Dienstag, 29. Oktober 2013

Freiheit (klar und schillernd)

Bildanalytischer Appetizer Nr. 7


Wenn wir Freiheit mit "Freisein von" gleichsetzen, sind wir fixiert auf genau das, von dem wir frei sein wollen. Das hat dann nichts mehr von Leichtigkeit und Hingabe. Eher führt es uns zu einer titanenhaften Anstrengung unter dem Thema "Freisein von".

Schauen wir uns das im privaten Bereich an

In einer Liebesbeziehung kann sich das Streben nach einem "Freisein-von" z.B. darin zeigen, alles zu tun, um nicht irgendwann vom Partner verlassen zu werden. Vielleicht lesen wir ihm deshalb jeden Wunsch von den Lippen ab und versuchen ihm die Wünsche zu erfüllen.

Ein "Freisein für"...

würde sich auf andere Weise zeigen: Wir wären frei für das uns Verbindende und Einzigartige, was wir möglicherweise noch gar nicht kennen: Vielleicht erfreuen wir unseren Partner gerade dadurch, dass wir mitreißend den eigenen Wünschen nachgehen, statt aufdringlich nach den Seinen zu fahnden.



Schauen wir uns das im Bereich der Wissenschaft an

(1) In der Wissenschaft heißt es nämlich: Freisein von Widersprüchen!
Paradoxien gelten dann als Merkwürdigkeiten, die uns täuschen aber irgendwann durch exakte Zerlegungen aufgelöst werden sollen.
(2) Im gleichen Sinne heißt es: Unbekanntes muss auf Bekanntes zurückgeführt werden. Das Wundern oder Staunen steht also nicht im Mittelpunkt, es soll vielmehr überwunden werden. (Einstein scheint davon mehr als gewusst zu haben wenn er sagt: "der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen").

"Freisein für" hieße in diesem Bereich:

(1) Wir suchen ein Staunen herzustellen, also etwas zu finden, was wir nicht erwartet haben (Verstehen ist Verdrehen). Und im Weiteren:
(2) Die Widersprüche in den Paradoxien werden nicht mehr als Grenzen für ein Verstehen gesehen, sondern als begehbare Brücken: Wenn wir nämlich die unaufhebbaren Widersprüche als Motivation für ein Ganzes nehmen, beginnen wir zu verstehen, dass Entwicklung nicht zum Stillstand gebracht, nur unterdrückt werden kann. 

Schauen wir und das im Bereich der Medizin an

Hier heißt es: Freisein von Krankheit und Störungen.



Als man in der Medizin den Versuch unternommen hatte, unter derselben Devise auch psychische Probleme anzugehen, kam es zu einer unangenehmen Überraschung: Der konsequente Versuch, ein Freisein von den Kehrseiten und Bedrängnissen seelischer Entwicklung zu erreichen, erwies sich nämlich als DECKUNGSGLEICH mit den Methoden, die den Patienten erst in sein Unglück hineingebracht haben (Symptombehandlung). Die typische Neurose entpuppte sich als gelebter Versuch, ein unbedingtes Heilesein herzustellen). Psychotherapie und Heilen haben also ein heikles Verhältnis zueinander, sie stehen sich gleichsam komplementär gegenüber.

Das Prinzip eines "Freiseins für"...
ist aber kompatibel mit einem Aus- und (teilweisen) Umbauen seelischer Strukturen: Für die Psychotherapie heißt das: Da wo es klemmt, müssen Veränderungsspielräume aufgefunden und genutzt, nicht aber Zusammenhänge "repariert" werden. Die Psychotherapie sollte mit ganzem Herzen versuchen, eine eigene Profession und in diesem Sinne Entwicklungstherapie zu sein.

Einladung zu einem neuen Sehen und Zusammendenken

"Freisein für" die prinzipiell nicht vorhersagbaren Wendungen einer Entwicklung, ist Hingabe. Es ist die erste Form und Realisierung eines Freiseins. Der abendländische Mensch aber ist darauf programmiert, erst einmal "frei sein zu müssen von"... (frei sein von Mängeln, Zwängen, oder Zweifeln z.B.) bevor eine Hingabe ihm erlaubt ist. Die Bildanalytische Psychologie will die entsprechende Vereinseitigung in unserem "Denken" und in unserer Haltung aufdecken und lädt zu einem neuen Sehen und  Zusammendenken ein.

Werner Mikus (Bildanalytiker)

1. Bild: http://img01.lachschon.de/images/69865_mutig.jpg
2. Bild: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcSJW6wno18FfIU41bQEhDtAvYffLmN-Oj5zvq3dmiTsNuuOwa4x

Sonntag, 30. Juni 2013

Zu den Dingen selbst? - Werbung für die erlebbaren Zusammenhänge

Bildanalytischer Appetizer Nr. 6


Die Natur und ihr Inventar


In der christlich mittelalterlichen Zeit "las man im Buch der Natur", wenn man sich Wissen schaffend mit ihr befasste. Es gab eine feste Ordnung und die darin enthaltenen Dinge der Natur. Der Mensch dieser Zeit räumte diesen Dingen nur in soweit ein eigenes Wirken und In-Sich-Zusammenhängen ein, als es sich aus der Schöpfung im Ganzen ableiten ließ.


Keineswegs billigte man den Dingen aber eine eigene Natur zu, die vielleicht nur mit neuen, gleichsam unchristlichen Mitteln zu erschließen war und vom Inhalt her dem Bild einer göttlichen Schöpfung widersprach (die Inquisition passte schon darauf auf! Der Mittelpunkt der Schöpfung drohte ja im 17ten Jahrhundert durch einen neuen Blick auf die Himmelsmechanik verschoben zu werden und dem Interpretations-System der kirchlich organisierten Wissenschaft drohte zumindest eine ungeheuere Relativierung.
Heute fragen wir uns: Wie genau ist die jeweilige Sache beschaffen, wie ist ihr Zusammenhang, wie funktioniert sie, damit ich sie nachbilden, nachbauen kann. Unter welchen Bedingungen entstehen bestimmte Dinge und unter welchen verschwinden sie wieder? Darum ging es dem Menschen des christlichen Zeitalters weniger. Die Beschaffenheit der Dinge schien festzustehen. Sie drückte den Plan Gottes aus, den man im wesentlichen zu kennen glaubte und der sich in bestimmten universalen Gesetzen mustergültig zum Ausdruck brachte. Forschung war also eine Art von Inventur machen in einer Schöpfung, die so groß war, dass man noch nicht alles darin kennen konnte.

Hin zu den Dingen selbst - die Versuchung in der Neuzeit

In der Wende zur Neuzeit und mit dem Entstehen der Naturwissenschaft, war man nun aber versucht, den Dingen selbst und ihren inneren Zusammenhängen eine Bedeutung zu geben, mit der Konsequenz, von einem alten Bild der Wirklichkeit wegrücken zu müssen, das von einer Wirklichkeit erzählt, die nur auf einer einzigen, von Gott gegebenen Ordnung, aufgebaut ist. Giordano Brunos Idee von den unendlich vielen Welten bringt die Brisanz dieser Versuchung vielleicht am besten ins Bild: Man konnte sich im Geiste seiner Ideen fragen, ob wir nicht vielleicht von mehreren, ganzheitlichen Ordnungsmustern in der Welt ausgehen sollten, die gleichsam nebeneinander existieren und dennoch in der einen unendlichen Wirklichkeit ihren Auftritt haben, in der auch wir leben und uns Gedanken über die Dinge machen.

Die halbherzige Hinwendung zu den Dingen

Die Vitalität der Bewegung "Hin zu den Dingen" hielt aber nicht lange vor. Eine Ersatzordnung für die alte Ordnung der Dinge wurde schnell gefunden: Descartes Zweiteilung der Welt in die Natur des Geistigen und die des Materialen hatte das geschafft, unter Mithilfe der mathematischen Beschreibung der Gravitation (Newton) die ja das Zusammenhalten von Himmels-Geschossen berechenbar machte (und auf so einem saß der Mensch nach Verlassen des alten Denkens ja). Die Verheißung dieser neuen Ordnung war: Wir können im Buche der Natur (egal vom wem geschrieben) weiterlesen. Wir wissen jetzt, dass es in der Sprache der Mathematik geschrieben ist und daher dürfen wir hoffen, eines Tages alle Zusammenhänge dieser EINEN Ordnung (aber woher konnte man wissen dass es EINE war) gefunden zu haben.
Diejenigen, die den Impuls dennoch weiter spürten, nach neuen Zugängen zur Wirklichkeit und ihrer möglicherweise verschiedenen Naturen zu suchen, wurden schnell mit einem Pantheistischen Denken zusammengebracht. Einem solchen Denken ging es dann eher darum, sich Gott ein bisschen größer zu denken als bisher, sich ihn z.B. als einen Gott von unendlich vielen Welten vorzustellen - wobei es am Ende dann doch wieder auf dieses göttliche EINE einer Ordnung hinauslaufen sollte (so konnte man Giordano Bruno jedenfalls auch interpretieren).


Die Versuchung, die Dinge selbst zum Sprechen zu bringen, ihren eigenen Hinweisen auf die Wirklichkeit zu folgen und so einen methodisch immer besseren Zugang zu ihnen zu entwickeln, verlor sehr bald ihre Anziehungskraft angesichts der Verheißung einer über die Mathematik erreichbaren maximalen Sicherheit im Aufschließen der Wirklichkeit. 

Man wollte jetzt soviel von der materialen Natur der Wirklichkeit (res exensa) erforschen wie eben nur möglich und glaubte sich im methodischen Vorgehen noch nie so sicher wie jetzt, wo man doch von einer Natur ausgehen konnte, die in der Sprache der Mathematik geschrieben und damit prinzipiell zu entschlüsseln war. Das Mathematische wurde zentral in den Rahmen eines Verfahrens gestellt, das wie ein Generalschlüssel für die Erschließung aller Zusammenhänge zur Verfügung stand (grob: Operationalisieren als Methode).

Was war aber der Preis für das Verheißungsvolle?
Zu allen Phänomenen, die in irgendeiner Weise mit der Seele, dem Denken und dem Geist etwas zu tun hatten, konnte auf diese Weise kein Zugang gefunden werden. Selbst so zeitnahe Denker wie Kant waren davon überzeugt, dass der menschliche Geist, (wie er sagte) sich der wissenschaftlichen Untersuchung entziehe weil das Denken eine Funktion der Seele sei und diesem deshalb auch keine mess- und überprüfbaren Parameter zugeordnet werden könnten.

Die Methode war also ein Hindernis für die Erforschung bestimmter Zusammenhänge. Die Methode musste ja nicht an den Dingen selbst erst entwickelt werden, sondern war für den Forscher wie von außen vorgegeben, ähnlich wie der Geist im dualistischen Weltbild in die materialen Dingen wie von außen hinein gegeben war, als etwas Fremdes, das sich nicht an der Sache selbst erst entwickeln musste. 


Ein Hin zu den Dingen durch das Experiment

Die Neuzeit begann also mit der Versuchung, den Blick umzukehren: Statt von der Sicherheit einer göttlichen Ordnung auf die noch unbekannten Dinge der Natur zu schauen, traute man sich jetzt vom Kleinen, das man sich genauestens beschauen konnte, auf das Große zu schließen. Und das war die Geburtsstunde des Experiments. Die in Geist und Materie  aufteilende Ersatzordnung die ja sehr bald gefunden war, hinderte nicht daran. Im Gegenteil, das Schließen vom Kleinen auf das Große ließ sich mit der neuen Ordnung ganz gut verbinden. Das wissenschaftliche Experimentieren wurde eine Erfolgsgeschichte. Es brachte tatsächlich näher an die Welt der Dinge heran. Allerdings für einen recht hohen Preis: Bestimmte Zusammenhänge mussten vollkommen ausgeklammert werden.
Wieso das so ist, wird deutlich,  wenn wir uns anschauen, wie die Methode aussah und weitgehend auch heute noch aussieht. Dabei geht es um eine Methode, die das Versprechen macht, ein Generalschlüssel für die Erschließung jedweder Zusammenhänge zu sein. Bestimmte Dinge mussten dabei für die Wissenschaft geopfert und weil der Schlüssel dort nicht passte in die Nebenstube einer Geisteswissenschaft geschoben werden, die als eine nicht exakte Wissenschaft galt. 

Immerhin entstanden im Zuge der vielen Experimente Protoperspektiven auf eine Wirklichkeit im Ganzen - Vorformen von Perspektiven die das Zeug dazu haben, einen neuen, eigenen Zugang zur Wirklichkeit mit entsprechend eigenen Methoden bereitzustellen (darauf komme ich später noch zurück). 

Die generalschlüsselartige Methode als Bremse

Jede Methode will einen eigenen Zugang zu den Dingen herstellen. Dabei müssen aber immer bestimmte Erwartungen erfüllt werden: Die Methode soll Vorhersagen ermöglichen, und die Erkenntnisse sollen sowohl zuverlässig als auch gut nachvollziehbar sein.
Die Wissenschaft der Neuzeit hatte sehr schnell ein Vorgehen entwickelt, welches wie ein feststehendes und genormtes Verfahren das wissenschaftliche Tun bestimmte. Dabei geht es um eine Methodik, die mit dem Anspruch auftritt, in jedem Bereich wissenschaftlichen Forschens der passende Schlüssel zu sein. Sie versteht sich also wie ein Generalschlüssel. Dreh- und Angelpunkt sind das so genannte Operationalisieren und das Erfüllen einer (formallogisch) widerspruchsfreien Form des Schließens. Wenn dieser methodische Schlüssel zur Untersuchung einer Sache nicht passt, ging und geht man auch heute noch davon aus, dass es sich bei der Sache nicht um einen Gegenstand der Wissenschaft handelt (die Wissenschaft im engeren Sinne ist damit gemeint, die empirische Wissenschaft). 
Die Methode funktioniert wie folgt:
(1.) Eine komplexe Frage wird (im Rahmen einer wissenschaftlichen Bearbeitung) so lange umgeformt, bis sie auf eine Aussage heruntergebrochen ist, in deren Mitte etwas Abzählbares steht. (2.) Von der Form her muss die Aussage außerdem widerspruchsfrei sein, widerspruchsfrei im Sinne der formalen Logik (Aussagenlogik). (3.) Das Abgezählte wird in ein mathematisches Modell überführt und mit einem normierenden Modell verglichen (Beispiel: die konkrete Häufigkeitsverteilung mit der Normalverteilung = Glockenkurve).  (4.) Die Ergebnisse aus dem mathematischen Modellvergleich werden zurückübersetzt in die komplexe Frage des Anfangs, um die es in der Untersuchung geht.


Durch das Runterbrechen auf Aussagen, die im Kern etwas Abzählbares enthalten, zwingen wir die Zusammenhänge der von uns untersuchten "Natur" in einfache, wiederholbare Muster hinein. Wenn es aber um die Natur der bildhaften Zusammenhänge geht, kann es peinlich werden: Aus dem Erleben eines "sich Öffnens" kann dann z.B. eine Metapher werden, die zum Grundmuster eines "Behälters" gehört. Man stelle sich vor, einem Menschen öffnet sich ein neuer "Weg im Denken", wie ein Rundweg vielleicht, der auch wieder in sich zurücklaufen kann. In der sogenannten Metaphernanalyse z.B. geht man davon aus, dass zuletzt alle Metaphern auf ein paar Grundmuster (Schemata) ausgerichtet sind, die sich von der frühen Körpererfahrung des Menschen her ableiten - gemeint sind damit z.B. das Schema des Behälters (Container), des Weges (Pfad) oder das der Kraft. Man kann sich gut vorstellen, wie hilfreich diese Schemata für ein Operationalisieren sind. Es ist aber auch nicht schwer zu erkennen, dass auf diesem Wege, wenn auch "gefühlt unschudig", ein kaum zu rechtfertigendes Vorgreifen auf die Inhalte und Ergebnisse stattfindet. Das Problem des Operationalisierens zeigt sich also auch dort, wo eine komplexe Beschreibung gewünscht wird (Metapheranalyse, M. Buchholz).

Provozierende Erfahrung am Gegenstand der modernen Psychologie

Seelische Prozesse sind motiviert durch Widersprüche. Freud machte über die ganzen Jahre seines psychologisch orientieren Forscherlebens hinweg ein einziges großes Experiment. Mit einem Verfahren, der "Psychoanalytischen Kur" (und das war sein großes Labor), konnte er zeigen, dass seelische Widersprüche, wenn sie nicht zugelassen sondern in ihrer Existenz wie geleugnet behandelt wurden, zu Beeinträchtigungen mit Krankheitswert führten. Der Beweis war folgendermaßen aufgebaut: Wenn in der psychoanalytischen Kur die seelisch wirksamen Widersprüche ernst genommen und in dem gelebten Alltag ohne verleugnende Strategien einbezogen werden konnten, verschwanden die Merkwürdigkeiten und die sogenannten Störungen. Bestimmte Krankheiten erwiesen sich durch dieses Experiment als Symptom für eine nicht angemessen einbezogene Widersprüchlichkeit der seelischen Natur: Setzte die laufende Analyse die Widersprüche wieder in ihr angestammtes Recht zurück, verschwanden auch die Störungen. 
Freud erforschte eine für die Wissenschaft bisher unbekannte Natur, die sich natürlich nicht mit der generalschlüsselartigen Methode erforschen ließ. Dennoch entwickelte er ein verantwortliches oder anders gesagt, ein "stimmiges" Vorgehen. Dieses kann als Vorgestalt gesehen werden für eine neue und andere Art, wissenschaftlich mit den Dingen dieser besonderen Natur umzugehen. Seine besondere Leistung dabei bestand darin, alles, was ihn interessierte, in komplexen, bildhaften Zusammenhängen zu beschreiben. Das zeigt sich auch in seinen theoretischen Schriften für die er mit dem Goethepreis ausgezeichnet wurde.

Vorschläge für eine konsequente Hinwendung zu den Dingen

Wenn wir unsre Methoden an den Sachen selbst entwickeln und ausrichten wollen, müssen wir genau wissen was der Gegenstand unserer Wissenschaft ist. Wollen wir uns nicht hinter einer Methode verstecken, die mit dem Versprechen blendet, für alle Gegenstände der Wissenschaft gleichermaßen richtig zu sein, dann geht es nur auf diese Weise: Anschauen, was die eigene Sache ist und dann genau prüfen, was dieser Sache methodisch gerecht wird. Dabei geht es darum, eine Perspektive zu formulieren, die den Kern des eigenen wissenschaftlichen Tuns und Interesses heraushebt.

Für die Physik würde das bedeuten, dass sie sich als Wissenschaft von den  raumzeitlichen Zusammenhängen versteht. Auch Qualitäten wie z.B. die Wärme werden raumzeitlich beschrieben und als solche erforscht. Die Wärme hängt physikalisch von den raumzeitlichen Verhältnissen ab, und wird in der Physik auch auf diese hin und nicht anders etwa beschrieben: Also geht es bei dieser Qualität um die Bewegung der Moleküle, die an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Zeit zu beobachten sind.

Für die Mathematik würde es bedeuten, dass sie sich als Wissenschaft von den formalisierenden Zusammenhängen versteht: Eine Vierfachheit z.B. ist für sie ein Zusammenhang formalisierender Art, in welchem die Wirklichkeit auf die inneren Verhältnisse einer Wiederholbarkeit hin beschrieben wird (z.B. wenn es darum geht, im Vierfachen das doppelte von einem Zweifachen zu sehen etc.)

Die Perspektive einer Wissenschaft beschreibt Zusammenhänge, die selbst wiederum unter sich  zusammenhängen und dabei Gesetzescharakter annehmen. In der Physik kennen wir z.B. das Gesetz der Energieerhaltung, oder das der zunehmenden Entropie. In der Mathematik kennen wir z.B. das Gesetz der Gruppe, dem zufolge vier Bedingungen erfüllt sein müssen damit bestimmte Operationen zwischen Objekten bei sich selbst bleibend stattfinden können. 

Beide Methoden, die der Mathematik und die der Physik, haben ihr Eigenes, was sich nicht in die eine oder andere Richtung auflösen lässt. Weder ist die Mathematik die Quelle aus der das raumzeitliche Geschehen entsteht, noch ist das Raumzeitliche der Ort, aus dem sich die formalisierenden Zusammenhänge "ableiten" lassen. Sie stellen je eine eigene wissenschaftlich erschließbare Welt her, welche die Existenz der anderen überformt , ohne dass die eine die wahre und die andere nur die abgeleitete sei. Wenn wir auf die eine statt die andere  Perspektive hin beschreiben, dann deshalb weil eine der Perspektiven für das interessierende Ereignis und seinen Zusammenhang für uns die Führung haben soll.

Jede Wissenschaft, die von den Dingen her auf die Welt schaut, hat also einen eigenen Zugang zu der ganzen Wirklichkeit. Sie schneidet nichts ab von der Realität sondern nimmt alles und übersetzt es in ihre eigene Perspektive. Die so begründeten Wissenschaften überlappen sich daher mit anderen, ebenbürtigen Blicken auf die Wirklichkeit, aber keine dieser Wissenschaften ist eingelagert in der Perspektive einer anderen.
Daher müssen die Methoden des angemessenen Umgangs innerhalb dieser Wissenschaften auch an den Sachen selbst entwickelt werden und sollten nicht von draußen an die Zusammenhänge herangetragen werden. Dabei entstehen in Methode und Inhaltlichkeit parallele, eigene Welten.


Psychologie als die dritte im Bunde

In der Psychologie sehe ich eine neue Perspektive auf die Wirklichkeit gefunden, die ebenso einen Blick auf das Ganze der Wirklichkeit wirft. Aber nur dann wenn wir ihren Gegenstand in den erlebbaren Zusammenhängen sehen.
Die gängige Festlegung der Psychologie auf das Erleben und Verhalten würde den Blick auf einen endlichen Phänomenbereich begrenzen so wie es in der Geographie, der Linguistik oder auch in der Musikwissenschaft z.B. gegeben ist. Die erlebbaren oder bildhaften Zusammenhänge stellen dagegen einen  perspektivischen Blick auf das Ganze der Wirklichkeit dar.
Erlebbare Zusammenhänge sind immer bildhafter Natur. Diese Feststellung erleichtert es das perspektivisch Ganze dieser Blickrichtung besser nachvollziehen zu können: Alles hat eine bildhafte, gleichnishafte Natur, auf die hin wir die Wirklichkeit beschreiben können, und zwar ohne dabei etwas auslassen zu müssen. Damit haben wir eine Perspektive in die hinein sich alles übersetzen lässt.

Wir können feststellen, dass sich nach fast 100 Jahren Erfahrungen unter einer Protoperspektive für diese gleichsam neue Wissenschaft, sich eigene Gesetzlichkeiten erkennen lassen (dabei geht es um Forschungen, die vor Allem auf das Verhalten und Erleben ausgerichtet waren und weniger auf die bildhaften Verhältnisse direkt) . Dass es in dieser neuen Wissenschaft auch um ein eigenes Methodenbewusstsein zu gehen hat, davon ist bisher noch nicht so viel zu hören gewesen. In der bildanalytischen Psychologie z.B. ist schon ein Anfang gemacht.

Sicherheit im eigenen, wissenschaftlichen Handeln müssen wir wo anders finden als in dem Wissen darum, vermeintlich die wahre Methode, den Generalschlüssel für alles gefunden zu haben. Nach Ansicht der Bildanalytischen Psychologie geht es darum, den Stimmigkeitssinn  für eine wissenschaftliche Arbeit zu kultivieren: Stimmig muss das erklärende Bild am Ende einer Untersuchung sein und stimmig auch die Abstimmung der Schritte untereinander, in welchen das Befragen einer Wirklichkeit und das Modellbilden bei gleichzeitig laufender, gegenseitiger Korrektur stattfindet.  

Einer so verstandenen neuen Wissenschaft und Psychologie (oder Bildanalytik) geht es darum, erlebbare Zusammenhänge als solche zu beschreiben, und nicht etwa als zeitlich- räumliche oder als formalisierende. Außerdem will sie Gesetze finden in ihren eigenen Zusammenhängen (Zusammenhänge höherer Ordnung also), die nicht aus den raumzeitlichen oder formalisierenden Grundverhältnissen etwa abzuleiten sind. (Gestaltschließung, Verkehrung, Umstülpung oder Inversion von Verhältnissen etc.). Dabei ist klar, dass die erlebbaren Zusammenhänge z.B. auch immer in den raumzeitlichen Verhältnissen stattfinden und umgekehrt natürlich auch.

Die Zusammenhänge von Raum und Zeit z.B. haben dabei aber keine erklärende Wirkung, auf die Entwicklung und auf die Voraussagbarkeit des erlebbaren oder bildhaften Geschehens. Ein Beispiel: Jemand ärgert sein Gegenüber. Für die Vorhersage und für ein Verstehen des Geschehens spielen die zeitlichräumlichen Verhältnisse hier kaum eine Rolle: Nicht wie oft hintereinander jemand etwas Böses sagt, "zählt", sondern eher, welches Selbstbild vielleicht angegriffen wird und wie der Angriff genauer aussieht? Ist er direkt oder auf eine besonders raffinierte Weise vorgebracht, also indirekt. Was unterstellt der Angreifende genau und welche Bedeutung hat das für den Angegriffenen. Lässt der Angreifer ihm eine Chance, den Angriff abzuwehren. Lässt er ihn zu Wort kommen oder legt er sofort nach. Wie auch immer, das Raumzeitliche hat hier eine nur sehr marginale Bedeutung für ein Verständnis des Ärgerns - wie wir es uns gut denken können.



Bildanalytik als radikale Umkehr des Blickes 

(weg vom System hin zu den Dingen)

Das "Hin zu den Dingen" und das Schauen von dem Ding aus auf das Ganze, das ist eine Forderung die von der neuen Wissenschaft der erlebbaren Zusammenhänge besonders deutlich vertreten wird. Das liegt daran, dass die bildhaften Zusammenhänge jeweils die Potenz in sich tragen, Gleichnis zu werden für die ganze Wirklichkeit und dass sie selber jeweils eine mögliche Perspektive auf das Ganze sind.
Jeder bildhafte, und das meint "jeder erlebbare" Zusammenhang trägt die Potenz in sich, selbst zum Zentrum eines Verstehens zu werden und damit zu einer Interpretation der Dinge, eigentlich aller Dinge die sonst noch bestehen. Nehmen wir z.B. eine Tasse (sagen wir, eine Tasse, als Gebrauchsgegenstand verstanden), dann können wir in ihr ein Gleichnis sehen, was sich auch auf alles mögliche Andere wie eine Deutung desselben beziehen lässt. Das gelingt, weil auch die seelische Natur einer Tasse ein Bildverstehen hat, sich also nach einem Gleichnis oder Bild versteht. 

Nehmen wir das Beispiel der Tasse, dann haben wir es mit einem "kleinen, raumschaffenden Aufschub zu tun, der sich uns innerhalb eines Übergangs, der auf Zufuhr ausgerichtet ist, anbietet. Gehen wir mit diesem Bild nun an die Wirklichkeit im Ganzen heran, dann können wir von ihm aus auch etwas über diesen Aufsatz (oder bildanalytischen Appetizer) sagen: Er bietet die Möglichkeit, in einem Prozess, in welchem es darum geht sich eine Vorstellung vom Denken der Bildanalytischen Psychologie zu machen, einen kleinen raumschaffenden Aufschub zu erhalten, der es erlaubt, erst einmal vorschmecken zu können, um sich in einem nachfolgenden, weiteren Zugreifen dann mit der interessierenden Materie auseinanderzusetzen. Wir haben also die Möglichkeit, es mit dem Aufsatz so zu halten wie es der Gebrauchsgegenstand Tasse mit dem Menschen und einem Getränk zu halten versteht. Denken wir nur an die Analogien zu der Möglichkeit, die eine Tasse bietet: ein Getränk kann auf eine annehmliche Weise zu sich genommen werden und das heißt mit einer bestimmten Kultur, nicht überstürzt sondern portioniert und mit einem eventuellen Hinzubringen bestimmter, dem individuellen Geschmack entsprechender Zutaten (Zucker, Milch o.ä.).

Das heißt: In einer derart konsequent verstandenen Wissenschaft der Psychologie oder Bildanalytik, werden die Dinge selbst zur Lehre. Die Tasse z.B. sagt uns von ihrer eigenen Natur ausgehend etwas über die Bedeutung dieses Appetizers aus, der von ihnen grade gelesen wird. Das erinnert an einen Satz von Goethe, in dem es heißt: "Die Phänomene selbst sind die Lehre". Geht es bei Goethe aber wirklich darum? Schaut man sich die zugrunde liegende originale Aussage von Goethe an, bemerkt man gleich, dass hier die allgegenwärtige EINE Ordnung der Natur gemeint ist mit ihren Grundgesetzen, die sich nach Goethes Denken, überall zum Erscheinen bringt -  und so auch an dem Ort des uns blau erscheinenden Himmels von dem Goethe in seinem Beispiel spricht: „Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.“ Dieser letzte Teil des Satzes "Sie selbst sind die Lehre" will eine Psychologie, welche die erlebbaren Zusammenhänge zum Gegenstand hat, nun wirklich ernst nehmen. Und das bedeutet: Die Dinge, wenn wir sie als Bilder und Gleichnisse verstehen, sind nicht nur Ausdruck VON einer Ordnung (Goethe und der Pantheismus) sondern auch Formel FÜR eine Ordnung und zwar FÜR eine je eigene Welt, die sich übers Ganze erstreckt wie ein Rahmen, welcher sich genau aus dem vorliegenden "Ding" selbst herleitet (Tassenbeispiel s.o.).

Dieses Denken finden wir in Nietzsches Formel vom "Wille zur Macht" wieder, mit der er sagen will, dass alle Zusammenhänge Bild fürs Ganze werden wollen, dass eben alles den "Willen" oder das Streben dazu hat. Nietzsche bringt diesen Gedanken in ein drastisches Bild, wenn er sagt: Gott sei tot, denn dieser habe sich totgelacht, weil ein anderen Gott aufgestanden sei und behauptet habe, dass er der EINE und Einzige sei.

Weniger ist oft mehr - auf, dass es uns gelinge!

Die Leidenschaft, "hin zu den Dingen" lebt besonders in der Wissenschaft (und Methode) von den erlebbaren Zusammenhängen wieder auf. Sie fordert von uns die Bereitschaft, einem bestimmten Sicherheitsbedürfnis ("exakte" Wissenschaften) entgegenzutreten, mit neuen Konzepten und einem mutigen "weniger ist mehr". Dies wirklich umzusetzen ist nicht leicht. Und vielleicht ist mir der vorliegende Text, der ja eigentlich nur eine kleine bildanalytische Anregung sein sollte, aus diesem Grunde etwas in die Länge geraten. ;-)
_______

Inzwischen ist dieser Appetizer als Artikel mit dem Untertitel - Werbung für eine Wissenschaft von den erlebbaren Zusammenhängen - auch im folgendem Netz-Medium erschienen:
Kuno - Kulturnotizen zu Kunst Musik und Poesie - (Edition Das Labor, Verlag der Artisten)


Webadresse der Bilder von oben nach unten:

(1) http://www.piercedhearts.org/z_imagenes/priests-deacons/fr_cantalamessa_preaching.jpg
(2) http://www.ekd.de/spiele/jona/images/jona_predigt300px.jpg

(3) Grafik von W. Mikus
(4) Foto von W. Mikus
(5) wenn auf facebook verlinkt erscheint das folgende Bild: mit der Adresse:
http://lacan-entziffern.de/wp-content/uploads/2012/09/Fragezeichen-und-Ausrufezeichen-Psychoanalyse1.jpg

Samstag, 1. Juni 2013

Rache am Leben

- Parabel vom selbstgemachten Leiden -


Bildanalytischer Appetizer Nr. 5


Kurze Einführung:
Ich bin Beobachter einer Diskussion, in welcher sich ein Psychotherapeut und ein Hilfesuchender gegenüber stehen. Der Psychotherapeut ist umringt von Kollegen, bei denen er ein gewisses Ansehen hat. Hinter dem Kranken, in einigen Metern Abstand, sehe ich eine Schar von interessierten Anderen, offensichtlich ebenfalls Hilfesuchenden, die von weitem vorsichtig aber ebenso neugierig an der Begegnung teilhaben wollen.
Der Psychotherapeut und sein Gegenüber sprechen dabei ein wenig übertrieben in Metaphern, also in manchmal etwas blumigen Umschreibungen, aber ansonsten kommt es zu einem hochinteressanten Gespräch über das Wesen seelischer Beinträchtigungen und wie man grundsätzlich zu ihnen stehen soll. Als ich dann aber plötzlich aufwache, habe ich einen

Originaltext 
von F. Nietzsche
aus dem Zarathustra in der Hand (Also sprach Zarathustra; Zweiter Teil; von der Erlösung).

Ich war also bei meiner Lektüre kurz eingeschlafen. Und beim Hineinfallen in den Schlaf... hatte ich offenbar ein paar Weglassungen und winzige Einfügungen vorgenommen (hier durch eckige Klammern markiert) und außerdem die Hauptfigur Zarathustra durch einen Psychotherapeuten und den "Bucklichten" durch einen Kranken ersetzt.

Und Folgendes habe ich gelesen: 


Der Kranke ging auf den Psychotherapeuten zu und sagte
(Originaltext aus dem Zarathustra s.o.):


"Siehe nur, mein lieber Psychotherapeut:
Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an deiner Lehre:
aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch Eines -
du musst erst noch uns [Kranke] überreden!
Hier hast du nun eine schöne Auswahl und wahrlich,
eine Gelegenheit mit mehr als Einem Schopfe!
Blinde kannst du heilen und Lahme laufen machen;
und dem, der zuviel hinter sich hat, könntest du wohl auch
ein wenig abnehmen: - das, meine ich, wäre die rechte Art,
die Krüppel an [die Psychologie] glauben zu machen!"


[Und mit einem tiefen Seufzer - zugleich aber auch etwas
verschmitzt in die Runde der anwesenden Kollegen schauend -
hob der so Angesprochene an, zu antworten]:


Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin,
dass ich sehe: "Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und
einem Dritten das Bein, und andre gibt es, die verloren
die Zunge oder die Nase oder den Kopf."
Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches,
dass ich nicht von Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal
schweigen möchte: nämlich 




Menschen, denen es an Allem fehlt, außer dass sie Eins zuviel haben 




http://iloboyou.com/wp-content/uploads/2013/09/ChoiXooAng-1.jpg
- Menschen, welche nichts weiter sind als ein großes Auge, oder ein großes Maul oder ein großer Bauch oder irgend etwas Großes, - umgekehrte Krüppel
heiße ich Solche. Und [manchmal] da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder hin, und sagte endlich: 

"das ist ein Ohr! Ein Ohr, so groß wie ein Mensch!" Ich sah noch besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte sich noch etwas, das zum Erbarmen klein und ärmlich und schmächtig war. Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr saß auf einem kleinen dünnen Stiele, - der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein Glas vor das Auge nahm, konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen erkennen; auch, dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte.

Das Volk sagte mir aber, 
das
große Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein großer Mensch, ein Genie.
Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von großen Menschen redete - und behielt meinen Glauben bei, dass es ein
umgekehrter Krüppel sei, der an Allem zu wenig und an Einem zu viel habe."

[...] [Und sich jetzt mehr an seine Kollegen richtend]:

Wie ertrüge ich es, Therapeut zu sein, wenn der Therapeut nicht auch Dichter und Rätselrater und der Erlöser des Zufalls wäre! [Denn] das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und zusammentrage was Bruchstück ist und Rätsel und grauser Zufall.

D[as] Vergangene[...] zu erlösen und alles "Es war"
umzuschaffen in ein "So wollte ich es!" 

- das hieße mir erst Erlösung!

"Es war": [so] heißt des Willens Zähneknirschen und einsamste Trübsal.
Ohnmächtig gegen Das, was getan ist -
ist er allem Vergangenen ein Böser Zuschauer.
Nicht zurück kann der Wille wollen;
dass er die Zeit nicht brechen kann und der Zeit Begierde, -
das ist des Willens einsamste Trübsal.
Dass die Zeit nicht zurückläuft,
das ist sein Ingrimm;



"Das, was war" - so heißt der Stein, den er nicht wälzen kann.
Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmut und übt Rache an dem,
was nicht gleich ihm Grimm und Unmut fühlt.



Also wurde der Wille, ein Wehetäter: und an Allem, was leiden kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.


Dies, ja dies allein ist Rache selber:
des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr "Es war."



Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken; und wo Leid war, da sollten [wir auch] immer Strafe finden. "Strafe" nämlich, so heißt sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen. Keine Tat kann vernichtet werden: wie könnte sie durch die Strafe ungetan werden! [...]

Alles "Es war" ist ein Bruchstück, ein Rätsel, ein grauser Zufall - bis 
der SCHAFFENDE Wille dazu sagt: aber so wollte ich es!"

Bis der schaffende Wille dazu sagt: "Aber so will ich es!
So werde ich's wollen!" Aber sprach er schon so? [...]
Wurde der Wille sich selber schon Erlöser, Erlöser und Freudebringer? 
Verlernte er den Geist der Rache und alles Zähneknirschen? [...]

Aber nach einer kleinen Weile 
lachte der Psychotherapeut schon wieder und sagte begütigt: 
"Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen

so schwer ist. Sonderlich für einen Geschwätzigen." - [...]"

Anmerkung zum Schluss:
Dass Nietzsche den eigenen Heil- und Rettungs-Versuch auf die Schippe nimmt, nämlich den Menschen mal schnell durch ein Schreckbild (umgekehrter Krüppel) von seinen Fehlern befreien zu wollen, rundet seinen "Vortrag" auf stimmige Weise ab: lässt er doch Zarathustra zum Schluss sagen, wie schwer ihm das oftmals angesagtere Schweigen falle und dass er sich für einen Geschwätzigen hält. 
Mit meiner Rahmung des Kapitels, habe ich mich übrigens in ein ähnliches Problem manövriert: Ich hatte ZARATHUSTRA eigentlich durch einen ENTWICKLKUNGS- und nicht durch einen PSYCHOtherapeuten ersetzen wollen. Doch in meiner Rahmengeschichte hielt ich es damit, diesen kleinen, mir aber wichtigen Unterschied, vor meinem Leser zu verschweigen - jedenfalls bis zu dieser Aussage hier. Und so grüße ich jetzt als ein ebenfalls Geschwätziger.

Autor: Werner Mikus


Auf der Seite des Fachverbandes Entwicklungstherapie ist dieses Gleichnis mit der von mir durchgeführten kleinen Abwandlung auf das Problem der Therapie hin ebenfalls lesbar.
(per Klick hier zu lesen)

Adressen zu den Abbildungen:
(1.) http://iloboyou.com/wp-content/uploads/2013/09/ChoiXooAng-1.jpg
(2.) http://fc01.deviantart.net/fs45/i/2009/084/7/5/Sisyphus_painting_by_humblestudent.jpg

Samstag, 25. Mai 2013

Fixierendes oder vergleichendes Beschreiben

Bildanalytischer Appetizer Nr. 4


Ring-Around, Paul Wallach 1999
Skulpturenpark Köln, Foto Werner Mikus


Beschreibung will etwas festhalten
Wenn wir beschreiben, wollen wir etwas festhalten. Etwas, das im Fluss des Geschehens unterzugehen droht, soll uns erhalten bleiben und wieder hervorholbar sein. Deshalb versuchen wir es in einer Beschreibung festzuhalten. Wenn uns dies gelungen ist, kann jeder, der es liest, es sich wieder zugänglich machen.

Beschreiben durch Fixieren

Wenn es um die Bewegung eines geworfenen Balles geht, ist das kein Problem, wir beschreiben die Flugbahn einer Kugel als eine Kurve, die wir vielleicht durch die Höhe beim Abwurf und durch die Zeit beschreiben, welche sie braucht, bis sie auf den Boden aufschlägt, eventuell beschreiben wir auch die sich im Flug verändernde Geschwindigkeit. Darüber hinaus können wir den Vorgang noch durch die Angabe eines kodifizierten Materials, durch die klassifizierte geometrische Form und durch die Größe des Durchmessers in vielem Weiteren festlegen.

Beschreiben durch Analogisieren 

Wenn wir dagegen ein seelisches Geschehen beschreiben sind die raum-zeitlichen Verhältnisse meist der unwichtigste Teil von dem was wir festhalten wollen. Oft spielen diese  überhaupt keine Rolle. Im seelischen zeigt sich vielmehr das Bildhafte, zeigen sich Beziehungen, Verwandtschaften und Übergänge, die beschrieben werden wollen.
Ein seelisches Geschehen hat seinen Schwerpunkt nicht in den raumzeitlichen Verhältnissen sondern in Verhältnissen, die wir als erlebbar benennen und die wir in Bildern und Gleichnissen vor uns haben.
Deshalb möchte ich für die Beschreibung des Seelischen auch nicht den Fall dieses Balles nehmen: Der geworfene Ball verführt ja schon zu der Aufteilung in einen Beschreibenden (Beobachter) hier und einen geworfenen Ball da. Die Wirklichkeit des Seelischen sieht anders aus:

Seelisches beschreibt sich selbst
Seelisches ist von sich aus schon Beschreibung: Es beschreibt z.B. die Übergänge zwischen Erwartungen und Erfüllungen: So kann ein unruhiges Bangen oder eine Ablenkungen suchende Aufgeregtheit z.B. solch einen Übergang beschreiben. Darüber hinaus ist wichtig zu wissen, dass seelische Befindlichkeiten sich immer erst im Spiegel einer aufstörenden anderen Befindlichkeit erfahren: Die tatsächliche Bedeutung, welche eine wichtige Person für uns hat, fühlen wir nicht sofort, sondern vielleicht erst dann, wenn wir etwas von ihrem besonderem Interesse für eine andere Person als uns mitbekommen haben. Das ist die Natur des Seelischen: Wir haben es darin immer mit Brechungen statt mit einfachen, kodifizierbaren Dingen zu tun.

Eins im Spiegel des anderen...
Das Seelische lebt in solchen lebendigen Spiegelungen. Alles was seelisch auf den Plan tritt tut dies im Spiegel anderer, mitlebender Verhältnisse. Diese relativistische Natur verträgt sich nicht gut mit dem Wunsch eines Festhaltens. Es sei denn, dass wir es dem Seelischen gleichtun und die Verhältnisse ebenso relativistisch festhalten, wie es das Seelische selber tut.

...und die Konsequenz:
Eine Beschreibung muss vergleichend bzw. analogisierend sein: Wir beschreiben seelische Befindlichkeiten also immer durch eine Analogie, durch einen Vergleich. Jemand, der trauert, sitzt z.B. so da "als ob er sein gesamtes Hab und gut verloren hätte". Dieses Bild beschreibt dann seinen Zustand. Wir machen uns hier zunutze, dass Seelisches sich auch ohne unser Zutun immer schon selbst beschreibt (Beispiel: das unruhige Bangen, das einen Übergang zwischen einer Erwartung und einer Erfüllung beschreibt). Kodifizierte Begriffe wie depressiv oder ängstlich sagen nichts, sie beschreiben nicht wirklich. Erst in Anlogien bilden wir die seelischen Verhältnisse nach.

Abkürzungsversuch
Die fixierende, sich auf Verabredungen (Kodizes) zurücknehmende 1:1-Beschreibung ist für das Seelische demgegenüber ein dummer Abkürzungsversuch. Es ist natürlich sehr verführend, mit einem solchen, magisch aufgeladenen Werkzeug auf ein Festhalten des Seelischen los zu gehen.
Einen solchen Versuch können wir mit dem der Stiefmutter aus dem Märchen von Schneewittchen vergleichen. Sie versucht den lebendigen Spiegel der Entwicklung loszuwerden, indem sie die Beseitigung der heranwachsenden Stieftochter in Auftrag gibt. Im Spiegel der heranwachsenden Schönheit muss sie sich nämlich selbst als alt erfahren. Das will sie aber nicht. Sie möchte viel lieber an dem gewordenen Bild ihrer Schönheit festhalten, und dieses Bild als wahr fixieren.

- Spieglein, Spieglein an der Wand -

Hierzu muss von der Königin eine andere Art von Spiegelung gefunden werden. Etwas Magisches wird gebraucht. Eine Art von "Wahrheits"-Spiegel" muss die Arbeit übernehmen ("Wahrheit" via Statistik oder durch kodifizierte 1:1-Beziehungen). Doch wie wir - übrigens nicht nur aus dem Märchen - wissen, spielt selbst so ein Zauberspiegel am Ende nicht mit. Auf die Frage: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" schmeichelt er zwar der Königin ZUERST, weist sie dann aber doch mit einem ABER auf das UNGESEHENE hin, das sich nebenher entwickelt hat: "...aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner als ihr."

Kulturtechnik: Analogisieren

In den Schulen sollte zukünftig eine neue Kulturtechnik auf dem Lehrplan stehn:
Neben dem Rechnen, Lesen und Schreiben das Analogisieren.

Beispiel aus einer solchen zukünftigen Unterrichtsstunde:
Ein Schüler ballt die Faust und reckt sie dabei hoch. Die Schüler sollen nun
sagen, was der Vorführende dabei fühlt oder damit "sagen" will.
Sie versuchen es vielleicht mit "ich bin der Größte", "Wow, wie bin ich gut",
"mir kann keiner das Wasser reichen" oder "ich werde es euch zeigen!"
Die Schüler "schmecken ab", welche Als-ob-Beschreibung (Analogie) am besten trifft. 



Adressen der verlinkten Bilder:
(oben) Foto Werner Mikus zur Skulptur "Ring-Around" v. Paul Wallach 1999; Skulpturenpark Köln, 
(unten) https://diefilmguckerin.files.wordpress.com/2012/10/img111.jpg

Montag, 6. Mai 2013

Polaritäten verführen

Bildanalytischer Appetizer Nr. 3


Wenn wir über psychische Verhältnisse reden, helfen wir uns oft mit dem Ordnungsprinzip der Polarität. Wollen wir z.B. einen Menschen zu mehr Fleiß bewegen, fällt uns gleich die Eigenschaft der Faulheit ein und wir bezeichnen ihn vielleicht als faul. Schauen wir genauer hin, haben wir damit aber nicht eine besondere Qualität oder Eigenschaft beschrieben sondern vielmehr das Fehlen einer solchen angemerkt: Mit dem Faulsein sagen wir lediglich, dass ihm der Fleiß fehle, alles andere bleibt offen und unausgesagt. Die Polarität (in unserem Beispiel: fleißig-faul) verführt dazu, uns der Arbeit einer genaueren Beschreibung zu entziehen. Diese ist aber unbedingt nötig. Wir müssten eine Art von seelischer Kartografie um den "Pol" des Faulseins herum entwerfen, welcher der Komplexität der vielfältigen Zusammenhänge Rechnung trägt. Nur so können wir eine Vorstellung davon gewinnen, wie eine Entwicklung von da aus in eine andere Richtung aussehen kann.



Ein Beispiel:
Faulsein in verschiedener "Umgebung" und Verknüpfung

(a) Bei der Faulheit spielen u.a. Bereitstellungen eine Rolle, die aus der Persönlichkeit  und Charakterentwicklung kommen: Möglicherweise besitzt der Betroffene die Fähigkeit, in der Not und auch unter zeitlichem Druck sehr konsequent und konzentriert Dinge abzuarbeiten. Das Aufschieben einer Erledigung, wäre dann eine Faulheit, die der Betroffene sich leisten kann - sie könnte regelmäßig der Sache dienen, weil auf diese Weise oft ein optimaler Augenblick für die Erledigung der Sache gefunden werden kann, anders, als wenn gleich immer sofort erledigt würde.

(b) Es kann dem Betroffenen auch darum gehen, zu demonstrieren, dass er etwas Besseres sei, als diejenigen, welche die Kleinarbeit machen, dass er eine Art von Genie hat, eine besondere Begabung. Die Faulheit hätte hier ein anderes Gesicht.

(c) Ebenso könnte sich in dem Faulsein auch eine Verweigerung ausdrücken, die sich gegen ein Mitmachen richtet, das dem Betroffenen auferlegt ist. Er traut sich nicht, in einer offenen Weise dagegen anzugehen.

Heimliche Ergänzungen und Chaos
Faulsein einfach nur als ein "nicht fleißig sein" verstanden, nimmt kein Mensch als zufriedenstellende Beschreibung hin. Tatsächlich denkt sich jeder noch das eine oder andere hinzu. Und so kommen wir zu ganz verschiedenen "Konstruktionen" des Faulseins. Darüber verständigen wir uns aber nicht. Vielmehr "sprechen" wir mit vielen Zungen darüber und tragen im konkreten Fall dann auch zu einem nicht unerheblichen Chaos im Umgang mit der konkreten Sache bei.

Das komplex-polare zeigt sich am Ende gleichsam wie von selbst.
Wenn uns eine komplexe Bildbeschreibung der Verhältnisse gelungen ist, zeigt sich am Ende nicht selten auch die Ordnung eines Gegeneinanders und erinnert an Polarität (von der wir uns zunächst aber nicht haben verführen lassen). Allerdings wird diese Art von Gegensatz jetzt auch der Komplexität gerecht: So wird uns derjenige, welcher der Welt zeigen will, dass er es absolut nicht nötig habe, Zweckdienlichkeiten zu erfüllen (siehe b), vielleicht gerade durch sein angestrengtes und fleißiges Bemühen auffallen, welches ihm nämlich von seiner "unmöglichen" Beweisführung her abverlangt wird.  

"Fleiß und Faulheit"
mit den Augen eines Schriftstellers und Dichters gesehen:

"Ein Reptil ist nicht faul, wie man angesichts seiner stundenlangen Reglosigkeit wohl vermeinen möchte; es ist nur sparsam mit seinen Bewegungen. Das ist ein abgründiger Unterschied. Das Reptil ist im Höchstmaß fleißig, das heißt, es betätigt sich ständig in der Kernfunktion seines Lebens: dem Lauern. Alle Tiere sind fleißig und ihrem Schöpfer absolut gehorsam, nicht aus Tugend, sondern weil er sie in unentrinnbarer Weise dazu anhält. Ein Tier ist nie faul. Nur der Mensch kann von dem ihm Aufgetragenen abfallen, auf der Seite liegen, anfaulen und endlich selbst zu Abfall werden. 
P.S. Vielleicht gibt es Faulheit bei Haustieren; sie haben bereits Teil am menschlichen Spielraum dazu." (Heimito von Doderer)


Autor: Werner Mikus


Bildadresse: https://img1.etsystatic.com/051/1/5285769/il_340x270.661601901_kbkl.jpg

Montag, 29. April 2013

Entwicklung im Spiegel der Geschichte

Bildanalytischer Appetizer Nr. 2


Entwicklung steht in der Geschichte unserer Kultur für drei verschiedene
Haltungen und Fragen an die Wirklichkeit.

(1) Entwicklung als Herausstellen von Sinn
(etwas deutlich machen, explizieren, offenlegen)

Im christlichen Zeitalter bis in den Umbruch der sogenannten Neuzeit hinein, sah man in einer Entwicklung die Offenbarungen eines göttlichen Planes. Wenn man die Natur beobachtete, las man im Buch der Natur, das von Gott geschrieben war. Entwickeln hieß, die Zielgerichtetheit der Sache herausstellen, seine Teleologie offenlegen. Für die richtige Lesart sorgten Priester und die lateinische Sprache, die nur für wenige zugängliche war. 

(2) Entwicklung als Funktionieren
(Entwicklung-in-sich)

In der Neuzeit und mit dem Aufkommen eines naturwissenschaftlichen Weltbildes
entstand ein neues und anderes Interesse an der Entwicklung. Die Frage nach dem Funktionieren rückte in den Vordergrund: Wie geht eines aus dem anderen hervor? Entwickeln hieß jetzt vor Allem: Ableiten aus dem, was jeweils vorangegangenen war und daraus wieder und sofort, also, als eine "Entwicklung in sich". Darwin ist ein Beispiel für die Aufregung und Bewegung, die mit dieser neuen Haltung und Fragestellung aufgekommen war. Die Welt suchte man wie ein Uhrwerk zu verstehen, das in seiner zwingenden Mechanik (und bei Kenntnis aller Determinanten natürlich) alles Zukünftige vorhersagbar macht. Die Aufspaltung in einen Schöpfer hinter den Dingen und einen Adressaten mittendrin war nicht mehr nötig: Auch ohne einen ersten "Beweger" konnte man sich vorstellen, die "Schöpfung" im Ganzen irgendwann rekonstruieren und beherrschen zu können.
Was von der alten Zeit geblieben war, ist die Institutionalisierung dieser Suche: An die Stelle der Kirche trat die Wissenschaft, an die Stelle der Priester das Expertentum, an die Stelle der lateinischen Schrift die höhere Mathematik.



(3) Entwicklung als Herstellen im Sinne eines Erfindens
(Entwickler sein)

Erst in den letzten 100 Jahren beginnt eine andere Frage zu dem gleichen Stichwort "Entwicklung" Interesse und Raum zu gewinnen. Unsere Jetzt-Zeit interessiert sich mehr und mehr für das Problem der Anfänge von Entwicklung - für das Herstellen im Sinne eines Erfindens. Man möchte wissen, wie etwas entsteht, ohne dass es schon da war. Wie kommt ein Anfang zustande, wenn er aus dem Vorangegangenen nicht abzuleiten ist?

Die Frage lautet überspitzt:
Wie entsteht etwas aus dem Nichts? 
Wie muss das Nichts verstanden werden, damit etwas aus ihm entstehen kann? Zur Beantwortung dieser Frage kann die Bildanalytische Psychologie beitragen: Bedeutungen sind der Inhalt bildhafter Zusammenhänge. Wenn eine Sache von ihrer Bedeutung her zugleich alles sein kann, dann ist dieselbe auch so offen wie ein Nichts. Ihr Alles meint dann auch ein Nichts. Das ist das Paradox von "Bedeutungen". Erst durch die Entschiedenheit einer Perspektive, welche ein ALLES auf irgendeine Endlichkeit herunterbricht, entsteht etwas Reales.

Beispiel:
Im Märchen vom Hans im Glück zeigt sich, wie ein Klumpen Gold ALLES ist und zugleich aber auch NICHTS, weil man einen Goldklumpen weder essen, noch reiten, noch als Kissen etwa nutzen kann - es zeigt sich aber auch, wie ein NICHTS nach dem Abwerfen des schweren Arbeitsgerätes (Mühlstein) auf einmal ALLES bedeuten kann.  
Was erkennen wir?
Aus dem "Alles und zugleich Nichts" kommen wir nicht heraus, wenn wir in einem inflationären Umtauschen versuchen diesen Tatbestand zu bestreiten (wie Hans es tut, der sich auf das jeweils Eingetauschte in keinem der Fälle wirklich einlässt). Das Märchen stellt den Zusammenhang als ein Dilemma dar.
Das Ganze kann aber auch anders laufen und dabei etwas *entstehen* lassen: Hans müsste sich nur einmal richtig einlassen: Mit der Perspektive
eines Pferdebesitzers würde er z.B. Reiten lernen. Und das Potentielle könnte sich im Tatsächlichen treffen - frei nach der Devise (in diesem Fall auch ganz konkret): Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.
Die Bildanalytik könnte hier noch weiter referieren:
In den Naturwissenschaften wird die Frage nach dem Entstehen aus dem Nichts ebenfalls gestellt z.B. in der kosmologischen Abteilung der Physik: Hier wird die Meinung vertreten, dass die gesamte vorhandene Realität erst durch die Brechung einer Symmetrie existiert, welche bis dahin, die sich gegenseitig aufhebenden Verhältnisse in einem Nichts zusammenhalten konnte. Auch die Quantenphysik hat zu dem Thema Wichtiges beigetragen. So hat sie den Begriff des "absoluten Zufalls" eingeführt (ein Konzept, das Ereignissen Rechnung trägt, die keine individuelle Vorgeschichte haben, aber in ihrem Eintreten vorhersagbar sind). 

Bei diesen Beispielen aus der Wissenschaftsgemeinschaft soll es hier bleiben. Wir lernen nämlich aus dem Märchen vom Hans im Glück, dass ein Zuviel und ein inflationäres Wechseln von Beispiel zu Beispiel nicht aus besagtem Paradox herausführt: Der Anspruch eines "Alles" - wenn wir uns nicht darin verlieren wollen - zwingt uns vielmehr in die Endlichkeiten eines genaueren Einlassens. Dabei kann etwas entstehen. 

Bildadresse:
http://www.labbe.de/lesekorb/grimm/hans_im_glueck2.gif

Sonntag, 21. April 2013

Bildanalytische Psychologie

- Begriffserklärung -


Bildanalytischer Appetizer Nr. 1


Analytisch...  

weist auf eine Verwandtschaft zur Psychoanalyse hin.

Worin besteht diese Verwandtschaft?
In der zentralen Bedeutung von Widersprüchen.

Begründung:
Die Psychoanalyse hat die Erkenntnis eingebracht, dass
Widersprüche Dreh- und Angelpunkt im Seelischen Funktionieren sind (Ambivalenzen).
Die Psychoanalyse wirkte wie ein experimenteller Beweis:
Werden die Widersprüchlichkeiten im Seelischen ausgeklammert, entstehen Krankheiten (Neurosen), werden sie in die seelische Konstruktion wieder reingeholt, verschwinden die Störungen.

Bild...

weist darauf hin, dass die Bildanalytische Psychologie den Begriff vom Seelischen erweitert hat.

Freud gab den Bildern schon eine besondere Bedeutung. Sie halten Widersprüchlichkeiten aus, ohne auszuklammern (Beispiel: die komplexe Geschichte vom König Ödipus).

Für die Bildanalytische Psychologie ist das Bildhafte aber nicht nur eine Darstellungsform. Vielmehr steht das Bild hier für die seelische Natur selbst.

Seelisches IST:
der erlebbare Zusammenhang = das Bild (die Analogie, das Gleichnis)

Beispiel für den erweiterten Gegenstand:
Nehmen wir das Beispiel einer festlichen Atmosphäre. Gemeint ist ein erlebbarer Zusammenhang, der eine eigene inneren Logik hat. Die festliche Atmosphäre ist auf verschiedene Weise existent: In der Austtattung von Räumlichkeiten z.B. oder auch in der Garderobe der Beteiligten - und nicht nur (wie man es normaler Weise erwartet) im Erleben eines Einzelnen oder in einer Summe von Menschen. Genau dieser bildhafte Zusammenhang, der hier alle Einzelheiten übergreift, bestimmt das betreffende Geschehen. Dementsprechend stellt die Bildanalytische Psychologie die bildhaft-erlebbaren Zusammenhänge ganz allgemein in den Mittelpunkt ihrer Forschung und Modellbildungen. 

Der Gegenstand der Psychologie wird damit erweitert.
Nebengedanke mit Blick auf die Gesellschaft und Zukunft:
Vielleicht erweitert sich unsere Einfühlung und lässt mehr und mehr eine andere Nähe zu, auch zu den scheinbar seelenlosen Dingen und Prozessen. Mir würde das sehr gefallen.