Sonntag, 25. Mai 2014

Dionysos als
Bild für ein umfassendes Gestaltungs-Prinzip


Ein "Apropos"-Beitrag

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Kontext: In diesem Fall war es kein fremder Beitrag, sondern die Lektüre eines lange verschmähten Buches von (dem meinerseits bevorurteilten) Friedrich Georg Jünger über die Griechischen Mythen, die mir ein unerwartetes Vergnügen brachte. Das Gelesene passte sehr schön zu den Themen in der facebook-Gruppe "Psychologiedes 21ten Jahrunderts"Deshalb setzte ich den folgenden Beitrag hinein: 

Dionysos ist für mich das Bild für den (werdenden) Menschen des 21ten Jahrhunderts. In der alten griechischen Mythologie, bilden die Titanen den Kontrast zu dem was mit **Dionysos als Prinzip** verstanden werden will (nicht unbedingt in der nachsokratisch glattgezogenen Fassung, die im Allgemeinen unser heutiges Verständnis von diesen Mythen prägt) .
Ich möchte hier einen Text für sich sprechen lassen. Er ist von Friedrich Georg Jünger aus seinem Werk: "Griechische Mythen". Auch wenn jemand vielleicht noch nie in solchen Bildern über sich selbst und über den Zeitgeist nachgedacht hat, wird er sicherlich von der Beschreibung dieses Gegeneinanders der zwei Typen berührt sein und sie im Hier und Jetzt mit Gewinn wiederfinden.




"Das titanische und dionysische Werden sind nicht eins, und auch die Wiederkehr unterscheidet sich bei ihnen. Die Wende, die mit dem Dionysos beginnt, hat einen anderen Weg und ein anderes Ziel. Sein Werden ist nicht die nicht endende elementare Wiederholung, in welcher Gang und Bewegung der Titanen aufgeht, ohne darüber hinauszureichen. Dieses tellurische Wirken furcht die Erde nur auf und zieht wie das Spiel der Wetter über sie hin. Dionysos ist nicht nur ein Gott der Wende, er ist auch ein Gott der Wandlung, durch den dem Werdenden das Gewordene als Widerspruch ins Bewusstsein kommt. Er hebt Vergangenheit und Zukunft aus den Angeln und schafft einen Zugang zur zeitlosen Gegenwart. Die dionysische Ungenügsamkeit ist eine andere als die titanische. [...]

Bei den Titanen gab es keine Feste. In dieser Welt einer ehernen Notwendigkeit ist nichts Festliches, wie in ihr nichts Tragisches und Komisches ist. Es ist ein großer, roher Ernst in den Titanen, nicht nur weil sie blind auf das vertrauen, was sie sind, sondern weil hier jeder nur sich kennt und keiner etwas von dem anderen wissen will. Jeder bewegt sich in der ihm eigenen Bahn. Dionysos aber ist Gemeingeist, Dionysos bringt die Tragödie nicht nur hervor; er ist im Unterschied zu den Titanen selbst ein tragischer Gott und zugleich der Herr der Feste und phallisch festlichen Aufzüge. Der tragische und der komische Konflikt gehen aus seinem Wirken hervor; sie kommen mit der Zeit und dem neuen Zeitbegriff, den er bringt. Daher ist er auch der Herr der Geschichte und macht dem geschichtslosen Werden ein Ende. Er stiftet jene Zäsur, durch welche Geschichte erst möglich wird. Es ist das nicht leicht zu fassen, es sei denn, man begreife, dass alle Geschichte etwas voraussetzt, das ihr selbst nicht angehört. Bliebe es bei dem Kreislauf der Titanen, dann könnte es keine Geschichte geben.
[...] Dort wo alles als notwendig gedacht wird, ist keine Freiheit gegeben; es regt sich nicht einmal das Bedürfnis nach ihr. Wo aber der Geist, der sich zum Spiele geschickt weiß, einmal dieses Bedürfnis gespürt hat, dort kommt er nicht wieder von ihm los. Die Macht und Anziehungskraft des titanischen Werdens ist nicht von dem Durst und der Leidenschaft nach dem Schönen durchdrungen. In ihr entsteht kein Überschuss und Überfluss, denn die Kräfte verzehren sich in ihrem Wirken, und wenn sie sich beständig erneuern, so geschieht es, um von neuem dem Verzehr anheim zu fallen. Die Titanen kennen nicht die Muße. Dionysos entzieht sich ihrem Wirken, das ihn nicht beschäftigen kann. Er ist ein Gott des Überflusses und spendet Überfluss, wohin er kommt. Von ihm gehen Reichtum, Trunkenheit, Vergessen aus. Die Titanen schenken niemandem etwas; sie teilen sich nicht mit, sondern verharren in unzugänglichen Behausungen, aus denen keine Frucht wegzutragen ist. Sie pflegen und hüten den Menschen nicht. Dionysos aber ist ein Pfleger. Als Volkspfleger und Festordner, als Pfleger des Weinbaus und der Ackerfrucht, als Gatte der Ariadne entfernt er sich weit von allem Titanischem."


Ein weit verbreitetes Denken, was aus dem landläufigen Bild vom allein wilden Dionysos ausgeht, glaubt, dass es einen ordnenden Pol als Gegenpol zu dem "Prinzip Dionysos" geben müsse. Die bewahrenden Kräfte, die hier als Kandidat für den Gegenpol in Frage kämen, sind aber im Dionysos selbst schon eingebunden: Er ist der Pfleger der Äcker und Weingärten, der Ordner auf den Festen, wie wir im Text oben schon gelesen haben. Diese bewahrenden Kräfte fehlen ihm nicht, sie stehen nur IM DIENST eines ANDEREN ZIELES. 


Aber das übliche Polaritätsdenken verhindert das zu sehen: Das Denken in Dienstfunktionen ist die Alternative zur formalen Polarität und kann zwei in Einem denken, statt zu spalten und das Abgetrennte hintenrum doch wieder hineinzubringen. 

Auch Nietzsche, der sonst so sauber ein Neues Denken darstellt, verführt durch sein früh-werkliches "Apollo gegen Dionysos" zu einem Denken in Polaritäten (was aber seinem Denken nicht wirklich eigen ist). Freud machte es ihm nach und kam zu der Polarität von Eros und Thanatos. Im vorsokratischen Mythen-Verständnis hat Dionysos ebenfalls einen Widersacher und zwar in Gestalt des Titanischen. Dionysos und die Titanen stehen aber nicht in einem polaren Verhältnis. Vielmehr zeigt sich in der Natur des "Umwendens" z.B. etwas Gemeinsames auf beiden Seiten, das aber - weil in einem jeweils anderen Dienst stehend - auch zu etwas je anderem führt: Im Titanischem soll den Ungeheuerlichkeiten von Verwandlung, durch den ewig sich wiederholenden Kreis der Jahreszeiten gleichsam der Boden entzogen werden, während es im Dionysischen um die Kultur des  Umbrechens selber geht mit allen damit verbundenen Ungeheuerlichkeiten eben.

Autor: Werner Mikus

Bildverweis: http:/https://paintingdionysos.files.wordpress.com/2011/12/homepage-image.jpg

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