Montag, 26. Mai 2014

König Ödipus
Die unerträgliche Offenheit von Entwicklung


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück


Kontext: Ein Link zu dem (via youtube, s.u., als Ganzes abspielbaren) Film Edipo Re (Regie: Pasolini). Camillo Schrimpf hatte diesen Link auf seiner eigenen facebook-Seite mit der folgenden Bemerkung gesetzt:  "Auf Leben und Tod in Griechenland. Warum der Ödipus sich so unbehaglich fühlte". Darauf antwortete ich mit folgendem Kommentar:

Über diesen Film freue ich mich schon seit vielen Jahren, seit ich ihn irgendwann im Fernsehen gesehen und aufgezeichnet habe. Er bringt ein Ödipus-Bild auf die Bühne, das uns besonders gut, einen sehr weit reichenden anderen Zusammenhang - neben dem, der uns durch die Psychoanalyse bekannt ist - vor Augen führt. Kann ich das aber in der Kürze hier erzählen? Ich versuch's: 

Ein Leben mit "Orakeln" und der Sphinx


Der Film ZEIGT auf ein Grundproblem von Entwicklung: Der Mensch, der ja immer in Entwicklungen steckt, ob er es will oder nicht, trifft auf dieses grundlegende Problem aber NICHT wie auf ein NATUREREIGNIS, sondern stellt es vielmehr (in seiner verschärften Form jedenfalls) selbst erst her - und das gehört eben auch zu seiner Natur:
Der Mensch kann oder will die Offenheit von Entwicklung nicht ertragen (diese fragt uns nämlich nicht danach, was wir denn bitteschön grade so wollen). Gegen diese Offenheit von Entwicklung erfindet der Mensch sich nun als eine Art Rettung das Weissagen - In der Ödipus-Sage ist es mehrfach das Orakel von Delphie und wie in einer tragischen Ergänzung zu der gelebten Verkehrtheit, einer "Verkehrtheit mit System", gesellt sich dann noch die erpresserische Figur einer Sphinx. Das ganze Ausmaß oder Übermaß an Elend, was der Mensch in seiner so gelenkten Entwicklung dann vorfindet, wird aber erst hierdurch hergestellt, nämlich durch das sich Heften an eine Weissagung und ähnlich magische Verkürzungen (das Verdrängen und Leugnen des Weisgesagten, was in der Geschichte auch vorkommt, sind hier nur andere Erscheinungsformen ein und derselben Fixierung, die man selber hergestellt hat): Der Film lässt uns genau DIESE bedrückende Erfahrung machen, aber er erwischt uns auch wie es ein makaberer Witz nur kann. Beinahe tut es gut, die selbst hergestellten Verdrehungen in der Geschichte zu sehen. Die Wunscherfüllung im Traum funktoniert ebenfalls häufig über die Ironisierung.


Das magische Kleinreden von "Entwicklung" geht schief!


Für mich ist König Ödipus eine SAGE, die über den Hinweis auf die Dreieckigkeit ;-) und die familiäre Bezogenheit eines jeden Konfliktes hinaus, noch etwas Anderes, und sehr Grundlegendes zu sagen hat: Es handelt sich dabei um unsere Not mit der Offenheit seelischer Entwicklung umzugehen. Wir möchten Entwicklung durch allerhand "Magie" zu etwas Einfacheren machen und hierzu muss nicht selten auch die (in diesem Fall Abkürzungen bevorzugende) "Wissenschaft" herhalten. In einer Fortsetzung von Ödipus' Geschichte (in dem Theaterstück: Ödipus auf Kolonos) ERSPART es Sophokles dem sterbenden Ödipus NICHT, zu erkennen, dass, entgegen seiner eigenen Wahrnehmung und Überzeugung, die Götter ihn NIE verurteilt oder gar verflucht hatten, sondern vielmehr IMMER AN SEINER SEITE gestanden haben.

Autor: Werner Mikus

hier ist der Film in HD-Qualität zu sehen

Bildhinweis: http://stubenhockerei.files.wordpress.com/2012/05/edipo-re.jpg

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