Freitag, 15. August 2014

Die Perspektive der Erfahrungszusammenhänge

Ein "Apropos"-Beitrag

- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: Dieser Beitrag ist von mir in der facebook-gruppe Psychologie des 21ten Jahrhunderts gepostet worden, für Leser, die sich für die Frage interessieren, wie sich psychologisches Denken in der Zukunft entwickeln könnte und entwickeln sollte. Echte Entwicklungen eröffnen stets neue Perspektiven, ein neues "Sehen", sie gehen aber auch selbst erst aus einem veränderten Sehen, aus einer neuen Perspektive auf die Welt hervor. An dem Letzteren will mein Beitrag anknüpfen: Ich stelle darin vor, wie das Denken von Alfred North Whitehead (Mathematiker, Physiker und Philosoph) zu einer Psychologie beitragen kann, die sich durch ein neues und eigenes Wissenschaftsverständnis auszeichnet, und zwar innerhalb einer sich zukünftig möglicherweise neu verstehenden Wissenschaftsgemeinschaft.


Wissenschaft mit universaler Perspektive

Die Perspektive der Erfahrungszusammenhänge beschreibt nach Whitehead etwas Universales in der Welt, das wir zu seiner Zeit jedenfalls noch nicht ernsthaft auf dem Schirm wissenschaftlicher Orientierung hatten (er starb 1947). Eine universale Perspektive, die in allem ihr Dasein hat, spürte man einzig und allein in der Wissenschaft von den "raumzeitlichen Zusammenhängen" (Physik) und ähnlich auch in der Wissenschaft von den "formalisierenden Zusammenhängen" (Mathematik).
Nach Whitehead ist aber in unserer Welt durchgehend - also quer durch alles hindurch - eine Realität wirksam, die er als Realität der Erfahrungszusammenhänge bezeichnet: Alles lässt sich als ein Zusammenhang beschreiben, in welchem es um den Prozess eines sich gegenseitigen "Erfahrens von Zusammenhängen" geht. Natürlich ist hier der Begriff Erfahrung weiter gefasst, als wir ihn von der Person-Erfahrung und den speziell dabei mitgegebenen Bewusstseinsqualitäten etc. her kennen.

Initiierendes Paradigma

Interessant ist dieser Gedanke, weil er ein "Initiierendes Paradigma" für eine Wissenschaft in die Welt setzt - und zwar für eine Wissenschaft, die es bisher noch nicht über die Form einer Bereichswissenschaft hinausgebracht hat (es geht dabei um eine Psychologie des zurückliegenden Zwanzigsten Jahrhunderts die bis in das Heute hineinreicht).

Aus einer Bereichswissenschaftlichen Psychologie...
(die sich auf einen bestimmten Phänomenbereich, nämlich aufs Verhalten und Erleben hin verortet, so wie es die Geographie - salopp gesagt - auf die Berge und die Flüsse hin tut)
...kann auf diese Weise eine Psychologie mit universaler Perspektive entstehen. Und diese gerät dabei auf Augenhöhe mit der Physik und der Mathematik - die ich als Grundwissenschaften den Bereichswissenschaften gegenüber hervorheben möchte.

Konsequenzen

Es ist naheliegend, dass es bei einer universalen Perspektive auch (bzw, eigentlich erst) Sinn macht, eine eigene wissenschaftliche Methode (Methode im ganzheitlichen Sinne) zu entwickeln. Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass sich alle Dinge, wie auf gleicher Ebene, lediglich in Bereiche teilen, dann kann schon die Verführung entstehen, mit dem Psychischen wie in einer Kombinationswissenschaft umzugehen (Beispiel Medizin oder Ökologie). Dann geht es darum, in einer Kombination ganz verschiedener Ansätze (also mit biologischen, soziologischen und neurowissenschaftlichen vielleicht), den eigenen Bereich zu beforschen. Und hierzu würde dann auch der moderne Satz passen: "Mal sehen, was die Hirnphysiologie dazu sagt".
Whitehead weist uns aber einen anderen Weg. Er verdient es deshalb, einmal ausdrücklich als derjenige genannt zu werden, der eine Markierung zu einer neuen "Wissenschaft mit universaler Perspektive" gesetzt hat (auch wenn das in seinen Schriften noch unter der Zielsetzung einer neuen Philosophie gelaufen ist)".


Die Psychologie fürs 21. Jahrhundert tauglich machen

Die neu entstehende Wissenschaft nenne ich die Wissenschaft von den erlebbaren Zusammenhängen. Alle bildhaften Zusammenhänge, Gleichnisse Analogien sind damit gemeint, weil das Erlebbare immer eine bildhafte Natur hat - "bildhaft" und "erlebbar" stehen gleichsam synonym zu einander. Damit ist der Gegenstand der Psychologie über das Erleben und Verhalten hinaus auf jeden bildhaften Zusammenhang bezogen: Alles in der Welt "versteht sich gleichsam selbst" nach dem einen oder anderem Bilde - das lässt sich nachweisen.
Das Initiierende Paradigma, das zu einem solchen Verständnis von Psyche und Psychologie führt, kommt aus der Idee Whitheheads, der (philosophisch motiviert) in der Natur der Erfahrungszusammenhänge einen universalen Herzschlag für alles Geschehen in der Welt gesehen hat.

Hinweise aus Whiteheads Texten

Für den, der noch etwas mehr über die Anstöße Whiteheads zu dem hier entwickelten Gedankengang wissen will, schnell noch ein paar Hinweise aus seinen Texten:
Whitehead fragt sich z.B.: Was gibt den Erfahrungszusammenhängen eine Richtung?: Seine Antwort lautet, dass es kein Endziel für sie gibt, dass die Erfahrungen also nicht durch ein Endziel (Vorherbestimmtheit, Determination) gesteuert sind. Die Bewertungskriterien der Erfahrungszusammenhänge sind in ihrer Richtungsbestimmung vielmehr sehr allgemein und lassen inhaltlich beinahe alles offen. Es gilt lediglich:

Alle Erfahrungsprozesse streben nach Intensität:

Das einzelne Geschehen nimmt Bewertungen z.B. auf die folgende Weise vor. Es fragt sich: "Läuft der einzuschätzende Prozess auf ein Trivial- oder auf ein Kontrastreichwerden zu?"
Ein Beipiel: Wenn jemand durch ein Fernsehprogramm zappt, entsteht in diesem Fall eine Art von Erfahrungsbrei, bestehend aus (sagen wir:) 2 Minuten Tanzwettbewerb, 3 Minuten Verfolgungsjad mit dem Polizeiwagen, 1 Minute Naturfilm und 4 Minuten Politikerstatement in einer Talkshow. Es kommt in diesem Falle zu keinem Kontrast, weil durch das Ausgeweitet-Sein über die vielen Geschehens- und Problemfelder bei gleichzeitig fehlender Vertiefung sich erst gar kein Zusammenhang am jeweiligen "Ort" profilieren kann, geschweige denn kontrastreiche Zusammenhänge im übergreifenden Ganzen.
Enge und Weite, Vagheit und Tiefe, Trivialität und Kontrast sind nach Whitehead Kriterien, die bei einer sich selbst reflektierenden Erfahrungsentwicklung zum Einsatz kommen: 

Die größtmögliche Kontraststärke wird gesucht.

Kontraststärke kann einmal durch Verengung und ein anderes Mal durch Erweiterung erreicht werden, einmal durch eine Verlagerung des Schwerpunktes in die Vagheiten eines Beziehungs-Ganzen hinein und ein anderes Mal durch ein zuspitzendes Vereindeutigen. Ein ideales Geordnetsein von Erfahrungszusammenhängen gibt es nicht. Es kommt auf den jeweiligen Kontext an. Erst im Zusammenhang mit ihm entscheidet sich, was eine Intensivierung weiterbringt. Gesetze als grundlegende Zusammenhänge können aber - wie im Vorangehenden schon angedeutet - sehr wohl dabei "heraugelesen" werden.

Der Beitrag als Erfahrungszusammenhang


Wir sehen, Whitehead hatte schon sehr konkret über die Möglichkeit einer neuen (Grund-)Wissenschaft nachgedacht. In einer Bildanalytischen (oder bildperspektivischen) Psychologie, die ich seit einigen Jahren entwickle und an verschiedenen Orten vertrete, konnte bereits vieles von der Idee Whiteheads in ein konkretes Bild von einem erweiterten Seelischen und seiner Eigengesetzlichkeit umgesetzt werden. Auch an anderen Orten (Orten eines soziologischen Denkens á la Dirk Baecker, eines psycho-morphologischen á la Wilhelm Salber, oder eines ökonomisch-ökologischen á la Jeremy Rifkin - und diese nur als Beispiele genannt) scheint mir ein Geist um zu gehen, der mit diesem "initiierenden Paradigma" sympathisiert. Für diejenigen, die eine Bildanalytische Psychologie noch nicht kennen, wünsche ich mir, dass sich mein Beitrag hier als ein Erfahrungszusammenhang erweist, der sich mit dem Eigenen *intensivierend* ins Verhältnis bringt.  

Autor: Werner Mikus

Text-Quelle: 15.08.2014 auf Psychologie des 21. Jahrhunderts - Gruppe in facebook

Bildquelle: Strichzeichnung Werner Mikus

Literaturempfehlung:

Baecker, Dirk; Studien zur nächsten Gesellschaft
suhrkamp taschenbuch - wissenschaft
(Buchbesprechung von Christoph Möllers)

Hampe, Michael; "Alfred North Whitehead"
Beck'sche Reihe - Denker
(Lesbar via googleboks)

Kuhn, Thomas S.; "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen"
suhrkamp taschenbuch - wissenschaft

Rifkin, Jeremy; "Die empathische Zivilisation"
Campus Verlag Frankfurt/New York
(Video mit Vorstellung des Buches und Mannes)

Salber, Wilhelm; "Seelenrevolution"
Komische Geschichte des Seelischen und der Psychologie
Bouvier Verlag - Bonn
(Rezension v. Ingo Demmer)

Whitehead, Alfred North; "Denkweisen"
herausgegeben, übersetzt von Stascha Rohmer
suhrkamp taschenbuch - wissenschaft
(Wikipedia-Eintrag, deutsch)

Online zum Thema lesbar:

(und aus eigener Feder)

Zu den Dingen selbst
- Werbung für eine Wissenschaft von den erlebbaren Zusammenhängen -
im hauseigenen Blog hier:
oder auch bei: KUNO, Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie
Edition das Labor, Verlag der Artisten

Paradoxie als Denkprinzip einer neuen Psychologie und Wissenschaft
Entwicklungstherapie Heft 4 (pdf-Version)
(oder hier im Blog)

Bildanalytisches Denken
- Ein psychologisches Konzept und seine Bedeutung für Psychotherapie und Beratung
Entwicklungstherapie Heft 1 (pdf-Version)


Bildquelle:
1) Strichzeichnung Werner Mikus (den Wikipedia Commons zugeführt)
2) Delphinbild, was bei einer Verlinkung mit facebook erscheint:
http://media0.faz.net/ppmedia/video/3468003731/1.398338/article_multimedia_overview/delphine-faszinieren-nicht-nur-durch-ihre-aussergewoehnliche-intelligenz.jpg

Kommentare:

  1. [Ein längeres Zitat:
    - vielleicht etwas mühsam zu lesen, aber es lohnt sich dennoch - ]

    "Wahrheit, Schönheit und Güte streben wir [...] nicht um ihrer selbst willen an, sondern weil sie Formen der Intensität von Erfahrung sind, die ein ideales Verhältnis von Weite und Kontraststärke darstellen.

    Dass 2 + 2 = 4 ist,
    dass es nicht gut ist, seinem Freund in den Bauch zu hauen,
    dass die Musik von Mozart schön ist,

    all das sind Trivialitäten.

    Wenn mich jemand fragt:
    'Zu welcher Wahrheit,
    welcher Güte,
    welcher Schönheit sind wir heute noch fähig?' und ich sage ihm:

    2 + 2 = 4,
    spiele Mozarts Requiem
    und empfehle ihm: 'Du darfst deinem Freund nicht in den Bauch hauen',

    so wird er zu Recht enttäuscht sein.
    Das sind zwar

    Wahrheiten,
    Schönheiten und
    Güte,

    aber es gab sie schon früher, sie kontrastieren nicht mit den Erfahrungen, die wir aus UNSERER Welt kennen.

    Es geht nicht um eine nach Neuem hastende SENSATIONSlust, sondern um die Bildung von Kontrasten, die mich als ein Wesen betreffen, das aus einem bestimmten Erfahrungszusammenhang hervorgegangen ist.

    Ich bin nicht aus der Welt hervorgegangen, aus der Mozart kam, auch nicht aus der Welt, in der noch das Gesetz des Wolfsrudels herrscht und man seinen Freund schlug, wenn es die Machtkonstellationen erforderten. Auch die Addition, die vielleicht den Neandertalern noch nicht möglich war, ist nicht etwas, was das Spezifische meiner Erfahrungswelt ausmacht und mich als wichtige Wahrheit aufregt.

    Das Spezifische meiner Erfahrungswelt ist mir UNBEKANNT,
    solange ich die Kontraste, die mir jetzt als INTERESSANTE
    Wahrheit, Schönheit, Güte erscheinen,
    nicht erfahren habe."

    P.S.
    dieser Text ist Wort für Wort übernommen aus einem Buch von Michael Hampe mit dem Titel "Alfred North Whitehead"; Becksche Reihe, Denker. Kapitel V die Metaphysik, und Abschnitt 7. Wert und Ordnung.

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  2. Es geht also nicht um Ausgewogenheit, Gleichgewicht und um so etwas. Vielmehr geht es um Steigerung und um ein Mehr durch Kontrast und um Intensivierung. Richtig? Das klingt für mich sehr vernünftig! Super. Warum
    höre ich eigentlich heute erst davon?

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