Donnerstag, 24. Februar 2011

Fußnotenwissenschaften und eine neue Zeit


Wissenschaft als Form des Klarstellens von Zusammenhängen durch eine Autorität verliert in unserer Zeit zunehmend an Interesse. Die neue Zeit, in die wir hineinwachsen, braucht nicht mehr DIESE Form von Sicherheit, eine, die sich hauptsächlich auf Autoritäten beruft. Ich sehe vielmehr eine Fehlentwicklung darin. Wissenschaft darf nicht zu einer Art von Fußnotenwissenschaft verkommen. Eine neue, intensiver sich austauschende Generation, getragen durch ein anderes Grundgefühl, wendet sich davon ab, auch wenn die  Diskussion um den Fall Guttenberg auf den ersten Blick vielleicht das Gegenteil zeigt. Für mich ist der Wirbel und die Empörung über die sogenannten geistigen Plagiate in weiten Teilen ein Tanz um das goldene Kalb eines "sich selbst applaudierenden" (Sloterdijk) Zitierens. ;-). „Wissenschaftliches Gold“ hat seine "Quellen" doch nicht im ordentlichen Zitieren. Dass diese Diskussion aber ausgerechnet um einen Mann mit dem Namen Guttenberg losgebrochen ist, hat für mich noch eine ganz besondere Bedeutung:

Der Name Gutenberg steht für die Erfindung des Buchdrucks und somit auch für den Untergang einer zeitgeschichtlich gegebenen Autoritätshörigkeit (Reformation): Die Bibelübersetzung Luthers wurde durch den Buchdruck allen zugänglich und so endete das Angewiesensein auf die lateinisch sprechende Autorität des Priesters. Bezogen auf die Definitionsmacht bringen die social communities von heute ein ebenso aufmischendes Verhältnis ins Spiel. Man sucht nicht mehr nach der Autorität eines Lexikons sondern googelt sich gleichsam in dem entsprechenden Problembereich um.

Auf der anderen Seite ist nicht zu übersehen, dass sich in den letzten 2-3 Jahrhunderten (in Bezug auf die Wahrheitsfindung) eine Fortsetzung der alten Autoritätshörigkeit mit anderen Mitteln und neu verortet wieder eingerichtet hat: Die Wissenschaft (Kirche dabei ersetzend) wurde neuer Ort der Wahrheit (Autorität) mit Absolutheitsanspruch.
Was wir zur Zeit erleben (auch in der Guttenbergdiskussion) ist eine abwehrende Reaktion darauf: Die Menschen beginnen sich anders zu orientieren. Manches erscheint ihnen plötzlich lächerlich (natürlich gibt es auch die zugespitzt gegenteilige Reaktion, wie es immer in Umbrüchen ist). Wie zu Zeiten des alten Gutenbergs geht es auch heute wieder um ein Sich-Losreißen von einer solchen Hörigkeit. Und dafür steht eine Haltung - eine, die damit leben kann, dass es Sicherheit nicht auf Knopfdruck gibt, etwa durch Zitat und Autoritätsbezug (das viel zitierte "copy und paste" wirkt geradezu wie eine Persiflage darauf)

Wir müssen uns ein Verstehen der Wirklichkeit und die gewünschte Sicherheit vielmehr immer wieder neu herstellen. Hierzu sind uns wunderbare Medien zugewachsen (Internet, google, social networks etc.). Sie setzen neue Möglichkeiten in uns frei. Die neue Zeit, auch facebook-generation genannt, ist zügig unterwegs in dieser Richtung.




P.S.
Den beweglichen Lettern entsprechend (Buchdruck a la Gutenberg)
gibt es die alltäglichen Gebrauchstexte unserer modernen Medienwelt
Ich finde: Das sind die Textbausteine (also die beweglichen Lettern) von heute.
Nach der momentanen Entrüstung werden wir uns ihrer bald mit größerer Gelassenheit bedienen!
So denke ich, wird die Entwicklung weitergehen.

Autor: Werner Mikus

*) Die Bilder sind der Reihenfolge nach Verlinkungen auf die folgenden drei Adressen:  ;-)