Mittwoch, 31. Dezember 2014

Wir verwechseln schon mal gerne was!

Dinge beschreiben, die es im Seelischen gar nicht gibt

Wir haben uns in der Psychologie ein Beschreiben angewöhnt (und überhaupt, ein Hinsehen!) was einer Art von magersüchtiger Teilhabe am Geschehen gleichkommt, wo wir uns das Geschehen im Beschreiben doch einverleiben" wollen. So beobachten und beschreiben wir z.B. wie folgt: "er ist traurig". Traurigsein gibt es aber als Seelisches (als erlebbaren Zusammenhang) gar nicht, weil es eine Formalisierung ist: Das wirklich existierende Traurigsein ist z.B. ein "als ob ich Haus und Hof verloren hätte" oder ein "als wäre mir die Liebste gestorben" oder "als werde es nie wieder so werden können wie heute" oder...oder...oder.

Sprachliche Bilder oder Verwaltungsinstrumente

Das Wort Trauer oder traurig sein ist eine formale Zusammenfassung, man könnte auch sagen f1471 oder natürlich auch c7rr5. Ich spreche, wenn ich vom Seelischen spreche, immer von den "erlebbaren Zusammenhängen". "Erlebbar" und "Zusammenhang" sollen daran erinnern, dass es auch tatsächlich erlebbar ist (die Trauer ist es nicht, weil es eine Abstraktion ist, ich kann diesen Begriff als eine Formalisierung erleben, aber um den Begriff geht es ja nicht.

Erlebbare Zusammenhänge als Gegenstand der Psychologie

"Zusammenhang" meint hier, also im Kontext von "Erlebbar", dass es eine Menge! von Einzelheiten in einer einzigen Sache gibt, die wir als Erleben festhalten möchten und zwar eine solche Fülle, dass wir es nur  in einem Bild wie z.B. "als hätte er Haus und Hof verloren" tatsächlich fassen können, dann aber mit all seiner Überdetermination bzw. mit der entsprechenden Mischung aus Klarheit und Vagheit. Das ist hier wieder analog zur Quantenphysik zu verstehen: die Wahrscheinlichkeit ist als Ganzes voll zuverlässig (wellenartige Verteilung der Auftrittswahrscheinlichkeiten) der endgültige Ort aber bis ins Mark hinein unbestimmt (also nicht determiniert).

Alltägliche Kompensation und der Schuss nach hinten

Zum Schluss könnten wir uns noch fragen, warum wir eigentlich nicht mehr darunter leiden? Warum fällt  es uns  nicht Tag für Tag immer wieder störend auf, dieses ungenaue Beschreiben?. Ich denke, dafür gibt es einen einfachen Grund: Wir legen zu unseren alltäglichen Beschreibungen immer noch eine ganze Menge Kontext mit hinzu. Daher versteht uns der andere dann so Pi mal Daumen (durch Melodie, Gestik, Anspielungen sprachlicher Art, Nebenthemen, Vorausgeschicktes etc. -  alles das bildet kaum bemerkt den entscheidenden Erzählkontext) . Im Besten Falle also hilft dieses nebenher Gesagte und Getane uns, das Gemeinte irgendwie "herüberzubringen". Nicht selten dürfte es aber auch anders laufen, dass nämlich der Zuhörende mit seinen eigenen Einfällen zum Kontext des Gesagten auf das Großzügigste beiträgt (und das ist jetzt ironisch gemeint). Weil das eben so ist, hat sich auch bald ein Retter für diese Probleme gefunden (ein Retter, der mit wissenschaftlichem Anspruch auftritt): Rettung soll über ein Definieren kommen. Auf diese Weise können wir dann weiter bei den formalisierenden (blutleeren) Begriffen bleiben. Wir hängen nur ein paar "Zettelchen" an dieselben mit dran. Wenn wir der Idee des Definierens nun tatsächlich folgen, sieht eine Beschreibung z.B. folgendermaßen aus:

Sein Tagesablauf ist von einer negativen Gefühlslage dominiert, einhergehend mit zunehmenden Interessenverlust und verschwindender Freude an Tätigkeiten, denen er sonst gerne nachgeht. Hinzu kommen Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Selbstzweifel, so wie Müdigkeit und Energieverlust neben Minderwertigkeitsgefühlen und Konzentrationsstörungen.

Irrwege

Die Alltags"sprache", die sich fast nur auf den Kontext verlässt und die "wissenschaftliche" Kunstsprache (Definitionen) sind beides Irrwege. Die sprachlichen Bilder sind der Kern einer psychologischen Beschreibung. Worthülsen lassen sich durch Kontexte nur behelfsmäßig lebendig machen. Und ein Drankleben von Zettelchen (Definitis) verschiebt die Probleme solcher Hülsen nur untereinander.


Autor: Werner Mikus



Bildquelle: Karikatur: Werner Mikus

Sonntag, 28. Dezember 2014

Mensch und Seele - Musikinstrument und Musik

Wir werden als kleine Musikinstrumente geboren...

...in einem weiten und auch in einem etwas engeren Sinne. Was den engeren Sinn betrifft, so erinnere ich an das, worauf die Vorgeburts- und Säuglingsbeobachtungen von W. Ernest Freud aufmerksam gemacht haben, daran nämlich, dass unsere Seele mit dem Rhythmischen anfängt, also mit einer bewegten Ordnung die der im Mutterleib oft hörbaren Musik folgt und die Synchronien herzustellen vermag. Insofern bereitet sich in diesem frühesten Seelischen Zustand etwas vor, das wie ein Musikinstrument im Ganzen also auch konkret schon an einer Musik teilhat, einer Musik, die um das noch gar nicht so richtig abgehobene kleine Wesen herum irgendwie schon immer da ist. Im folgenden möchte ich von einer Beziehung im weit gefassten Sinne sprechen. Der Anlass ist eine Analogie, auf die ich gekommen bin während ich als Schüler auf der Couch von eben diesem W. Ernest Freud meine gut begleiteten und methodisch verschärften eigenen Erfahrungen mit dem Seelischen machen konnte. Ich  glaube, dass die Psyche uns in ähnlicher Weise gegenüber steht, wie die Musik einem Musikinstrument.

Wie ein Musikinstrument zur Musik.

Der Mensch verhält sich zur Seele wie sich ein (intelligentes) Musikinstrument zur Musik verhält.
Damit aber Musik entstehen kann, muss das Instrument die Aufmerksamkeit von sich selbst ein wenig wegbringen und zwar auf das größere Ganze hin, auf die Musik. Die Musik steckt nämlich nicht im Instrument schon drin, so dass sie nur noch (sauber und technisch perfekt) aus demselben herausgeholt werden müsste.
Vom Seelischen denken wir uns solche Wunderlichkeiten aber gerne: So glauben wir z.B., dass alles Seelische seine Quelle in der menschlichen Person (mit seinem Erleben und Verhalten) hat. Dabei übersehen wir gerne, dass unser Erleben nicht selten Geschichten folgt, für deren Urheberschaft wir in keinerlei personbezogen direkten Weise verantwortlich sind. Wir glauben aber viel zu gerne daran, dass der Mensch die Quelle für alles Seelische ist. Und deshalb wollen wir auch, dass die Psychologieforschung genau an diesen Ort geht und dass von diesem Ort aus auch alles Lernen und Kultivieren zu erfolgen hat. 

Musiklernen auf die herkömmliche Weise

Offenbar deshalb lehren wir auch das Seelische nach dem Vorbild des Musiklernens auf die klassische Art und Weise: Instrumenten-fixiert. Wir tun so, als wenn die Person das A und O der seelischen Wirklichkeit wäre und dass aus ihr alle Analogien auf die Welt zu ziehen seien. Wenn ich aber (in Analogie zur Musik) nach den Gesetzen des Seelischen suche, suche ich doch nicht zwischen den Saiten meiner Gitarre herum oder bezupfe sie auf alle mir erdenklichen technischen Weisen.

Die Universitäts-Ausbildungen in Pschologie, denen man die Therapieausbildungen bisher freier Institute in Zukunft ebenfalls zugesellen will, sind im musikanalogen Sinne "Instrumenten-fixiert" (Analogie: fixiert auf den Psycheproduzierenden Mensch): Das Seelische wird verstanden als das, was der Mensch in seinem Verhalten und Erleben absondert. Deshalb lernt der Studierende (notenanalog) ein paar Ablaufsmodelle und (methodisch-technisch) die Dissonanz (Projektionen) zu vermeiden.

Seelisches findet woanders statt

Seelisches findet aber tatsächlich woanders statt, und weniger zentral in der vermeintlichen Zentrale einer Therapeuten- oder Klientenseele. Wir haben - besonders, was die Therapie betrifft - Verhältnisse zu lehren, die so komplex sind wie wir sie im hier angesprochenem Verhältnis von Musik und Instrumentenkunst vorfinden.
Diese Verhältnisse lassen es nicht zu, dass wir gleichsam die "Instrumente" (also die Person des Therapeuten oder auch die des Klienten etwa) mit dem verwechseln, um das es uns in einem psychotherapeutischen Prozess tatsächlich zu gehen hat - auch wenn Therapeut und Klient noch so schön das sogenannte Zentrum des Geschehens verkörpern wollen  (Konzertflügel und Cello tun das ja auch - stellen sich aber dennoch ganz in den Dienst der Musik).

Einlassen auf die "Musik" und ihre Gesetze - übertragen, auf das Seelische:

Es geht um die "Musik" und um ihre Gesetze, auf diese gilt es, sich einzulassen.
Das heißt auf das Seelische zurück übersetzt:
Es geht in der Psychologie um eine Wirklichkeit, die Personen und Dinge übergreift. Hierzu bietet sich die sprachbildliche Wirklichkeit an. Gemeint ist eine Wirklichkeit in Gleichnissen und Bildern (gemeint sind die Bilder i.w.S.). Das Seelische kann uns auf diese Weise eine neue, universale Perspektive auf die Welt geben (es ist dann die Welt der erlebbaren Zusammenhänge, die ja immer gleichnishaft sind). 
Das vom Psychosozialen Forum (PSF) e.V. vor 28 Jahren gegründete Ausbildungsinsitut trägt daher in seinem Namen das Wort "Bildanalytisch" (- Wissenschaftliche Gesellschaft für Bildanalytische Psychologie und Psychotherapie -). Es vermittelt ein Umgehen mit dem Seelischen genau in dem hier besprochenen "musikanalogen" Sinn.
Dabei werden sinnvoller Weise zwei Gruppen von Menschen zusammengeführt:
(1) Menschen, die (in der Konsequenz einer bestimmten Erfahrung) etwas daran ändern wollen, dass sich ihr Seelisches selbst nicht mehr versteht und (2) Menschen, die das Ziel haben, eine Kennerschaft im Seelischen zu entwickeln, um die Welt vom Seelischen her bereichern und verändern zu können.

Autor: Werner Mikus


Bild: Strichzeichnung Werner Mikus

Freitag, 5. Dezember 2014

Das Dreigenerationending Psychoanalyse


Vorbemerkung:
Wenn eine Idee über drei Generationen weitergedacht wird, ist sie über sich hinaus-
gewachsen und versteht sich am Ende auch in ihren Anfängen neu. 
Im Folgenden möchte ich den interessierten Leser mit W. Ernest Freuds besonderem 
Beitrag zur Psychoanalyse bekanntmachen und mit seinem erweiterten Sehen.
Seine Beobachtungen und Erkenntnisse stellen für mich die 
Verbindung zu einem Bildanalytischen Denken her:  




W. Ernest Freuds besonderer Beitrag zur Psychologie
via Säuglingsbeobachtung


Mit dem folgenden Beitrag möchte ich einen Blick auf das Gebiet der frühen Säuglingsbeobachtung und der psychologischen Frühgeborenenforschung werfen. Da mich hierbei eine entwicklungsorientierte und bildanalytische Perspektive leitet, interessieren mich nicht nur die geschichtlichen Besonderheiten dieser frühen Entwicklungsphase, sondern es bewegt mich auch die Frage, wie die Beobachtungen in ein Verständnis vom allgemeinen Funktionieren seelischer Abläufe zu übertragen sind. Aus diesem Grunde werde ich meine Überlegungen in den Rahmen eines hierzu passenden Modells von Entwicklung stellen.
Anstoß für meine Überlegungen gab ein Vortrag W.E. Freuds, den er 1988 aus Anlass eines ersten öffentlichen Auftretens unseres Psychosozialen Forums gehalten hat. Sein besonderer Blick auf das Forschungsgebiet der frühen Säuglingsbeobachtung und sein persönliches Engagement auf diesem Gebiet hatten mich neugierig gemacht. Wie sein Großvater Sigmund Freud hatte auch er sein Interesse auf eine scheinbar nicht vollwertige seelische Form gerichtet, nämlich auf die Psyche des zu früh geborenen Säuglings. Als ich davon erfuhr, stellte ich mir vor, dass auf diese Weise wichtige neue Erkenntnisse über das seelische Funktionieren in den Blick geraten müssten - wie zuvor schon über die Erforschung der scheinbar nicht vollwertigen Formen des nächtlichen Seelenlebens und der alltäglichen Versprecher und Fehlleistungen durch den Begründer der Psychoanalyse. Der Vortrag von W.E. Freud, der mich zu diesem Beitrag und zu einem Weiterdenken an dieser Stelle angeregt hat, ist in der vorliegenden Ausgabe der Fachzeitschrift nachzulesen.

Modellvorstellung von den seelischen Entwicklungsräumen


Stellen wir uns die psychische Entwicklung eines Menschen wie eine Reise durch bestimmte seelische Räume vor. Und denken wir uns diese Räume so, dass sie sich derart voneinander unterscheiden, wie es die kulturellen Lebensräume in den verschiedenen Ländern und Kulturkreisen tun, dann können wir uns die persönliche Sozialisation und Entwicklung eines Einzelnen so vorstellen, als wenn es dabei um die Reise eines bildungsfähigen Menschen durch die verschiedenen kulturellen Landschaften hindurch ginge. Unsere „Seelenkultivierung" lässt sich tatsächlich - zu einem großen Teil jedenfalls - damit vergleichen: Es gibt nämlich bestimmte „seelische Räume", durch die muss der Heranwachsende hindurch. Sie beinhalten Vorgaben im Sinne eines Entgegenkommens, da sie bestimmte Möglichkeiten und Spielräume eröffnen und bestimmte Grenzen setzen. Was in dem Vergleich des psychischen Heranwachsens mit einer Reise durch die verschiedensten Kulturkreise allerdings nicht so gut zusammenpasst, ist die Beliebigkeit, mit welcher der Betreffende in dem Reisebild die verschiedenen Landschaften durchwandern kann. Unsere seelische Kultivierung legt stattdessen eine bestimmte Route fest und entsprechend auch eine bestimmte Anordnung von den in den Ansprüchen steigenden Lebensräumen . Denn was die Entwicklung im Sinne einer Sozialisation betrifft - so ist das Ziel einer solchen Reise gleichsam vorgegeben. Am Ende soll eine gewisse seelische Reife erreicht werden. Und um im Bild zu bleiben, können wir sagen, dass der Betreffende am Ende in einem bestimmen Kulturkreis oder Land angekommen sein muss.
Bestimmte Bereiche dieser Wanderung sind inzwischen gut erforscht. Die Psychoanalyse leistete hierbei Pionierarbeit und das besonders in einer bestimmten Region. S. Freud hatte sich genau dem „Raum" gewidmet, in welchem es um die reifen seelischen Leistungen geht, auch wenn er seinen Blick dabei vor allem auf die Störungen und andere Auffälligkeiten ausgerichtet hatte. Dabei denke ich z.B. an die neurotischen Störungen oder an die Auffälligkeiten unseres nächtlichen Seelenlebens sowie an die alltäglichen Fehlleistungen. Was die seelische Entwicklung angeht, müssen wir aber von drei verschiedenen Seelenräumen ausgehen, die in einer bestimmten Reihenfolge durchwandert werden. In ihnen herrschen jeweils verschiedene Gesetzmäßigkeiten, und die Akzente und Gewichte sind unterschiedlich gesetzt. Weiterhin können wir davon ausgehen, dass in jedem dieser Räume auch spezifische Gefahren existieren und eigene Möglichkeiten diese abzuwehren und ihnen vorzubeugen.

Kurzdarstellung in umgekehrter Reihenfolge


Als erstes gibt es einen Raum zu beschreiben, in welchem so gut wie alles unter die Erwartung eines sozialen und eigenverantwortlichen seelischen Handelns gestellt ist, auch wenn eine solche Erwartung in der Realität gar nicht bzw. nur ausschnittsweise erfüllt werden kann. Dennoch, diese Erwartung bestimmt die Gesetzlichkeiten und die besonderen seelischen Verhältnisse in diesem Raum. Ein solcher Seelenraum eröffnet sich uns, wenn wir es früh ansetzen, irgendwo um den Eintritt in die Schulfähigkeit herum, oder später angesetzt mit Erlangung der sexuellen Reife bzw. mit der Erlangung der Geschäftsfähigkeit. Der nächste Raum, zeitlich also eine Stufe vorgelagert, erweist sich schwerpunktmäßig als dyadisch und nach dem Muster einer Zweipersonenpsychologie gestaltet. In diesem Raum geht es zu, als ob alles, was passiert, in letzter Konsequenz über eine zentrale Bezugsperson mit der Welt in Verbindung stehe und als ob diese Person oder „Institution" hauptverantwortlich sei. Und wenn wir noch eine Stufe zurückgehen, also ganz an den Anfang, finden wir einen dritten Raum, einen Raum, der noch weitgehend unerforscht ist. In ihm geht es um die allerersten Anfänge des Seelischen. Wir können sagen, dass das psychische Leben im Mutterleib beginnt. Dort versucht es eine erste Form zu gewinnen. Und das geschieht, wie ich es nennen möchte, in Gestalt eines sich selbst genießenden Zusammenspiels. Wir können hier auch von einem Zusammenspiel nach dem Bild einer Synchronie sprechen, die sich wie eine spielerische Abstimmung zwischen den verschiedenen Lebensäußerungen immer wieder herzustellen versucht. Diese Abstimmung im Sinne eines sich selbst genießenden Zusammenspiels geschieht zwischen Lebensäußerungen, die nicht einfach auf zwei Zentren oder auf den Säugling und die Mutter festgelgt werden wollen. Unterscheidungen dieser Art haben hier noch keine so große Bedeutung, und die Wissenschaft hat hier noch einiges zu klären. Wie wir gleich sehen werden, kann die Frühgeborenforschung uns tatsächlich ein paar interessante Denkanstösse geben. Vorher möchte ich aber erst noch auf die Besonderheiten der späteren seelischen Entwicklungsräume eingehen:

Der auf Konfliktfähigkeit aufbauende Entwicklungsraum


Sigmund Freud hatte sich zunächst für das Seelische interessiert, welches wir in dem

Raum des „erwachsenen" Seelischen...

...vorfinden. Es ging Freud um ein Seelisches, was sich mit viel Geschick in dem Kontext kultureller und sozialer Ansprüche zu bewegen weiß, obwohl es uns von seinen Antrieben und seinen ersten Beweggründen her, eine ganz andere, nämlich eine „einfache" und archaische Seite zeigt. Was ihn wahrscheinlich neugierig gemacht hatte, war die Frage, wie man sich ein seelisches Funktionieren vorstellen kann, das sich in einem komplizierten Geflecht aus kulturell gewachsenen Erwartungen und anderen Herausforderungen zu verwirklichen weiß, obwohl es von Prozessen getragen ist, die ihren Ausgangspunkt offenbar in ganz einfachen Impulsen und Beweggründen haben.
Die besondere Idee S. Freuds war es, in den ganz normalen Leistungen des Seelischen eine Dramatik nach dem Gleichnis eines Kultivierungsprozesses zu sehen, auch wenn es sich dabei jeweils um ganz kleine und zeitlich überschaubare Geschehenseinheiten und alltägliche Dinge handelte. Die Richtung im Seelischen hieß für ihn: Vom Einfachen zum Komplizierten, so wie eine Kultur sich auch aus etwas zunächst archaisch Undifferenziertem zu etwas Höherem hin entwickelt und also ausdifferenziert. Er dachte sich das Seelische in diesem Sinne als angetrieben oder bewegt von ganz einfachen, ebenso überkonkret wie unspezifisch sich gebärdenden Impulsen und Motiven, die auf eine Reihe entgegenlaufender Ansprüche einer Realität treffen und sich irgendwie auf diese einlassen müssen, wenn sie zum Zuge kommen wollen. Vielleicht bedürfen sie der Kompromisse, Umformungen und ähnlicher Künste. So ungefähr dachte sich S. Freud das Funktionieren des Seelischen und im Falle des Nichtgelingens dementsprechend das „verunfallte" oder „gestörte" Seelenleben. Die psychischen Leistungen, so führte er mithilfe einer seiner Modellvorstellungen aus, werden daher organisiert durch eine Art von „seelischem Apparat", der es versteht, die Aufgaben trotz der einfachen Antriebe, die das Geschehen bewegen, in die erforderliche Bearbeitung zu bringen und das auch in dem hierfür notwendigen Nacheinander. Freud wollte damit festhalten, dass es verschiedenartiger Prozeduren und eines bestimmten Ablaufs bedarf, um unser Handeln erfolgreich auszuführen. Das Bild von dem seelischen Apparat ist nur eine von den verschiedenen Metaphern, mit denen er versucht hat, das zusammenhängende Ganze des Seelischen in ein Bild zu bringen. Wir können heute, nach rund 100 Jahren tiefenpsychologischen Weiterdenkens und mit Blick auf ein paar neue Erkenntnisse sprachbildlich das auch noch etwas anders fassen:
Das Seelische, das in dem Raum zu Hause ist, in welchem eine soziale Verantwortlichkeit, also etwas „Reifes" oder „Erwachsenes" erwartet wird, hat sich eine durchgehende Ambivalenzfähigkeit erworben. Der Psychoanalytiker spricht hier von der Fähigkeit zur Triangulierung oder von der Fähigkeit, die Verhältnisse zur Welt, auch im übertragenen Sinne, nach dem Muster einer Dreiecksbeziehung zu gestalten, die aus der persönlichen Bewältigung des Ödipuskonfliktes hervorgegangen ist. Ich möchte diesen Gedanken für dieses Bild der drei Entwicklungsräume etwas allgemeiner fassen und spreche daher lieber von einer Konflikt- oder Ambivalenzfähigkeit. Diese Ambivalenzfähigkeit ermöglicht dem Seelischen das gefühlsmäßige Vorwegnehmen von Folgen, die das Ausleben einfacher Antriebe mit sich bringen würde. Und so wird es uns möglich, im Sinne der erwarteten prinzipiellen Eigenverantwortlichkeit ständig mit den möglichen Folgen unseres Tuns und Wünschens in einem Kontakt zu sein. Natürlich ist das nur ein ahnungsvoller, atmosphärischer Kontakt. Es ist so, als würden wir zu allem, was uns leidenschaftlich bewegt, noch so eine Art von „zweitem Blick" auf die Sache haben. Aus diesem gefühlsmäßigen Vorwegnehmen von Folgen, zusammen mit dem Gefühl, was jeweils die Hauptrichtung bestimmt, ergibt sich so etwas wie ein „räumlich" erweitertes Fühlen. Das funktioniert ähnlich wie die Erweiterung eines zweidimensonalen Sehens durch die Tiefendimension, denn auch beim Sehen geht es um die Hinzunahme eines zweiten, in diesem Falle räumlich versetzten und wörtlich verstandenen Bildes, was mit dem Hauptbild nicht in Konkurrenz tritt, sondern ihm eine räumliche Tiefe gibt.
Das Seelische in diesem Raum ist also ständig in der Lage, Einbrüche, Enttäuschungen, Störungen und Überraschungen aller Art als Kehrseiten seiner eigenen Entwicklungen zu" sehen". Hierzu muss natürlich ein ganzes Arsenal von grundlegenden Kehrseitenerfahrungen bereits gemacht worden sein und eine ausreichende Erfahrung mit der Übertragung derselben auf verwandte Situationen. Wenn diese Erfahrungen fehlen, bekommt das Seelische größere Probleme. Es ist dann auf die Absicherungen zurückgeworfen, die eigentlich in einem früheren seelischen Raum üblich und angemessen sind.

Der dyadisch gestützte Entwicklungsraum


Und damit kommen wir jetzt zu einer Betrachtung des zweiten seelischen Raumes, der in der Entwicklung durchquert werden muss. Wenn nämlich die Anforderung einer eigenverantwortlichen seelischen Leistung in einem sozialen Raum nicht das Gesetz ist und letztendlich eine andere Instanz wie zur Bereinigung aller Probleme bereitsteht, kann das Seelische sich ganz arglos bestimmten Dingen und Entwicklungen zuwenden. So ist das in dem seelischen Entwicklungsraum zu denken, in dem die Beziehung des Kindes zu den Anforderungen aus dem dritten Entwicklungsraum in letzter Konsequenz immer noch über eine zentrale Bezugsperson geregelt wird. Hier stehen dann, wenn das arglose Verhalten scheitern sollte, auch spezifische Hilfsformen zur Verfügung. Es kann ja vorkommen, dass die Bezugsperson einmal nicht wie erforderlich zur Verfügung steht. Nehmen wir als Beispiel das arglose Spiel eines Zweijährigen mit einem Hund. Wenn der Hund eine Gefahr für das Kleine wird, kann es sich mit einem Mechanismus helfen, den Anna Freud die Identifizierung mit dem Angreifer genannt hat. Das Kind wird selbst zu dem gefährlichen Tier und bellt. Das kann für einen Augenblick helfen. Ein typisches Merkmal für die Gefahrenabwehr in diesem psychischem Abschnitt ist die aufschiebende Wirkung. Sobald die Bedingungen sich verbessert haben oder, um im Beispiel zu bleiben, die Mutter wieder auf den Plan tritt, können qualitativ verbesserte Lösungen, jetzt mit Hilfe der Mutter entwickelt oder angepeilt werden, die jetzt auch die Kehrseiten des Geschehens mit in Rechnung ziehen. Es gibt eine ganze Reihe Mechanismen oder Abwehrformen, mit denen sich das Seelische in diesem zweiten seelischen Raum zu helfen weiß. Anna Freud hat sich besonders um eine Erforschung dieser Formen bemüht, durch welche sich das Kleinkind zu helfen weiß, auch jenseits der reiferen und auf dem Niveau der Konfliktbearbeitung befindlichen Formen. Man könnte hier vielleicht von den präambivalenten Lösungsformen sprechen, weil sie nicht ihrem Wesen nach auf einer Einbeziehung ambivalenter Erfahrungen oder einer Konfliktbearbeitung fußen.
Die Verschiebung eines Affektes z.B., der vielleicht unangenehme Folgen mit sich bringen könnte, der aber auf einen anderen Punkt innerhalb einer Auseinandersetzung verschoben werden kann, stellt dagegen eine qualitativ reifere Lösung dar, weil sie schon auf der erahnten Gefährlichkeit und dem entsprechenden Kontakt mit den möglichen Folgen aufgebaut ist. Das Seelische ist dann schon in einem ahnungsvollen Kontakt mit dem, was eine Gefahr bedeuten könnte. Das ist z.B. der Fall, wenn ein Vater seine Verstimmtheit über den Säuglingsbeobachter im Haus in einer Beschimpfung des amerikanischen Präsidenten (Nixon) zum Ausdruck bringt, welcher ‘seine Nase in Dinge reinsteckt, die ihn nichts angehen' (W.E. Freud, Vortrag 1988). Die Verschiebung erlaubt dem Vater hier eine Abfuhr seines Ärgers, bewahrt ihn aber vor den unangenehmen Folgen, die der geäußerte Ärger hervorbringen könnte, sollte er an der richtigen Stelle zum Ausdruck kommen.
Wenn aber ein Kontakt zu der betreffenden Gefahr noch gar nicht besteht und die entsprechenden Vorerfahrungen für eine entsprechende Übertragung fehlen, so ist der Betroffene auf den Schutz der engen Bezugsperson angewiesen. Entweder schützt diese ihn nun kompensatorisch vor den entsprechenden Überforderungen oder aber sie steht ihm hierzu im Augenblick nicht zur Verfügung. Dann müssen auf jeden Fall die frühen Abwehrmechanismen helfen. Und das tun sie, in dem sie so etwas wie einen Aufschub für den Betroffenen herauszuholen versuchen. Ein Kind, das angesichts einer eigenen, folgenschweren Handlung durch ein bestimmtes Gefühl überflutet zu werden droht, könnte sich z.B. das „Ungeschehen machen" als einen Abwehrmechanismus zu einer Art von „ersten Hilfe" heranziehen: Das Kind begeht dann Handlungen, die magisch versuchen, das Geschehene außer Kraft zu setzen, indem es so tut, als sei das Betreffende gar nicht geschehen. Eine Mutter, die das mitbekommt, kann dann in einem nachsetzenden Schritt diese Lösungsversuche aufgreifen und dem Kind helfen, diese Verarbeitung zu korrigieren und eine weiterführende Verarbeitungsform hinzubekommen, die dem Realitätsprinzip besser gerecht wird.
In den letzten Jahren hat es besonders viele Arbeiten und Überlegungen zu den frühen Abwehrformen gegeben. Einen großen Verdienst hieran hat auch die Klein'sche Schule, die mit dem Mechanismus der frühen Objektspaltung z.B. und dem Mechanismus der projektiven Identifikation mit dazu beigetragen hat, die frühen Formen des Seelischen besser zu verstehen, die sich noch nicht auf die Ambivalenzerfahrung bzw. Konfliktfähigkeit stützen.

Entwicklungsraum des sich selbst konstituierenden Seelischen


Inzwischen ist die Forschung immer weiter zurück in die Zusammenhänge und Fragestellungen früherer seelischer Verhältnisse gegangen. Und hier setzt für mich besonders W.E. Freud etwas konsequent fort, so als gäbe es von Sigmund Freud über seine Tochter Anna zu ihm als Enkel herunter eine geheime Abstimmung darin. W.E. Freud ist im Umkreis von Anna Freud und ihrer Hamstaed Child-Therapy Klinik und später durch Beobachtungen an Intensivstationen für Frühgeborene der Frage nachgegangen, was das Seelische dieser ganz Kleinen existenziell auszeichnet, was für sie bedrohlich ist, wie sie sich helfen und wie wir ihnen am besten helfen können.
Seine Beobachtungen weisen für mich auf ein Prinzip hin, welches ich im Folgenden auf eine Formel bringen will, auf eine Formel, die sich auch eignet als ein Modell für eine Analyse der vielfältigen späteren bzw. reiferen seelischen Formen genommen zu werden. Demnach scheint mir eine allererste Form der seelischen Existenz in der Art eines sich selbst genießenden Zusammenspiels zu liegen. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel von Teilen nach Art eines spielerischen sich Zusammenfindens. Beim Erwachsenen finden wir das z.B. sehr deutlich in der Form des Tanzens wieder. Einzelheiten stimmen sich gleichsam untereinander ab zu einer „Bewegung" bzw. zu einem Bewegungsganzen. Es hebt sich etwas innerlich Verbindendes heraus, was nicht aus Anderem einfach ableitbar ist, aber höchst beeindruckend Verschiedenes für eine Zeitlang (Eigendynamik) zusammenhält. Vielleicht sind im konkreten Falle die Hand des Fötus und die Nabelschnur in einem Spiel verwoben. Und auch nach der Geburt spielt dieses Prinzip eine ganz wichtige Rolle in der Auseinandersetzung mit der Welt. Der Säugling versucht nach der Trennung aus der vertrauten Form des Zusammenseins mit der Mutter immer wieder, auch in der neuen Welt da draußen so ein sich selbst geniessendes Zusammenspiel herzustellen. Das erweist sich als besonders wichtig, wenn das Zusammensein durch eine Frühgeburt gestört worden ist. W.E. Freud meint hierzu, der normale Fötus entwickele eine Art von psychischer Immunität im Mutterleib gegen spätere Belastungen, wenn ganz viele Erfahrungen im Sinne eines solchen Zusammenspiels im intrauterinen Stadium stattgefunden haben, z.B. Erfahrungen rhythmischer Art, die als die einfachste Form innererer Abstimmung und Synchronie angesehen werden können.
Wenn wir die Eigenaktivität des Fötus und des frühen Säuglings noch etwas mehr in den Mittelpunkt rücken, wird eine weitere Qualtiät des Zusammenspiels sichtbar. Schauen wir uns hierzu das Blickkontaktspiel des Säuglings an. Durch genauere Beobachtungen ist bekannt, dass der Säugling nach einem „berauschenden" Blickkontakt mit der Mutter ohne ersichtlichen Grund seinen Blick oft rasch wieder von ihr abwendet, obwohl dieser vom Säugling selbst hergestellt wurde und offensichtlich etwas für Mutter und Säugling Berauschendes hat. Dem Beobachter scheint es, als habe er, der kleine Säugling, gerade die Sonne aufgehen lassen (und so in etwa dürfen wir nach der von Daniel Stern empfohlenen Einfühlmethode uns auch versuchen, in die Gefühlswelt des Kleinen hineinzuversetzen). Außerdem gibt es in den beobachteten Situationen keinen Hinweise auf eine Überreizung oder auf etwas ähnlich Abzuwehrendes, was das Wegdrehen des Köpfchens auf eine einfache Weise erklären könnte. Wir müssen deshalb etwas anderes annehmen, was einem solchen „Rückzug" des Säuglings Sinn gibt. Meine Vermutung besteht darin, dass der Säugling dieses Spiel ganz einfach wiederholen will. Er will noch einmal die Sonne aufgehen lassen, weil es eben so berauschend schön ist. Für mein Verstehen handelt es sich hier um eine Art von „Schöpfungsspiel".
Weil es hier um eine Wiederholung geht, könnten wir nun versucht sein, hier das gleiche Prinzip wirken zu sehen, was wir schon von dem, aus der psychoanalytischen Literatur bekanntem Holzspulenspiel des Kleinkindes kennen. Sigmund Freud hatte hier an seinem 1 ½ Jahre alten Enkelkind eine interessante Beobachtung gemacht: Das beobachtete Kind warf wieder und wieder eine Spule, die an einem Faden befestigt war, in das Innere eines verhängten Bettchens hinein, um es dann mit einem freudigen „Da" wieder hervorzuziehen. Das Spiel mit einer Spule, die nach ihrem jähen Verschwinden wieder zum Erscheinen gebracht werden, kann, lässt sich als eine Inszenierung verstehen, die den Sinn hat, symbolisch der immer gegenwärtigen Möglichkeit eines unumkehrbaren Verlustes etwas entgegen zu setzen. Neben den beglückenden Gefühlen einer zunehmenden Bindung an ein geliebtes Objekt entstehen auch die unangenehmen Gefühle, die mit der Möglichkeit eines unwiederbringbaren Verlustes des geliebten Objektes zusammenhängen. Diesen Gefühlen kann vorbeugend etwas entgegengesetzt werden und zwar in der Form einer solchen Inszenierung, die das Kind an die magische Macht eines bestehenden Bandes glauben lässt, welche eine wirkliche Trennung gar nicht zulässt. Das Spiel mit der Holzspule zeigt auf eine symbolische Weise, dass etwas, was schon als verloren gegangen schien, zu einem Wiederkommen gebracht werden kann.
In dem Blickkontaktspiel und in dem Schöpfungsspiel ganz allgemein geht es aber, wie mir scheint, um etwas Anderes, um etwas noch Grundlegenderes: Dem Säugling geht es offenbar darum, sich als ein erschaffendes Wesen zu erfahren, und, indem er die Mutter anlächelt, gleichsam die Sonne aufgehen zu lassen. Die Wiederholung hat hier also nicht die Bedeutung, etwas bereits im Besitz Befindliches zu sichern oder einer Verlustgefahr zu trotzen, wie es in dem Holzspulenspiel die Sache zu sein scheint, sondern es geht hier, im Falle des Schöpfungsspiels, um die am liebsten nicht enden sollende Erfahrung eines Erschaffenkönnens. Die Überlegungen zu den ganz frühen Beobachtungen scheinen also eher auf eine ganz elementare und bisher noch zu wenig berücksichtigte Seite des Seelischen aufmerksam zu machen.
Mit dem Schöpfungsspiel des Säuglings kann der schlimmsten Gefahr im Sinne einer Vorbeugung etwas entgegengesetzt werden, und zwar im Sinne einer Stärkung: Der Säugling pumpt sich gleichsam auf mit einem Gefühl für das Herstellenkönnen eines inneren Bandes. Jetzt kann ruhig die eine oder andere Verbindung einmal reißen, er wird es mit der Herstellung eines neuen Bandes wieder versuchen und er wird es schaffen.

Typische Gefahren und Gefahrenabwehr


Eine Gefahr für die erste Form seelischer Entwicklung...
ist dann gegeben, wenn das sich selbst genießende Zusammenspiel, welches der Säugling immer wieder herzustellen versucht, von seinem Gegenüber behindert wird. Das ist z.B. der Fall, wenn eine Mutter die Einladungen in ein solches Spiel ganz einfach übersieht und sich beim Wickeln z.B. vorrangig auf das Saubermachen (Realitätsprinzip) konzentriert. Ein Kind kann sich dagegen „wehren", in dem es sich abwendet und im schlimmsten Falle jede Resonanz verweigert. Anstelle einer Abwehr im engeren Sinne hat der Säugling aber auch die Möglichkeit, sich vorbeugend auf die Abrisse und Behinderungen durch Wiederholung stark zu machen. Dem Fötus und späteren Säugling tut es gut, wie W.E. Freud sagt, wenn er sich schon im Mutterleib so eine Art von „seelischer Immunität" zulegen kann. Dazu hat er ausreichend Gelegenheit in einem schon intrauterin stattfindenden, sich selbst geniessenden und weitgehend von rhythmischen Erfahrungen bestimmten Zusammenspiel - vorausgesetzt, es kommt nicht zu einer Vertreibung aus dem Zusammensein wie bei einer Frühgeburt. Auch der Säugling sucht sich in einer ähnlichen Weise „stark" zu machen. Wenn wir an das „Schöpfungsspiel" denken, so legt sich nahe, auch hier an einen Übungseffekt zu denken. Dieser versetzt den Säugling in die Lage, eine Erwartungshaltung aufzubauen, welche ihm in erfolglosen Situationen „sagt": „Es wird schon wieder gelingen, in den glückseligen Zustand hineinzukommen".
In den beiden nachfolgenden Seelenräumen, die unsere Psyche in ihrer Entwicklung noch durchwandern muss, gibt es andere Gefahren und ebenso die dazu passenden Formen der Bearbeitung. Hier sind erst mal die frühen Abwehrmechanismen zu nennen:
 
In der Phase, in der das Getragensein thematisch ist, und zwar dyadisch organisiert
nach dem Vorbild der Mutter-Kind-Beziehung,...

können verschiedene Formen eingesetzt werden, die dem Kind erst mal eine archaische, einfache Lösung ermöglichen, die nach einem Aufschub dann zusammen mit der Mutter durch eine höhere, leistungsfähigere Verarbeitung ergänzt werden kann. Ich erinnere an den von Anna Freud beschriebenen Mechanismus der Identifikation mit dem Angreifer und an den Mechanismus des Ungeschehenmachens. Auch die so genannte Aufspaltung eines „Objekts" in zwei Teile, die keinen Kontakt mehr zueinander haben, gehört hier hin.
Typisch für diesen zweiten Seelenraum ist es, dass dem Kind etwas zustößt, das wie ein Einbruch in ein Allmachtsgefühl erlebt werden kann. Ein solches, eigentlich nur zu einer allmächtigen Person passendes Grundgefühl ist nämlich unterschwellig immer mit im Spiel, in diesem besonderen „Entwicklungsraum", wo doch das Psychische sich ausdrücklich als getragen, beschützt und als nicht hinterfragbar geliebt wähnen darf.

In der dritten Phase,...
in der die Verantwortlichkeit des Einzelnen wie eine Erwartung an das Seelische durchgehend Einfluss nimmt, haben wir wiederum einer anderen Art von seelischer Gefahr zu begegnen: Alles, auch das, was wir mit den besten Absichten und dem größten Einsatz unternehmen, kann sich ohne unser besonderes Verschulden in seiner Wirkung plötzlich gegen uns richten. Alles was wir tun hat also eine Kehrseite und die kann uns „erwischen". Mit unserer Fähigkeit (Haltung), Zwiespältiges auszuhalten, Paradoxes zuzulassen, schaffen wir es, auf diese Momente hin irgendwie „vorbereitet" zu sein. Wir wandeln in diesem Sinne einfache Antriebe, die uns im Falle einer sexuellen Versuchung z.B. in Probleme mit unserem Lebenspartner bringen könnten, „vorsorgend" in etwas anderes um, und zwar in etwas „kulturell" Nützliches - wie man so schön sagt -und schreiben dann vielleicht für das Feuilleton in einer Zeitschrift ein Gedicht: Wir sublimieren also (um einen von Freud so benannten „Mechanismus" zu erwähnen).
Wir suchen also, anders als wir es in den Abwehrformen der zweiten Räumlichkeit tun, mit den möglichen Kehrseiten unserer Wirklichkeit in Kontakt zu sein, wenn auch oft nur auf eine latente Weise. Im negativen Falle verfängt sich das Seelische aber darin und versucht alles zu tun, damit eine bestimmte Kehrseite niemals eintreten kann. Dabei wird die ungeliebte Seite einer Entwicklung so behandelt, als hätten wir ein perfektes Mittel, ihr zu entgehen. Eine „Verdrängung" der beunruhigenden Impulse findet statt und wir verwickeln uns dabei in einen dauerhaften und unverhältnismäßig großen Aufwand. Der zunehmende Aufwand dient am Ende nur noch dazu, das Wegdrängende gegen die „Versuchung" aufrecht zuerhalten, die unglücklicher Weise aber so gerade nicht schwächer wird.

Die seelischen Anfänge als Gleichnis genommen


Aus der bildanalytischen Sicht können wir uns mit den gewonnenen Erkenntnissen zu den ganz frühen seelischen Formen und mit der bis dahin von uns ins Bild gebrachten Eigenart der seelischen Anfänge noch nicht so ganz zufrieden geben. Wir müssen vielmehr noch versuchen, die besagten Verhältnisse als ein Gleichnis zu sehen: Seelische Anfänge finden wir nämlich in vielerlei Zusammenhängen vor, so z.B., wenn wir Kontakt zu jemandem aufnehmen, eine Reise antreten oder auch wenn wir uns verlieben. Das bildanalytische Denken geht nun davon aus, dass wir die beobachteten strukturellen Besonderheiten von der konkreten Erfahrung - am Fötus z.B. - übertragen können auf äußerlich jedenfalls davon ganz verschieden geartete Zusammenhänge. Vielleicht sollten wir uns das zum Abschluss noch an einem Beispiel verdeutlichen.
Wie ist es denn, wenn sich zwei verlieben? Auch hier passiert etwas, das wie ein sich selbst genießendes Zusammenspiel beschrieben sein will. Bei frisch Verliebten kann man es regelrecht spüren, dass die Chemie stimmt. Irgend etwas Verbindendes geschieht, was den Umgang miteinander trägt und etwas Entwicklungsträchtiges hat. Es liegt gleichsam in der Luft, dass sich etwas entwickeln will. Wenn einer der beiden Verliebten jetzt zu früh versuchen würde, die Beziehung „in trockene Tücher" zu bringen und auf Sicherheiten und feste Zusagen drängt, gut begründet damit, dass ein Liebesverhältnis doch auch die Zuverlässigkeit und das Bekenntnis braucht, würde er der Weiterentwicklung der Liebesbeziehung wahrscheinlich schaden: Die sich entwickelnde Liebe braucht zunächst etwas anderes. Sie muss im Sinne eines „Sich-selbstgeniessenden Zusammenspiels" erst einmal sich selbst ganz stark spüren und immer wieder zu spüren bekommen, bevor dann die Logik der reiferen Formen wieder einen größeren Raum einnehmen darf.

Ganz in diesem Sinne mag sich der Leser ebenfalls erst einmal auf das Spiel der Wirkungen und Einfälle einlassen, die ihn bei der Lektüre begleiten, So kann nach dem Gleichnis der frühen Entwicklung auch in diesem Falle etwas neues Seelisches seinen Anfang nehmen. 



Autor: Werner Mikus

Der Artikel ist erstveröffentlicht in der Fachzeitschrift Entwicklungstherapie
Titel des Originalbeitrags:
"Zur Frage nach den Anfängen des Seelischen" 
- W. E. Freuds Beitrag zur analytischen Säuglingsbeobachtung als Ansatz zu einer Theoriebildung -
Heft Nr. 2 Entwicklungstherapie - 2002; Werner Mikus
(der vorliegende Beitrag enthält kleine Formulierungsverbesserungen und andere Überchriften als im Original)

Bildquelle: Grafik, Werner Mikus

Samstag, 22. November 2014

Friedrich Nietzsche in Sonettform


Erster Akt (Nietzsche spricht für sich selbst)

Nietzsche soll ich Euch erklären?
Und vom schiefen Bild befrei'n!
Hört den Friedrich aufbegehren:
"Nur in kein System hinein!

Will Euch zu Euch selbst versuchen,
Das will mir das Höchste sein -
Selbst den Priester und Eunuchen
Lad' ich zum Versuch mir ein.

Wirklichkeit ich rolle Dich
Von Gleichnissen her auf -
Nimm nur Deinen Lauf!

Psychodoxem zolle ich
Jeglichen Tribut:
- Entwicklung find ich gut!"


Zweiter Akt (Gegenrede) 

Das hab' bildlich ich vor Augen,
Wie sich Nietzsche sträubt und ziert.
Seinen Stoff kann jeder saugen.
Hat er *dafür* promoviert?

Tröstend ist, daß seine Schriften
"Online" bleiben wie vorher.
Ob sie schließlich Frohsinn stiften,
Lehrt die "ew'ge Wiederkehr".

Es wird durch des Netzes Weiten,
"Zarathrustra" sich verbreiten
- Mit etlichem Getöse:

"Ecce homo!" Nach dem Sieg
Ist so mancher Online-Freak
"Jenseits von Gut und Böse".


Dritter Akt (Einladung zu einem fröhlichen "über ihn hinaus")

Gegen das "System" gesetzt
Steht ein andrer Wert:
Aphoristisch denk' ich jetzt,
So! hat er's gelehrt.

Also, so im großen Ganzen -
Abgesehn von Friedrichs "Sieg",
Seh' erfreut ich Dich hier tanzen,
Tanze Oliver, dann flieg!

Doch wer weiß ob Nietzsches Schriften
Frohsinn mehr als Ärger stiften
Seine Wirkung vorteilhaft?

Sollten wir uns nicht verbünden
Einen Flugverein hier gründen:
Kurz: "Fröhliche Wissenschaft"?


Autor: Werner Mikus Akt 1 und Akt 3,
           Akt 2. schrieb Oliver Jansen 

Bildquelle: Strichzeichnung Werner Mikus

Sonntag, 16. November 2014

Der Psychologe Wilhelm Salber



Ein kleines, persönliches Nachdenken über ihn:

Wilhelm Salber entwickelte die Morphologische Psychologie, eine Art Relativitätstheorie innerhalb der Psychologie. Leider wurden seine Konzepte trotz zahlreicher Bücher (35) und Veröffentlichungen (rund 200) innerhalb der akademischen Welt, in der er selbst als ordentlicher Professor (30 Jahre Institutsleitung Uni Köln) tätig war, kaum angenommen. Sie werden auch heute noch, weil sie das Denken in festen Kategorien brechen, von nur wenigen verstanden.

Wilhelm Salber mit seinem Denken, das jedes "preußische" Wissenschaftsverständnis hinter sich lässt, war für mich als Student und Mitarbeiter ein exzellenter Lehrer. An die Stelle der "heiligen Sakramente" einer operationalisierenden Evaluation, stellte er die hochkomplexe, sprachbildliche Beschreibung und ließ sich nicht darin beirren. Er war noch mit 88 Jahren († 2. Dezember 2016) in diesem Sinne schreibend und supervisorisch tätig.

Morphologie des Seelischen und die Bildanalytische Psychologie

Wie sollte es eine darauf aufbauende Bildanalytische Psychologie, wie sie von mir und einigen Mitdenkern seit mehr als 25 Jahren entwickelt wird, leichter haben. Geht diese doch über ein Relativieren-Können des rein personenbezogenem Seelischen - welches ja durch das morphologische Denken in Wirkungseinheiten jetzt auch kontrolliert möglich war - noch einmal hinaus: Mit der Bildanalytik bekommt die Psychologie nämlich ein weiteres Problem hinzu:

Das neue Problem: Bruch mit dem Determinismus

Dabei geht es der Psychologie ähnlich, wie es gerade noch der relativistisch erneuerten Physik mit dem Aufkommen eines *in-deterministischen* Denkens durch die Quantenphysik ergangen ist.
In der Bildanalytischen Psychologie versuchen wir nämlich alles Seelische von den "erlebbaren Zusammenhängen" her zu verstehen: Erleben ist demnach eine verfestige Form solcher "Erlebbaren (sprachbildlichen) Zusammenhänge" und folgt - noch bevor es aus Solchem hervorgeht - Regeln, die uns in Einigem noch fremd sind und die es noch zu erforschen und zu beschreiben gilt. 

Autor: Werner Mikus


Tiefenpsychologie, Morphologie, Bildanalytik
- Erforschung der sprachbildlichen Zusammenhänge -
(Werner Mikus) 2015

Mehr über eine Psychologie der erlebbaren Zusammenhänge:
(Werner Mikus) 2013

Bildquelle: Strichzeichnung Werner Mikus



Samstag, 15. November 2014

Wie fängt alles Seelische an?

- W. Ernest Freud, als Ideengeber für eine spannende Frage -


W.E. Freud ist in der Fachwelt wenig bekannt. Aber er setzte mit seinem Wirken etwas fort, was durch den Großvater Sigmund Freud 
mit der Erforschung der konflikthaften Natur des Seelischen begonnen hatte und mit der Erforschung der dyadisch magischen Natur des Seelischen durch Anna Freud (seiner Tante, in deren Obhut er nach dem Tod der Eltern gekommen war) weitergeführt wurde. Er setzte das "Unternehmen" fort indem er sich auf den Weg machte, die sich selbst hervorbringende und allererste Formen setzen könnende Natur des Seelischen zu studieren. Erste "Formen" seelischer Art glaubte er schon im vorgeburtlichen Stadium eines menschlichen Wesens vorfinden zu können. Und so wurde für ihn die Säuglings- Frühchenforschung zum bevorzugten Forschungsfeld.


Vom "Sich selbst genießenden Zusammenspiel":
  

Beobachtungen an den Kleinen, die viel zu früh geboren waren, den "Frühchen", waren es vor Allem, die W. Ernest Freud Anregungen dazu gaben, der Frage nach den allerersten Anfängen von psychischen Zusammenhängn im Leben eines Menschen, gezielt, methodisch nachzugehen. Seine Beobachtungen waren sehr interessant und sind, wie ich meine wegweisend in einem unerwarteten, über die Frühchenforschung hinausgehenden Sinn. Sie weisen für mich auf ein Prinzip hin, welches ich im Folgenden auf eine Formel bringen werde, auf eine Formel, die sich dazu eignet auch als Modell für eine Analyse der vielfältigen späteren bzw. reiferen seelischen Formen genommen zu werden. Demnach scheint mir eine aller­erste Form der seelischen Existenz in der Art eines sich selbst genießen­den Zusammenspiels zu liegen. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel von Teilen nach Art eines spielerischen sich Zusammenfindens. Beim Erwachsenen finden wir das z.B. sehr deutlich in der Form des Tanzens wieder. Einzelheiten stimmen sich gleichsam untereinan­der ab zu einer "Bewegung" bzw. zu einem Bewegungsganzen. Es hebt sich etwas innerlich Verbindendes heraus, was nicht aus Anderem einfach ableitbar ist, aber höchst beeindruckend Verschiedenes für eine Zeitlang (Eigendyna­mik) zusammenhält. Vielleicht sind im konkreten Falle die Hand des Fötus und die Nabelschnur in einem Spiel verwoben. Und auch nach der Geburt spielt dieses Prinzip eine ganz wichtige Rolle in der Auseinandersetzung mit der Welt. Der Säugling versucht nach der Trennung aus der vertrauten Form des Zu­sammenseins mit der Mutter immer wieder, auch in der neuen Welt da draußen so ein sich selbst genießendes Zusammenspiel herzustellen. Das erweist sich als besonders wichtig, wenn das Zusammensein durch eine Frühgeburt gestört worden ist. W.E. Freud meint hierzu, der normale Fötus entwickele eine Art von psychischer Immunität im Mutterleib gegen spätere Belastungen, wenn ganz viele Erfahrungen im Sinne eines solchen Zusammen­spiels im intrauterinen Stadium stattgefunden haben, z.B. Erfahrungen rhythmischer Art, die als die einfachste Form innererer Abstimmung und Synchronie angesehen werden können.

Schöpfungsspiel 

Wenn wir die Eigenaktivität des Fötus und des frühen Säuglings noch etwas mehr in den Mittelpunkt rücken, wird eine weitere Qualität des Zusammenspiels sichtbar. Schauen wir uns hierzu das Blickkontaktspiel des Säuglings an. Durch neuere Beobachtungen ist bekannt, dass der Säugling nach einem "berauschenden" Blickkontakt mit der Mutter ohne ersichtlichen Grund seinen Blick oft rasch wieder von ihr abwendet, obwohl dieser vom Säugling selbst hergestellt wurde und offensichtlich etwas für Mutter und Säugling Berauschendes hat. Dem Beobachter scheint es, als habe er, der kleine Säugling, gerade die Sonne aufgehen lassen (und so in etwa dürfen wir nach der von Daniel Stern empfohlenen Ein­fühlmethode uns auch versuchen, in die Gefühlswelt des Kleinen hineinzuversetzen). Außerdem gibt es in den beobachteten Situationen keinen Hinweis auf eine Überreizung oder auf etwas ähnlich Abzuwehrendes, was das Wegdrehen des Köpfchens auf eine einfache Weise erklären könnte. Wir müssen deshalb etwas anderes annehmen, was einem solchen "Rückzug" des Säuglings Sinn gibt. Meine Vermutung besteht darin, dass der Säugling dieses Spiel ganz ein­fach wiederholen will. Er will noch einmal die Sonne aufgehen lassen, weil es eben so berauschend schön ist. Für mein Verstehen handelt es sich hier um eine Art von "Schöpfungsspiel".

Kontrabeispiel Holzspule
Weil es hier um eine Wiederholung geht, könnten wir nun versucht sein, hier das gleiche Prinzip wirken zu sehen, was wir schon von dem, aus der psychoanalytischen Literatur bekanntem Holzspulenspiel des Kleinkindes kennen. Freud hatte hier an seinem 1 ½ Jahre alten Enkel (dem späteren W. Ernest Freud) eine interessante Beobachtung gemacht. Das beobachtete Kind warf wieder und wieder eine Spule, die an einem Faden befestigt war, in das Innere eines verhängten Bettchens hinein, um es dann mit einem freudi­gen "Da" wieder hervorzuziehen. Das Spiel mit einer Spule, die nach ihrem jähen Verschwinden wieder zum Erscheinen gebracht werden, kann, lässt sich als eine Inszenierung verstehen, die den Sinn hat, symbolisch der immer gegenwärtigen Möglichkeit eines unumkehrbaren Verlustes etwas entgegen zu setzen. Neben den beglückenden Gefühlen einer zunehmen­den Bindung an ein geliebtes Objekt entstehen auch die unangenehmen Gefühle, die mit der Möglichkeit eines unwiederbringbaren Verlustes des geliebten Objektes zusammenhängen. Diesen Gefühlen kann vorbeugend etwas entgegengesetzt werden und zwar in der Form einer solchen Insze­nierung, die das Kind an die magische Macht eines bestehenden Bandes glauben lässt, welche eine wirkliche Trennung gar nicht zulässt. Das Spiel mit der Holzspule zeigt auf eine symbolische Weise, dass etwas, was schon als verloren gegangen schien, zu einem Wiederkommen gebracht werden kann.

Die Sonne aufgehen lassen  
In dem Blickkontaktspiel und in dem Schöpfungsspiel ganz allgemein geht es aber, wie mir scheint, um etwas Anderes, um etwas noch Grundlegen­deres: Dem Säugling geht es offenbar darum, sich als ein erschaffendes Wesen zu erfahren, und, indem er die Mutter anlächelt, gleichsam die Sonne aufgehen zu lassen. Die Wiederholung hat hier also nicht die Be­deutung, etwas bereits im Besitz Befindliches zu sichern oder einer Verlust­gefahr zu trotzen, wie es in dem Holzspulenspiel die Sache zu sein scheint, sondern es geht hier, im Falle des Schöpfungsspiels, um die am liebsten nicht enden sollende Erfahrung eines Erschaffenkönnens. Die Überlegungen zu den ganz frühen Beobachtungen scheinen also eher auf eine ganz elementare und bisher noch zu wenig berücksichtigte Seite des Seelischen aufmerksam zu ma­chen.

Mit dem Schöpfungsspiel des Säuglings kann der schlimmsten Ge­fahr im Sinne einer Vorbeugung etwas entgegengesetzt werden, und zwar im Sinne einer Stärkung: Der Säugling pumpt sich gleichsam auf mit einem Gefühl für das Herstellenkönnen eines inneren Bandes. Jetzt kann ruhig die eine oder andere Verbindung einmal reißen, er wird es mit der Herstel­lung eines neuen Bandes wieder versuchen und er wird es schaffen.

Gefahren und Gefahrenabwehr (dreimal gedreht)


...in der Entstehungsphase von Seelischem

Eine Gefahr für die erste Form seelischer Entwicklung ist dann gegeben, wenn das sich selbst genießende Zusammenspiel, welches der Säugling immer wieder herzustellen versucht, von seinem Gegenüber behindert wird. Das ist z.B. der Fall, wenn eine Mutter die Einladungen in ein solches Spiel ganz einfach übersieht und sich beim Wickeln z.B. vorrangig auf das Saubermachen (Realitätsprinzip) konzentriert. Ein Kind kann sich dagegen "wehren", in dem es sich abwendet und im schlimmsten Falle jede Reso­nanz verweigert. Anstelle einer Abwehr im engeren Sinne hat der Säugling aber auch die Möglichkeit, sich vorbeugend auf die Abrisse und Behinderungen durch Wiederholung stark zu machen. Dem Fötus und späteren Säugling tut es gut, wie W.E. Freud sagt, wenn er sich schon im Mutterleib so eine Art von "seelischer Immunität" zulegen kann. Dazu hat er ausreichend Gelegenheit in einem schon intrauterin stattfindenden, sich selbst geniessenden und weitgehend von rhythmischen Erfahrungen bestimmten Zusammenspiel - vorausgesetzt, es kommt nicht zu einer Vertreibung aus dem Zusammensein wie bei einer Frühgeburt. Auch der Säugling sucht sich in einer ähnlichen Weise "stark" zu machen. Wenn wir an das "Schöpfungsspiel" denken, so legt sich nahe, auch hier an einen Übungseffekt zu denken. Dieser versetzt den Säugling in die Lage, eine Erwartungshaltung aufzubauen, welche ihm in erfolglosen Situationen "sagt": "Es wird schon wieder gelingen, in den glückseligen Zustand hineinzukommen".

...in der magisch-präambivalenten Phase Seelischer Entwicklung
In den beiden nachfolgenden Seelenräumen, die unsere Psyche in ihrer Entwicklung noch durchwandern muss, gibt es andere Gefahren und ebenso die dazu passenden Formen der Bearbeitung. Hier sind erst mal die frühen Abwehrmechanismen zu nennen: In der Phase, in der das Getragensein thematisch ist und zwar nach dem Vorbild der Mutter-Kind-Beziehung dya­disch organisiert, können verschiedene Formen eingesetzt werden, die dem Kind erst mal eine magische, einfache Lösung ermöglichen, die nach einem Aufschub dann zusammen mit der Mutter durch eine höhere, leistungsfähigere Verarbeitung ergänzt werden kann. Ich erinnere an den von Anna Freud beschriebenen Mecha­nismus der Identifikation mit dem Angreifer und an den Mechanismus des Ungeschehenmachens. Auch die so genannte Aufspaltung eines "Objekts" in zwei Teile, die keinen Kontakt mehr zueinander haben, gehört hier hin. Typisch für diesen zweiten Seelenraum ist es, dass dem Kind etwas zustößt, das wie ein Einbruch in ein Allmachtsgefühl erlebt werden kann. Ein solches, eigentlich nur zu einer allmächtigen Per­son passendes Grundgefühl ist nämlich unterschwellig immer mit im Spiel, in diesem besonderen "Entwicklungsraum", wo doch das Psychische sich ausdrücklich als getragen, beschützt und als nicht hinterfragbar geliebt wähnen darf.

...in der konfliktbewehrten Phase des Seelischen
In der dritten Phase, in der die Verantwortlichkeit des Einzelnen wie eine Erwartung an das Seelische durchgehend Einfluss nimmt, haben wir wie­derum einer anderen Art von seelischer Gefahr zu begegnen: Alles, auch das, was wir mit den besten Absichten und dem größten Einsatz unterneh­men, kann sich ohne unser besonderes Verschulden in seiner Wirkung plötzlich gegen uns richten. Alles was wir tun hat also eine Kehrseite und die kann uns "erwischen". Mit unserer Fähigkeit (Haltung), Zwiespältiges auszuhalten, Paradoxes zuzulassen, schaffen wir es, auf diese Momente hin irgendwie "vorbereitet" zu sein. So wandeln wir einfache Antriebe, die uns im Falle einer sexuellen Versuchung z.B. in Probleme mit unserem Lebens­partner bringen könnten, "vorsorgend" in etwas anderes um, und zwar in etwas – wie man so schön sagt - "kulturell" Nützliches und schreiben dann vielleicht für das Feuilleton in einer Zeitschrift ein Gedicht: Wir sublimieren also (um einen von Freud so benannten "Mechanismus" zu er­wähnen).

Wir suchen also, anders als wir es in den Abwehrformen der zweiten Räumlichkeit tun, mit den möglichen Kehrseiten unserer Wirklichkeit in Kontakt zu sein, wenn auch oft nur auf eine latente Weise. Im negativen Falle verfängt sich das Seelische aber darin und versucht alles zu tun, damit eine bestimmte Kehrseite niemals eintreten kann. Dabei wird die ungeliebte Seite einer Entwicklung so behandelt, als hätten wir ein perfektes Mittel, ihr zu entgehen. Eine "Verdrängung" der beunruhigenden Impulse findet statt und wir verwickeln uns dabei in einen dauerhaften und unver­hältnismäßig großen Aufwand. Der zunehmende Aufwand dient am Ende nur noch dazu, das Wegdrängende gegen die "Versuchung" aufrecht zu erhalten, die paradoxer Weise, so aber nicht schwächer wird.


Die seelischen Anfänge als Gleichnis genommen

Aus der bildanalytischen Sicht können wir uns mit den gewonnenen Erkenntnissen zu den ganz frühen seelischen Formen und mit der bis dahin von uns ins Bild gebrachten Eigenart der seelischen Anfänge noch nicht so ganz zufrieden geben. Wir müssen vielmehr noch versuchen, die besagten Verhältnisse als ein Gleichnis zu sehen: Seelische Anfänge finden wir nämlich in vielerlei Zusammenhängen vor, so z.B., wenn wir Kontakt zu jemandem aufnehmen, eine Reise antreten oder auch wenn wir uns verlieben. Das bildanalytische Denken geht nun davon aus, dass wir die beobachteten strukturellen Besonderheiten von der konkreten Erfahrung - am Fötus z.B. - übertragen können auf äußerlich jedenfalls davon ganz verschieden geartete Zusammenhänge. Vielleicht sollten wir uns das zum Abschluss noch an einem Beispiel verdeutlichen.

Ein Beispiel zum Schluss:
Wie ist es denn, wenn sich zwei verlieben? Auch hier passiert etwas, das wie ein sich selbst genießendes Zusammenspiel beschrieben sein will. Bei frisch Verliebten kann man es regelrecht spüren, dass die Chemie stimmt. Irgend etwas Verbindendes geschieht, was den Umgang miteinander trägt und etwas Entwick­lungsträchtiges hat. Es liegt gleichsam in der Luft, dass sich etwas entwi­ckeln will. Wenn einer der beiden Verliebten es zu früh versuchen würde, die Beziehung "in trockene Tücher" zu bringen und zu schnell auf Sicherheiten und feste Zusagen drängt, gut begründet damit, dass ein Liebesverhältnis auch die Zu­verlässigkeit und das Bekenntnis braucht, würde er der Weiterentwicklung der Liebesbezie­hung sehr wahrscheinlich schaden: Die entstehende Liebe braucht zunächst etwas anderes: Sie muss im Sinne eines "Schöpfungsspiels" sich erst einmal selbst noch (er)finden und sich als ein gelebtes Hin- und Her in Erfahrung bringen (sich also diesem "Spiel" des Anfangs aussetzen), bevor dann die Logik der reiferen Formen einen größeren Raum einnehmen kann.).

Ganz in diesem Sinne mag sich der Leser ebenfalls erst einmal auf das Spiel der Wirkungen und Einfälle einlassen, die ihn bei der Lektüre begleiten, So kann nach dem Gleichnis der frühen Entwicklung auch in diesem Falle etwas neues Seelisches seinen Anfang nehmen.  

Autor: Werner Mikus

Der Beitrag im Ganzen
ist in der Fachzeitschrift Entwicklungstherapie veröffentlicht worden:
- der Beitrag hier vor Ort gibt Auszüge daraus wieder
   mit einer veränderten Einführung und Abschlussbemerkung.
- Der Originalartikel ist auch in diesem Blog lesbar
   oder in der Fachzeitschrift Entwicklungstherapie unter folgendem Titel:
Titel des Originalbeitrags:
"Zur Frage nach den Anfängen des Seelischen" 
- W. E. Freuds Beitrag zur analytischen Säuglingsbeobachtung als Ansatz einer Theoriebildung -
Heft Nr. 2 Entwicklungstherapie - 2002; Werner Mikus


Literaturempfehlung:


Remaining in touch
Zur Bedeutung der Kontinuität früher Beziehungserfahrungen
W. Ernest Freud
Verlags-Info zu "Remaining in touch"
Sigmund Freud Zentralbuchhandlung, Edition Déjà-vu
Vortrag W. Ernest Freuds
Vortrag zur Tagung des Psychosozialen Forums „Psychologie ist nicht Heilkunde“ (1988)
W. Ernest Freud
Fachzeitschrift Entwicklungstherapie, Heft2 2004)

Nachruf von Hans Lüpke
(pdf-Datei) 

Nachruf-Video mit Audio-Redeausschnitt
(W. Ernest Freud starb im Sept. 2008)

Bildquelle: 
Strichzeichnung von Werner Mikus

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Das gewaltig gewachsene sprachbildliche Differenzierungspotenzial


Obertöne als Gleichnis

Als man in der Musik die Obertöne entdeckte, nahm die Möglichkeit, individuelle Tonklänge zu bilden, schier unbegrenzt zu. Warum? Weil von da an auf alle Töne verschiedene Obertöne zur Ton-Farbgestaltung "draufgesetzt" werden konnten. 


In der sprachbildlichen Welt 

gab es in der neueren Zeit eine ähnliche Entdeckung - allerdings noch kaum in Gänze erkannt: Hier treten an die Stelle der Obertöne die *wechselnden Kontexte*, so dass die sprachlichen Bilder jedes mal, etwas anderes bedeuten. In der sprachbildlichen Welt entsteht dadurch ein sich sprunghaft vergrößerndes methodisches Differenzierungspotential.

Wie ein neuer Kontinent

Die sprachbildliche Welt ist auf diese Weise zu einer Art "Neuen Welt" (Amerika) geworden. Wahrscheinlich war es Sigmund Freud (Columbus), der den Weg hierhin gefunden hatte, auch wenn wie zufällig und erst mal ohne genauere Vorstellung von dem was am Ende tatsächlich daraus entstehen sollte.

Abschütteln des Kolonialen

Auf diesem neuen Terrain sollte es mit Blick auf die Zukunft gelten, alles "Koloniale" abzuschütteln und neue, vorbildhafte Formen der Organisation auszuprobieren. Und natürlich müsste hin zu diesem Kontinent auch eine gut funktionierende "Schiffahrtslinie" aufgebaut werden. :)

Autor: Werner Mikus

Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Mitobertoenen.gif


Sonntag, 26. Oktober 2014

Sprachbildliche Macht

Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: Auf der facebook-Seite "Lust auf Reimen" habe ich einen kleinen Vers abgesetzt, den ich vor dem schnellen Untergehen im facebookstream retten möchte:




Die Sprache ist ein Instrument,
Das Vieles, nur nicht Gnade kennt; 

Am Liebsten spiel ich mit ihr rum
Allein und ohne Publikum.


Werner Mikus


Bildquelle: http://gutezitate.com/zitate-bilder/zitat-es-ist-unmoglich-die-menschen-zu-kennen-ohne-die-macht-der-worte-zu-kennen-sigmund-freud-153184.jpg

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Sprachliche Bilder als Gemeingut entwickeln


Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: In der facebook-gruppe Psychologie des 21ten Jahrhunderts  hatte ich auf Jeremy Rifkin hingewiesen, der in seinem Buch "Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft" auf die Bedeutung des Gemeingutes für unsere Zukunft hinweist. Ich denke, dass die Ressource unserer sprachlichen Bilderwelt in einem Punkt überraschend vergleichbar ist mit der Ressource eines z.B. elektromagnetischen Raumes, der um uns herum ist: Sie wird zu einem unheimlichen Reichtum, (wie in der neueren Wellennutzungstechnik) weil wir verstehen, mit dieser Quelle auf einer extrem expandierenden Weise, etwas anzufangen. Das Gemeingut sprachliche Bilderwelt verlangt nach einer Behandlung die sich nicht mehr an dem Muster Eigentum und Besitztum orientiert. In diesem Sinne wollte ich den Leser neugierig machen.



In der Welt der sprachlichen Bilder

geht es um ein Gut, was der Mensch für seine Interessen einsetzen kann, als ein mächtiges Medium. Was das aber genau bedeutet, wird erst heute richtig deutlich; Nachdem wir nämlich Methoden entwickelt haben, die es uns erlauben, auch äußerst komplexe seelische Zusammenhänge (sowohl die kleinen, die uns meist zu nah sind, als auch die großformatigen, die uns meist zu fern sind) in Bildern und Gleichnissen nachzubilden und im gewünschten Sinne zu beeinflussen (Bildanalytische Psychologie). Die Psychoanalyse z.B. war hierzu ein erster wichtiger Anstoßgeber.


Was ich als wichtig heausstellen möchte: 


Es geht um ein Gemeingut!

Bis dahin... 

...hatte dieses "Gut" allerdings der "Verwaltungshoheit" der Kirche unterstanden: Sie bestimmte (oder setzte die Menschheit ins Bild) über das Was und Wie der Wirkungen und Geltungen im Umgang untereinander und im Umgang mit der "Schöpfung" im Ganzen.

Später 

traten dann die verschiedenen Wissenschaften (Bereichswissenschaften) auf den Plan und erhoben den Anspruch anstelle der Kirche Deutungs- und Definitionsmacht zu besitzen - wobei sie durch ein Herunterbrechen ihrer Sprachbilder auf "reine" Begriffe, zu einer kontextblinden Benutzung von Gleichnissen und Bildern beitrugen.

Mit einer Psychologie des 21. Jahrhunderts... 

(und das ist neu) explodieren allerdings unsere Möglichkeiten in Bildern und Gleichnissen methodisch kontrolliert und gezielt komplexeste Zusammenhänge zu beschreiben und sie auf diesem Wege auch aufs Vielfältigste nutzbar machen zu können.

Bildverwalter

Dieser Entwicklung stehen allerdings auch neue "BILDVERWALTER" entgegen. Da sind z.B. die mächtigen Ausbildungs-Vereine der Psychoanalyse mit ihrem festlegenden Bildern von einem Ödipus, Narzismus etc und da stehen Institutionen, wie die der Ärzte- und der Psychotherapeutenkammern (mit ihren fetstlegenden Bildern von Depression, Abhängigkeit, Melancholie krankheitswertigem Leid usw.). In beiden Gruppierungen werden Bildverhältnisse gerne wie ein Eigentum behandelt, das man lizensieren und wie eine Art von Ware auf einen (in diesem Falle heilkundlichen) oder auch berufsausbildenden Markt bringen kann.

Eine Bildanalytische Psychologie dagegen

will die Beschäftigung mit der Seele (Psyche in einem erweiterten Sinne) durchlässig machen für die Entwicklung auf eine Gesellschaft hin, die gleichsam monopolfrei mit dem GEMEINGUT einer BILDERWELT umzugehen weiß. Die sprachbildliche Welt muss von uns umsichtig kultiviert werden, damit NICHT bestimmte Bilder irgendwelche Zusammenhänge versklaven und sich unschuldig in den Dienst bestimmter Vereine (Institutionen oder Personen) stellen. 

Schritt für Schritt

muss eine solche, neue Organisationsform für das expandierende Medium "Gleichnis und Bild" entwickelt werden (die dazugehörenden Methoden einschließend), Es geht um eine Form, die dem Qualitäts-Merkmal eines Gemeingutes folgt. Das Psychosoziale Forum (Wissenschaftliche Gesellschaft für Bildanalytische Psychologie) wurde 1986 zu diesem Zwecke gergründet. Und es gibt hier bereits eine nunmehr beinah 30jährige Erfahrung darin, dieses Ziel gemeinschaftlich zu verfolgen. Hierbei stehen hilfreich auch Weiterbildungen eines neuen Typs zur Verfügung. Nicht zuletzt tragen auch sie zu einer Kontinuität der gemeinsamen Arbeit an der Kultivierung einer sprachbildlichen Wirklichkeit im Sinne eines Gemeingutes bei.

Autor: Werner Mikus

Ergänzend zum Thema: Die Entwicklung der Psychologie und die sprachlichen Bilder

Bildquelle: http://designyoutrust.com/wp-content/uploads/2013/01/Hear-me-calling-600x800.jpg

Sonntag, 19. Oktober 2014

Tatsache oder Projektion?

Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: Während ich in einem facebook-Beitrag facebook-gruppe Psychologie des 21ten Jahrhunderts  Werbung dafür machte, in der Welt der sprachlichen Bilder ein Gemeingut zu sehen, dass wir uns nicht von einem eigentumsorientierten Kontrolldenken vermiesen lassen wollen, kam die klassische Frage auf, ob Bilder (Gleichnisse) nicht überhaupt immer nur Projektionen seien. Was kann als Tatsache gelten und was als eine "pure Einbildung"? Auf diese Frage muss man tatsächlich etwas gründlicher eingehen. Das habe ich in einem Kommentar versucht, den ich hier veröffentlichen möchte


Immer wieder taucht die Frage auf: Projektion oder Tatsache? 


Was ist eigentlich, wenn die Welt selbst ein allumfassendes Erfahrungen-Machen ist.
Ist dann unser Suchen nach einfachen Urheberschaften nicht einfach dumm und eitel. 


Alfred N. Whithehead (hier von Michael Hampe vorgetragen) vertritt im Folgenden eine solche Auffassung und ich bin mit ihm darin vollkommen einer Meinung. 

"Wir erleben die Schwere, wenn wir von einem Turm springen, und wir erleben Langeweile und Müdigkeit, bzw. Lust und Interesse, je nachdem welche Tätigkeiten wir verfolgen. Wie können wir wissen, was von beidem elementar und was ein abgeleitetes Phänomen ist? 
[also auch hier: reine PROJEKTION oder TATSACHE]

[...] Wenn unser Gehirn ausfällt, fällt unser Bewusstsein
aus, doch ob auch alle Strebungen und Bewertungen verschwinden, ist fraglich. Vor allem dann, wenn wir Leben von geringer neuraler Komplexität Betrachten, das vermutlich nicht bewusst ist. 

Wir brauchen ein Gehirn, um zu wissen, dass uns etwas öde
erscheint und dass wir einen Zweck verfolgen. Ebenso brauchen wir ein Gehirn,um zu WISSEN, dass unser Körper schwer ist und von der Erde
"angezogen" wird. Doch so wie wir davon ausgehen, dass es Schwere ohne ein Bewusstsein der Schwere gibt, sollen wir nach Whitehead davon ausgehen, dass es Bewertungen und Zwecksetzungen [AUCH] ohne ein Bewusstsein von ihnen gibt.


Bei Werten und Zwecken 

argumentieren die meisten von uns bewusstseinsidealisitisch:

Es soll sie Nur DA geben, wo es ein Wissen von ihnen gibt
.
Bei der Schwere oder den elekromagnetischen Kräften 

sind die meisten von uns Realisten:

es soll sie geben, ob wir von ihnen wissen oder nicht. [...]

Die meisten Phänomene der Subjektivität, vor allem Bewertungs- und Zwecksetzungsprozesse, sind nach Whitehead universal und fundamental für Wirklichkeit überhaupt. Lediglich ihre BESCHREIBUNG in Bewusstseinsvorgängen ist etwas, was an neuronale Komplexität, wie wir sie in unserem Gehirn finden, auf uns bisher nicht verständliche Weise gebunden ist. Aber das Streben nach Intensität und die Bewertung von anderem nach den Kriterien dieses Intensitätsstrebens ist nach Whitehead ein Kennzeichen von Wirklichkeit überhaupt. Die Wirklichkeit ist daher für Whitehead grundsätzlich EMOTIONAL verfasst."

Werner Mikus

Es gibt einen
weiteren Artikel auf diesem Blog, der sich mit Whitehead beschäftigt 

Literatur:
 [Michael Hampe, Alfred North Whitehead; Beck'sche Reihe, München 1998; S. 98f - Absätze und Hervorhebungen im Zitat sind von mir

über das folgende Link kann man in Michael Hampes Buch (via googlebooks) blättern und lesen.


Bildquelle: Strichzeichnung Werner Mikus