Montag, 6. Mai 2013

Polaritäten verführen

Bildanalytischer Appetizer Nr. 3


Wenn wir über psychische Verhältnisse reden, helfen wir uns oft mit dem Ordnungsprinzip der Polarität. Wollen wir z.B. einen Menschen zu mehr Fleiß bewegen, fällt uns gleich die Eigenschaft der Faulheit ein und wir bezeichnen ihn vielleicht als faul. Schauen wir genauer hin, haben wir damit aber nicht eine besondere Qualität oder Eigenschaft beschrieben sondern vielmehr das Fehlen einer solchen angemerkt: Mit dem Faulsein sagen wir lediglich, dass ihm der Fleiß fehle, alles andere bleibt offen und unausgesagt. Die Polarität (in unserem Beispiel: fleißig-faul) verführt dazu, uns der Arbeit einer genaueren Beschreibung zu entziehen. Diese ist aber unbedingt nötig. Wir müssten eine Art von seelischer Kartografie um den "Pol" des Faulseins herum entwerfen, welcher der Komplexität der vielfältigen Zusammenhänge Rechnung trägt. Nur so können wir eine Vorstellung davon gewinnen, wie eine Entwicklung von da aus in eine andere Richtung aussehen kann.



Ein Beispiel:
Faulsein in verschiedener "Umgebung" und Verknüpfung

(a) Bei der Faulheit spielen u.a. Bereitstellungen eine Rolle, die aus der Persönlichkeit  und Charakterentwicklung kommen: Möglicherweise besitzt der Betroffene die Fähigkeit, in der Not und auch unter zeitlichem Druck sehr konsequent und konzentriert Dinge abzuarbeiten. Das Aufschieben einer Erledigung, wäre dann eine Faulheit, die der Betroffene sich leisten kann - sie könnte regelmäßig der Sache dienen, weil auf diese Weise oft ein optimaler Augenblick für die Erledigung der Sache gefunden werden kann, anders, als wenn gleich immer sofort erledigt würde.

(b) Es kann dem Betroffenen auch darum gehen, zu demonstrieren, dass er etwas Besseres sei, als diejenigen, welche die Kleinarbeit machen, dass er eine Art von Genie hat, eine besondere Begabung. Die Faulheit hätte hier ein anderes Gesicht.

(c) Ebenso könnte sich in dem Faulsein auch eine Verweigerung ausdrücken, die sich gegen ein Mitmachen richtet, das dem Betroffenen auferlegt ist. Er traut sich nicht, in einer offenen Weise dagegen anzugehen.

Heimliche Ergänzungen und Chaos
Faulsein einfach nur als ein "nicht fleißig sein" verstanden, nimmt kein Mensch als zufriedenstellende Beschreibung hin. Tatsächlich denkt sich jeder noch das eine oder andere hinzu. Und so kommen wir zu ganz verschiedenen "Konstruktionen" des Faulseins. Darüber verständigen wir uns aber nicht. Vielmehr "sprechen" wir mit vielen Zungen darüber und tragen im konkreten Fall dann auch zu einem nicht unerheblichen Chaos im Umgang mit der konkreten Sache bei.

Das komplex-polare zeigt sich am Ende gleichsam wie von selbst.
Wenn uns eine komplexe Bildbeschreibung der Verhältnisse gelungen ist, zeigt sich am Ende nicht selten auch die Ordnung eines Gegeneinanders und erinnert an Polarität (von der wir uns zunächst aber nicht haben verführen lassen). Allerdings wird diese Art von Gegensatz jetzt auch der Komplexität gerecht: So wird uns derjenige, welcher der Welt zeigen will, dass er es absolut nicht nötig habe, Zweckdienlichkeiten zu erfüllen (siehe b), vielleicht gerade durch sein angestrengtes und fleißiges Bemühen auffallen, welches ihm nämlich von seiner "unmöglichen" Beweisführung her abverlangt wird.  

"Fleiß und Faulheit"
mit den Augen eines Schriftstellers und Dichters gesehen:

"Ein Reptil ist nicht faul, wie man angesichts seiner stundenlangen Reglosigkeit wohl vermeinen möchte; es ist nur sparsam mit seinen Bewegungen. Das ist ein abgründiger Unterschied. Das Reptil ist im Höchstmaß fleißig, das heißt, es betätigt sich ständig in der Kernfunktion seines Lebens: dem Lauern. Alle Tiere sind fleißig und ihrem Schöpfer absolut gehorsam, nicht aus Tugend, sondern weil er sie in unentrinnbarer Weise dazu anhält. Ein Tier ist nie faul. Nur der Mensch kann von dem ihm Aufgetragenen abfallen, auf der Seite liegen, anfaulen und endlich selbst zu Abfall werden. 
P.S. Vielleicht gibt es Faulheit bei Haustieren; sie haben bereits Teil am menschlichen Spielraum dazu." (Heimito von Doderer)


Autor: Werner Mikus


Bildadresse: https://img1.etsystatic.com/051/1/5285769/il_340x270.661601901_kbkl.jpg

1 Kommentar:

  1. Das Reptil als Beispiel zu wählen ist sehr anschaulich, enthält doch auch unser Gehirn so etwas wie ein Urhirn, den Reptilienanteil, dort wo die primitivsten Funktionen fast automatisch ablaufen;-) dennoch ist auch so ein Tier hochkomplex in seinem Verhalten für Nahrungssuche, Verdauen und Partnerwahl, wenngleich es nur das zum Überleben Lebensnotwendige macht. Eine Kultur hat so ein Reptil nicht entwickelt. Doderer war ja eigentlich eher ausschweifender Schriftsteller als Biologe, so sei ihm das Zitat über die Tiere und ihr Verhalten auch verziehen.Die drei verschiedenen Gesichter von Faulheit brachten mich Leserlein zum Schmunzeln- für ein Gesamtbild könnten noch etliche Mosaiksteine dazugefügt werden die über den derzeit geschilderten Erfahrungsbereich hinauszeigen. Empfehlenswerter Artikel.

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