Sonntag, 1. Februar 2015

Aufklärung: Psychologie ist nicht Heilkunde



 

Vorgetragen 1988 - aber immer noch aktuell

Bereichs- oder Grundwissenschaft? 

Wenn wir die Psychologie als eine Wissenschaft verstehen und einordnen wollen, müssen wir uns die Frage stellen, auf welche Weise das geschehen soll. Können wir von einer Psychologie ausgehen, über die sich reden lässt wie über eine eigene Einheit? Und welches Vorverständnis von Wissenschaft allgemein bringen wir schon mit in unsere Überlegungen ein? Was verstehen wir unter Wissenschaft allgemein? Auf die letzte Frage möchte ich zuerst eingehen, die zweite beantwortet sich im Laufe meines Vortrages von allein: Wir können in einer ersten groben Unterteilung erstmal von zwei Wissenschaftsarten sprechen. Die eine bezieht sich auf einen besonderen, irgendwie inventarisierbaren Phänomenbereich und kann so als Bereichswissenschaft verstanden werden [z.B. die Geographie mit ihren Flüssen und Bergen, um es salopp zu sagen]. Die andere stellt durch eine eigene, grundlegende Perspektive auf die Welt, ihre Phänomene und Methoden selbst erst her und kann deshalb als eine "perspektivische", "methodenbildende" oder kurz gesagt, als eine "Grundwissenschaft" verstanden werden.

Die leidliche Absicherung im Formalen! 

In der Wissenschaft ist das Vorurteil verbreitet, dass es eine allgemeingültige Beweismethode gibt, die einen methodisch festen Rahmen und Halt gibt, der für alle Wissenschaften gleichermaßen existentiell und nützlich ist. Demnach handelt es sich in einer wissenschaftlichen Untersuchung etwas überspitzt gesagt, vor allen Dingen darum, einen einwandfreien Beweisgang nach dem Muster einer logischen und widerspruchsfreien Schlussmethode aufzubauen (Vorbild: Formale Logik). Von einer solchen Auffassung her, erscheint das genaue Hinsehen, Beschreiben und kontext-heranziehende Einschätzen der Zusammenhänge, dann doch eher als eine Sache von geringerer Bedeutung. Wenn das Augenmerk so sehr auf das einwandfreie Schließen und das Verfertigen von logisch einwandfreien Aussagen gerichtet ist, dann steht wahrscheinlich ein Sinn dahinter: Möglicherweise soll es dem Forschenden das Gefühl der Sicherheit geben: Schließlich braucht er dann seine Beobachtungen und Arbeitsschritte nur noch in Sätze zu fassen, die formallogisch richtig sind und am Ende korrekt auseinander hervorgehen. Etwas salopp formuliert könnte man sagen:  Er muss dann seine Beobachtungen (und Sätze) nur noch in Formen übersetzen, die auch ohne Inhalt richtig sind. Und spätestens hier, melden sich bei dem psychologisch interessiert Mitdenkenden doch Bedenken an.

Kompensation eines fehlenden Regulativs 

Bezieht man dieses Verständnis von Wissenschaft auf die Erforschung der seelischen Zusammenhänge, wird schnell klar, dass die Komplexität der bildhaften Zusammenhänge nicht zusammenpasst mit dem Versprechen einer Sicherheit durch ein formallogisches Schließen. Ein geheimes Wissen um die Komplexität der Verhältnisse und ein gleichzeitiges Festhalten an der vermeintlichen Macht des logischen Schließens laufen in der Wissenschaft von heute nebeneinander her: Das Ergebnis ist ein Wissenschaftsbetrieb der mit extrem hohen Aufwand arbeitet. Das ungelöste Problem dieser Verbindung wird durch umfangreiche quantitative Erhebungen gleichsam zu kompensieren gesucht: Der Halt und die innere Sicherheit einer Methode im Ganzen lassen sich nicht durch die Logik eines formal korrekten Schließens herstellen. Halt und Sicherheit müssen sich aus Anderem entwickeln. Sie gehen aus der Stimmigkeit hervor, die sich zwischen den Methoden der Forschung und den Methoden der Sachen erst ergeben (Aufwände kompensatorischer Art erkennen wir an der inflationären Entwicklung evaluierender Verfahren).

Die so beschriebene Form von Wissenschaft ist trotz des enormen Aufwandes aber auch recht erfolgreich und expandiert. Dabei denke ich an eine große Zahl von Neugründungen in der Wissenschaft (Politologie, Informatik, Soziologie, Sozialwissenschaft). Es sind in der letzten Zeit so viele neue Wissenschaften entstanden, dass es nahe liegt zu fragen, ob diese sich nicht im Schwerpunkt als Anwendungsgebiete einer einzigen Wissenschaft verstehen, einer Wissenschaft, die in einem operationalisierenden, formal-logisch korrekten Beschreiben und Schlüsse-ziehen besteht. Im Zuge dieser Entwicklung ist u.a. auch die „wissenschaftliche“ oder sagen wir besser die „akademische Psychologie“ entstanden.

Bildperspektivische Psychologie und Methode

Die Psychologie, über die ich hier jetzt reden möchte, ist im Gegensatz zur akademischen Psychologie allerdings von einer anderen Natur. Sie geht auf eine andere Auffassung von Wissenschaft zurück und beschreibt einen anderen Typus von Wissenschaft. Es handelt sich dabei um ein Verständnis oder um ein Bild von Wissenschaft, wie es in den Schriften von Friedrich Nietzsche entwickelt wurde. Die Wirklichkeit wird hier als perspektivisch organisiert gedacht, oder wie wir auch sagen können: als bildperspektivisch. Aus ihr folgt, dass es nicht eine Beweismethode für alles zugleich  gibt. Nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die ihr hilfreichen Beweismethoden müssen an der Sache selbst entwickelt werden. Das gilt auch für das ganze Konzept, was uns sagt, nach welchen Regeln in der jeweiligen Wissenschaft eine hinreichende Erklärung bzw. eine angemessene Ableitung hergestellt und überprüft werden kann.

Durch den Vergleich der beiden Arten von Wissenschaftlichkeit wird sichtbar, dass Wissenschaft auch immer weltanschauliche Züge hat. Nietzsches Idee von der perspektivischen Natur der Wirklichkeit kann erschrecken: Es gibt hier keine hinter allen Dingen stehende letzte Ordnung. Wissenschaft arbeitet hier nicht an der einen Ordnung für alles, nicht an einer Hierarchie von Ordnungen, Wertigkeiten, Wahrheiten usw. Hierarchie kommt aus dem Griechischen und meint hieros und archai – Heilsordnung. Wir haben keine Ordnung, die uns jenseits des jeweils entwickelten Systems Halt und eine Rechtfertigung geben könnte. Vielleicht ist das auch der Grund, warum in der Öffentlichkeit von dieser Wissenschaftsauffassung so selten gesprochen wird. Ich muss zugeben, dass das mir jetzt auch ein bisschen Angst gemacht hat, das hier so laut und deutlich zu sagen, dass es mir um eine Wissenschaft geht, die sich nicht auf eine tendenziell feststehende und zumindest in der Tendenz klar vorgegebene Ordnung glaubt berufen zu können, sondern um eine Wissenschaft, die sich ihre Methoden und Maßtstäbe erst im Umgang mit der jeweiligen Sache selbst entwickeln muss und zwar so wie sie es angesichts bestimmter, von ihr selbst getroffener Setzungen am Ende braucht, und nicht wie es ihr aufgrund von irgendwelchen scheinbar objektiven, Kriterien vorgegeben ist.

Psychoanalyse als Protagonistin des Neuen 

Es war jetzt die Psychoanalyse, die sich getraute, eine solche Wissenschaftsauffassung in die Tat umzusetzen. Mit ihr entstand eine völlig andere Psychologie, die Tiefenpsychologie, wie wir heute sagen. Was war geschehen? Freud hatte im Umgang mit leidenden Menschen eine andere Natur der Wirklichkeit entdeckt. Er nannte das, was er entdeckt hatte die Logik des Unbewussten. Er war auf Gesetze gestoßen, die der Logik (der formalen Logik natürlich) widersprachen, mit denen man aber, wenn man etwas davon verstanden hatte, dann auch „rechnen“ konnte. Die besondere Beobachtung der Überdeterminiertheit von Zusammenhängen und die überall anzutreffende Ambivalenz seelischer Zusammenhänge, hätten unter dem Regiment einer formalen Logik keine rechte Anerkennung finden können. Freud hat, der neu entdeckten Sache folgend, eigene Ableitungsprinzipien entwickelt, auch eine eigene Auffassung darüber, was unter ausreichenden Erklärungen, eigenen Schlussmethoden, und angemessenen Kontrollen zu verstehen ist.

Man darf nicht vergessen, dass die Gründung einer psychoanalytischen Schule notwendig und für die weitere Entwicklung der Psychologie sinnvoll war -  auch wenn dies eine Trennung zwischen einer Forschung an den Universitäten und einer Forschung an den sich neu gründenden Ausbildungsinstituten (Tiefenpsychologische Psychotherapie) mit sich gebracht hatte. Diese Ausbildungsstätten und neuen Forschungszentren waren für die Pflege und die Erhaltung der neuen Methoden notwendig, die ja zunächst von der Wissenschaft der Universitäten abgelehnt wurden. Die neuen Methoden konnten also hier ihre eigenen Normen entwickeln und kultivieren, was in dem (ihnen gegenüber eher) "feindlichen" Klima der Universitäten nicht möglich gewesen wäre.

Freuds Plädoyer für ein "Jenseits der Medizin" (und Heilkunde)

Freud schuf eine Protagonistin für eine neue Wissenschaftsauffassung, und das war die Psychoanalyse oder Tiefenpsychologie. Ich möchte an dieser Stelle ein Stückchen Freud zitieren. Freud hatte seinem Freund Theodor Reik helfen wollen, als dieser in Schwierigkeiten wegen Kurpfuscherei gebracht werden sollte, weil er kein Mediziner war, aber Analysen durchführte. Bei der Gelegenheit hat Freud über die sogenannte Laienanalyse geschrieben. Ich will ihnen hier die wichtigsten Bemerkungen vorlesen, die in einer Diskussion zu diesem Aufsatz ein Jahr später, 1927, entstanden sind. Da sagt Freud:
„Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein, dass ich im Vorstehenden etwas wie selbstverständlich vorausgesetzt habe, was in den Diskussionen noch heftig umstritten ist, nämlich, dass die Psychoanalyse kein Spezialfach der Medizin ist. Ich sehe nicht, wie man sich sträuben kann, das zu erkennen. Die Psychoanalyse ist ein Stück Psychologie, auch nicht medizinische Psychologie im alten Sinne oder Psychologie der krankhaften Vorgänge, sondern Psychologie schlechtweg, gewiss nicht das Ganze der Psychologie, sondern ihr Unterbau. Vielleicht überhaupt ihr Fundament. Man lasse sich durch die Möglichkeit ihrer Anwendung zu medizinischen Zwecken nicht irreführen, auch die Elektrizität und die Röntgenstrahlen haben Verwendung in der Medizin gefunden, aber die Wissenschaft von beiden ist doch die Physik.“ - Ich glaube, das ist deutlich!

Die exakte Wissenschaft als eine Falle (Fixierung) 

Das Muster einer formal-logischen Wissenschaftlichkeit ist die exakte, bzw. klassische Naturwissenschaft. In der so genannten Philosophie der Logischen Analyse, von Bertram Russel, wird dieser Anspruch bezogen auf die Mathematik im Bündnis mit der Physik erhoben. Die exakte oder klassische Naturwissenschaft hat im Gegensatz zu der Psychologie, so wie sie sich heute gibt, ein Gegenbild. Das Gegenbild ist das vermutende und deutende Denken der "Philosophie". Die exakte Wissenschaft kann sich über dieses Gegenbild abgrenzen und damit ihre eigene Sache klar und deutlich vertreten. Die klassische Naturwissenschaft setzt das zwingende Schließen gegen die Methode des vermutenden Deutens und Auslegens. Damit hat sie im Deuten der Psychologen Freudscher Prägung ein klares Gegenbild gefunden. 

Die Tiefenpsychologie hat die Klarheit des Eigenen noch nicht. Ihr fehlt eben das eigene Gegenbild, ein Bild, was sich zur deutlichen Abhebung des Fremden vom Eigenen anbieten würde. Manche Psychologen neigen dazu, sich auf das ihnen eigentlich fremd bleiben müssende Bild, welches die "exakte Wissenschaft" sich als Gegenbild geschaffen hat, zu fixieren. Sie suchen dann zu beweisen, dass sie nichts Beliebiges tun und nicht etwa "deuten". Oder sie zwingen sich wie zum Beweis in allerlei Zwanghaftes, also in die verschiedensten "Systeme" hinein. 

Ein eigenes Gegenbild muss sein!  

Die Heilkunde ist es, die sich für ein psychologisch-wissenschaftliches Denken als ein Gegenbild anbietet: Die Tiefenpsychologie, so wie ich sie verstehe, setzt dem Heilen - wie in einer Drehung um 180 Grad - das Entwickeln entgegen, Entwicklung mit ihrer umbruchshaften Natur. Das zur Abhebung geeignete Bild für eine wissenschaftliche Tiefenpsychologie ist also nicht die Naturwissenschaft und auch nicht das mutmaßende Deuten einer sogenannten Geisteswissenschaft, welches ja das Gegenbild der sogenannten "exakten Wissenschaft" ist. Auch mit einer Gegenüberstellung von Geist und Seele auf der einen und Materie auf der anderen Seite ist nichts zu gewinnen. Diese und ähnliche Aufteilungen lenken nur ab von einer Selbstfindung als Wissenschaft mit Namen Psychologie oder Tiefenpsychologie. Ihr Gegenbild ist vielmehr in der Haltung und in dem Denken einer Heilkunde zu finden, kurz in einer heilkundlichen "Moral". Die Abgrenzung von einer Heilkunde hebt das Eigene des Psychologischen ebenso deutlich heraus, wie es das Bild des Herumdeutens für die exakte bzw. klassiche Naturwissenschaft tut. Ich möchte ihnen jetzt erzählen, zu welchen Klärungen das führen kann. Ich kann das natürlich hier nur in groben Zügen tun und zwar am Beispiel der Begriffe Leiden und Behandlung.


Das Beispiel Leiden

Menschen, die in einen Zwang geraten sind, sitzen eigentlich dem heilkundlichen Begriff von Leiden auf, dem Leiden im Sinne eines Gebrechens nämlich. Leiden muss aber im psychologischen Sinne als etwas Doppeltes gedacht werden, nicht als ein krankhaftes Geschehen oder als ein Gebrechen, wie es in den Bergriffszusammensetzungen Nierenleiden, Herzleiden usw. gemeint ist, sondern als etwas, das Leiden und Leidenschaft zusammenbringt: Wir sagen ja auch: Das mag ich leiden oder ich mag es nicht leiden. Mit dem neurotischen Menschen meinen wir jemanden, der in einem Zwang gefangen ist und der gleichsam der heilkundlichen Bedeutung von Leiden (Leiden als Gebrechen) aufsitzt. Menschen, die wir Neurotiker nennen, wollen beweisen, dass Leidenschaft auch ohne Leid zu haben ist, und dass das Leid, also das Schmerzliche und Leidvolle prinzipiell zu beseitigen sind. Dazu bewertet der Neurotiker das normale Leid in bestimmter Weise um: Das zu einem Nervenkitzel oder zu einem "Sich-Sehnen" substantiell dazu gehörende Leid wird dann zu einem herausgerückten, störenden Leid umgebaut, zu einem Leiden, dass sich regelrecht verdinglicht und sich wie ein Gebrechen präsentiert. Der Leidende rechnet nun damit, dass die Welt ihm darin zustimmt, dass dieses Leid, was er uns ja so deutlich vor Augen führt, nicht wirklich nötig und darüber hinaus unzumutbar ist. Auf diese Zustimmung rechnet er und er bekommt sie auch in aller Regel von seiner Mitwelt. Leiden meint psychologisch aber Leid und Leidenschaft zugleich. Die Leidenschaft des Lebens existiert nur in einem Leiden zweiseitiger Ausrichtung: Einerseits mögen wir etwas besonders gut "leiden" und binden uns daran - andererseits kommen wir aber gerade dadurch erst in ein "Leiden" hinein, was zentral mit dieser Bindung zusammenhängt. 

Das Beispiel Diagnose-Behandlung 

Auch der Begriff der Behandlung, den wir von der Medizin her kennen, macht in der Abgrenzung zur Heilkunde etwas Eigenes an der Psychologie deutlich. Wir müssen nämlich folgenden Unterschied feststellen: Der Mediziner diagnostiziert und dann erst behandelt er. Der Psychologe hingegen behandelt von Anfang an. Er behandelt also schon, indem er ein erstes Bild bei der Erfassung der lebensgeschichtlichen Daten mit dem Befragten herstellt und dies auf die eine oder andere Weise mit ihm teilt. Bilder sind eben schon immer Veränderungen und das heißt, sie sind Behandlung von Zusammenhängen. Die Psychologie hat also einen anderen Begriff von Behandlung. Kurz: Auch das Bildermachen und Diagnostizieren ist ein Umgang mit der Wirklichkeit, bei dem etwas in Bewegung gebracht wird. Man kann sogar sagen, dass das Spezifikum der psychologischen Arbeit genau in dieser ihrer bildmethodischen Natur liegt.

Sie sehen, wenn man sich das nicht alles ausdrücklich klar macht, fehlt dem Psychologischen die eigene Entschiedenheit. Psychologie wirkt durch ihre eigene Umwertung der Wirklichkeit. Wenn eine psychologische Deutung "heilsam" ist, dann liegt es daran, dass die Psychologie auf eine grundlegend andere Art auf die Wirklichkeit blickt und diese umerzählt und umbewertet. Die besondere, von der klassischen Naturwissenschaft, und vor allem von der Heilkunde abweichende Haltung verursacht die heilsame Wirkung. Ihre Wirkung geht also nicht auf irgendeine besondere Anwendung zurück, die es - wie ein Medikament etwa - zu "verabreichen" gelte. 

Die Tragödie des erwünschten Ganz-Seins

Nun noch einmal zurück zu der allgemeinen Idee des bildperspektivischen Denkens. Ganzheit und Heilsein, das geht nicht zusammen: die Ganzheit ist entweder das Total, welches sich dann aber nicht durch eine umfänglichere Ordnung gehalten wissen kann und in dieser Hinsicht einen Mangel hat; oder Ganzheit meint etwas perspektivisch Ganzes. Das perspektivisch Ganze hat diese haltende Ordnung in sich, aber es geht ihm andererseits auch alles das ab, was sich nur über eine andere Perspektive haben oder leben ließe. So oder so verstanden lässt uns der Traum vom Ganzen also unbefriedigt und dementsprechend un-heil zurück: Das könnte man als die Tragödie unseres Hanges zum Ganzen (oder Ganzsein) verstehen. Und weil es so wichtig ist, möchte ich es noch einmal sagen: Wenn wir das Ganze in einer perspektivischen Weise haben wollen, müssen wir auf die Vollständigkeit verzichten, die eben nur ein "Total" uns bieten kann,  Erstreben wir dagegen das Ganze im Sinne eines Totals mit seiner Grenzenlosigkeit nach allen Richtungen, verzichten wir auf die haltgebende innere Ordnung im Ganzen, die wir eben nur in einem perspektivischen Ganzen finden können. 

Zusammengefasst und perspektivisch

Die Idee der neuen Wissenschaftsauffassung und die Verwirklichung dieser in der Tiefenpsychologie, verlangen nach einer Abgrenzung von einem heilkundlichen Denken. Sie will uns ermutigen, die Psychologie nach Art einer Grundwissenschaft zu verstehen, welche in der Lage ist, auch etwas für andere Ausrichtungen zu tun, ohne dabei zur bloßen Hilfswissenschaft zu werden. In unseren Weiterbildungen für den pädagogischen und den sozialen Beruf haben wir begonnen, diesen Gedanken umzusetzen: Für die Pädagogik und die Sozialpädagogik/Sozialarbeit kann die Psychologie nach einem jeweils eigenen Gleichnis nützlich werden - perspektivisch ganzheitlich. Im Fall der Pädagogik gelingt ihr das über das Gleichnis der "Kultivierung" und im Falle der sozialen Berufe über das Gleichnis einer "Strukturbildung im Tätigwerden". Die Ausbildung zum Psychosozialberater ist ein Projekt, mit dem wir vor zwei Jahren begonnen haben und was sich zu unserer Freude sehr gut entwickelt. An solchen und ähnlichen Fragen, Zielsetzungen und Realisierungen arbeiten wir in unserem Forum. Heute feiern wir hier unser erstes öffentliches Auftreten. Wir würden Sie gerne dafür gewinnen, an der Verwirklichung unserer Ziele, in der einen oder anderen Weise teilzunehmen.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit.

Vortragender: Werner Mikus 

P.S.
Der Titel des Vortrags im Original: "Psychologie als Grundwissenschaft".
Er wurde 1988 in Köln von Werner Mikus auf der Veranstaltung des Psychosozialen Forums "Psychologie ist nicht Heilkunde" gehalten. Hierbei gab es einen Mitschnitt und eine Verschriftlichung desselben, die wir Anja Opelt verdanken. Aus dieser "Abschrift" konnten wir den Vortrag - zu dem wir ansonsten nur die Stichwortzettel des Redners hatten - im Genaueren rekonstruieren. Darüber hinaus haben wir versucht, mit Zwischenüberschriften und kleineren stilistischen Korrekturen, diesen ersten, wichtigen Vortrag in eine gut lesbare Form zu bringen. (die Redaktion).


Weitere Vorträge auf der Veranstaltung:
- Zur Gründung des Psychosozialen Forums (PSF) e.V. als
  Wissenschaftliche Gesellschaft für Bildananlytische Psychotherapie und Beratung
  (Karin Fischer, Erste Vorsitzende des Vereins)
- Die wachsende Bedeutung der analytischen Säuglingsbeobachtung
   (W. Ernest Freud als Ehrengast)

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         20 Jahre später zum Thema Psychologie und Heilkunde:
         Stuktur und Funktionieren von Psychotherapie
         Eine psychologische Analyse
         Werner Mikus (2008)

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         25 Jahre später zum ziemlich gleichen Thema:
          Zu den Dingen selbst - Wissenschaft von den erlebbaren Zusammenhängen
          Werner Mikus (20013)




Bildquelle: Foto Werner Mikus, Museumsinsel Hombroich

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