Samstag, 25. Mai 2013

Fixierendes oder vergleichendes Beschreiben

Bildanalytischer Appetizer Nr. 4


Ring-Around, Paul Wallach 1999
Skulpturenpark Köln, Foto Werner Mikus


Beschreibung will etwas festhalten
Wenn wir beschreiben, wollen wir etwas festhalten. Etwas, das im Fluss des Geschehens unterzugehen droht, soll uns erhalten bleiben und wieder hervorholbar sein. Deshalb versuchen wir es in einer Beschreibung festzuhalten. Wenn uns dies gelungen ist, kann jeder, der es liest, es sich wieder zugänglich machen.

Beschreiben durch Fixieren

Wenn es um die Bewegung eines geworfenen Balles geht, ist das kein Problem, wir beschreiben die Flugbahn einer Kugel als eine Kurve, die wir vielleicht durch die Höhe beim Abwurf und durch die Zeit beschreiben, welche sie braucht, bis sie auf den Boden aufschlägt, eventuell beschreiben wir auch die sich im Flug verändernde Geschwindigkeit. Darüber hinaus können wir den Vorgang noch durch die Angabe eines kodifizierten Materials, durch die klassifizierte geometrische Form und durch die Größe des Durchmessers in vielem Weiteren festlegen.

Beschreiben durch Analogisieren 

Wenn wir dagegen ein seelisches Geschehen beschreiben sind die raum-zeitlichen Verhältnisse meist der unwichtigste Teil von dem was wir festhalten wollen. Oft spielen diese  überhaupt keine Rolle. Im seelischen zeigt sich vielmehr das Bildhafte, zeigen sich Beziehungen, Verwandtschaften und Übergänge, die beschrieben werden wollen.
Ein seelisches Geschehen hat seinen Schwerpunkt nicht in den raumzeitlichen Verhältnissen sondern in Verhältnissen, die wir als erlebbar benennen und die wir in Bildern und Gleichnissen vor uns haben.
Deshalb möchte ich für die Beschreibung des Seelischen auch nicht den Fall dieses Balles nehmen: Der geworfene Ball verführt ja schon zu der Aufteilung in einen Beschreibenden (Beobachter) hier und einen geworfenen Ball da. Die Wirklichkeit des Seelischen sieht anders aus:

Seelisches beschreibt sich selbst
Seelisches ist von sich aus schon Beschreibung: Es beschreibt z.B. die Übergänge zwischen Erwartungen und Erfüllungen: So kann ein unruhiges Bangen oder eine Ablenkungen suchende Aufgeregtheit z.B. solch einen Übergang beschreiben. Darüber hinaus ist wichtig zu wissen, dass seelische Befindlichkeiten sich immer erst im Spiegel einer aufstörenden anderen Befindlichkeit erfahren: Die tatsächliche Bedeutung, welche eine wichtige Person für uns hat, fühlen wir nicht sofort, sondern vielleicht erst dann, wenn wir etwas von ihrem besonderem Interesse für eine andere Person als uns mitbekommen haben. Das ist die Natur des Seelischen: Wir haben es darin immer mit Brechungen statt mit einfachen, kodifizierbaren Dingen zu tun.

Eins im Spiegel des anderen...
Das Seelische lebt in solchen lebendigen Spiegelungen. Alles was seelisch auf den Plan tritt tut dies im Spiegel anderer, mitlebender Verhältnisse. Diese relativistische Natur verträgt sich nicht gut mit dem Wunsch eines Festhaltens. Es sei denn, dass wir es dem Seelischen gleichtun und die Verhältnisse ebenso relativistisch festhalten, wie es das Seelische selber tut.

...und die Konsequenz:
Eine Beschreibung muss vergleichend bzw. analogisierend sein: Wir beschreiben seelische Befindlichkeiten also immer durch eine Analogie, durch einen Vergleich. Jemand, der trauert, sitzt z.B. so da "als ob er sein gesamtes Hab und gut verloren hätte". Dieses Bild beschreibt dann seinen Zustand. Wir machen uns hier zunutze, dass Seelisches sich auch ohne unser Zutun immer schon selbst beschreibt (Beispiel: das unruhige Bangen, das einen Übergang zwischen einer Erwartung und einer Erfüllung beschreibt). Kodifizierte Begriffe wie depressiv oder ängstlich sagen nichts, sie beschreiben nicht wirklich. Erst in Anlogien bilden wir die seelischen Verhältnisse nach.

Abkürzungsversuch
Die fixierende, sich auf Verabredungen (Kodizes) zurücknehmende 1:1-Beschreibung ist für das Seelische demgegenüber ein dummer Abkürzungsversuch. Es ist natürlich sehr verführend, mit einem solchen, magisch aufgeladenen Werkzeug auf ein Festhalten des Seelischen los zu gehen.
Einen solchen Versuch können wir mit dem der Stiefmutter aus dem Märchen von Schneewittchen vergleichen. Sie versucht den lebendigen Spiegel der Entwicklung loszuwerden, indem sie die Beseitigung der heranwachsenden Stieftochter in Auftrag gibt. Im Spiegel der heranwachsenden Schönheit muss sie sich nämlich selbst als alt erfahren. Das will sie aber nicht. Sie möchte viel lieber an dem gewordenen Bild ihrer Schönheit festhalten, und dieses Bild als wahr fixieren.

- Spieglein, Spieglein an der Wand -

Hierzu muss von der Königin eine andere Art von Spiegelung gefunden werden. Etwas Magisches wird gebraucht. Eine Art von "Wahrheits"-Spiegel" muss die Arbeit übernehmen ("Wahrheit" via Statistik oder durch kodifizierte 1:1-Beziehungen). Doch wie wir - übrigens nicht nur aus dem Märchen - wissen, spielt selbst so ein Zauberspiegel am Ende nicht mit. Auf die Frage: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" schmeichelt er zwar der Königin ZUERST, weist sie dann aber doch mit einem ABER auf das UNGESEHENE hin, das sich nebenher entwickelt hat: "...aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner als ihr."

Kulturtechnik: Analogisieren

In den Schulen sollte zukünftig eine neue Kulturtechnik auf dem Lehrplan stehn:
Neben dem Rechnen, Lesen und Schreiben das Analogisieren.

Beispiel aus einer solchen zukünftigen Unterrichtsstunde:
Ein Schüler ballt die Faust und reckt sie dabei hoch. Die Schüler sollen nun
sagen, was der Vorführende dabei fühlt oder damit "sagen" will.
Sie versuchen es vielleicht mit "ich bin der Größte", "Wow, wie bin ich gut",
"mir kann keiner das Wasser reichen" oder "ich werde es euch zeigen!"
Die Schüler "schmecken ab", welche Als-ob-Beschreibung (Analogie) am besten trifft. 



Adressen der verlinkten Bilder:
(oben) Foto Werner Mikus zur Skulptur "Ring-Around" v. Paul Wallach 1999; Skulpturenpark Köln, 
(unten) https://diefilmguckerin.files.wordpress.com/2012/10/img111.jpg

Montag, 6. Mai 2013

Polaritäten verführen

Bildanalytischer Appetizer Nr. 3


Wenn wir über psychische Verhältnisse reden, helfen wir uns oft mit dem Ordnungsprinzip der Polarität. Wollen wir z.B. einen Menschen zu mehr Fleiß bewegen, fällt uns gleich die Eigenschaft der Faulheit ein und wir bezeichnen ihn vielleicht als faul. Schauen wir genauer hin, haben wir damit aber nicht eine besondere Qualität oder Eigenschaft beschrieben sondern vielmehr das Fehlen einer solchen angemerkt: Mit dem Faulsein sagen wir lediglich, dass ihm der Fleiß fehle, alles andere bleibt offen und unausgesagt. Die Polarität (in unserem Beispiel: fleißig-faul) verführt dazu, uns der Arbeit einer genaueren Beschreibung zu entziehen. Diese ist aber unbedingt nötig. Wir müssten eine Art von seelischer Kartografie um den "Pol" des Faulseins herum entwerfen, welcher der Komplexität der vielfältigen Zusammenhänge Rechnung trägt. Nur so können wir eine Vorstellung davon gewinnen, wie eine Entwicklung von da aus in eine andere Richtung aussehen kann.



Ein Beispiel:
Faulsein in verschiedener "Umgebung" und Verknüpfung

(a) Bei der Faulheit spielen u.a. Bereitstellungen eine Rolle, die aus der Persönlichkeit  und Charakterentwicklung kommen: Möglicherweise besitzt der Betroffene die Fähigkeit, in der Not und auch unter zeitlichem Druck sehr konsequent und konzentriert Dinge abzuarbeiten. Das Aufschieben einer Erledigung, wäre dann eine Faulheit, die der Betroffene sich leisten kann - sie könnte regelmäßig der Sache dienen, weil auf diese Weise oft ein optimaler Augenblick für die Erledigung der Sache gefunden werden kann, anders, als wenn gleich immer sofort erledigt würde.

(b) Es kann dem Betroffenen auch darum gehen, zu demonstrieren, dass er etwas Besseres sei, als diejenigen, welche die Kleinarbeit machen, dass er eine Art von Genie hat, eine besondere Begabung. Die Faulheit hätte hier ein anderes Gesicht.

(c) Ebenso könnte sich in dem Faulsein auch eine Verweigerung ausdrücken, die sich gegen ein Mitmachen richtet, das dem Betroffenen auferlegt ist. Er traut sich nicht, in einer offenen Weise dagegen anzugehen.

Heimliche Ergänzungen und Chaos
Faulsein einfach nur als ein "nicht fleißig sein" verstanden, nimmt kein Mensch als zufriedenstellende Beschreibung hin. Tatsächlich denkt sich jeder noch das eine oder andere hinzu. Und so kommen wir zu ganz verschiedenen "Konstruktionen" des Faulseins. Darüber verständigen wir uns aber nicht. Vielmehr "sprechen" wir mit vielen Zungen darüber und tragen im konkreten Fall dann auch zu einem nicht unerheblichen Chaos im Umgang mit der konkreten Sache bei.

Das komplex-polare zeigt sich am Ende gleichsam wie von selbst.
Wenn uns eine komplexe Bildbeschreibung der Verhältnisse gelungen ist, zeigt sich am Ende nicht selten auch die Ordnung eines Gegeneinanders und erinnert an Polarität (von der wir uns zunächst aber nicht haben verführen lassen). Allerdings wird diese Art von Gegensatz jetzt auch der Komplexität gerecht: So wird uns derjenige, welcher der Welt zeigen will, dass er es absolut nicht nötig habe, Zweckdienlichkeiten zu erfüllen (siehe b), vielleicht gerade durch sein angestrengtes und fleißiges Bemühen auffallen, welches ihm nämlich von seiner "unmöglichen" Beweisführung her abverlangt wird.  

"Fleiß und Faulheit"
mit den Augen eines Schriftstellers und Dichters gesehen:

"Ein Reptil ist nicht faul, wie man angesichts seiner stundenlangen Reglosigkeit wohl vermeinen möchte; es ist nur sparsam mit seinen Bewegungen. Das ist ein abgründiger Unterschied. Das Reptil ist im Höchstmaß fleißig, das heißt, es betätigt sich ständig in der Kernfunktion seines Lebens: dem Lauern. Alle Tiere sind fleißig und ihrem Schöpfer absolut gehorsam, nicht aus Tugend, sondern weil er sie in unentrinnbarer Weise dazu anhält. Ein Tier ist nie faul. Nur der Mensch kann von dem ihm Aufgetragenen abfallen, auf der Seite liegen, anfaulen und endlich selbst zu Abfall werden. 
P.S. Vielleicht gibt es Faulheit bei Haustieren; sie haben bereits Teil am menschlichen Spielraum dazu." (Heimito von Doderer)


Autor: Werner Mikus


Bildadresse: https://img1.etsystatic.com/051/1/5285769/il_340x270.661601901_kbkl.jpg