Samstag, 27. Juli 2019

Bildanalytisches Denken

Bildanalytisches Denken

- Ein psychologisches Konzept und seine Bedeutung
  für Psychotherapie und Beratung -




Ein konstituierender Vortrag zum psychologisch-bildanalytischem Denken vorgetragen in 2001 und veröffentlicht in der Fachzeitschrift Entwicklungstherapie des gleichen Jahres.


Was ich Ihnen vortragen möchte, steht stellvertretend für eine ganze Reihe theoretischer Setzungen, die ich nicht alle in diesem Vortrag entfalten kann. Es geht um ein neues Denken in der Psychologie. Zur Darstellung bringen will ich dieses Denken nun von einem bestimmten Ansatzpunkt aus, und der ist das "Bildverstehen". Bildverstehen ist unser Name für das Seelische.

Lassen wir uns für eine kurze Zeit hier einmal darauf ein, das Psychische auf eine ungewöhnliche Weise zu betrachten. Und damit keine unnötigen Verwirrungen entstehen: Ich gebrauche die Worte immer in ihrer allgemeinsten Bedeutung. Andernfalls mache ich es durch den Zusammenhang oder über zusätzliche Erläuterungen eindeutig. Wenn ich also hier einmal vom Psychischen und ein anderes Mal vom Seelischen spreche, dann meine ich in beiden Fällen das gleiche.


1. Bildverstehen, ein neuer Begriff von Psyche.


Mit einer bildanalytischen Psychologie - und so nennen wir unsere Art zu denken - lösen wir uns von dem traditionellen Seelenbegriff. Wir schaffen uns dabei einen neuen und erweiterten. Psyche, so legen wir fest, ist für uns alles, wovon wir sagen können, daß es sich nach Art eines Bildes versteht. Die Seele ist für uns nämlich das "Bildhafte-sich-Verstehen" gleich welchen Zusammenhangs. Kurz: das jeweils gegebene "Bildverstehen".
Beispiel:

Hier streiten sich offenbar zwei Menschen und es sieht so aus, als wollten sie sich gleich gegenseitig an die Gurgel gehen. Was ist aber jetzt das Seelische daran? Für die bildanalytische Psychologie ist das Seelische dieser Situation genau das, was uns in der Fassung dieses Wortbildes entgegentritt. Die bildhafte Beschreibung "als wollten sie sich gleich an die Gurgel gehen" steht als ein Gleichnis für die Art und Weise, in der beide miteinander umgehen. Es beschreibt, wie sich das beobachtbare Geschehen verstehen läßt, oder bestimmter ausgedrückt: nach welchem Bild "es sich versteht".
Die besondere Situation in diesem Streit hat also ein ihr eigenes "Bildverstehen" und damit - nach unserem psychologischem Verständnis - auch eine ihr eigene Psyche und Psychodynamik, was sich an der Fortsetzung eines solchen Streites auch bestimmt gut zeigen ließe.
In der Tiefenpsychologie und Psychotherapie kommt den Bildern und Gleichnissen natürlich schon immer eine ganz besondere Bedeutung zu: Man spricht hier z.B. von der Bildersprache des Seelischen. Für eine bildanalytische Psychologie sind Gleichnisse und Bilder aber NICHT nur bloße Darstellungsmittel oder Medien - wie es das Wort "Bildersprache" ja nahelegt.
Sie sind vielmehr das Psychische bzw. die Seele der jeweiligen Sache selbst. Hierin unterscheidet sich das bildanalytische Denken von den anderen im weiten Sinne tiefenpsychologischen Schulen.
Das Bild oder das Gleichnis ist für uns das, was die jeweiligen Gegebenheiten zusammenhält. Ein Bild, ein bestimmendes Gleichnis, ist für uns nicht der Ausdruck einer irgendwo versteckten Seele, sondern die Seele der jeweiligen Zusammenhänge selbst. Die Bilder sind es , die aus den Zusammenhängen ein "in sich verstehbares Ganzes" machen. Für uns ist das Seelische nicht gleichzusetzen mit dem, was wir Erleben und Verhalten nennen, auch nicht mit dem, was wir alles unter einer Persönlichkeit verstehen. Psychisches geht darüber hinaus: Alle Prozesse, Beziehungen und Dinge nämlich, soweit sie uns bildhaft begegnen, sind von seelischer Natur.
Seelisches verstehen wir auch nicht als etwas von oben nach unten Abgeleitetes, als die jeweilige Äußerung einer über allem stehenden Charakter- oder Persönlichkeitsstruktur etwa. Wir meinen mit dem Psychischen vielmehr eine sich immer wieder neu einrichtende Wirklichkeit mit wechselnder Mitte, eine Wirklichkeit, die eben nicht ein einfaches und festes Zuhause hat.
Natürlich bietet sich uns im Erleben und Verhalten und in allem, was wir mit Persönlichkeit und Entwicklung verbinden, ein besonders gutes Feld, Psychisches zu studieren. Wir können aber das Seelische auch in ganz anderen Zusammenhängen finden, so z.B. in Prozessen, die quer durch Dinge und Menschen hindurchgehen, also z.B. auch in einem Vortragsgeschehen.
In einem Vortrag geht es nicht hauptsächlich um eine Person und auch nicht schwerpunktmäßig um ein bestimmtes Verhalten und Erleben. Die Entwicklung eines Vortrags scheint sich in ganz anderer Weise zu verstehen, als es uns die vertrauten Einteilungen in Zuhörende und Vortragenden z.B. oder in textliche und sprachliche Dinge erst mal nahelegen.
Was ist z.B., wenn der rote Faden in einer Vortragsentwicklung verlorengeht? Das "Verlorengehen des roten Fadens" ist zweifellos ein Vorgang bildhafter Natur - in unserem Sinne also etwas Seelisches. Kennzeichnend für eine bildanalytische Psychologie ist es nun, in einem solchen Falle zunächst einmal diesem Wortbild zu folgen und davon auszugehen, daß es der VORTRAG ist, der den roten Faden verliert und nicht etwa - wie wir vielleicht gerne schlußfolgern möchten - der Redner.
Das Vortragsgeschehen als ein Ganzes ist es, um dessen Schicksal und Verlaufsgesetz es geht: Der Vortrag als ein bildlicher Prozeß, der verschiedene Menschen und Anliegen, Erwartungen, sachliche Gegebenheiten, Atmosphärisches und vieles vieles mehr in bestimmter Weise miteinander zu verbinden versteht.
Derjenige, der die Rede hält oder auch der Zuhörer etwa merkt das Verlorengehen des roten Fadens möglicherweise gar nicht oder stellt es vielleicht erst viel später fest. Und trotzdem kann dieses Bild durchgehend für den Ablauf der Rede wirksam sein und sich möglicherweise in ganz anderen Dingen als dem naheliegenden Unruhigwerden der Zuhörer oder dem "Ins Schwimmen Kommen" des Vortragenden zum Ausdruck bringen; so z.B. in einem überbetont freundlichen Eingehen des Redners auf eine technische Frage aus dem Publikum.
Der Vortrag zeigt auf diese Weise auch eine Seele, weil er einem Bild folgt. Das heißt: die Entwicklung des Vortrags folgt einem EIGENEN Gesetz und ihr Spielraum ergibt sich aus den besonderen Zwängen und Freiheiten, die durch das spezifische Bild bestimmt sind.
Ich kann mir vorstellen, daß es für manch einen jetzt schwierig wird, diesem Gedankengang zu folgen. Es ist nämlich schon etwas ungewöhnlich, so zu denken. Und aus diesem Grunde werde ich die Form des Vortrags ab hier auch ein bißchen abwandeln. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich für die Dauer einer Viertelstunde jetzt nur noch über ein einziges Beispiel reden werde. Und hierzu habe ich einen bestimmten Gegenstand als Beispiel gewählt: Die Tasse.

Wir legen hierzu nur kurz fest, daß es uns um die Tasse als Haushalts- und Gebrauchsgegenstand geht. Das heißt, sie soll uns hier nicht so sehr als Sammelgegenstand oder Reiseandenken, auch nicht als Zeugnis der Kulturgeschichte interessieren. Nach unserer Auffassung gibt es das sogenannte Ding-an-sich ja nicht. Und also gibt es auch die Tasse nicht, ohne daß sie uns entweder in der einen oder anderen Perspektive entgegentritt.
Auch eine anscheinend so simple Sache wie die Tasse, also eine Tee- oder Kaffeetasse z.B., hat ein Bildverstehen. Und das heißt jetzt nicht nur, daß sie ein bestimmtes und typisches Erscheinungsbild hat. Nein! Wenn wir von der Tasse als einem Gebrauchsgegenstand reden, dann meinen wir etwas Umfänglicheres, etwas, das sich nicht nur auf das Äußere dieses Gegenstands bezieht.

Ich stelle nun die These auf, daß die Tasse für uns etwas Besonderes leistet. Und wie sieht das nun aus? Da ist also zunächst einmal eine Kanne mit dem heißen oder warmen Getränk darin. Wollten wir jetzt ohne Hilfe der Tassen davon trinken, haben wir uns zunächst einmal auf eine Reihe von Einschränkungen einzulassen:
Ohne Tassen müssten wir an die Kanne jetzt direkt heran. Das hieße aber, wir könnten nicht aus diesem Vorrat so ohne weiteres trinken - wenn zur gleichen Zeit das noch ein anderer will. Wir müssten also vielleicht erst mal warten, bis der andere die Kanne freigibt. Außerdem müssten wir mit dem sperrigen Behälter ganz besonders sorgsam umgehen, sonst könnte schnell ein Missgeschick geschehen.
Wir müssten uns in unserem Trinkstil auch ganz diesem Vorratsbehälter und seiner besonderen Form anpassen. Vielleicht kommen wir an das warme Gut ja nur in ganz kleinen Schlückchen oder umgekehrt auch nur in größeren und wenig kontrollierbaren "Schüttungen" heran. Vielleicht verbrennen wir uns auch die Finger an der Kanne, weil wir sie irgendwo anfassen müssen, wo sie zum Anfassen nicht so gut geeignet ist. Wir müßten es uns auch versagen, den Geschmack des Getränkes individuell noch etwas abzuwandeln, wenn ein anderer, der aus der Kanne mittrinkt, es anders haben will - und auch dann, wenn wir allein aus der Kanne trinken und wir es uns mittendrin anders überlegen und das Getränk nicht mehr so süß wie bisher haben wollen.
Wir sehen, die Tasse bietet uns viele Vorteile, die wir bei einem "Direktanschluß" an den Vorratsbehälter nicht hätten:
Wir können in gut kontrollierten und uns selbst genehmen Schlucken das Getränk zu uns nehmen. Wir können es in der Temperatur gut kontrollieren, vom Rande nippend trinken, das Ganze an der verhältnismäßig großen Oberfläche gut abkühlen lassen.

Wir können unseren Genuß in der Form persönlich variieren, das Getränk in vollen Zügen genießen oder auch in feinen kleinen nippenden Schlucken. Wir können auch unseren Lippen eine besondere Wohltat bieten und uns obendrein das Gefühl verschaffen, etwas ganz für uns allein und persönlich zu haben, so wie einen kleinen Schatz, der nur für uns allein da ist. Das zeigt uns dann die eigene Tasse an, die vielleicht sogar den eigenen Namen trägt und mit der wir vielleicht auch eine ganz persönliche Geschichte verbinden. 

Interessanterweise erinnert das alles auch an sehr frühe Verhältnisse, die wir alle kennen, also an die Ernährung durch die warme Zufuhr aus der Brust der Mutter oder aus der Nuckelflasche. Lassen wir diesen Vergleich einmal zu, dann sehen wir einigermaßen verblüfft, daß wir durch den Gebrauch von Tassen nicht einer alten Glückseligkeit hinterherlaufen und diese uns ersatzweise wieder herzustellen suchen.
Nein, wir sehen eher, wie der Mensch mit diesen Tassen eine uns viel besser erscheinende Form der Mutterbrust-Versorgung entwickelt hat.
Der Mensch scheint mit den Tassen das, was wir alle entwicklungsgeschichtlich einmal als Erfahrung höchster Beglückung erlebt haben, überbieten zu wollen: Denn im Unterschied zu früher laufen wir beim Trinken nicht Gefahr, mit einem falschen Handgriff (bzw. mit einem unpassenden Biß) den Fluß zum Versiegen zu bringen - z.B. Mutter wird sauer. Wir sind nicht auf ein kleines Rinnsal angewiesen, wir können auch in großen Schlucken genießen, wenn wir wollen. Wir müssen uns nicht anstellen, weil die andere Brust jetzt dran ist oder das Geschwisterchen. Wir brauchen uns beim Trinken auch nicht groß anzustrengen. Wir staunen hier bei dem Vergleich mit frühen Formen flüssiger Zufuhr, daß der Mensch sich mit der Erfindung der Tassen verbessert hat. Und die Nostalgie der paradiesischen Kindheit tritt für einen Augenblick etwas zurück.
Bisher habe ich vor allem davon gesprochen, was die Tasse für uns leistet. Dabei habe ich nicht ohne Vergnügen der klassischen Psychoanalyse eine gewisse Referenz erwiesen bzw. ihrer besonderen Wertschätzung der frühkindlichen Verhältnisse.
Wir haben auch gesehen, daß die Bedeutung der Tasse nicht ausreichend damit erfaßt wäre, wenn wir in ihr nur die Leistung einer Kompensation oder eines Ersetzens früherer und idealerer Verhältnisse zu sehen versuchten. Ein über die frühen Verhältnisse hinausgehendes Verfügen- und Genießenkönnen schien uns vielmehr die besondere Leistung zu sein, die sich für uns mit einer Tasse als Gebrauchsgegenstand verbindet.
Ist die Tasse damit aber schon als ein Bild und Gleichnis verstanden, welches sich auch in anderen Dingen und Zusammenhängen zeigen und als Verstehenshilfe nützlich machen kann? Wenn die psychische Realität "Tasse" sich nach einem bestimmten Gleichnis oder Bild versteht (also ein Bildverstehen hat), dann muß sie das leisten.
Wie ist das jetzt mit der Tasse? Kann sie uns auch zu einer Verstehenshilfe für anderes werden? Dazu formulieren wir das bisher Gesagte jetzt etwas ins Allgemeine um:
Die Tasse, so haben wir gesehen, ermöglicht uns eine Form stofflicher Zufuhr, in deren Mittelpunkt eine Art raumschaffender Aufschub steht. Der Stoff, um den es in unserem Beispiel geht, ist der Tee. Stoff im übertragenen Sinne kann aber auch etwas ganz anderes sein:

Eine Haltung, z.B. die Einstellung einer bestimmten Sache gegenüber, eine Idee, die jemanden bewegt - alles das wären Beispiele für etwas Durchgängiges, das sich analog zum flüssigen Stoff in der Kanne auf dem Weg in etwas anderes hinein befindet.
Die Tasse gibt diesem Prozeß und Übergang, in dem sich der Stoff befindet, eine besondere Fassung:
Das Einbringen des Tees in die Fassung der Tasse gehört zum Prozess der persönlichen Einverleibung des Stoffes schon dazu, der entsprechende Stoff bleibt aber noch weitgehend unverändert dabei, wenn wir einmal von einer möglichen individuellen Beigabe (von Zucker oder auch Zitrone im konkreten Falle) absehen.
Die "Tasse" ermöglicht es uns nun, diesen Prozeß in ganz bestimmter Weise auszudehnen und zwar so, dass wir das Ganze so gut wie möglich nach unseren EIGENEN Bedürfnissen und GESETZEN durchführen können.
Dem Stoff wird dabei sogar eine gewisse Referenz erwiesen, er muss sich nicht irgendwelche Prozeduren gefallen lassen, die an sein Wesen rühren; stattdessen kann er sich sogar eines gewissen Raumes sicher sein, in dem er sich noch einmal, in der ihm eigenen Weise - aber doch auch schon auf den bevorstehenden "Verzehr" bezogen - entfalten kann.
Konkret: er duftet, - oder übersetzt: eine Sache, mit der wir uns gerade befassen, kann einen gewissen Charme haben, den wir erst einmal so duften bzw. auf uns wirken lassen.

Ein kurzer Blick zurück: Mit den Streitenden am Anfang hatte ich ein Beispiel dafür gewählt, wie sich das Seelische einer Beziehung in einem Gleichnis bemerkbar macht. Seelisches im Bild einer Beziehung zwischen zwei Menschen zu sehen,

das ist uns nicht ganz so unvertraut. Mit dem Beispiel eines Vortrags wurde es aber schon ein Stückchen befremdlicher. Seelisches erschien uns dabei gleichsam quer zu den gewohnten Einteilungen zu verlaufen und dabei Menschen und Sachen in einem zu verbinden. Mit der Tasse versuchen wir nun auch an den leblosen Dingen unseren neuen Begriff von Psyche zu erproben.
Prüfen wir jetzt einmal, ob das Gleichnis der Tasse uns helfen kann, z.B. auch das Geschehen eines Vortrags in psychologischer Hinsicht zu verstehen. Schaffen wir das von der Tasse her?
Beziehen wir uns doch auf diesen Vortrag hier:
Es steht eine neue Art des psychologischen Denkens zur Verfügung - so wie der Tee in einer Kanne etwa: Gemeint ist das "Bildanalyische Denken”. Man kann auf verschiedene Weise davon etwas abbekommen: z.B. als Auszubildender in der psychotherapeutischen Weiterbildung beim Psychosozialen Forum. Da kann man sich dieses Denken zu eigen machen. Das Zu-eigen-machen geschieht dann z.B. ganz konkret in den Gruppensitzungen.
Und so wie die Ausbildungsgruppensitzungen so ist auch der Vortrag zum zehnjährigen Bestehen hier eine Form, in die ein bestimmter gedanklicher und haltungsrelevanter Stoff gebracht ist. Dieser Stoff will, dem Gleichnis Tasse folgend, mit einem gewissen Aufschub behandelt werden, um dann, nach einer gewissen Würdigung und je nach Geschmack und Bedürfnis für jeden einzelnen in etwas individuell Verarbeitetes überzugehen. Was aus meinen Ausführungen jetzt zu Ihnen herüberkommt, muss also noch nicht gleich verarbeitet und verstanden werden.

So ein Vortrag (sehen wir ihn von der Tasse her) lebt vielmehr davon, sich gleichsam duftend vor uns hinzustellen. Er enthält etwas, was im wesentlichen noch unübersetzt ist in die Begrifflichkeit jedes einzelnen Zuhörers - und was fürs erste auch noch so bleiben darf - obwohl natürlich am Ende eindeutig die Auflösung steht ins individuelle Verstehen hinein oder in ein Nützlichmachen für die eine oder andere davon abweichende Sache. So ein Vortrag wirkt nach. Und die Auflösung des interessierenden Stoffes, also die Umwandlung in etwas Eigenes, kann auch erst viel später stattfinden.
Für diejenigen, die es vielleicht noch immer nicht glauben, daß wir mit dem zufällig gewählten Beispiel der Tasse tatsächlich ein UNIVERSALES Gleichnis gefunden haben, werden wir dasselbe Gleichnis nun darauf befragen, ob es uns nicht auch etwas über das Seelische im ALLGEMEINEN sagen kann:
Sehen wir also, ob wir nicht sogar eine "ganze Psychologie" von der Tasse her entwickeln können. Natürlich kann das hier nur ganz kurz angerissen werden. Gönnen wir uns aber vorher erst noch ein Stückchen gemeinsames Erleben [eingespielt wird Samba de Janeiro]. Das ist der Sommerhit dieses Jahres "Samba de Janeiro".
Was wir gehört haben, wenn wir es von seiner Wirkung her beschreiben, können wir einen Ohrwurm nennen. Wir meinen damit einen Wurm, der jetzt natürlich nicht wirklich in unsere Ohren kriecht, vielmehr verstehen wir das Ganze in einem übertragenen Sinn. Und das ist logisch konsequent so. Andererseits spüren wir aber auch, daß da noch ein bißchen mehr ist als nur das, was die Analogie zu beschreiben vermag: Ein bisschen meinen wir doch auch tatsächlich, daß dieses Lied uns in die Ohren geht und eine Art Wurm-Realität besitzt. Beides - also dieses Verstehen im nur übertragenen Sinne und das Ernstnehmen des Darüberhinausgehenden - geht aber logisch nicht zusammen.
Und vorwegnehmend sei schon an dieser Stelle gesagt, daß nach dem Gleichnis der Tasse genau DAS ein besonderes Kennzeichen des PSYCHISCHEN ist:
Die Tasse macht uns aufmerksam auf eine paradoxe Realität: Und das will sagen: Im Psychischen geht es weder um etwas Irrationales noch um etwas voll Verstehbares (also auch nicht um etwas, was sich irgendwann einmal in einer Reihe von Analogien etwa auflösen ließe).
Natürlich hätten wir uns diesen Charakterzug des Seelischen auch schon an den anderen Bildern klar machen können, am Beispiel des "verlorengehenden roten Fadens" etwa oder auch am Bilde des "Sich-gleich-an-die-Gurgel-gehens". Der Ohrwurm ist nur ein weiteres Beispiel hierfür.
Ich will das aber an dieser Stelle mit Hilfe der Tasse noch etwas deutlicher machen. Blicken wir hierzu noch einmal zurück. Da gibt es den Übergang von der Kanne weg in den Körper eines Trinkenden hinein - und wichtig dabei ist dieser kleine raumschaffende Aufschub.
Übersetzt heißt das: Psychisches hat mit einem "Stoff" (Stoff im Sinne von etwas Ganzheitlichem und Durchgängigem) zu tun, der im Begriff ist, in etwas anderes überzugehen und auf dem Wege dahin in eine bestimmte, ihn gleichsam aufhaltende Fassung gerät. Das was ihn dabei "aufhält" ist die Doppelnatur des Seelischen, das weder Klar-ins-Logische- noch ins Mystisch-magische- Hineinpassen der Geschehnisse. Diese paradoxe Natur ist es, welche die Verfassung des Seelischen auszeichnet.
Seelisches tritt uns also immer als etwas Paradoxes entgegen. Kurz: Wenn wir z.B. das eben gehörte Lied einen Ohrwurm sein lassen, obwohl wir ja wissen, daß es sich nicht um einen wirklichen Wurm und um ein reales "im Ohr sitzen" dabei handeln kann - oder andersherum: wenn wir uns an die handfesten Analogien halten und das eben genannte "Mehr" trotzdem ausdrücklich MITGELTEN lassen - dann haben wir es mit dem Seelischen zu tun.
Paßt diese Vorstellung vom Psychischen jetzt auch noch zu unserer zuerst aufgestellten Formel, die da lautete: "Das Seelische ist das jeweilige Bildverstehen"? Sie widerspricht der vorgenannten Formel - wie wir gleich sehen werden - natürlich nicht, sie gibt nur einen anderen Blick auf die Sache. Das kann aber helfen, unser neues Konzept vom Seelischen noch etwas genauer und tiefer zu erfassen. Aber auch hier müssen wir wieder übersetzen.
Bildverstehen sagt ja: "Da ist etwas, was sich nach diesem oder jenem Bild versteht". Wir tun also so, als ob die Welt von lauter kleinen Seelen belebt sei - wie in der Philosophie des Animismus etwa: Da wo wir ein Bildverstehen feststellen, soll also etwas existieren, das "sich versteht", so als befände sich dort ein der menschlichen Seele analoges Sein. Natürlich wissen wir, daß es UNSINN ist, z.B. in dem Ohrwurmhaften des gehörten Liedes eine Art Seele im engeren Sinne zu vermuten, und wir fassen daher dieses "Sich-Verstehen" auch gerne in einem übertragenen Sinne auf. Und dann heißt Bildverstehen einfach, daß etwas NACHVOLLZIEHBAR" (also verstehbar) in sich zusammenhängt.
Mit der von uns gewählten Formel wollen wir aber darauf hinweisen, daß sich die seelische Wirklichkeit gerade nicht auf das reduzieren läßt, was mit Hilfe eines Bildes sich voll nachvollziehbar beschreiben läßt.
Der Begriff vom "Bildhaften-sich-Verstehen", den wir für die seelische Wirklichkeit gesetzt haben, soll daran erinnern, daß die psychischen Dinge uns immer als sehr eigenständig entgegentreten, so als würden sie tatsächlich ihren "eigenen Kopf" haben und in der Lage sein, sich (und zwar jetzt im engen Wortsinne) selbst zu verstehen.
Das Tassengleichnis führt, wie wir sehen, unser Verstehen vom Seelischen auf die ihm eigene Art weiter und verhilft dabei auch zu einem tieferen Verständnis unserer Formel vom Bildverstehen. Und von dieser Formel sind wir ja ausgegangen.
Wir erinnern uns: Das Konzept "Bildverstehen" als Fassung unserer WAHL für DAS, was WIR unter Psyche verstehen, war der Ausgangspunkt für unser Tassen-Experiment. Es ging darum zu zeigen, dass jedes beliebige "Ding" aus sich heraus ein Gleichnis und einen eigenen "Ordnungszusammenhang" entwickeln kann. Und um es uns nicht zu leicht zu machen, habe ich das Beispiel einer sogenannten unbeseelten Sache gewählt, also das Beispiel eines zwar alltäglichen, aber "materialen” Gegenstands.
Wir können jetzt - durch den Umweg über das Tassengleichnis um einiges klüger geworden - sagen: Das Seelische ist überall da, wo es darum geht, sich auf ein bestimmtes Doppeltes einzulassen, auf Zusammenhänge, die man in ihrer paradoxen Natur und in ihrer logischen Unauflösbarkeit erst einmal so stehenlassen und akzeptieren muss. Und das ist gut zu wissen - besonders dann, wenn wir vom Seelischen und seiner besonderen Natur profitieren wollen. Letzteres haben wir ja vor, wenn wir uns das Wissen um die besondere Natur des Seelischen für eine Psychotherapie und Beratung fruchtbar machen wollen. Aber hierzu werde ich gleich noch etwas mehr sagen können.
Schließen wir also hiermit jetzt unsere Überlegungen zum Beispiel der Tasse als einem seelischen Gleichnis ab: 
Auch die Tasse hat
 also, wie sich zeigen lässt, ein bildhaftes Sich-Verstehen, kurz
ein "Bildverstehen":
Sie versteht sich als das Angebot eines kleinen raumschaffenden Aufschubs innerhalb eines ganz bestimmten, auf Zufuhr und Kontinuität ausgerichteten Übergangsprozesses.
Damit sehen wir, wenn ich den Faden von vorhin wieder aufgreifen darf, dass die sogenannten toten oder technischen Dinge mit in den Gegenstandsbereich einer bildanalytischen Psychologie hineinfallen. Und wir sehen, dass die Dinge, wenn wir sie erst einmal in ihren eigenen Möglichkeiten ernstgenommen haben, sich bald als umfassende Formeln und Gleichnisse erweisen. Sie werden dabei jeweils zu etwas weit über sich selbst Hinausweisendem. Bilder sind also nicht nur Ausdrucksbildungen VON etwas (und schon gar nicht bloße Audrucksbildungen eines alles bestimmenden Gesamtzusammenhangs - wie z.B. Goethe es uns in seiner Morphologie zu lehren versucht hat) - sie sind vielmehr Ausdrucksbildungen im Sinne eines gleichnisgebenden Zusammenhangs und Formel FÜR etwas.
Welche Konsequenzen bringt das nun mit sich, den Begriff der Psyche solcherart zu erweitern?
Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich hier einen Aspekt besonders hervorheben: Wenn das Bildverstehen die Sache ist, die uns interessiert, dann tun wir etwas für eine reichhaltigere Welt, für eine Welt, die uns eine Vielfalt von "in sich verstehbaren" Zusammenhängen bieten kann. Wir müssen den verspürten Zusammenhängen nicht mehr eine - durch ein bestimmtes System vorgeschriebene - Ableitung verpassen. Wenn Bilder gleichsam Formeln sind, welche aus SICH heraus Zusammenhang stiften, dann können wir auch auf IHNEN unsere Ordnungen bauen. Auch von IHNEN aus lässt es sich kategorisieren. Ein festes Kategoriensystem allerdings gibt es dann nicht. Deutlicher: Ein System von Kategorien (also ein festes Begriffssystem), was die seelischen Zusammenhänge für jeden Fall gleichermaßen übersetzbar macht, gibt es in einer bildanalytischen Psychologie nicht.
Sowie Nietzsche das "aphoristische Denken" gegen das system-gebundene gestellt hat, so stellen wir das bildanalytische (bild-perspektivische) Denken gegen eine Psychologie, die mit einem System arbeitet. Durchkämmen wir die Wirklichkeit mit dem Raster des einen oder anderen psychologischen Systems, wie es eben so üblich ist, dann erhalten wir natürlich früher oder später eine straff geordnete - und vor allem das System bestätigende - Abfolge von Zusammenhängen.
Man kann sich gut vorstellen, dass bei einer klassisch psychoanalytisch ausgerichteten Ableitung z.B. die Welt irgendwann tatsächlich aus lauter phallischen oder oralen sowie analen oder ödipalen Vorgängen und ihren Entsprechungen besteht. Im Falle einer bildanalytischen Betrachtung und Durchforschung der Wirklichkeit wird die Welt hingegen vielfältiger und lebendiger, eben bildperspektivisch. In diesem Falle schickt sich jedes Bild an, SELBST ein Gleichnis und damit eine Art "ordnender Zusammenhang" für das Ganze zu werden.
Schließlich und endlich wollen wir aber nicht übersehen, dass eine solche Wirklichkeit vielleicht auch Angst machen kann. Es ist ja nicht gesagt, daß sich jeder Mensch eine solche, vielfältig zentrierbare Welt auch wirklich wünscht und haben will.
Mit meiner Werbung für dieses Denken möchte ich die anderen existierenden Auffassungen von Psyche also keinesfalls geringschätzt wissen. Als Bildanalytiker liegt es mir vielmehr daran, gleichsam Geschmack zu machen auf etwas Neues, vielleicht also darauf, sich bei Gelegenheit noch einmal etwas genauer mit unserer Art des "bildanalytisch" genannten Denkens auseinanderzusetzen. Vielleicht hilft hierzu ja auch die Wendung unseres Blickes auf die praktischen Konsequenzen dieses Denkens, auf die Konsequenzen für eine Psychotherapie und Beratung zum Beispiel.

2. Die Bedeutung unseres Konzepts für eine Psychotherapie und Beratung


Werfen wir zum Schluss noch einen kurzen Blick auf die Probleme, in die sich das Psychische verwickeln kann - in einer Welt, die sich in Bildern und Gleichnissen versteht. Was ist, wenn sich unser Handeln und Erleben plötzlich selbst nicht mehr versteht? Eben hatte irgendwie noch alles Hand und Fuß und jetzt erscheint es so, als verstünden sich die Dinge, in denen wir stecken oder die wir produzieren, selbst nicht mehr. Sie scheinen ohne rechten Sinn und Zusammenhang. Was ist los? Haben wir jetzt etwas falsch gemacht? Nein! In eine solche Situation kommen Menschen immer dann hinein, wenn sich ihre Entwicklung in einem Übergang befindet. Seelisches ist gleichsam im Übergang von der einen Ordnung in die andere hinein. Umbrüche dieser Art gehören lebenswichtig zu unserer Entwicklung hinzu, das ist uns bekannt. Und was wir dabei erleben können, ist nicht nur die Auflösung der ehemals Zusammenhalt gebenden Bildzusammenhänge, sondern leider auch das noch Fehlen von etwas Funktionierendem Neuen, was die entfesselten "Kräfte" wieder in ein sinnvolles Ganzes bringen könnte; höchstens eine Ahnung davon könnte schon dabei vorhanden sein.
Eine ungünstige, aber nicht selten auftretende Reaktion auf solche - sich andeutende - Umbruchserfahrungen im ganz normalen Leben ist z.B. das Krankwerden. Das Seelische versucht in diesem Falle gleichsam mit Gewalt, durch die entsprechende Störung oder Krankheit wieder ein Sich-Verstehen in die Dinge hineinzubringen: Jetzt weiß man wenigstens, was oder wo es einem fehlt, alles Weitere kann von jetzt an auf die Lösung dieses Problems ausgerichtet werden; Seelisches versteht sich wieder, wenn auch für den Preis eines - wie Sie sich denken können -sehr hohen Aufwandes. Ich kann mich nicht durchsetzen oder ich bin schüchtern und werde so schnell rot oder ich habe furchtbare Konzentrationsschwierigkeiten; so oder so ähnlich kann sich das anhören.
Als Betroffener übersieht man sehr schnell dabei, daß diese Betrachtungsweise schon selbst Therapie ist und zwar eine Art Selbstbehandlung der Schwierigkeiten eines Übergangs. Das im Augenblick so viel Raum einnehmende Sich-nicht-Verstehen der gelebten Zusammenhänge hat aber sicherlich eine ganz andere Behandlung verdient. Und natürlich kann es bei einer psychotherapeutischen Hilfestellung nicht darum gehen, auf diese bereits schon vorhandene Form der Therapie noch eine weitere Therapieform "draufzusetzen". Der Betroffene muß sich mit Hilfe des Psychotherapeuten wieder trauen, sich den gelebten, Sich-selbst-nicht-mehr-Verstehenden Zusammenhängen zu stellen und sich wieder auf das Ganze seiner Wirklichkeit einzulassen, mitsamt seinen (zu einem Umbruch immer dazugehörenden) Merkwürdigkeiten. Das Seelische braucht jetzt eigentlich einen Raum, in dem es versuchsweise das eine oder andere, ihm noch unbekannte, gleichsam in kleinen Dosierungen an sich und als Wirkung in der Realität und bei den anderen in Erfahrung bringen kann. Die Tasse als Gleichnis - wir haben sie ja jetzt im Hinterkopf - würde uns sagen, daß es in einer Psychotherapie darum geht, einen kleinen raumschaffenden Aufschub sicherzustellen.
Und damit, so glaube ich,haben wir jetzt auch unseren roten Faden wieder. Eine Therapie z.B. muss helfen, das Übergangshafte des Entwicklungsprozesses, indem der Betreffende sich befindet, in eine Form zu bringen. In eine Form, die für eine zeitlang den Betroffenen auf das Übergangshafte geradezu festlegt. Das ist auch wieder eine schöne paradoxe Formulierung. Besser können wir aber diesen Vorgang, um dessen Verstehen wir uns hier bemühen nun mal nicht fassen. Das haben wir ja auch schon im Laufe des Vortrages feststellen können, als es uns darum ging von der Tasse her eine universale Aussage über das Seelische zu machen. Wir sprachen von der Paradoxie als einer besonderen Fassung, in die sich das Übergangshafte der seelischen Wirklichkeit zu bringen versteht.
Das bildanalytische Denken bringt uns nun dazu, für den Bereich der Psychotherapie eine wichtige Markierung zu setzen. Und damit will ich sagen: Unser Denken hat weit ins Praktische hineingreifende Folgen. Und zwar geht es dabei um den Krankheitsbegriff: Dem heilkundlichen Begriff von Krankheit muss ein psychologischer an die Seite gestellt werden. Der heilkundlich orientierte Krankheitsbegriff verführt nämlich dazu, auf die eben beschriebene Methode des Betroffenen - die den Übergangsprozess ja abkürzen will - zu sehr einzusteigen und den Betroffenen in seiner problematischen Haltung zu bestärken. Und das gilt besonders dann, wenn da noch die Krankenkassen mit ihren berechtigten, aufs Heilen und Bessern ausgerichteten Ansprüchen als Auftraggeber im Hintergrund mitspielen.
Der bestehende Krankheitsbegriff passt auf die Perspektive des Funktionierens. Und dieser Blickwinkel steht gleichsam für eine medizinische bzw. heilkundliche Orientierung der Forschungs- und Arbeitweise. Versuchen wir nun aber von unseren neuen Einsichten her das psychologische Denken dagegen abzuheben, so nimmt das Psychologische für uns (im Gegensatz zum Funktionieren) die Perspektive der ENTWICKLUNG ein. Jetzt könnte ich, wenn wir noch Zeit für einen weiteren Vortragsteil hätten, die Psychologie noch einmal vom Gleichnis der Entwicklung her für Sie entwickeln. Ich glaube, Sie nehmen mir das jetzt aber auch so ab, daß so etwas möglich ist.
Wir kürzen also etwas ab: Auch von der Entwicklung her gesehen gibt es existentielle Probleme, Probleme, die im übertragenen Sinne auf Krankes und Gesundes verweisen: Die Entwicklung ist demnach "gesund" (gesund im übertragenen oder im psychologischen Sinne natürlich), wenn sie krisenfähig ist. Das ist eine wichtige Setzung. Sobald diese Fähigkeit aber fehlt, also die Fähigkeit, die eigene Entwicklung in eine Krise einmünden zu lassen, in der es um die Bewältigung eines Umbruchs von Entwicklung geht, haben wir es mit Krankheit im psychologischen Sinne zu tun. Diese Unterscheidung zum heilkundlichen Krankheitsbegriff, der ja auf das Funktionieren aufbaut, ist entscheidend:
Ein Mensch, der sich endlich wieder traut, sich auf bestimmte Veränderungen einzulassen und der dies jetzt vielleicht gerade in Gestalt einer körperlichen Störung versteht in Gang zu setzen, der beweist doch gerade ein psychisches Gesundsein und ist nicht etwa - jedenfalls nicht im psychologischen Sinne - als krank anzusehen. Die Behandlung eines solchen Menschen sollte auf keinen Falle unter der Führung eines heilkundlichen Krankheitsbegriffs erfolgen. Ich denke, Sie verstehen warum. Umgekehrt kann ein Mensch, nehmen wir z.B. den sogenannten Workoholiker (also den Arbeitssüchtigen), der vielleicht jeden Tag sein Jogging macht, ernährungsmäßig auch nur das Beste für sich tut und keinerlei seelisch-körperliche Beschwerden hat, psychisch schlicht und ergreifend "krank" sein, denn seine Entwicklungsfähigkeit ist vielleicht zugunsten eines universalen Beweismusters, mit dem er sich für immer Krisen zu ersparen versucht, bereits verlorengegangen. Wenn die Entwicklungsfähigkeit fehlt, sprechen wir im allgemeinen natürlich nicht von Krankheit, und das ist auch gut so. Es handelt sich ja auch nur um Krankheit im übertragenen Sinne. Und wir wollen auch nicht in diesem Punkt etwa - nicht daß ich hier jetzt missverstanden werde - einen neuen Sprachgebrauch einführen. Der Krankheitsbegriff ist zu stark von einem heilkundlichen Denken bestimmt.
In den letzten Jahren hat sich einiges geändert: Wenn wir heute von einer Psychotherapie im engen Sinne reden, dann meinen wir meistens eine entwicklungs- und veränderungsorientierte Psychotherapie. Teilweise wird unter "Psychotherapie" aber auch eine Dienstleistung im Sinne der Heilkunde verstanden - und möglicherweise demnächst verstärkt, durch das geplante Psychotherapeutengesetz. Um Verwechslungen zu vermeiden, sollte im Falle einer so verstandenen Psychotherapie auch immer von einer heilkundlich orientierten Psychotherapie gesprochen werden. Dass es sich in der Anwendung dieser neuen Wissenschaft, also der Tiefenpsychologie, die sich damals schnell und kräftig zu entwickeln begann, im Kern der Sache gar nicht um das Geschäft des Heilens und des Gesundmachens handelte, sondern um ein neues Umgehen mit der Entwicklung einer, an den erlebbaren Zusammenhängen seiner eigenen Wirklichkeit interessierten Persönlichkeit, das ahnte man in der interessierten Öffentlichkeit wohl auch damals schon. Das Neue musste sich aber erst noch als etwas Eigenständiges versuchen abzuheben und durchzusetzen, und zwar neben dem Bild des Heilkundlichen, nach welchem es sich anderenfalls ja mehr ums Heilen, Lindern und Bessern statt um Entwicklung, zu kümmern gehabt hätte. Und das vollzog sich dann - für die breite Öffentlichkeit wahrnehmbar - im Wesentlichen über die Bewegung der 60er- und die der 70er Jahre, über die einschlägige und die schöne Literatur, über den, das Psychische ganz neu ins Bild setzenden Film der letzten 40 Jahre und last but not least über das In-Mode-Kommen von Selbsterfahrungen und psychologischen Weiterbildungen natürlich. Neben der Psychotherapie im engeren Sinne, die ich - in Abhebung zu einer heilkundlich orientierten Psychotherapie - entwicklungs- und veränderungsorientierte Psychotherapie nennen möchte, existiert in der Öffentlichkeit parallel dazu auch noch ein weiter gefasster Psychotherapiebegriff: Er bezieht die heilkundlich orientierte Psychotherapie mit ein (inclusive aller Besonderheiten, auch des Psychiatrischen).
Unser bildanalytisches Denken macht uns auf den Unterschied von zwei grundverschiedenen Haltungen aufmerksam, die beide von uns eingenommen werden können: Die Störungen des Wohlbefindens und Probleme eines Menschen können nämlich
(a) entweder selbst in den Mittelpunkt gestellt und zum ZIEL einer Behandlung erklärt werden, oder
(b) zum ANLAß dafür genommen werden, vorrangig etwas anderes zu tun, nämlich etwas für die Entwicklungsfähigkeit des betroffenen Menschen. Wir wollen die heilkundlich ausgerichtete Psychotherapie jetzt aber nicht etwa als unseriös abwerten. Denn: warum sollte nicht auch mit psychologischen Mitteln - natürlich nur auf Grundlage einer reifen Entscheidung hierzu, auf andere Weise natürlich nicht - eine Störung beseitigt und die Folgen für die Entwicklung einmal auf den zweiten Rang gesetzt werden?
Bei der Gründung des Vereins vor 10 Jahren war der Wunsch ausschlaggebend, einer entwicklungsorientierten Psychotherapie mehr Raum zu geben und die Psychotherapie - wie wir damals sagten - aus der heilkundlichen Umklammerung zu befreien. Unser Engagement begann mit der Entwicklung eines finanziellen Fördermodells für heilkundeunabhängige Psychotherapien. Im nächsten Schritt wollten wir auch etwas dafür tun, daß die entsprechende Haltung, die für ein solches psychotherapeutisches Arbeiten nötig ist, konsequenter als bisher und auf breiterer Ebene gefördert wird. Also bauten wir eine, den eigenen Wertsetzungen entsprechende psychotherapeutische Weiterbildung auf mit einem Curriculum, das sich vom Niveau und Anspruch her im übrigen an den bereits bewährten Standards der tiefenpsychologischen Schulen orientiert. Dabei entdeckten wir, daß Interessenten mit verschiedenem akademischen Grundberufen überraschend gute und vergleichbare Voraussetzungen für die psyhotherapeutische Weiterbildung mit sich brachten, vor allem, wenn sie in ihrer Studienzeit schon die entsprechenden Schwerpunkte gesetzt hatten (Der Diplompädagoge z.B. hat sich ja häufig während seines ganzen Studiums mit der Entwicklung konkret als auch mit ihr als ein Gleichnis auseinandergesetzt). Berufspolitisch ist es uns - im Unterschied übrigens zu den meisten anderen Lehrinstituten - weniger darum gegangen, für eine heilkundliche Anerkennung der Psychologie zu kämpfen. Wichtiger war es uns vielmehr, auf das umfassendere Ziel eines neuen Denkens innerhalb der Psychotherapie hinzuwirken und auf ein neues Verständnis derselben "jenseits" einer rein heilkundlichen Ausrichtung. Der Kern der Ausbildung, die wir seit 10 Jahren anbieten, liegt in einer psychotherapeutischen HALTUNG, die wir mit Hilfe eines bestimmten Ausbildungsganges zu entwickeln und zu fördern verstehen. Die Haltung ist also das Entscheidende. Sie trägt das konkrete Tun und Handwerk des "Analytischen Beraters" oder Psychotherapeuten. Haltungen haben aber die Eigenschaft auch über das hinaus, was ihre Bestimmung im engeren Sinne ist, wirksam werden zu wollen. Und das beschreibt den geschichtlichen Zeitpunkt heute, an dem wir uns befinden. Die bildanalytische Psychologie, die sich bereits in Form einer psychotherapeutischen Haltung bei den Ausgebildeten und teilweise auch schon bei den noch in Ausbildung befindlichen Analytischen Beratern und Psychotherapeuten verkörpert hat, will sich jetzt auch als eine eigene psychologische Betrachtungsweise stärker in der öffentlichen Diskussion bemerkbar machen. Wir wollen uns in Zukunft mehr einmischen. Der heutige Tag ist eine Art Startschuß hierzu.
Für mich ist das Psychosoziale Forum in den letzten 10 Jahren eine wichtige Plattform gewesen, ganz grundlegende Gedanken und Anliegen sowohl in einem anspruchsvollen, lebensnahen Rahmen als auch in der Gemeinschaft vieler nicht nur Interessierter, sondern auch interessanter und liebenswerter Menschen einbringen und erproben zu können. Einen Grund, heute mit Ihnen hier zu feiern, brauche ich also nicht lange erst zu suchen. Ich kann ihn fühlen!
Ich danke Herrn Harald Keller für die künstlerische Ausgestaltung des Vortrags und Ihnen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.

Autor: Werner Mikus



Bilder: Harald Keller


Montag, 8. Juli 2019

Über den Dingen stehen?

- von den drei Kränkungen der Menschheit (Freud) und einer vierten

Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück


Kontext: Auf den kürzlich hier veröffentlichten Beitrag "die Geschichte von einer dreifachen Kränkung der Menscheit und wie sie sich weitererzählen lässt" (2.Juli 2019) gab es einen Verweis auf der facebook-Gruppenseite "Psychologie des 21. Jahrhunderts". Und so kam es zu einem Nachfragen auf der Seite dieser Gruppe. Es wurde um ein zusätzliches Beispiel gebeten, was dann zu einer zweiten Version des Beitrags mit der folgenden Frage und Pointe führte:


Es gibt doch die Redensart „über den Dingen stehen“

Oft tun wir so, als würden oder müssten wir über den Dingen stehen. Wenn es gut geht, stehen wir aber gar nicht drüber sondern in den Dingen! Mit genau diesem Problem des *Drüber- oder Nicht-Drüberstehens* experimentiert auch die Menschheit, also der Mensch im Ganzen, herum (der Einfachheit halber ist hier der Mensch immer aus der abendländischen Perspektive gesehen). Die Menschheit also versuchte sich sehr engagiert an diesem Problem und zwar in vier Wendungen - wovon die vierte derselben gerade in vollen Touren läuft: (Im Folgenden ist immer die weiteste Bedeutung des Begriffes "Ding" gemeint.)


Die vier Wendungen in der Versuchung des Menschen "über den Dingen zu stehen":

1. VORSEHUNG und göttliche Ordnung *stellen uns über alle Dinge*
(das heliozentrische Weltbild brachte eine Ernüchterung in diesem Glauben)
2. Wir *stehen über der Natur*, weil der GEIST unser Wesen bestimmt, der ja die Natur beherrscht. (Die Abstammungslehre brachte eine Ernüchterung)
3. Der FREIE WILLE *stellt uns über alles*, was lebendig ist. Der Mensch kann frei entscheiden.
(Die Macht des unbewussten Wollens bringt Ernüchterung – Freud)
4. Wir sehen uns *über allem Geschichtenhaften stehen*. Warum? Weil wir im Menschen den alleinigen Produzenten von Geschichten sehen, salopp gesagt: den GOTT der GESCHICHTEN. Und in diesem letzten Abkürzungsversuch unterwegs, stellen wir vielleicht (die Prophetie sei mir erlaubt) sehr bald das Folgende fest:
Der Ursprung der Geschichten liegt in den Dingen selbst, von denen sie erzählen. Und das führt zum Schließen des Kreises (siehe oben):

In den Dingen statt über den Dingen

Der Mensch, der über den Dingen zu stehen versucht, entdeckt, dass er nicht über sondern *in* den Dingen steht und zu stehen hat – jedenfalls, wenn er es klug anstellt. 
Und wie er das nun klug anzustellen hat, das ist möglicherweise wieder eine andere Geschichte. Oder aber...

Geschichten erklären via Geschichten

... die hier erzählte Geschichte mit ihren vier Wendungen "erzählt" uns schon selbst etwas darüber, wie es denn anzustellen sei, dieses "wirk-lich In den Dingen stehen". Sie könnte als ein Gleichnis hierfür stehen. Wenn ich auf meine Bemühungen hier und jetzt beim Schreiben schaue, stelle ich fest: das Ding, was ich mir hier zu erklären vorgenommen hatte, findet seinen erklärenden "Ursprung" in genau der Geschichte, die ich zur Klärung mir hier vorgelegt hatte.

P.S. Wenn es jemanden hierbei schwindelig wird, dann ist er auf der richtigen Spur!

Autor: Werner Mikus

Bildquelle: http://gesundheit-cloppenburg.de/images/cache/79e742cbf233610425b056f42893b794_w830.jpg?fbclid=IwAR2jg9Qnu-Oi5839MfmQdKPVwgjpp92fbODoLVZAHXDzn7lWhZCXEy_6LhE

Dienstag, 2. Juli 2019

Die Geschichte von einer dreifachen Kränkung der Menschheit und wie sie sich weitererzählen lässt.



Göttermacht als Wunschbild

In der Entwicklung des Menschen hat wohl lange Zeit der Wunsch gestanden, mächtig wie ein Gott zu sein. Aber die Erfahrungen mit der Natur haben immer wieder daran erinnert, dass der Mensch diesem Wunschbild nicht gerecht werden kann. So ist es nachvollziehbar, dass er sich in einer Welt eingerichtet hat, die von einem Schöpfergott gleichsam für ihn angelegt worden ist, von einem Gott, dem es ganz besonders am Menschen gelegen ist. Als man sich in der Astronomie ein erstes Bild von den vielen Erscheinungen und Bewegungen am Himmel gemacht hatte, fand man in der Konstellation der Gestirne ein passendes Beweismittel hierfür. Der Mensch stand demnach im Mittelpunkt des Universums. Mit dem Aufkommen des Kopernikanischen Weltbildes änderte sich das. Es führte zum Untergang der über 1000 Jahre bestehenden Weltsicht, nach der die Erde sich in deren Mitte befindet, umhüllt von sich drehenden Schalen, auf denen ordentlich alle anderen Gestirne fixiert sind. Hier fängt Sigmund Freuds kleine Erzählung von den drei großen Kränkungen der Menschheit an. Ich will sie hier zur Darstellung bringen, weil sie uns vielleicht auf eine kommende vierte Kränkung aufmerksam macht, die sich vielleicht schon ereignet und der wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Ich werde auf die mögliche vierte Wendung am Ende ausdrücklich eingehen.

Verwandlung des Wunschbildes in vier Wendungen

(1) Der Mensch, welcher in der Begegnung mit der Natur immer wieder erfahren musste, nicht allmächtig wie ein Gott zu sein, konnte sich lange Zeit mit der folgenden Überlegung trösten: 
Wenn ich schon nicht Gott sein kann, dann bin ich doch wenigstens das wichtigste Wesen in einem von Gott geschaffenen Universum. Ich bin in dessen Mitte beheimatet, um die sich alle anderen Planeten drehen. Die Welt schien nicht zuletzt durch das von der Kirche hochgehaltene Bild einer geozentrischen Welt auf den Menschen hin angelegt zu sein.
(!) … doch darin irrte er sich.
Tatsächlich sind wir nämlich auf einem Flugobjekt zu Hause, das mit seinen Bewohnern um die Sonne kreist – wobei diese sich im übrigen auch selbst noch in einem All bewegt, das,  wie wir heute wissen, für jede Standort-Relativierung gut ist.
(Kopernikus, und die heutige Astronomie)

(2) Darauf fand der Mensch einen Trost in der folgenden Überlegung:
Wenn wir schon wie auf einem Satelitten um die Sonne kreisen und nicht im Zentrum eines Universum stehen, um dessen Mitte sich alles dreht, so ist doch der Mensch ein Wesen von einer anderen Welt und ist nicht eingereiht in die Ordnung der tierischen Lebewesen.
(!) … aber auch darin irrte er sich
Wir sind sehr wohl von dieser Welt und stammen wie die Affen von den gleichen Vorfahren ab.
(Darwin)

(3) In der Folge sagte er sich dann:
Wenn wir auch mit den Tieren in einer Reihe stehen, so sind wir doch wenigsten nicht wie dieselben programm- und instinktbestimmt, sondern sind durch unser Bewusstsein und freien Willen selbstbestimmte Wesen.
(!) … wir wissen, dass er auch hierin irrte.
Unser Handeln ist im Wesentlichen von Neigungen und Bindungen bestimmt, die uns selbst gar nicht bewusst sind. Und wir wissen, dass der Mensch nur so funktioniert. Die unbewussten Prozesse sind gegenüber den bewussten Prozessen dominierend. Das Unbewusste bestimmt unser Erleben maßgeblich.
(Freud)

(4) Heute sucht der Mensch seinen Trost in der folgenden Überlegung:
Wenn wir auch zugeben müssen, nicht Herr im eigenen Hause zu sein, der in uns unbewusst bleibenden Anteile wegen, so sind wir doch immer noch der Urheber aller Geschichten, die in der Welt kursieren und die wir noch erfinden werden. Geschichten sind mächtig und mit ihrer Hilfe geben wir auch den geschichtenblinden, nackten Tatsachen einen Sinn.
(!) … wir bekommen zu spüren, dass wir uns auch hierin irren:
Nicht nur die erfundenen Geschichten erzählen uns etwas, sondern auch die nackten Tatsachen und unbeseelten Dinge entfesseln ihre Geschichten. Und weil wir nicht wissen, wie wir in ihnen lesen können, bestimmen diese unser Tun auf eine unkontrollierte, besondere Weise mit. Dabei geht es um Geschichten, die meist wenig bis gar nicht personbezogen sind.
(Neuere Strömungen in der Psychologie, Sprachwissenschaft und Soziologie, legen uns dies nahe)

Wir spalten die Wirklichkeit in Geschichten und Fakten auf

Die volle Aufmerksamkeit des Menschen ist heute auf die Welt der Geschichten gerichtet. Diese heben wir von einer Welt der geschichtenblinden Zusammenhänge ab, wie wir sie in den unbeseelten Dingen und den so genannten nackten Tatsachen vor uns haben. Ein reißender Faden zum Beispiel gehört daher in die Welt der unbeseelten oder geschichtenblinden Dinge, der Ärger über das sich plötzlich verschlechternde Spiel einer Mannschaft dagegen in die Welt der personbezogenen Zusammenhänge und Geschichten hinein.
Wir könnten uns jetzt folgendes fragen: Was wäre, wenn wir Menschen es einem Ding wie dem Faden erlaubten, selbst von geschichtenhafter Natur zu sein? Etwas sehr Interessantes würde passieren: Die beiden getrennten Welten könnten sich in diesem Fall geschichtenhaft begegnen und jetzt gezielt etwas füreinander tun: Ein Faden, der reißt, könnte dann z.B. zum Bild für eine Geschichte werden, die sich auf einem Fußballfeld abspielt (zwischen Spielern einer Mannschaft, den Gegenspielern und einem Ball nämlich). Im Spiel der Mannschaft, zu der man hält, reißt der Faden. Die Spielanlage zerfällt, einzelne Aktionen ergeben nicht mehr den eben noch auf den Platz gebrachten Sinn. Das ist die Geschichte, die uns im Bild des reißenden Fadens dann erzählt werden kann.

 

Es gibt Geschichten, die tatsächlich nicht personbezogen sind

Wichtig zu sehen ist im oben genannten Beispiel Folgendes: Die Geschichte, die sich in dem Bild erzählt, hat Gültigkeit über die Wirklichkeit des wahrnehmenden Subjektes hinaus. Und der Inhalt der so erzählten Geschichte ist ebenfalls von besonderer Art, nämlich nicht von der Art eines personbezogenen Geschehens: Mit dem Fadenriss geht es ja nicht um die Befindlichkeit einer Person. Die Person oder ihre Befindlichkeit „fadenreißt“ ja nicht - weder die wahrnehmende Person noch die, die auf dem Feld herumläuft. Der Faden reißt im Spiel der Mannschaft und das heißt, es geht um das Geschehnis eines überpersönlichen Ganzen.

Unser Umgang mit dem Geschichtenhaften ist schief

Der Mensch von heute entwickelt eine Hybris, was sein Verhältnis zur Macht der Geschichten angeht. Dabei teilt er die Welt auf in eine der "erfundenen" Geschichten und in eine davon sehr verschiedene Welt, nämlich die der (ihrem Wesen nach) geschichtenblinden Dinge und nackten Tatsachen. Sein Umgang mit den Geschichten erhält dabei etwas Exzessives, was aber grade von dieser Trennung herrührt.
Der Mensch von heute könnte aber in Zukunft auch mehr und mehr eine andere Haltung einnehmen: Würde für ihn die Wirklichkeit nämlich in allem geschichtenhaft existieren und sich bewegen, so könnte die Welt der Dinge sich in einen Austausch mit den von den Menschen gemachten Geschichten begeben – und das auf Augenhöhe. Die so genannten nackten Tatsachen müssten ihm dann nicht immer wieder wie geschichtenblinde Ereignisse auf die Füße fallen. Sie müssten sich auch nicht an allen Ecken und Enden unserer Geschichtenbildung unkontrolliert einmischen, weil es ihnen möglich wäre, sich kommunikativ, über eine geschichtenhafte Herausforderung nämlich, einzubringen.  
Unser Umgang mit der Welt hat etwas von der Aggressivität folgenden Bildes: „Sich die Welt untertan machen!“. Aus einer vermeintlich unbeseelten und geschichtenblinden Welt soll eine Welt geschaffen werden, die aus unseren Geschichten besteht, notfalls mit Gewalt. Die Folgen zeigen sich deutlich in einer hysterischen Dramatisierung nach dem Muster eines Gegeneinanders von Geschichten der Verwahrlosung und denen eines Rettertums.

Ein Blick nach vorn'

Wir könnten uns auf einen neugierigen Austausch mit einer Welt der Dinge einlassen, die wir nicht zu geschichtenblinden Ereignissen und so genannten nackten Tatsachen erklären. Wir müssten hierzu lernen in ihren Geschichten zu lesen und herauszuhören, was sie uns zu erzählen haben. Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Wirklichkeit überall und immer nur geschichtenhaft existiert und sich bewegt, dann befänden sich die Dinge auf Augenhöhe mit den von uns Menschen "erfundenen" Geschichten. Ein Austausch zwischen diesen beiden Welten würde über das Verbindende möglich. Dabei könnten wir es schaffen, die hochgezüchteten Dramatisierungen unseres gesellschaftlichen Alltags hinter uns zu lassen. Darüber hinaus könnten wir es auch schaffen, eine größere Lebendigkeit zu entwickeln, die in der innigen Verbundenheit mit den Dingen um uns herum ihr Zuhause hat. Das heißt: in einer Welt, die unser Handeln tragen "darf" und ihren Sinn nicht darin sehen muss, erobert und konsumiert zu werden.


Autor: Werner Mikus


P.S.
Es gibt eine zuspitzende Version, zu dem hier entwickelten Gedankengang. Er ist hier unter dem Titel: "Über den Dingen stehen?" auf diesem Blog zu lesen.

Literatur:
„Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“; Freud 1917
  • In diesem Aufsatz erklärte Freud, was einer Psychologie, die sich aus der Theorie der Psychoanalyse herleitet, zu einer Anerkennung als ebenbürtiger Wissenschaft im Wege steht. Ihre Wirkung auf die Gesellschaft stellt er dabei in eine Reihe mit den jüngsten beiden Kränkungen der Menschheitsgeschichte, der kopernikanischen Wende und der Evolutionstheorie.


Bildquelle:https://www.wienerzeitung.at/_em_daten/_cache/image/1x3J4_P4dUMOAnOW5FgnPnCwIgBCAoDR1cLYPasDOuk26IAteLlBFZNS8OY30kad1wT_myH2NNs-qX76vbPEHkbEOjvPvAUW7_omEaFbF-sczT5S3EnfToUHO55fVypDLCVI49LWe6ALo/190118-1509-themenbild-weltmuseum-wien-apa-bilderdienst.jpg

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Glück - Welche Bedeutung geben wir ihm heute
oder sollten wir ihm geben?

Ein "Apropos"-Beitrag

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 Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten (Rabindranath Thakur)
Kontext: Dem Menschen von heute müsste es eigentlich längst aufgefallen sein, dass sein Umgehen mit dem Thema Glück und sein Nachdenken darüber in der Sackgasse steckt. Er merkt es aber nicht. Erst wenn er beginnt, ein tiefer gehend anderes Verständnis vom Seelischen auf das Thema Glück anzuwenden, bekommt er eine Idee davon: Die Psychologie des vergangenen Jahrhunderts ist selbst der Grund für die Sackgasse in unserem Nachdenken darüber!


Betrachtungen von einem Bildanalytischen Konzept aus:


Glück, der umgekehrte Kollateralschaden

Mit einem bildanalytischen Konzept vom Seelischen bekommen wir einen anderen Blick auf das,was wir unter Glück verstehen. Wir sehen im Glück dann eine Art Nebenproduktion. Glück erscheint uns dann wie etwas, dass neben den gestaltenden Taten und Werken unseres Lebens eine nur mitlaufende Wirklichkeit und Bedeutung hat: In den glücklichen Momenten unseres Lebens (so wie auch in den unglücklichen natürlich) finden wir eine Begleiterscheinung unserer lebensgestaltenden Produktionen und Entwicklungen vor. Und es zeigt sich, dass diesen Momenten eine besondere Funktion zukommt. Erst, wenn wir so auf Dinge schauen, also mit einem dementsprechenden psychologischen Blick, sehen wir die Vereinseitigung des von uns gewohnten Denkens: Behandeln wir das Glück doch landläufig so, als stehe es für das eigentlich Antreibende im Leben eines Menschen, und als sollten wir uns in der Hauptsache darüber Gedanken machen, wie denn nun ein Herstellen-Können von Glück zu erreichen sei (Glück als eine Produktion verstanden).
Wenn wir nun aber im Unglück einen Kollateralschaden unserer Unternehmungen und im Glück einen Kollateral-Gewinn sehen, ordnen sich die Verhältnisse auf eine vollkommen neue Art und Weise: Es geht dann nicht mehr um ein Herstellen von Glück. Genau wie der kriegsbedingte Kollateralschaden sich eben nicht kontrolliert und gewollt herstellt, verhält es sich auch mit dem aufkommenden Gefühl eines Glücks.

In mehreren Werken unterwegs

Wir sind alle immer in vielen „Unternehmungen“ gleichzeitig unterwegs, in kleineren und größeren. Beispielsweise bereiten wir ein Essen zu, richten uns über Wochen hinweg in unserer neuen Wohnung ein, reparieren eine streikende Pfeffermühle oder/und denken uns ein Geschenk für einen lieben Menschen aus. In all diesen Prozessen (also im Essen zubereiten, im Reparieren der Pfeffermühle usw.) steht uns eine steuernde Orientierung zur Seite, die wir formalisierend auch eine „Freud-/Leiderfahrung“ nennen können. Was tut sie? Was haben wir von ihr? Sie lässt uns Glücksgefühle haben, wenn die Entwicklung einer laufenden Sache sagen will: ja, so ist es gut, mach weiter so. Und sie lässt uns leidvoll berührt sein, wenn sie umgekehrt warnen will: Mach nicht so weiter, hier läuft etwas schief…bitte korrigieren!

Ein neuer Blick

Das Glück oder die aufkommende Freude stehen demnach nicht in einer Zielfunktion zu all' den Dingen, die unser Tun und Sein von Grund auf ausmachen. Das ist ein psychologisch neuer Blick auf das, was wir Glück nennen. Glück ist nach diesem Verständnis der Dinge nicht der Mittelpunkt unseres Seins, der sich (wie nach einer Revolte etwa) alle Entwicklungen und Prozesse seinen eigenen Zielen unterworfen hat. Das Seelische scheint vielmehr so eingerichtet, dass es die glücklichen und leidvollen Erlebnisse zu seiner Orientierung hat und auch braucht. Sie *dienen* dem Gelingen von Entwicklungen und sind ihrem Wesen nach Korrektur-Erfahrungen, die uns im Falle eines glücklichen Signals schmecken und im anderen Fall natürlich weniger.

Verkehrte Welt

Der Zeitgeist ist aber voll und ganz auf das Glück als eine Verheißung abgefahren, so wie es die Ideologien zeigen, die uns besonders im letzten Jahrhundert in die Irre geführt haben. In der Mitte des letzten Jahrhunderts bauten sich in Deutschland zwei bestechend zwanghafte Ordnungsmuster auf, die sich wunderbar auf das Glück herauszureden verstanden: Im Osten war es der "Erste deutsche Arbeiter und Bauernstaat" und im Westen war es der "erste Arzt und Patienten-Staat" (die Medizinalisierung mit ihrem Anspruch auf ein universales Heilsein). Das Thema Glück versucht sich heute flächendeckend in eine Führungsposition zu bringen. Es will sich die Lebendigkeit der verschiedenen Entwicklungen und ihre vielfältigen Zielgerichtetheiten gleichmachersich unterwerfen. Alles Potenzielle will es über den großen Glücks-Kamm scheren, bevor es mit der jeweiligen Sache erst noch losgeht.


Ausblick und zum Blick des Weisen (siehe Bild)

Eine Psychologie des 21. Jahrhunderts wird sich weniger für die Produktion von Glück interessieren, als für die Lebendigkeit komplexer Welten, in denen das Glück neben Anderen sein natürliches Zuhause hat. Die größten Erfindungen wurden meist jenseits eines zielführenden Tuns und eines gezielten Suchens gemacht. Es war eine Bereitschaft vorhanden, eine Sensibilität für den Sprung (in der Wissenschaft spricht man von einer Serendipity wenn Erfindungen ganz ungezielt und unerwartet entstehen - wie beim Penicillin, dem Benzolring oder dem Klettverschluss z.B.). Das „Glücksgefühl“ wird seine Zeichen setzen mit einem: Ja!!! so geht es! wenn es auch zunächst verrückt ausschaut, genau das ist es! weiter so!“

Der kluge Spruch (von Rabindranath Thakur) unter dem kleinen Bild oben, wirft noch mal einen besonderen Blick auf den spannenden und hochkomplexen Zusammenhang: „Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten“ heißt es dort. Hier wird das Glück ganz pointiert mit dem Glück des Weisen gleichgesetzt. Ein Kommentar von Markus Buschkotte zum besagten Fragment, legt den Gedanken sehr schön offen und kann uns zum Schluss zeigen, dass unser neues Nachdenken zum Thema Glück nicht dem Mainstream folgt, aber doch auf ein gewisses Vordenken zurückgreifen kann.
„[…] Ich vermute, dass dieser Aphorismus auf den Unterschied von 'Technik' und 'Haltung' abheben will. Es geht in diesem Aphorismus nicht um eine Steigerung im Sinne von 'dumm' – 'klug' – 'am klügsten', sondern um zwei grundverschiedene Haltungen. Rennen oder Warten sind eigentlich sehr ähnliche Techniken, nur umgekehrt. Von daher ist der Wartende immer auch eine Art
'kluger Dummer'. ;-). Der Weise dagegen macht etwas völlig anderes. Im Gegensatz zu den ersten beiden fixiert sich der 'Weise' in dem Garten nicht auf ein bestimmtes Ziel, sondern gibt dem Zufall eine Chance, indem er - die Blumen genießt. ;-))„

Autor: Werner Mikus


Bildquelle: Zeichnung Werner Mikus