Samstag, 15. November 2014

Wie fängt alles Seelische an?

- W. Ernest Freud, als Ideengeber für eine spannende Frage -


W.E. Freud ist in der Fachwelt wenig bekannt. Aber er setzte mit seinem Wirken etwas fort, was durch den Großvater Sigmund Freud 
mit der Erforschung der konflikthaften Natur des Seelischen begonnen hatte und mit der Erforschung der dyadisch magischen Natur des Seelischen durch Anna Freud (seiner Tante, in deren Obhut er nach dem Tod der Eltern gekommen war) weitergeführt wurde. Er setzte das "Unternehmen" fort indem er sich auf den Weg machte, die sich selbst hervorbringende und allererste Formen setzen könnende Natur des Seelischen zu studieren. Erste "Formen" seelischer Art glaubte er schon im vorgeburtlichen Stadium eines menschlichen Wesens vorfinden zu können. Und so wurde für ihn die Säuglings- Frühchenforschung zum bevorzugten Forschungsfeld.


Vom "Sich selbst genießenden Zusammenspiel":
  

Beobachtungen an den Kleinen, die viel zu früh geboren waren, den "Frühchen", waren es vor Allem, die W. Ernest Freud Anregungen dazu gaben, der Frage nach den allerersten Anfängen von psychischen Zusammenhängn im Leben eines Menschen, gezielt, methodisch nachzugehen. Seine Beobachtungen waren sehr interessant und sind, wie ich meine wegweisend in einem unerwarteten, über die Frühchenforschung hinausgehenden Sinn. Sie weisen für mich auf ein Prinzip hin, welches ich im Folgenden auf eine Formel bringen werde, auf eine Formel, die sich dazu eignet auch als Modell für eine Analyse der vielfältigen späteren bzw. reiferen seelischen Formen genommen zu werden. Demnach scheint mir eine aller­erste Form der seelischen Existenz in der Art eines sich selbst genießen­den Zusammenspiels zu liegen. Gemeint ist damit ein Zusammenspiel von Teilen nach Art eines spielerischen sich Zusammenfindens. Beim Erwachsenen finden wir das z.B. sehr deutlich in der Form des Tanzens wieder. Einzelheiten stimmen sich gleichsam untereinan­der ab zu einer "Bewegung" bzw. zu einem Bewegungsganzen. Es hebt sich etwas innerlich Verbindendes heraus, was nicht aus Anderem einfach ableitbar ist, aber höchst beeindruckend Verschiedenes für eine Zeitlang (Eigendyna­mik) zusammenhält. Vielleicht sind im konkreten Falle die Hand des Fötus und die Nabelschnur in einem Spiel verwoben. Und auch nach der Geburt spielt dieses Prinzip eine ganz wichtige Rolle in der Auseinandersetzung mit der Welt. Der Säugling versucht nach der Trennung aus der vertrauten Form des Zu­sammenseins mit der Mutter immer wieder, auch in der neuen Welt da draußen so ein sich selbst genießendes Zusammenspiel herzustellen. Das erweist sich als besonders wichtig, wenn das Zusammensein durch eine Frühgeburt gestört worden ist. W.E. Freud meint hierzu, der normale Fötus entwickele eine Art von psychischer Immunität im Mutterleib gegen spätere Belastungen, wenn ganz viele Erfahrungen im Sinne eines solchen Zusammen­spiels im intrauterinen Stadium stattgefunden haben, z.B. Erfahrungen rhythmischer Art, die als die einfachste Form innererer Abstimmung und Synchronie angesehen werden können.

Schöpfungsspiel 

Wenn wir die Eigenaktivität des Fötus und des frühen Säuglings noch etwas mehr in den Mittelpunkt rücken, wird eine weitere Qualität des Zusammenspiels sichtbar. Schauen wir uns hierzu das Blickkontaktspiel des Säuglings an. Durch neuere Beobachtungen ist bekannt, dass der Säugling nach einem "berauschenden" Blickkontakt mit der Mutter ohne ersichtlichen Grund seinen Blick oft rasch wieder von ihr abwendet, obwohl dieser vom Säugling selbst hergestellt wurde und offensichtlich etwas für Mutter und Säugling Berauschendes hat. Dem Beobachter scheint es, als habe er, der kleine Säugling, gerade die Sonne aufgehen lassen (und so in etwa dürfen wir nach der von Daniel Stern empfohlenen Ein­fühlmethode uns auch versuchen, in die Gefühlswelt des Kleinen hineinzuversetzen). Außerdem gibt es in den beobachteten Situationen keinen Hinweis auf eine Überreizung oder auf etwas ähnlich Abzuwehrendes, was das Wegdrehen des Köpfchens auf eine einfache Weise erklären könnte. Wir müssen deshalb etwas anderes annehmen, was einem solchen "Rückzug" des Säuglings Sinn gibt. Meine Vermutung besteht darin, dass der Säugling dieses Spiel ganz ein­fach wiederholen will. Er will noch einmal die Sonne aufgehen lassen, weil es eben so berauschend schön ist. Für mein Verstehen handelt es sich hier um eine Art von "Schöpfungsspiel".

Kontrabeispiel Holzspule
Weil es hier um eine Wiederholung geht, könnten wir nun versucht sein, hier das gleiche Prinzip wirken zu sehen, was wir schon von dem, aus der psychoanalytischen Literatur bekanntem Holzspulenspiel des Kleinkindes kennen. Freud hatte hier an seinem 1 ½ Jahre alten Enkel (dem späteren W. Ernest Freud) eine interessante Beobachtung gemacht. Das beobachtete Kind warf wieder und wieder eine Spule, die an einem Faden befestigt war, in das Innere eines verhängten Bettchens hinein, um es dann mit einem freudi­gen "Da" wieder hervorzuziehen. Das Spiel mit einer Spule, die nach ihrem jähen Verschwinden wieder zum Erscheinen gebracht werden, kann, lässt sich als eine Inszenierung verstehen, die den Sinn hat, symbolisch der immer gegenwärtigen Möglichkeit eines unumkehrbaren Verlustes etwas entgegen zu setzen. Neben den beglückenden Gefühlen einer zunehmen­den Bindung an ein geliebtes Objekt entstehen auch die unangenehmen Gefühle, die mit der Möglichkeit eines unwiederbringbaren Verlustes des geliebten Objektes zusammenhängen. Diesen Gefühlen kann vorbeugend etwas entgegengesetzt werden und zwar in der Form einer solchen Insze­nierung, die das Kind an die magische Macht eines bestehenden Bandes glauben lässt, welche eine wirkliche Trennung gar nicht zulässt. Das Spiel mit der Holzspule zeigt auf eine symbolische Weise, dass etwas, was schon als verloren gegangen schien, zu einem Wiederkommen gebracht werden kann.

Die Sonne aufgehen lassen  
In dem Blickkontaktspiel und in dem Schöpfungsspiel ganz allgemein geht es aber, wie mir scheint, um etwas Anderes, um etwas noch Grundlegen­deres: Dem Säugling geht es offenbar darum, sich als ein erschaffendes Wesen zu erfahren, und, indem er die Mutter anlächelt, gleichsam die Sonne aufgehen zu lassen. Die Wiederholung hat hier also nicht die Be­deutung, etwas bereits im Besitz Befindliches zu sichern oder einer Verlust­gefahr zu trotzen, wie es in dem Holzspulenspiel die Sache zu sein scheint, sondern es geht hier, im Falle des Schöpfungsspiels, um die am liebsten nicht enden sollende Erfahrung eines Erschaffenkönnens. Die Überlegungen zu den ganz frühen Beobachtungen scheinen also eher auf eine ganz elementare und bisher noch zu wenig berücksichtigte Seite des Seelischen aufmerksam zu ma­chen.

Mit dem Schöpfungsspiel des Säuglings kann der schlimmsten Ge­fahr im Sinne einer Vorbeugung etwas entgegengesetzt werden, und zwar im Sinne einer Stärkung: Der Säugling pumpt sich gleichsam auf mit einem Gefühl für das Herstellenkönnen eines inneren Bandes. Jetzt kann ruhig die eine oder andere Verbindung einmal reißen, er wird es mit der Herstel­lung eines neuen Bandes wieder versuchen und er wird es schaffen.

Gefahren und Gefahrenabwehr (dreimal gedreht)


...in der Entstehungsphase von Seelischem

Eine Gefahr für die erste Form seelischer Entwicklung ist dann gegeben, wenn das sich selbst genießende Zusammenspiel, welches der Säugling immer wieder herzustellen versucht, von seinem Gegenüber behindert wird. Das ist z.B. der Fall, wenn eine Mutter die Einladungen in ein solches Spiel ganz einfach übersieht und sich beim Wickeln z.B. vorrangig auf das Saubermachen (Realitätsprinzip) konzentriert. Ein Kind kann sich dagegen "wehren", in dem es sich abwendet und im schlimmsten Falle jede Reso­nanz verweigert. Anstelle einer Abwehr im engeren Sinne hat der Säugling aber auch die Möglichkeit, sich vorbeugend auf die Abrisse und Behinderungen durch Wiederholung stark zu machen. Dem Fötus und späteren Säugling tut es gut, wie W.E. Freud sagt, wenn er sich schon im Mutterleib so eine Art von "seelischer Immunität" zulegen kann. Dazu hat er ausreichend Gelegenheit in einem schon intrauterin stattfindenden, sich selbst geniessenden und weitgehend von rhythmischen Erfahrungen bestimmten Zusammenspiel - vorausgesetzt, es kommt nicht zu einer Vertreibung aus dem Zusammensein wie bei einer Frühgeburt. Auch der Säugling sucht sich in einer ähnlichen Weise "stark" zu machen. Wenn wir an das "Schöpfungsspiel" denken, so legt sich nahe, auch hier an einen Übungseffekt zu denken. Dieser versetzt den Säugling in die Lage, eine Erwartungshaltung aufzubauen, welche ihm in erfolglosen Situationen "sagt": "Es wird schon wieder gelingen, in den glückseligen Zustand hineinzukommen".

...in der magisch-präambivalenten Phase Seelischer Entwicklung
In den beiden nachfolgenden Seelenräumen, die unsere Psyche in ihrer Entwicklung noch durchwandern muss, gibt es andere Gefahren und ebenso die dazu passenden Formen der Bearbeitung. Hier sind erst mal die frühen Abwehrmechanismen zu nennen: In der Phase, in der das Getragensein thematisch ist und zwar nach dem Vorbild der Mutter-Kind-Beziehung dya­disch organisiert, können verschiedene Formen eingesetzt werden, die dem Kind erst mal eine magische, einfache Lösung ermöglichen, die nach einem Aufschub dann zusammen mit der Mutter durch eine höhere, leistungsfähigere Verarbeitung ergänzt werden kann. Ich erinnere an den von Anna Freud beschriebenen Mecha­nismus der Identifikation mit dem Angreifer und an den Mechanismus des Ungeschehenmachens. Auch die so genannte Aufspaltung eines "Objekts" in zwei Teile, die keinen Kontakt mehr zueinander haben, gehört hier hin. Typisch für diesen zweiten Seelenraum ist es, dass dem Kind etwas zustößt, das wie ein Einbruch in ein Allmachtsgefühl erlebt werden kann. Ein solches, eigentlich nur zu einer allmächtigen Per­son passendes Grundgefühl ist nämlich unterschwellig immer mit im Spiel, in diesem besonderen "Entwicklungsraum", wo doch das Psychische sich ausdrücklich als getragen, beschützt und als nicht hinterfragbar geliebt wähnen darf.

...in der konfliktbewehrten Phase des Seelischen
In der dritten Phase, in der die Verantwortlichkeit des Einzelnen wie eine Erwartung an das Seelische durchgehend Einfluss nimmt, haben wir wie­derum einer anderen Art von seelischer Gefahr zu begegnen: Alles, auch das, was wir mit den besten Absichten und dem größten Einsatz unterneh­men, kann sich ohne unser besonderes Verschulden in seiner Wirkung plötzlich gegen uns richten. Alles was wir tun hat also eine Kehrseite und die kann uns "erwischen". Mit unserer Fähigkeit (Haltung), Zwiespältiges auszuhalten, Paradoxes zuzulassen, schaffen wir es, auf diese Momente hin irgendwie "vorbereitet" zu sein. So wandeln wir einfache Antriebe, die uns im Falle einer sexuellen Versuchung z.B. in Probleme mit unserem Lebens­partner bringen könnten, "vorsorgend" in etwas anderes um, und zwar in etwas – wie man so schön sagt - "kulturell" Nützliches und schreiben dann vielleicht für das Feuilleton in einer Zeitschrift ein Gedicht: Wir sublimieren also (um einen von Freud so benannten "Mechanismus" zu er­wähnen).

Wir suchen also, anders als wir es in den Abwehrformen der zweiten Räumlichkeit tun, mit den möglichen Kehrseiten unserer Wirklichkeit in Kontakt zu sein, wenn auch oft nur auf eine latente Weise. Im negativen Falle verfängt sich das Seelische aber darin und versucht alles zu tun, damit eine bestimmte Kehrseite niemals eintreten kann. Dabei wird die ungeliebte Seite einer Entwicklung so behandelt, als hätten wir ein perfektes Mittel, ihr zu entgehen. Eine "Verdrängung" der beunruhigenden Impulse findet statt und wir verwickeln uns dabei in einen dauerhaften und unver­hältnismäßig großen Aufwand. Der zunehmende Aufwand dient am Ende nur noch dazu, das Wegdrängende gegen die "Versuchung" aufrecht zu erhalten, die paradoxer Weise, so aber nicht schwächer wird.


Die seelischen Anfänge als Gleichnis genommen

Aus der bildanalytischen Sicht können wir uns mit den gewonnenen Erkenntnissen zu den ganz frühen seelischen Formen und mit der bis dahin von uns ins Bild gebrachten Eigenart der seelischen Anfänge noch nicht so ganz zufrieden geben. Wir müssen vielmehr noch versuchen, die besagten Verhältnisse als ein Gleichnis zu sehen: Seelische Anfänge finden wir nämlich in vielerlei Zusammenhängen vor, so z.B., wenn wir Kontakt zu jemandem aufnehmen, eine Reise antreten oder auch wenn wir uns verlieben. Das bildanalytische Denken geht nun davon aus, dass wir die beobachteten strukturellen Besonderheiten von der konkreten Erfahrung - am Fötus z.B. - übertragen können auf äußerlich jedenfalls davon ganz verschieden geartete Zusammenhänge. Vielleicht sollten wir uns das zum Abschluss noch an einem Beispiel verdeutlichen.

Ein Beispiel zum Schluss:
Wie ist es denn, wenn sich zwei verlieben? Auch hier passiert etwas, das wie ein sich selbst genießendes Zusammenspiel beschrieben sein will. Bei frisch Verliebten kann man es regelrecht spüren, dass die Chemie stimmt. Irgend etwas Verbindendes geschieht, was den Umgang miteinander trägt und etwas Entwick­lungsträchtiges hat. Es liegt gleichsam in der Luft, dass sich etwas entwi­ckeln will. Wenn einer der beiden Verliebten es zu früh versuchen würde, die Beziehung "in trockene Tücher" zu bringen und zu schnell auf Sicherheiten und feste Zusagen drängt, gut begründet damit, dass ein Liebesverhältnis auch die Zu­verlässigkeit und das Bekenntnis braucht, würde er der Weiterentwicklung der Liebesbezie­hung sehr wahrscheinlich schaden: Die entstehende Liebe braucht zunächst etwas anderes: Sie muss im Sinne eines "Schöpfungsspiels" sich erst einmal selbst noch (er)finden und sich als ein gelebtes Hin- und Her in Erfahrung bringen (sich also diesem "Spiel" des Anfangs aussetzen), bevor dann die Logik der reiferen Formen einen größeren Raum einnehmen kann.).

Ganz in diesem Sinne mag sich der Leser ebenfalls erst einmal auf das Spiel der Wirkungen und Einfälle einlassen, die ihn bei der Lektüre begleiten, So kann nach dem Gleichnis der frühen Entwicklung auch in diesem Falle etwas neues Seelisches seinen Anfang nehmen.  

Autor: Werner Mikus

Der Beitrag im Ganzen
ist in der Fachzeitschrift Entwicklungstherapie veröffentlicht worden:
- der Beitrag hier vor Ort gibt Auszüge daraus wieder
   mit einer veränderten Einführung und Abschlussbemerkung.
- Der Originalartikel ist auch in diesem Blog lesbar
   oder in der Fachzeitschrift Entwicklungstherapie unter folgendem Titel:
Titel des Originalbeitrags:
"Zur Frage nach den Anfängen des Seelischen" 
- W. E. Freuds Beitrag zur analytischen Säuglingsbeobachtung als Ansatz einer Theoriebildung -
Heft Nr. 2 Entwicklungstherapie - 2002; Werner Mikus


Literaturempfehlung:


Remaining in touch
Zur Bedeutung der Kontinuität früher Beziehungserfahrungen
W. Ernest Freud
Verlags-Info zu "Remaining in touch"
Sigmund Freud Zentralbuchhandlung, Edition Déjà-vu
Vortrag W. Ernest Freuds
Vortrag zur Tagung des Psychosozialen Forums „Psychologie ist nicht Heilkunde“ (1988)
W. Ernest Freud
Fachzeitschrift Entwicklungstherapie, Heft2 2004)

Nachruf von Hans Lüpke
(pdf-Datei) 

Nachruf-Video mit Audio-Redeausschnitt
(W. Ernest Freud starb im Sept. 2008)

Bildquelle: 
Strichzeichnung von Werner Mikus

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