Sonntag, 28. Dezember 2014

Mensch und Seele - Musikinstrument und Musik

Wir werden als kleine Musikinstrumente geboren...

...in einem weiten und auch in einem etwas engeren Sinne. Was den engeren Sinn betrifft, so erinnere ich an das, worauf die Vorgeburts- und Säuglingsbeobachtungen von W. Ernest Freud aufmerksam gemacht haben, daran nämlich, dass unsere Seele mit dem Rhythmischen anfängt, also mit einer bewegten Ordnung die der im Mutterleib oft hörbaren Musik folgt und die Synchronien herzustellen vermag. Insofern bereitet sich in diesem frühesten Seelischen Zustand etwas vor, das wie ein Musikinstrument im Ganzen also auch konkret schon an einer Musik teilhat, einer Musik, die um das noch gar nicht so richtig abgehobene kleine Wesen herum irgendwie schon immer da ist. Im folgenden möchte ich von einer Beziehung im weit gefassten Sinne sprechen. Der Anlass ist eine Analogie, auf die ich gekommen bin während ich als Schüler auf der Couch von eben diesem W. Ernest Freud meine gut begleiteten und methodisch verschärften eigenen Erfahrungen mit dem Seelischen machen konnte. Ich  glaube, dass die Psyche uns in ähnlicher Weise gegenüber steht, wie die Musik einem Musikinstrument.

Wie ein Musikinstrument zur Musik.

Der Mensch verhält sich zur Seele wie sich ein (intelligentes) Musikinstrument zur Musik verhält.
Damit aber Musik entstehen kann, muss das Instrument die Aufmerksamkeit von sich selbst ein wenig wegbringen und zwar auf das größere Ganze hin, auf die Musik. Die Musik steckt nämlich nicht im Instrument schon drin, so dass sie nur noch (sauber und technisch perfekt) aus demselben herausgeholt werden müsste.
Vom Seelischen denken wir uns solche Wunderlichkeiten aber gerne: So glauben wir z.B., dass alles Seelische seine Quelle in der menschlichen Person (mit seinem Erleben und Verhalten) hat. Dabei übersehen wir gerne, dass unser Erleben nicht selten Geschichten folgt, für deren Urheberschaft wir in keinerlei personbezogen direkten Weise verantwortlich sind. Wir glauben aber viel zu gerne daran, dass der Mensch die Quelle für alles Seelische ist. Und deshalb wollen wir auch, dass die Psychologieforschung genau an diesen Ort geht und dass von diesem Ort aus auch alles Lernen und Kultivieren zu erfolgen hat. 

Musiklernen auf die herkömmliche Weise

Offenbar deshalb lehren wir auch das Seelische nach dem Vorbild des Musiklernens auf die klassische Art und Weise: Instrumenten-fixiert. Wir tun so, als wenn die Person das A und O der seelischen Wirklichkeit wäre und dass aus ihr alle Analogien auf die Welt zu ziehen seien. Wenn ich aber (in Analogie zur Musik) nach den Gesetzen des Seelischen suche, suche ich doch nicht zwischen den Saiten meiner Gitarre herum oder bezupfe sie auf alle mir erdenklichen technischen Weisen.

Die Universitäts-Ausbildungen in Pschologie, denen man die Therapieausbildungen bisher freier Institute in Zukunft ebenfalls zugesellen will, sind im musikanalogen Sinne "Instrumenten-fixiert" (Analogie: fixiert auf den Psycheproduzierenden Mensch): Das Seelische wird verstanden als das, was der Mensch in seinem Verhalten und Erleben absondert. Deshalb lernt der Studierende (notenanalog) ein paar Ablaufsmodelle und (methodisch-technisch) die Dissonanz (Projektionen) zu vermeiden.

Seelisches findet woanders statt

Seelisches findet aber tatsächlich woanders statt, und weniger zentral in der vermeintlichen Zentrale einer Therapeuten- oder Klientenseele. Wir haben - besonders, was die Therapie betrifft - Verhältnisse zu lehren, die so komplex sind wie wir sie im hier angesprochenem Verhältnis von Musik und Instrumentenkunst vorfinden.
Diese Verhältnisse lassen es nicht zu, dass wir gleichsam die "Instrumente" (also die Person des Therapeuten oder auch die des Klienten etwa) mit dem verwechseln, um das es uns in einem psychotherapeutischen Prozess tatsächlich zu gehen hat - auch wenn Therapeut und Klient noch so schön das sogenannte Zentrum des Geschehens verkörpern wollen  (Konzertflügel und Cello tun das ja auch - stellen sich aber dennoch ganz in den Dienst der Musik).

Einlassen auf die "Musik" und ihre Gesetze - übertragen, auf das Seelische:

Es geht um die "Musik" und um ihre Gesetze, auf diese gilt es, sich einzulassen.
Das heißt auf das Seelische zurück übersetzt:
Es geht in der Psychologie um eine Wirklichkeit, die Personen und Dinge übergreift. Hierzu bietet sich die sprachbildliche Wirklichkeit an. Gemeint ist eine Wirklichkeit in Gleichnissen und Bildern (gemeint sind die Bilder i.w.S.). Das Seelische kann uns auf diese Weise eine neue, universale Perspektive auf die Welt geben (es ist dann die Welt der erlebbaren Zusammenhänge, die ja immer gleichnishaft sind). 
Das vom Psychosozialen Forum (PSF) e.V. vor 28 Jahren gegründete Ausbildungsinsitut trägt daher in seinem Namen das Wort "Bildanalytisch" (- Wissenschaftliche Gesellschaft für Bildanalytische Psychologie und Psychotherapie -). Es vermittelt ein Umgehen mit dem Seelischen genau in dem hier besprochenen "musikanalogen" Sinn.
Dabei werden sinnvoller Weise zwei Gruppen von Menschen zusammengeführt:
(1) Menschen, die (in der Konsequenz einer bestimmten Erfahrung) etwas daran ändern wollen, dass sich ihr Seelisches selbst nicht mehr versteht und (2) Menschen, die das Ziel haben, eine Kennerschaft im Seelischen zu entwickeln, um die Welt vom Seelischen her bereichern und verändern zu können.

Autor: Werner Mikus


Bild: Strichzeichnung Werner Mikus

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