Sonntag, 11. Januar 2015

Die sprachbildliche Welt und eine Wissenschaft im Werden


Das Sprachbildliche und die Psychoanalyse

Das Sprachbildliche hat im letzten Jahrhundert eine neue Bedeutung erhalten. Und diese geht nicht allein auf die Literatur zurück oder auf das zunehmende Geschichtenerzählen im neuen Medium des Films, es war vielmehr die Psychoanalyse die etwas Neues und Überraschendes an der Natur des Sprachbildlichen zutage gefördert hatte.
Sie hatte sich nämlich eine bestimmte Eigenschaft derselben zunutze gemacht. Hierzu muss man folgendes wissen: Sprachliche Bilder können Prozesse und Entwicklungen organisieren (sie führen quasi Regie). Beispiel: Jemand ist das Aschenputtel in der Familie oder benimmt sich in seiner Welt wie Narzis aus den Ovidschen "Verwandlungen". Diese sprachlichen Bilder bestimmen darüber, in welchem Maß und auf welche Weise Widersprüchlichkeiten in einem Miteinander zugelassen werden oder eben nicht. Es gibt sprachbildliche Zusammenhänge, in denen vorhandene Widersprüche verleugnet werden, und solche in denen Widersprüchlichkeiten als unaufhebbar anerkannt und sinnstiftend zusammengebracht werden. Der zweite Typ gelebter Bildzusammenhänge war es, den sich die  Psychiatrie in Wien, über den dort als Neurologe arbeitenden Sigmund Freud, zunutze machte. Dabei ging es zunächst um eine ganz bestimmte Sorte von Widerspruch, um Widersprüche, die aus einem Konflikt der Sexualität mit der Kultur hervorgegangen sind (Scham, Wünsche, Verbotenes). Es ging um eine Reihe von folgenschweren Bildprogrammen, die an das Sophokles'sche Ödipusdrama angelehnt waren und in denen die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Größe aber auch die Rivalität und die Angst vor Verlust - thematisch eng mit der Sexualentwicklung verbunden - eine zentrale Rolle spielten. 
Leider verselbständigte sich das Interesse an den neu entdeckten Möglichkeiten des Sprachbildlichen schnell in Richtung bestimmter Inhalte des Sexuellen und des Emanzipatorischen. Die neu entdeckte Seite sprachbildlicher Wirklichkeit wurde nicht selten rein suggestiv und auf verschiedene Weise abkürzend genutzt.

Widersprüche nicht auflösen sondern in den Dienst stellen

Krankheiten und Zwänge lösen sich auf, wenn Bildprogramme gefunden werden, welche die vorher geleugneten Widersprüche eines Lebenszusammenhanges in ein sinnvolles Miteinander umgestalten können. Die Menschen dieses Jahrhunderts - und dazu gehöre ich zum guten Teil auch - wendeten sich vor allem der entdeckten Bedeutung der Sexualität zu und ebenso der eigenen Person. Es war ein Jahrhundert der exzessiven Selbsterfahrung und Psychologisierung. Das neue Interesse hatte bald ein anwendungswissenschaftliches Zuhause gefunden, das sein Zentrum nicht in den Instituten der Universitäten hatte, sondern in privaten Lehrinstituten. Verwandte Therapierichtungen kamen auf und traten zur anstoßgebenden Tiefenpsychologie hinzu (systemische oder Gestalttherapie, Gesprächstherapie, kognitive Verhaltenstherapie z.B., später auch eine morphologische Intensivbehandlung, und eine bildanalytische Entwicklungstherapie). Von der Gefahr einer Verselbständigung des Neuen sprach ich ja schon: Magische Überbewertung ganz bestimmter Bildzusammenhänge und eine unbemerkte Überschätzung suggestiver Wirkungen gegenüber einer strukturellen Behandlung von Zusammenhängen.

Ein relativistisches Denken führt weiter

Die Erforschung der sprachbildlichen Welt mit ihren noch unbekannten Möglichkeiten ging erst dann weiter, als man in der Wissenschaft den Mut fasste, auch übergreifende Prozesse ernstzunehmen und zwar auf gleicher Ebene wie die Prozesse, die allgemein für die ursprünglich Seelischen gehalten wurden. Die operationalisierende Wissenschaft konnte das nicht leisten, weil sie ja alles von Anfang an herunterbrach auf Einfaches, Kleines, Abzählbares. Deshalb war hier die Wirkungseinheiten-Psychologie von Wilhelm Salber (Morphologie) Durchbruch in ein Neuland. Das Wirkungseinheiten-Konzept nahm jetzt neben dem aktuellen Wahrnehmen, "Denken, Fühlen und Wollen" auch solche Zusammenhänge als seelische Zusammenhänge, die bisher wie eine kulturelle oder sonstwie vorgegebene Rahmung behandelt wurden. Die scheinbar von Außen auf das Seelische wirkende Realität verwandelte sich in der Morphologie Wilhelm Salbers selbst in etwas Seelisches, das aktiv und auf gleicher Ebene wie das aktuelle Seelische wirkte. Wie in der Physik, wo der Rahmen (also: Raum und Zeit) nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie plötzlich aktiv mitzuspielen begann und sich als Krümmung (räumlich) oder als Dehnung (zeitlich) auf die bewegte Masse reagierend bemerkbar machte, wurden im Seelischen nun die Prozesse einer scheinbar nur rahmenden Realität zu einem aktiven Mitspieler in einem seelischen Gesamtprozess. Wilhelm Salber bot ein Konzept, was die gleiche qualitative Veränderungswirkung auf die Psychologie von damals hatte, wie die Relativitätstheorie auf die Newtonsche Physik.

Übergreifende Prozesse 

Die Beschreibung des Seelischen musste von jetzt an die Bedingung erfüllen, personübergreifend zu sein und auch die so genannten nichtseelischen Dinge in ihr Organisationsprinzip mit einzubeziehen. Die sprachlichen Bilder - und das zeigte sich jetzt - HABEN die Fähigkeit, subjekt-unabhängige Prozesse herauszuheben! Das war eine neue Position in der Erkenntnis über die sprachbildliche Wirklichkeit. Im Kölner Institut wurden über mehr als 30 Jahre hinweg Studenten darin trainiert, auf diese Weise beschreiben zu können. Ich selber war in diesem Prozess als Ausbilder mit eingespannt, sowie als Redakteur der Zeitschrift "Zwischenschritte".

Hier gab es ebenfalls die Gefahr der Verselbständigung des Neuen:

Diese Gefahr bestand in einem allzu formalisierenden Umgang mit polaren Verhältnissen, welche durch ein Spielen mit Worten und oft mit großzügigem Bezug auf die darstellende Kunst "beschmückt" wurden. Diese Art Verselbständigung hat möglicherweise mit dazu beigetragen, dass sich die Morphologie trotz ihres revolutionären Ansatzes bisher nicht nachhaltig durchsetzen konnte. Es liegt demnach nicht nur an dem kräftigen Bruch, den die Morphologie mit der operationalisierenden und auf den Besitz eines methodischen Generalschlüssels bestehenden "akademisch-experimentellen" Wissenschaft vollzogen hat.

Eine nicht-deterministische Idee tritt hinzu

Je weniger man nun zentralistisch von einer Quelle der Seele aus dachte, desto mehr verlegte sich der Ursprung des Seelischen von seinem vermeintlich bekannten Ort aus (also vom Ort der Person) ins Ungewisse. Wo ist es eigentlich zu Hause? konnte man sich fortwährend fragen. Und mit dieser Orts-Ungewissheit trat zugleich die Frage auf: "Wie entsteht Seelisches überhaupt?", nachdem man es aufgegeben hatte zu wissen, wo es entsteht: Es entsteht eben nicht ausschließlich im Kleinkind und baut sich von da aus in eine erweiterte Seelenwelt vor. Seelisches entsteht offenbar auch in anderen Zusammenhängen. Und so bekommt die Frage nach dem Wie einen Sinn: Denn, wenn wir das wissen, können wir an vielen Orten Seelisches entstehen lassen.
 

Seelisches ist eine sinn- und bedeutungsschaffende Realität 

Seelisches ist immer erst einmal ohne (festen) Grund da - ganz so wie in der Quantenphysik, wo der Ort eines Elektrons im Überlagerungszustand nicht festgelegt ist. Seelisches erschafft sich seinen Grund immer erst in einem zweiten Schritt. Das ist die Analogie zur paradoxen Undeterminiertheit, die auch der Physik als Erkenntnis kurz nach dem Anerkennen der Relativitätstheorie beschert worden ist. Die Folgen für die weitergehende Erforschung der sprachbildlichen Wirklichkeit mit ihren noch unbekannten Möglichkeiten sind ebenfalls von großer Bedeutung: Die sprachlichen Bilder müssen eine hohe Bedeutungspotenz haben (Gleichnisse nach Art von Märchen, Mythen Literatur...). Wenn in dem Prinzip der NACHSCHAFFENDEN SINNBILDUNG das Entstehen von Seelischem begründet liegt, dann muss es immer bedeutungschwanger zugehen. Wenn etwas entsteht, ist es so wie in der Dekohärenz-Situation in der Physik: Ein Elektron hat die Qualität der Örtlichkeit gefunden und ist damit rein zufällig gerade hier oder da erschienen. So entstehen auch seelisch "singuläre Ereignisse", die hochindividuell sind. Die Entwicklung einer Sprache, welche diese hohe Bedeutungspotenz besitzt, muss auf breiter Front erst noch geleistet werden. Es sind z.B. großformatig übergreifende Bild-Zusammenhänge gefordert, wenn wir dem nachkommen wollen. Wie solch ein großformatig-übergreifender, sprachbildlicher Zusammenhang die verschiedensten Dinge zusammen- und in eine bewegliche Ordnung bringen kann, lässt sich am Beispiel des Märchens von "Einäuglein Zweiäuglein und Dreiäuglein" hier auf diesem Blog in einem Beitrag zum psychodoxen Denken nachlesen. Das Beispiel bringt die Entwicklung der Psychoanalyse mit einem perspektivischen Blick auf die besondere Bedeutung des Paradoxen ins Bild - und zwar bis in die aktuellen Entwicklungen einer, das Ganze weiterdenkenden Psychologie und  Wissenschaft hinein.  

Auch hier besteht die Gefahr der Verselbständigung

Die Gefahr besteht in einer Überforderung, weil nunmehr keine Institution - weder im weiten noch im engen Sinne - existiert, die uns die Arbeit abnimmt, Verantwortung für eine Bedeutungszumessung immer wieder neu zu übernehmen. Der Soziologe Dirk Baecker, ein Schüler von Niklas Luhman, entwickelt in seiner Aufsatzsammlung "Studien zur nächsten Gesellschaft" erste Vorstellungen darüber, wie wir uns auf diese Probleme gesellschaftlich einstellen können.

Die Perspektive der erlebbaren, sprachbildlichen Zusammenhänge 

Die bis hierhin beschriebene Entwicklung legt mit seinem letzten Akzent den Gedanken nahe, dass dieser Prozess auch einmal auf sich selbst zurückblicken möge. Und die dementsprechende Frage könnte lauten: Was ist der Gegenstand des psychologischen Denkens vom Ende her gesehen? Und die Antwort darauf: Es ist die Perspektive der erlebbaren, sprachbildlichen Zusammenhänge. Die sprachbildlichen Zusammenhänge beschreiben nicht nur die Wirklichkeit, sondern stellen selbst eine Wirklichkeit dar, eine Wirklichkeit, die wir leben und die uns lebt und weit über "uns" hinausgeht. 


Autor: Werner Mikus


Ergänzende Lektüre:


Baecker, Dirk;
Studien zur nächsten Gesellschaft
surhrkamp taschenbuch - wissenschaft
(Dirk Baecker im Interview)


Mikus, Werner:
Zu den Dingen selbst (lesbar hier im Blog)
oder lesbar in KUNO
Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie
Edition Das Labor - Verlag der Artisten


Mikus, Werner;
Die Perspektive der Erfahrungszusammenhänge
Alfred North Whiteheads und eine neue Wissenschaft




Bildquelle: http://www.isgeschiedenis.nl/wp-content/uploads/2012/12/eenhoorn-470x310.jpg


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