Als Volkspfleger und Festordner, als Pfleger des Weinbaus und der Ackerfrucht, als Gatte der Ariadne entfernt er sich weit von allem Titanischem."


Ein weit verbreitetes Denken, was aus dem landläufigen Bild vom allein wilden Dionysos ausgeht, glaubt, dass es einen ordnenden Pol als Gegenpol zu dem "Prinzip Dionysos" geben müsse. Die bewahrenden Kräfte, die hier als Kandidat für den Gegenpol in Frage kämen, sind aber im Dionysos selbst schon eingebunden: Er ist der Pfleger der Äcker und Weingärten, der Ordner auf den Festen, wie wir im Text oben schon gelesen haben. Diese bewahrenden Kräfte fehlen ihm nicht, sie stehen nur IM DIENST eines ANDEREN ZIELES. 


Aber das übliche Polaritätsdenken verhindert das zu sehen: Das Denken in Dienstfunktionen ist die Alternative zur formalen Polarität und kann zwei in Einem denken, statt zu spalten und das Abgetrennte hintenrum doch wieder hineinzubringen. 

Auch Nietzsche, der sonst so sauber ein Neues Denken darstellt, verführt durch sein früh-werkliches "Apollo gegen Dionysos" zu einem Denken in Polaritäten (was aber seinem Denken nicht wirklich eigen ist). Freud machte es ihm nach und kam zu der Polarität von Eros und Thanatos. Im vorsokratischen Mythen-Verständnis hat Dionysos ebenfalls einen Widersacher und zwar in Gestalt des Titanischen. Dionysos und die Titanen stehen aber nicht in einem polaren Verhältnis. Vielmehr zeigt sich in der Natur des "Umwendens" z.B. etwas Gemeinsames auf beiden Seiten, das aber - weil in einem jeweils anderen Dienst stehend - auch zu etwas je anderem führt: Im Titanischem soll den Ungeheuerlichkeiten von Verwandlung, durch den ewig sich wiederholenden Kreis der Jahreszeiten gleichsam der Boden entzogen werden, während es im Dionysischen um die Kultur des  Umbrechens selber geht mit allen damit verbundenen Ungeheuerlichkeiten eben.

Autor: Werner Mikus

Bildverweis: http:/https://paintingdionysos.files.wordpress.com/2011/12/homepage-image.jpg
Der Erwählte (von Thomas Mann)
Inzest als Metapher - mit neuem Blick aufs Seelische


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück


Kontext: Die Bemerkung (von Camillo Schrimpf) "Ödipus Rex [sei] einfach der größte Sünder/Straftäter, den man sich denken kann. Tatsächlich [habe] die Angst vor INZEST biologische Gründe. Das Gesetz/die Moral [sei] "nur eine Art Überbau. Thomas Mann in der Novelle 'Der Erwählte' hatte schon diesen Gedanken: Gregorius ist der größte Sünder auf Erden: Ein Ödipus Rex. Und er endet auf dem Stuhl Petri (in Rom) als Papst". 

Darauf entstand folgender Kommentar und jetzt "Apropos-Beitrag":

Der Erwählte von Thomas Mann... das trifft sich gut, das ist einer meiner Lieblingsromane. Der Inzest wird hier aus dem Koordinatensystem "Schuld" herausgelöst und für eine andere Beschreibung und Draufsicht freigemacht. Von hier aus fällt es leichter auf ein Seelisches zu schauen, das es im Grunde mit sich selber treibt. Das ist es, was auch schon Thomas Mann gekitzelt hat, ins Gespür (wenn auch noch nicht Gespräch) zu bringen. Wunderbar kann jeder sich das erlesen in den so ziemlich letzten Zeilen des Romans. Folgendes geht voraus: Sohn und Mutter, haben unschuldig, aber irgendwie doch etwas von ihrem Sohn/Mutter-Verhältnis ahnend, geheiratet, zwei Mädchen bekommen, sind dann aber in Klarheit über ihren Inzest, (Buße nehmend) auseinandergegangen und treffen sich wieder, als er in Rom Papst geworden und die gemeinsamen Töchter bereits im heiratsfähigen Alter sind (Sie, die Mutter, heißt Sybilla; er, ihr Sohn, der zugleich aber auch Vater der gemeinsamen Töchter Stultitia und Humilias ist, heißt Gregorius). 

"Unsere Töchter!" rief er. "Wo sind sie?" "Es war mir etwas empfindlich" erwiderte sie, "das du noch nicht nach ihnen fragtest. Sie sind im Geheimen Vorzimmer". "So weit von hier? Man soll sie vor Uns bringen, sogleich!" Das geschah. Stultitia und Humilitas kamen zu ihnen herein ins Innerste und durften auch nur den Ring, nicht den Pantoffel küssen. "Liebe Nichten" sagte Gregorius, "so nennen Wir euch, da euere Mutter im Papste einen Seitenverwandten erfunden hat. Wir freun Uns lebhaften Herzens, euch kennenzulernen in eurer verschiedenartigen Lieblichkeit."
Da siehst du, ehrfürchtig Geliebte, und Gott sei dafür gepriesen, dass Satanas nicht allmächtig ist und es nicht so ins Extreme zu treiben vermochte, dass ich irrtümlich auch noch mit diesen in ein Verhältnis geriet und etwa gar Kinder von ihnen hatte, wodurch die Verwandtschaft ein völliger Abgrund geworden wäre. Alles hat seine Grenzen. Die Welt ist endlich."
Noch vieles sprachen sie miteinander, und wie einst, nur unter so viel glücklicheren Umständen, traf Gregorius seine Verfügungen, da er der Mann war und obendrein Papst [...]"


Ironie und "Tatsachenbeschreibung" vom Feinsten, die man allerdings nur genießen kann, wenn man auch sonst ein Auge für das allgegenwärtige "Treiben des Seelischen mit sich selbst" erworben hat, und ein "Seelisches Ineinander" auch dort sehen kann, wo es nach unserer Natur(wissenschaftlichen)Bibel gar nicht stattfinden dürfte. Thomas Manns Roman kann man als einen Beitrag für die Emanzipation einer neuen Wissenschaft, sehen, nämlich einer Wissenschaft von den "erlebbaren Zusammenhängen". Man kann in ihr eine Wissenschaft sehen, die zwar von den Fallstricken einer noch dominierenden Naturwissenschaft nicht wirklich befreit ist, die sich in DIESEN aber auch nicht mehr VERLIEREN muss (das Allzuwörtlich-nehmen eines "Ödipusvergehens" für ein Seelenverständnis im Allgemeinen - auch dies wird hier, wie grade mal so nebenbei, auf die Schippe genommen) Eine neue Haltung diesbezüglich bekundet Gregorius, Papst und leiblicher Vater seiner; mit der eigenen Mutter gezeugten Kinder GLEICHNISHAFT, indem er den beiden seinen Ring und NICHT auch noch den PANTOFFEL zum Kusse gibt! Spott und Ernst kommen hier in einer dichten Weise zusammen, so wie es in einer guten Zeitkritik (Kritik an einem noch kryptisch sich bewegendem Wissenschaftsverständnis von Psyche) und in einem pfiffigen Plädoyer zu sein hat.


Autor: Werner Mikus


Bildverweis: http://img.zvab.com/member/g22101/60616832.jpg