Sonntag, 16. Mai 2010

Teil 2/5: Denken in Paradoxien und psychodoxen Ordnungen



Drei Methoden und ein Problem
Dieses geheime Verstehen von Seelischem (Zweiäuglein-Natur), mit der wir im Allgemeinen ganz gut zurechtkommen, denken wir uns nun von zwei abweichenden Methoden umstellt, die damals das ernsthafte und wissenschaftliche Umgehen mit dem Menschen bestimmten. Und bevor ich diese beiden Methoden oder Konzepte im Bild des Einäugleins und des Dreiäugleins erörtern möchte, will ich noch schnell den Schauplatz nennen, an dem diese auf eine Neubelebung der Zweiäugleinmethode gestoßen sind.  

Mit dem Ort ist die Psychiatrie gemeint, so wie sie vor ca. 120 Jahren ausgesehen hat. Wir können sagen, dass sie damals noch ein recht peinliches Feld für die Ansprüche einer Wissenschaft war: Der Psychiater stand in der Hierarchie der Medizin, ähnlich wie das Zweiäuglein in seiner Familie rangmäßig ziemlich weit unten. Kranken, in denen man oftmals nur Simulanten sah, glaubte man weitgehend mit Apellen an die Vernunft oder mit kalten Bädern u.ä. begegnen zu müssen. Den Neurologen oder Psychiatern, und da denke ich an Sigmund Freud, der auf diesem Feld damals gearbeitet hatte, ging es nicht viel besser als dem Zweiäuglein im Märchen, was dort bekanntlich die Ziegen hüten musste. In einem übertragenen Sinne ging es auch beim Umgang mit den Hysterikern um eine Art von Ziegenhüten (so im Sinne der ungeliebten, unangenehmen Arbeit jedenfalls). Aber eine alte weise Frau flüsterte dem Zweiäuglein, dass das Hüten der Ziege ein lohnendes Geheimnis in sich trüge. Kurz: Freud, der in meiner Übersetzung jetzt für das Zweiäuglein steht, bzw. für die Zweiäugleinmethode, sagte Ja zu dieser Arbeit und entdeckte eine Art von Tischlein-deck-dich. Für den neugierigen Forscher auf dem Gebiet der psychoneurotischen Phänomene war das eine wahre Fundgrube. Was er auf diesem Feld der Beobachtung zu sehen bekam, führte ihn zur Einsicht in die Gesetze des sogenannten unbewussten Seelenlebens, der Traumarbeit und der Fehlleistungen z.B.

Aber jetzt schauen wir erst mal, wie angekündigt auf die beiden Geschwister in dem Märchen. Ein- und Dreiäuglein vertreten symbolisch die beiden Methoden die zu der Zeit als Freud seine überraschenden Beobachtungen machte, an der Tagesordnung waren.

Da war (1.) die Methode, die ich die Einäugleinmethode nennen möchte. Diese lebt von der Idee einer alles umschließenden Einheit, aus der man wie der Kranke es beweist, gleichsam herausfallen kann. Dabei geht es z.B. um die Position eines religiösen oder sonst wie moralischen Verständnisses von den krankhaften Zusammenhängen: die Hysterie war in diesem Falle eine Art Strafe für eine Schuld, (Sünde) die der Betroffene vermutlich, denn hier durfte man viel spekulieren, auf sich geladen hat. Und auf diese Weise war das Leidensgeschehen abzuleiten und schlüssig. Die  verschiedenen Widersprüchlichkeiten in der körperlich-seelischen Leidensgeschichte waren damit auf eine einfache Weise vom Tisch gebracht.

Die andere Methode (2.), die bei der Beurteilung der hysterischen Phänomene an der Tagesordnung war, geht davon aus, dass der Kranke nur simuliert. Diese Methode geht von einem wahren Geschehen aus, von welchem sich ein nur vorgetäuschtes Geschehen absetzen lässt. Hier steht der Widerspruch in Form einer Polarität (wahr/falsch) im Mittelpunkt. Was nicht passt wird methodisch durch den zu Beginn bereits angesprochenen Kniff zur Auflösung gebracht. Wie von einer dritten Position, also von außen, wird hier ein „Wahres“ und dort ein „Falsches“ gesetzt. Das Wahre ist das, was Physiologie und Neurologie ableitbar machen und das Falsche ist das widersprechende Phänomen, was der Hysteriker uns liefert, weil er z.B. eine Reizempfindung nicht  hat, die er aber rein neurologisch haben müsste. Diese Methode setzt also zwei Perspektiven an: Die eine Perspektive handelt von dem Ineinander rein physiologischer Abläufe und die andere von einem Seelischen, was sich durch ein Vortäuschen und Lügen störend in die ärztliche Arbeit an der Physiologie des Körpers einmischen kann. Wie aus einer Gottesperspektive lässt sich mal die eine und mal die andere Perspektive zur Beschreibung der Phänomene heranziehen. Beides tut sich in der wissenschaftlichen Modellbildung gegenseitig nichts und stellt somit keinen wirklichen Gegensatz dar.

Bei dieser Methode handelt es sich um ein generelles Muster, das allgemein in der klassischen Naturwissenschaft seine Anwendung findet, ebenso wie in den verschiedenen, daran angelehnten Kombinationswissenschaften (Beispiel Medizin). Da hier das Dritte die zentrale Rolle spielt, können wir dieser Methode im Rahmen meines Gleichnisses, die Dreiäugleinmethode nennen.

Ich fasse noch einmal zusammen:
Damals war es so üblich, die Hysteriker als Simulanten in den Griff zu nehmen (Dreiäugleinmethode) und ebenso hoch im Kurs stand die Methode, sie als eine Art "Sünder" zu behandeln, als Abtragende einer Schuld, die sie irgendwo und irgendwie auf sich geladen haben mussten (Einäugleinmethode). Heute wissen wir, dass beide Methoden unangemessen sind und dass sich ein neues Verstehen (Zweiäugleinmethode) zu entwickeln begann: Die normale Methode, die in unserer alltäglichen Wirklichkeitsbehandlung zum Zuge kommt, war der Schlüssel hierzu. Sie stellte, wie wir sehen werden, den beiden tonangebenden Konzepten etwas Ernstzunehmendes entgegen:


Das so genannte  Ziegenhüten des Zweiäugleins (Freud im Problemfeld der Psychiatrie und Hysterie) brachte dabei etwas ganz Wunderbares an den Tag, es war für den, der zweiäugig auf die Sache schauen konnte, ein reich gedeckter Tisch, ein wahres Tischlein-Deck-Dich (Wille und Gegenwille, Logik des Unbewussten, Traumarbeit und Fehlleistung z.B.).

Noch einmal: Die Methode, die wir mit dem Bild des Einäugleins verbunden haben, sieht in der „Hysterie“ eine Bestrafung für etwas Sündhaftes. Für sie gilt das Ideal einer Widerspruchsfreiheit, welche alles Einordnen und Verstehen regelt: Die Gesundheit eines Menschen, so glaubt man, hinge davon ab, dass unser Handeln und Trachten sich in Einklang mit der Moral und ihrem Gut und Böse befindet. Das „Im-Einklang-sein“ wirkt hier wie ein regulierendes Prinzip: Der Kranke ist darin der „In Sünde-gefallene“, der dies folgerichtig in seinem Kranksein austrägt (Strafe Gottes). Vorherrschend in der Psychiatrie war aber die neurologisch-wissenschaftliche Methode. Sie bestimmte die offizielle Umgangsweise mit den hysterischen Phänomenen und deckt sich mit dem klassisch-naturwissenschaftlichen Denken allgemein. Und dieses Denken hat heute noch einen großen Einfluss. Aus diesem Grund möchte ich hier noch einmal gesondert auf die Naturwissenschaften  eingehen.

Zwischenüberlegung: Die klassische Naturwissenschaft
Die Neurologie und die Psychiatrie der damaligen Zeit hatte ein ganz besonders Herangehen an die Sache. Es ist in den Grundzügen auch heute noch vorzufinden und deshalb möchte ich es noch etwas ausführlicher darstellen. Die Vorgehensweise lebt von einer bestimmten Grenzziehung. Als Grenze ist hier die Seite von Wirklichkeit gemeint, die wir mit dem Erleben zusammenbringen. Kurz: Die (klassische) Naturwissenschaft beschäftigt sich (und das genau ist ihre Abgrenzung) nur mit den Zusammenhängen, die auch erlebensunabhängig wahr sind oder anders formuliert, die in ihrer Wahr-Falsch-Qualität nicht vom Erleben abhängen.

Was auf diese Weise von den spannenden Zusammenhängen unserer alltäglichen Erfahrung abgespalten wird, muss sich natürlich woanders wieder zu Wort melden. Und das darf es höchst offiziell in der Form einer Geisteswissenschaft - also gleichsam wie in einem Gegenbild zur Naturwissenschaft. Hier darf das Ausgeklammerte sich dann auch auf eine deutlich andersartige Weise äußern - ohne dass es ernsthafte Folgen für das naturwissenschaftliche Denken haben müsste. So hat sich das jedenfalls in den letzten drei Jahrhunderten bis ins Heute hinein eingerichtet.

Mit dieser Grenzziehung gegenüber der schwankenden Natur des menschlichen Erlebens konnte eine Befestigung des wissenschaftlichen Selbstverständnisses und Bewusstseins geschaffen werden. Das ist ein wichtiger Schritt für die Entwicklung gewesen, welche die Naturwissenschaften genommen haben. Diese Grenzziehung und Befestigung derselben konnte im Weiteren nämlich für die Methode des Polarisierens genutzt werden. Und dieses Vorgehen fand überall seinen Einzug. Die Naturwissenschaften ließen sich auf die Dynamik von Polaritäten ein: Sie waren frei von der Gefahr, sich in der Beliebigkeit irgendwelcher Deutungen, die  aus dem Erleben kommen, zu verlieren. Sie setzten mit diesem Denken fest, dass die Widersprüche sich jeweils auf verschiedenen Ebenen und Perspektiven befinden und sich somit nicht wirklich (also nicht logisch wirksam) in die Quere kommen können. Deutlicher: Eine direkte Berührung der Widersprüche untereinander war also gar nicht erst anzunehmen; und so bildeten sie auch kein Problem für die Ordnung schaffenden Modellbildungen. Dieses  Denken beflügelte das Herstellen von dynamischen Modellen mit konstitutionellen Gegensätzen und Widersprüchen, die sich am Ende aber nicht wirklich, wie in einem Paradox begegnen und logisch stören konnten.

In diesem Sinne konnte die Neurologie z.B. einiges Sichere über die Abläufe in den neuronalen Bahnen sagen. Ihre Vorhersagen versagten aber in bestimmten Phänomenbereichen und hierzu gehörte der Bereich der hysterischen Phänomene. Nehmen wir ein Beispiel: Der Neurologe konnte z.B. die Unfähigkeit des Patienten, einen bestimmten Reiz zu empfinden, nicht erklären, denn alle Elemente der Reizkette funktionierten. Wenn er genau das in seinem Befund (bzw. Diagnose) beschrieben hätte, wäre diese Frage als wissenschaftlich noch nicht beantwortbar anerkannt und für eine weitere Klärung offen gehalten worden. Genau das taten aber damals viele Neurologen nicht. Sie machten vielmehr Aussagen, die ihre Wissenschaft überschritten. Kurz: Sie versuchten über die nachweisbaren neurologischen Zusammenhänge hinaus Spekulationen über das ausgeklammerte Seelenleben mit einzubeziehen. Und solche Aussagen sahen dann in etwa so aus: „Eigentlich funktioniert die Wahrnehmung, der Patient täuscht uns nur eine Stumpfheit gegenüber dem Reiz vor.“ Man sagte damals „er simuliert“. Die Naturwissenschaft handelte hier in einer Art übergriffigem oder auch naiven Deuten so wie jemand, der mithilfe einer Schallwellenanalyse etwas über die „Seele“ der Musik aussagen wollte.

Die Auslegung des seltsamen Verhaltens und Erlebens von Hysterikern als  eine "gewollte" Vortäuschung (Simulation) stellt eine Überspitzung des klassisch- naturwissenschaftlichen Polarisierens dar und eine Provokation für das sich selbst verstehende Seelische: Der Doppelblick, mit dem wir unseren Alltag ansonsten bewältigen, wird dabei, wie wir sehen werden, auf die Probe gestellt und weist den Weg zu einem neuen und tieferen Verständnis der Zusammenhänge.

(Fortsetzung 3/5)

Autor: Werner Mikus

Das Märchen zum Nachlesen

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