Dienstag, 28. Juli 2015

Was, wenn die Dinge erzählen könnten?


Bildanalytischer Appetizer Nr 8
(Was meint: die Dinge befragen?)






Eine "Schöpfung" sich so denken, dass jedes Ding das "eigentliche" Ziel derselben ist...
 

Für jedes Ding gäbe es dann eine eigene (Gesamt-)Schöpfungsgeschichte. Der Gedanke EINER Schöfpung wäre damit überwunden. Für Schöpfung können wir in freierer Form jetzt auch "Entwicklung" sagen.
Wir schauen immer von dem was uns bekannt ist auf die Dinge, also immer von einer Ordnung oder Vorordnung aus. Wir sehen das uns interessierende Ding immer erst, INDEM
 wir versuchen es in unsere Ordnung einzubauen, ohne unbedingt etwas davon zu bemerken. Wir sollten diesen Blick umdrehen und zukünftig von dem jeweiligen Ding selbst aus versuchen, auf die Welt zu schauen: Was kann das Ding, die Sache uns über die Welt erzählen. Wir drehen den Blick herum.

Warum sollten wir das tun?
Die Dinge oder Sachen können sich nicht wehren. Sie haben keinen Anwalt, der ihnen zur Seite springt, wenn der Psychologe oder ein anderer Wissenschaftler hingeht und wie gewohnt von der ihm naheliegenden Ordnung her auf die Sache schaut. Wenn wir aber versuchen von dem Ding, also von der Sache selbst ausgehend etwas über die Welt zu erfahren, erhält es eine Chance: Es wird ihm keine andere Ordnung übergestülpt. Dabei setzten wir das Folgende voraus:
Alles kann zu einem Gleichnis gemacht werden für die Dinge dieser Welt; in jedem "Ding" steckt die Möglichkeit so ein Gleichnis zu werden. Dabei braucht es keine Vermittlung durch ein SYSTEM - im Gegenteil, die wäre gefährlich. Wohl aber wäre eine methodische Anleitung angebracht.

Es gibt ein romantisches Wissenschaftsideal: 

positiv das "Empirische" genannt. Dieses träumt davon, dass wir die Dinge ganz einfach befragen können, und dass sie dann offen zu uns sprechen. Es verhält sich aber ganz anders: Die Dinge können sich nämlich nicht wehren gegen die Ordnungen mit denen wir an sie herantreten; jeder Test, jedes Experiment ist die fleischgewordene Ordnung oder das fleischgewordene Vorurteil, und dagegen kommt ein "Ding" kaum an. Es "spricht" nicht im eigentlichen Sinne. Der Fragende bestimmt vielmehr die Antworten und es ist romantisch, das anders zu sehen. Wir müssen, wenn wir den Dingen mehr Raum geben wollen, bei der Art des Fragens selbst ansetzen. Romantik schadet hier nur. Dass wir als Fragende eine Ordnung in die Dinge hineinbringen, daran können wir nichts ändern, wohl aber können wir darüber entscheiden, um welchen Typus von Ordnung es sich dabei handeln soll. 

Und jetzt kommt mein Vorschlag: 
Warum legen wir uns nicht auf den folgenden Typus von Vorurteil fest:
Jedes Ding ist in der Lage, von sich aus einen neuen Blick auf die übrigen Dinge dieser Welt zu werfen. Das Ding müsste also methodisch (oder in der Befragung durch uns) so behandelt werden, als ob es möglich sei, von ihm aus auch ganz andere Dinge zu betrachten, am besten alle Dinge dieser Welt. Das lässt sich auch in einer Fomel fassen: "Das Ding/die Sache wird zu einem *Gleichnis für* statt nur zu einer *Abbildung* von." 


Jedes Ding könnnten wir so behandeln,
als gelte es, "aus ihm" einen "Aphorismus" zu machen.
 

Wir hätten dann eine "Aphoristische Psychologie" oder etwas weiter gefasst, eine "Bildperspektivische", eine "Bildanalytische". Jedes Ding eröffnet uns so einen neuen Blick auf die Welt. Eine Welt im rein buchhalterischen Sinne gäbe es dann aber nicht, denn: Jedes Ding erschafft eine Welt, von der aus es selbst das Zentrum ist. Dieses "Welterschaffen" ist aber vielleicht gerade das, was es selbst erst unter die existierenden Dinge stellt.
Eine Welt wo die Anzahl der Dinge zugleich die Anzahl der Zentren und Sinnmitten des Ganzen ist - das wäre eine Welt nicht außerhalb der Relativität stehend sondern die Relativität in einer entschiedenen Form selber.

Man muß Religion und Kunst wie Mutter und Amme geliebt haben - sonst kann man nicht weise werden. Aber man muß über sie hinaus sehen, ihnen entwachsen können; bleibt man in ihrem Banne, so versteht man sie nicht.
(Ausschnitt aus dem Aphorismus Nr. 292 in Nietzsches "Menschliches, Allzumenschliches" Erster Band, Fünftes Hauptstück; Kröner-Ausgabe, 8. Auflage 1978; S. 233/234)
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Autor: Werner Mikus
(geht auf eine Seminarvorbereitung Juli 1993 zurück)


Bildquelle: Foto Karin Fischer