Mittwoch, 5. Dezember 2018

Glück - Welche Bedeutung geben wir ihm heute
oder sollten wir ihm geben?

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 Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten (Rabindranath Thakur)
Kontext: Dem Menschen von heute müsste es eigentlich längst aufgefallen sein, dass sein Umgehen mit dem Thema Glück und sein Nachdenken darüber in der Sackgasse steckt. Er merkt es aber nicht. Erst wenn er beginnt, ein tiefer gehend anderes Verständnis vom Seelischen auf das Thema Glück anzuwenden, bekommt er eine Idee davon: Die Psychologie des vergangenen Jahrhunderts ist selbst der Grund für die Sackgasse in unserem Nachdenken darüber!


Betrachtungen von einem Bildanalytischen Konzept aus:


Glück, der umgekehrte Kollateralschaden

Mit einem bildanalytischen Konzept vom Seelischen bekommen wir einen anderen Blick auf das,was wir unter Glück verstehen. Wir sehen im Glück dann eine Art Nebenproduktion. Glück erscheint uns dann wie etwas, dass neben den gestaltenden Taten und Werken unseres Lebens eine nur mitlaufende Wirklichkeit und Bedeutung hat: In den glücklichen Momenten unseres Lebens (so wie auch in den unglücklichen natürlich) finden wir eine Begleiterscheinung unserer lebensgestaltenden Produktionen und Entwicklungen vor. Und es zeigt sich, dass diesen Momenten eine besondere Funktion zukommt. Erst, wenn wir so auf Dinge schauen, also mit einem dementsprechenden psychologischen Blick, sehen wir die Vereinseitigung des von uns gewohnten Denkens: Behandeln wir das Glück doch landläufig so, als stehe es für das eigentlich Antreibende im Leben eines Menschen, und als sollten wir uns in der Hauptsache darüber Gedanken machen, wie denn nun ein Herstellen-Können von Glück zu erreichen sei (Glück als eine Produktion verstanden).
Wenn wir nun aber im Unglück einen Kollateralschaden unserer Unternehmungen und im Glück einen Kollateral-Gewinn sehen, ordnen sich die Verhältnisse auf eine vollkommen neue Art und Weise: Es geht dann nicht mehr um ein Herstellen von Glück. Genau wie der kriegsbedingte Kollateralschaden sich eben nicht kontrolliert und gewollt herstellt, verhält es sich auch mit dem aufkommenden Gefühl eines Glücks.

In mehreren Werken unterwegs

Wir sind alle immer in vielen „Unternehmungen“ gleichzeitig unterwegs, in kleineren und größeren. Beispielsweise bereiten wir ein Essen zu, richten uns über Wochen hinweg in unserer neuen Wohnung ein, reparieren eine streikende Pfeffermühle oder/und denken uns ein Geschenk für einen lieben Menschen aus. In all diesen Prozessen (also im Essen zubereiten, im Reparieren der Pfeffermühle usw.) steht uns eine steuernde Orientierung zur Seite, die wir formalisierend auch eine „Freud-/Leiderfahrung“ nennen können. Was tut sie? Was haben wir von ihr? Sie lässt uns Glücksgefühle haben, wenn die Entwicklung einer laufenden Sache sagen will: ja, so ist es gut, mach weiter so. Und sie lässt uns leidvoll berührt sein, wenn sie umgekehrt warnen will: Mach nicht so weiter, hier läuft etwas schief…bitte korrigieren!

Ein neuer Blick

Das Glück oder die aufkommende Freude stehen demnach nicht in einer Zielfunktion zu all' den Dingen, die unser Tun und Sein von Grund auf ausmachen. Das ist ein psychologisch neuer Blick auf das, was wir Glück nennen. Glück ist nach diesem Verständnis der Dinge nicht der Mittelpunkt unseres Seins, der sich (wie nach einer Revolte etwa) alle Entwicklungen und Prozesse seinen eigenen Zielen unterworfen hat. Das Seelische scheint vielmehr so eingerichtet, dass es die glücklichen und leidvollen Erlebnisse zu seiner Orientierung hat und auch braucht. Sie *dienen* dem Gelingen von Entwicklungen und sind ihrem Wesen nach Korrektur-Erfahrungen, die uns im Falle eines glücklichen Signals schmecken und im anderen Fall natürlich weniger.

Verkehrte Welt

Der Zeitgeist ist aber voll und ganz auf das Glück als eine Verheißung abgefahren, so wie es die Ideologien zeigen, die uns besonders im letzten Jahrhundert in die Irre geführt haben. In der Mitte des letzten Jahrhunderts bauten sich in Deutschland zwei bestechend zwanghafte Ordnungsmuster auf, die sich wunderbar auf das Glück herauszureden verstanden: Im Osten war es der "Erste deutsche Arbeiter und Bauernstaat" und im Westen war es der "erste Arzt und Patienten-Staat" (die Medizinalisierung mit ihrem Anspruch auf ein universales Heilsein). Das Thema Glück versucht sich heute flächendeckend in eine Führungsposition zu bringen. Es will sich die Lebendigkeit der verschiedenen Entwicklungen und ihre vielfältigen Zielgerichtetheiten gleichmachersich unterwerfen. Alles Potenzielle will es über den großen Glücks-Kamm scheren, bevor es mit der jeweiligen Sache erst noch losgeht.


Ausblick und zum Blick des Weisen (siehe Bild)

Eine Psychologie des 21. Jahrhunderts wird sich weniger für die Produktion von Glück interessieren, als für die Lebendigkeit komplexer Welten, in denen das Glück neben Anderen sein natürliches Zuhause hat. Die größten Erfindungen wurden meist jenseits eines zielführenden Tuns und eines gezielten Suchens gemacht. Es war eine Bereitschaft vorhanden, eine Sensibilität für den Sprung (in der Wissenschaft spricht man von einer Serendipity wenn Erfindungen ganz ungezielt und unerwartet entstehen - wie beim Penicillin, dem Benzolring oder dem Klettverschluss z.B.). Das „Glücksgefühl“ wird seine Zeichen setzen mit einem: Ja!!! so geht es! wenn es auch zunächst verrückt ausschaut, genau das ist es! weiter so!“

Der kluge Spruch (von Rabindranath Thakur) unter dem kleinen Bild oben, wirft noch mal einen besonderen Blick auf den spannenden und hochkomplexen Zusammenhang: „Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten“ heißt es dort. Hier wird das Glück ganz pointiert mit dem Glück des Weisen gleichgesetzt. Ein Kommentar von Markus Buschkotte zum besagten Fragment, legt den Gedanken sehr schön offen und kann uns zum Schluss zeigen, dass unser neues Nachdenken zum Thema Glück nicht dem Mainstream folgt, aber doch auf ein gewisses Vordenken zurückgreifen kann.
„[…] Ich vermute, dass dieser Aphorismus auf den Unterschied von 'Technik' und 'Haltung' abheben will. Es geht in diesem Aphorismus nicht um eine Steigerung im Sinne von 'dumm' – 'klug' – 'am klügsten', sondern um zwei grundverschiedene Haltungen. Rennen oder Warten sind eigentlich sehr ähnliche Techniken, nur umgekehrt. Von daher ist der Wartende immer auch eine Art
'kluger Dummer'. ;-). Der Weise dagegen macht etwas völlig anderes. Im Gegensatz zu den ersten beiden fixiert sich der 'Weise' in dem Garten nicht auf ein bestimmtes Ziel, sondern gibt dem Zufall eine Chance, indem er - die Blumen genießt. ;-))„

Autor: Werner Mikus


Bildquelle: Zeichnung Werner Mikus