Freitag, 28. Mai 2010

Teil 4/5: Denken in Paradoxien und psychodoxen Ordnungen



Das Bild einer zukünftigen Psychologie
Hier möchte ich mich nun der Frage stellen, wohin die Entwicklung in diesem Bereich voraussichtlich geht und wie eine Psychologie am Ende aussehen wird, wenn wir unseren Überlegungen folgen wollen. Ich glaube, die Situation der neuen Wissenschaft Psychologie, wird in zweifacher Weise eine Änderung erfahren. Die eine zielt auf das Selbstverständnis des Eigenen in dieser Wissenschaft und die andere auf ein neues Verständnis von Wissenschaft im Allgemeinen. Letzteres heißt: Ein neues allgemeines Verständnis von Wissenschaft muss herausgebildet werden, damit die Psychologie als ebenbürtig akzeptiert und mit Gewinn in die Gemeinschaft der Wissenschaften aufgenommen werden kann. Wenn das gelingt, wird die Wissenschaftsgemeinschaft am Ende von der Psychologie etwas gelernt haben, etwas, das ihr allgemeines Selbstverständnis verändern wird. Beginnen wir aber mit der Frage nach dem Neuen und dem wissenschaftlich Eigenen des Seelischen.

Erlebbare Zusammenhänge
Gegenstand der Wissenschaft vom Psychischen sind die erlebbaren Zusammenhänge. Das bezieht alles ein, was die Qualität der Erlebbarkeit besitzt und meint damit alle bild- und gleichnishaften Verhältnisse, in denen wir uns „bewegen“ und auch die Dinge um uns herum. Wenn wir z.B. „gespannt“ darauf sind, zu erfahren, wie eine bestimmte Idee ankommt oder „heiß“ darauf sind uns das heimlich gedrehte Video von der Familienfeier anzuschauen oder „aufgekratzt“ nach einer super gelaufenen Prüfung, von der wir aber noch nicht das offizielle Ergebnis kennen - immer meinen wir einen besonderen seelischen Zusammenhang. Selbst wenn wir davon reden, dass ein Vortrag "seinen Faden verliert" oder ein Gespräch "versandet". In allen diesen Fällen gilt: Die Bilder sind bereits das Erlebbare, also der besagte seelische Zusammenhang. Diese bildhaften Zusammenhänge sind nicht etwa nur Abbilder einer Wirklichkeit, also einer wahren Wirklichkeit, die noch hinter diesen Dingen liegt - wie man es nach der Dreiäugleinmethode z.B. sehen könnte.

Wie kommen diese seelischen Zusammenhänge nun zustande, wo kommen sie her? Die Zusammenhänge bildhafter oder erlebbarer Natur stellen sich - und das ist das Besondere - gegenseitig her. Wir finden immer nur Gegebenheiten, wie sie sich im Bild einer anderen Gegebenheit darstellen (das Gespannte eines Bogens z.B. im Kontext einer offenen Bewertung oder das Aufgekratzte im Kontext einer erwarteten positiven Überraschung etc.). Das Eine erscheint im Bild des Anderen, denn erst darin hat es eine Form und eine Gestalt. Die seelischen Zusammenhänge sind immer schon Gleichnisse und nicht irgendwelche Rohlinge, auf die von außen erst noch etwas deutend einwirken muss. Nichts existiert also im Seelischen, ohne bereits in etwas anderen schon gebrochen zu sein. Der ganze Reichtum des Seelischen geht auf diese Art des Herstellens von Wirklichkeit zurück. Dabei nehmen sich die seelischen Verhältnisse und Einheiten gegenseitig in den Dienst.

Freud- und Leiderfahrungen setzen sich dabei fortwährend in ein bewertendes Verhältnis und zwar zu dem, was gerade der Stand einer Entwicklung ist. Dabei kommt es durchgehend zu Widersprüchen, auch wenn diese nicht immer explizit wahrgenommen werden. Eine Verpflichtung z.B., die ein Partner uns ungefragt entgegenbringt, welche die Verbindung neuerlich absichern soll, lässt vielleicht einen ersten Riss in der gewachsenen Beziehung aufkommen (Misstrauen durch ein Zuviel an Absicherung). In so einem Falle würde die erwünschte Bindung ganz im Gegensatz zur beabsichtigten Wirkung um einiges unsicherer werden. Hier hätten wir ein Beispiel dafür, dass sich das Handeln im Rahmen einer Entwicklung immerzu auch gegen seine eigenen Zwecke verkehren kann. Das bewertende Erleben kann einen solchen Prozess schon in den Ansätzen erspüren und dann auch eine Korrektur einleiten. Die Erfahrung von Freude oder Leid warnen uns davor, wenn es falsch zu laufen droht (Leid) oder stacheln uns an, wenn es in die richtige Richtung geht (Freude).

Widersprüche sind also in diesem Verständnis vom Seelischem etwas ganz Besonderes, sie haben die Fähigkeit zur Strukturierung in sich und sind die Grundelemente einer ersten groben Ordnung in einer ansonsten sehr komplex strukturierten, und irgendwie auch „unordentlichen“ Natur des Seelischen.

Widersprüche neu verstehen


Ein solches Verständnis von Gegensätzen oder Widersprüchen ist nicht mehr polarisierend, es handelt vielmehr von Verhältnissen, in denen eine Seite die andere in ihren Dienst nimmt. Dabei werden die Dinge nicht miteinander vermischt, sondern in die eine oder andere Konstruktion oder Nutzung gebracht. Am Beispiel einer Spirale möchte ich die „Struktur“ des Widerspruchs einmal auf eine grafische Weise deutlich machen. Wir können bei einer Spirale zwei Zusammenhänge unterscheiden. Einmal sehen wir in ihr etwas, das mit der Ausdehnung und Verlängerung einer Entwicklung auf ein bestimmtes Ziel zu tun hat. In diesem Falle sehen wir die Kreisbewegung als eine Ausschweifung, die immer wieder gegen den nach oben aufsteigenden Gang der Entwicklung antritt, Stufe für Stufe und so das Erreichen des Ziels verzögert. Wir können den Zusammenhang aber auch als einen Versuch sehen, vor einer Endlichkeit zu fliehen. Dann sehen wir, wie ein Kreis sich schließen will, und wie diese Schließung aber durch eine permanente, und in jedem kleinen Schritt stattfindende, Steigung konsequent hintertrieben wird.

Ob wir die Entwicklung über ein wiederholtes Ausschweifen voranbringen, oder vor der Endlichkeit einer Sache immer nur fliehen, das erweist sich in der Tat als etwas Gegensätzliches. In dieser Formulierung haben wir auch schon ein Beispiel für einen Widerspruch, wie er sich im normalen Alltag unseres Seelenlebens und nicht nur im Bereich des Grafischen beobachten lässt.

Beeinträchtigungen im Seelischen
Von einer so beschriebenen psychischen Natur ausgehend, lässt sich jetzt auch ableiten, was eine „Störung“ ist, und was der Analogie einer Krankheit entsprechend das Seelische und seine Entwicklung beeinträchtigen kann. Nach dem hier entwickelten Verständnis vom Seelischen, was ich gerne "bildanalytisch" nenne, können wir von zwei Schwachstellen innerhalb des  Psychischen ausgehen. Die Erste hat damit zu tun, dass die Erfahrung von Kehrseiten in einem bestimmten Problembereich fehlen kann. Die Kultur gibt uns bestimmte Prozesse und Entwicklungen vor und damit sind auch bestimmte Verkehrbarkeiten gegeben. Wir müssen diese athmosphärisch, wie etwas Potenzielles mitbekommen, sonst können wir unsere Entwicklungen nicht intuitiv steuern und die Möglichkeit zu einer wirklichen Einflussnahme wird uns von irgend einer Seite abgenommen (möglicherweise ist es die Mutter, die einen solchen Mangel bis ins Erwachsenenalter kompensiert). Das kann lange gut gehen. Irgendwann geschieht das Unerwünschte dem Betroffenen aber dann doch "alleine" und ungeschützt, und jeglicher Kontakt für ein passendes Einordnen und Verstehen fehlt. Die Folgen sind immer spektakulär, kaum nachvollziehbar für den Außenstehenden und alle normalen Grenzen sprengend. Die erlebnismäßige Steuerung von Entwicklungen über eine kulturspezifische, und auf die Kehrseiten von Entwicklungen hin geeichte Freud-Leiderfahrung, kann also - und das ist die erste Schwachstelle für das Seelische Funktionieren – in einem bestimmten Bereich des Lebens schwerwiegend „behindert“ sein. In diesem Falle können Entwicklungen jäh abstürzen oder es kommt zu Erlebnissen, die extrem abweichen von der gemeinsam geteilten Realität. Wir haben es hier, weit gefasst, mit den Phänomenen der Kriminalität  und mit den Phänomenen des Psychotischen (ebenfalls im weiten Sinne) zu tun.

Eine zweite Schwachstelle hängt dagegen nicht mit der fehlenden Erfahrung sondern mit der Drehbarkeit von Funktionen zusammen. Wenn das Eine im Dienst des Anderen steht, kann sich genau dieses Verhältnis auch drehen. Eine Kultur schränkt ein beliebiges Drehen ein. Sie bevorzugt Entwicklungen und stellt deshalb die Erfahrung von Freude und Leid in den Dienst solcher übergreifenden und von ihr geförderten Prozesse. Aus diesem Grunde kann es passieren, dass die Erfahrungen von Freude und Leid, welche im Normalfalle der konkreten Entwicklung Orientierung geben, sich dagegen verwehren, lediglich Diener von Entwicklungen zu sein und im Weiterem sich gegen diese Rangordnung verschwören. Sie versuchen dann den Spieß umzudrehen. Alle Entwicklungen sollen von nun an ihnen dienen. Das heißt: Ein Erzwingen wollen von Glücksgefühlen oder ein generalisierendes Leidvermeiden wird zur obersten Devise. In einem solchen Fall haben wir es mit Zwängen im weiten Sinne zu tun und mit dem was wir klassisch unter einer neurotischen Störung verstehen.

Therapie des Seelischen
Die angemessene „Therapie“ unterscheidet sich nach den beiden Sorten von Problemfällen. Im ersten Falle, wo die Kehrseitenerfahrungen in einem bestimmten Problembereich fehlen, und daher eine Zwiesprache zwischen den Freud-Leiderfahrungen und den zugehörigen Entwicklungen nicht funktionieren, müssen die fehlenden Erfahrungen konsequenter Weise nachgeschaffen werden. Das kommt aber einer sehr schwierigen und langwierigen Nachentwicklung gleich und ist aus verschiedenen Gründen oftmals nicht möglich. Deshalb müssen unter Umständen seelische Prothesen für den Betreffenden konstruiert und entwickelt werden. Diese müssen ihm, wenn eine Nachkultivierung im betreffenden Bereich nicht mehr möglich ist, eine Abstützung in den Lebenslagen geben, in welchen er nicht aus dem Eigenem heraus die Entwicklung „verstehen“ und in verträglicher Weise korrigieren kann.
In einer Therapie dagegen, welche sich auf den zweiten Störungstyp bezieht, (Behandlung von Psycho-neurotischem) geht es darum, Veränderungsspielräume wieder herzustellen. Die Spielräume, in denen sich unsere Entwicklung immer wieder neu und passend auf die konkreten Umstände und Lagen hin ausrichten kann, sind durch das Diktat einer Obsession oder einer um sich greifenden Leidvermeidung außer Gefecht gesetzt. Sie sind aber als Implikationen der gelebten Entwicklungen immer noch im Geschehen mit enthalten und wirken auf die verborgenste Weise mit. Sie sind prinzipiell wieder belebbar. In einer Psychotherapie dieser Art geht es also um Veränderungsspielräume und zwar um eine Erneuerung oder Wiederherstellung derselben. Auf diesen Punkt werde ich in der Zusammenfassung und Gegenüberstellung noch einmal eingehen.

Das neue Denken im Vergleich
Im Folgenden möchte ich das neue Denken nach dem Schema:...
1.) Bedeutung der Widersprüche,
2.) was versteht die Psychologie unter einer Störung und
3.) was versteht sie unter einer Therapie,
...mit den beiden konkurrierenden Formen, die wir dem Ein- und dem Dreiäuglein zugeordnet haben vergleichen.

Einäugleinmethode: Da ist zunächst das einfache Prinzip, das von der Haltung lebt, ein Heil- oder Ganz-Sein sei der Dreh- und Angelpunkt einer gesunden seelische Natur. (1) Widersprüche stellen eine Abkehr von der Ordnung dar und bringen (2) Leid, also Störung und Krankheit über den Menschen. Die (3) Therapie läuft nach diesem Seelenbild auf eine Art von Reinigung hinaus. Beispiel: Geständnis, Reue und Sühne.

Dreiäugleinmethode: Das zweite Prinzip, was wir im Märchen mit dem Bild des Dreiäugleins verbunden haben, sieht den Grund für die (1) Widersprüche im Seelischen darin, dass wir die Wirklichkeit unterteilen und durch das Ansetzen von Perspektiven in alle möglichen Richtungen ausdifferenzieren können. Die Widersprüche, die sich im Zuge dieser Aufgliederung zwischen den einzelnen Phänomenen zeigen, tun sich nach dieser Theorie so lange nicht weh, wie sie durch eine geschickte Trennung auf verschiedenen Ebenen gut festgehalten bzw. kontrolliert werden können (formale Widerspruchsfreiheit). (2) Eine „Störung“ im Psychischen ist von dieser Theorie her die Folge einer verlorengegangenen Kontrolle über das System dieser Trennungen. (3) In der Konsequenz hierzu ist eine Therapie dann die Widerherstellung oder Erweiterung  dieser Kontrollfähigkeit. Beispiel: bei einer Flugangst kann man versuchen, die statistisch realen Risiken gegen die gemutmaßten Risiken abzusetzen, um damit eine Neubewertung zu erreichen. Oder wir machen in einem anderen Zusammenhang die Erfahrung, dass wir einen tiefen Groll, der sich eigentlich gegen eine Person aus der Vergangenheit richtet, auf den Nachbarn übertragen. 

Zweiäugleinmethode:
(1) Widersprüche
In einer zeitgemäßen Wissenschaft vom Seelischen haben Widersprüche eine dreifach verschiedenartige Herkunft und Bedeutung. Widersprüche entstehen zunächst einmal dadurch, dass Bedeutungszusammenhänge nicht isoliert für sich stehen, sondern sich in einem gegenseitigen Auslegen ihrer jeweiligen Ansätze erst herstellen. Ohne dass wir uns erst noch ein Zweck setzendes Drittes denken müssen stellen die erlebbaren Zusammenhänge also Differenz und Widerspruch untereinander her. Nehmen wir das „Beginnen“ als einen Zusammenhang, an dem wir das Gesagte einmal überprüfen wollen, Das Beginnen legt alle Zusammenhänge in denen sich etwas "bewegt" (ob es das will oder nicht) auf einen Prozess des Weiterführens oder Beendens hin aus (Beginnen impliziert ein Weiterführen oder Beenden und trägt es perspektisch in sich mit). Jeder erlebbare Zusammenhang ist auf eine ähnliche Weise perspektivisch. Widersprüche sind in den erlebbaren Zusammenhängen also angelegt wie die Kehrseiten einer Sache oder einer Entwicklung.
Es gibt aber noch eine zweite Art von Gegensatz im Seelischen. Dabei geht es um eine Aufgabenteilung. Eine Sorte der erlebbaren Zusammenhänge hat konkrete Entwicklungen, zum Thema. Einkaufengehen, Fernsehschauen, Studieren Erwachsen werden. Alle diese Zusammenhänge beschreiben inhaltlich Entwicklungen. Dagegen setzten sich Zusammenhänge ab, die in diesen Entwicklungen sich wie ein Navigationssystem verhalten. Sie helfen, Entwicklungsetappen zu bewerten: geht es gut, oder muss was geändert werden. Alle Freud- und Leiderfahrungen helfen der Entwicklung, sich zu orientieren, damit ihre Sache gelingen kann. Nehmen wir ein Beispiel: Das Ereignis eines Aufbruchs, kann z.B. als Erleichterung erlebt werden („endlich geht es los“, „ich kann wieder tief durchatmen“). Hier haben wir es mit einer Erfahrung zu tun, die dem Aufbruch fördernd entgegenkommt Wenn wir dagegen mit dem Aufbruch z.B. ein starkes Bangesein verbinden, hätte das sicherlich eine andere Wirkung auf die Steuerung der weiteren Schritte innerhalb der betreffenden Enwicklungsangelegenheit.
Es gehört offenbar zum Wesen eines kultivierten Seelenlebens, dass Entwicklungen in ihrem Mittelpunkt stehen, wie Themen, die eine Kontinuität und Einheit herstellen. die Freud-/Leiderfahrungen stellen sich in den Dienst dieser Entwicklungszusammenhänge. Das bedeutet: Wir finden eine vorgegebene Aufgabenteilung zwischen zwei Formationen des Seelischen, vor. In dieser Aufgabenteilung sehen wir also eine zweite Art von Unterschiedenheit im Seelischen.
Es gibt aber noch eine dritte Art von Widerspruch, die von Bedeutung ist. Diese setzt die beiden vorgenannten Arten schon voraus und bringt sich auf einer höheren Ebene zum Ausdruck: Die in den Dienst der Entwicklungen gestellten Freud-/Leiderfahrungen können versuchen, ihrem Auftrag zu widersprechen. Damit sind wir bei einem neuen, potentiellen Gegensatz: Das Seelenleben kann sich wie in einer Revolte darin einrichten, das vorgegebene Dienstverhältnis rumzugedrehn: Das Seelische versucht dann umgekehrt die Entwicklungen in den Dienst einer Freud- und Leiderfahrung zu stellen. Es geht ihm dann z.B. darum, ein ganz bestimmtes Leid um jeden Preis zu vermeiden oder darum ein bestimmtes Wohlgefühl um jeden Preis sicher zu stellen.
Für die Zweiäugleinmethode gehen Widersprüche also nicht allein (a) daraus hervor, dass Bedeutungen sich immer schon auf andere Bedeutungen beziehen und sich dabei bewerten bzw. interpretieren. Widersprüche sind vielmehr auch (b) Folge einer vorgegebenen Kultivierungsform, welche die erlebbaren Zusammenhänge in zwei Richtungen formiert (Freud-Leiderfahrung und Entwicklungen). Und aus diesem Grund ist dem Seelischen auch noch die Möglichkeit gegeben, (c) sich in einer dritten Widerspruchsform zu zeigen, indem es sich nämlich in Opposition zu dieser kulturellen Vorgabe zu organisieren versucht, gleichsam wie in einer Revolte. Und im schlimmsten Falle geschieht das auch dauerhaft bis es zu einer Überforderung der Verhältnisse kommt.

(2) Beeinträchtigungen
Beeinträchtigungen im Seelischen haben aus diesem Grunde zwei verschiedene Erscheinungsformen. Die erste bezieht sich darauf, dass die erlebbaren Zusammenhänge in einem bestimmten Erfahrungsbereich in ihrem Austausch behindert sind. Das ist der Fall, wenn die Kehrseiten-Erfahrung für einen bestimmten Typus von Entwicklungen fehlt. Das Seelische ist in diesem Falle nicht in der Lage, in seinen Freud- Leid-Erfahrungen auf Gefahren hinzuweisen, oder durch positive Wahrnehmungen etwas zum Fortune einer Entwicklung beizutragen. Deshalb werden bestimmte Entwicklungen völlig unerwartet von extremen Wendungen getroffen. Die Erfahrungen und Reaktionen können merkwürdig, und völlig unpassend sein oder uns als Übersprungshandlungen begegnen. Sie können sehr irreal und auch sehr unsozial sein. „Störungen“ der zweiten Art dagegen sind, wie schon beschrieben, von anderer Natur und Beschaffenheit und treten auch weit häufiger auf. Sie haben etwas mit den alltäglichen Neurotizismen des kultivierten Menschen zu tun. In diesen „Störungen“ geht es um Probleme, die sich aus der dauerhaften Verdrehung einer bestimmen Indienstnahme ergeben. Kurz: Die Entwicklungen des Seelischen werden alle dem Diktat einer universalen Glückssuche oder Leidvermeidung unterworfen. Freud- Leiderfahrung stehen nicht mehr im Dienst der Entwicklungen sondern haben das Verhältnis umgedreht.

(3) Therapie
Die Therapie einer solchen Psychologie hat deshalb auch zwei verschiedene, auf die unterschiedlichen Problemlagen passende Formen entwickelt. Im erst genannten Fall geht es um eine Nachentwicklung des Seelischen und, wenn das nicht mehr geht, um die Entwicklung von „Prothesen“. Die andere Art von Problemen, braucht eine Therapie, in der es darum geht, die Entwicklungen, in denen der Klient sich befindet von dem Diktat einer Obsession oder von dem Versuch einer zwanghaften Leidvermeidung zu befreien. Die Therapie dieses Typs zielt darauf, Veränderungsspielräume wieder herzustellen, und das heißt, sie versucht die Möglichkeiten, die in den Lebensgeschichten und gelebten Bildern eines Menschen enthalten sind wieder ins Leben zurück zu bringen. Die Flugangst, die wir eben als Beispiel genommen haben, könnte sich so als Markierung für eine Grenze erweisen mit der man sehr ausdrücklich und dauerhaft im Hader liegt, um sich gerade nicht auf die Auseinandersetzung mit Grenzen und Versuchungen richtig einlassen zu müssen.




Bildnachweis:
Spirale 1 und 2, Bärbel Altwicker;


Das Märchen zum Nachlesen


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