Übers Denken nachgedacht

Stimmigkeitssinn, ein sechster Sinn

Ein "Apropos"-Beitrag
Er geht aus einem Beitrag in der Facebook-Gruppe Psychologie des 21. Jahrhunderts hervor



Kontext: Dieser Beitrag ist in der facebookgruppe "Psychgologie des 21. Jahrhunderts" gepostet worden. Er hatte eine Empfehlung der Lektüre von Markus Gabriels Buch "Der Sinn des Denkens" zum Inhalt und führte zu Bildanalytischen Überlegungen zum Thema Denken. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass bei dem Zustandekommen von wissenschaftlicher Erkenntnis die logische Struktur des Schlüsse-Ziehens und das geschickte Herunterbrechen des Komplexen auf das Abzählbare nicht die entscheidende Rolle spielen. Einer Bildanalytischen Psychologie zufolge geht es hier im Kern um etwas anderes. Das Denken kann in diesem Zusammenhang wie ein sechster Sinn verstanden werden, der im wissenschaftlichen Tun auf eine besondere Weise kultiviert und regieführend zur Wirkung gebracht wird. Wir können ihn auch den Stimmigkeitssinn nennen. 


Freud sah im Denken ein Probehandeln. Es ist in besonderer Weise ausgestattet, so wie auch das Sehen: Wir sehen nicht zwei perspektivisch ausgerichtete Augenbilder hin- und herspringen und auch nicht deren diffuse Überlagerung, sondern unterwerfen eines der beiden dem Herstellen des Eindrucks von Tiefe und überlassen dem anderen im weiteren die Führung oder die Protokollherrschaft. Der Sinn des Sehens ist mit vielerlei Kniffs ausgestattet. Schnelle Bewegungen am Rande unseres scharf gestellten Bildes z.B. führen blitzartig zu einem Hinschauen und so gibt es vieles mehr.

In diesem Sinne ist auch das Denken von mehreren Sonderlichkeiten getragen. In seinem Schlüsse-Ziehen folgt es zunächst nicht der formalen Logik, wie wir es vielleicht annehmen möchten. Es lässt sich vielmehr von atmosphärisch dichten Bedeutungsszenarien oder -Feldern führen, die es wegen ihrer offenen Finalität zulassen, dass eine Stimmigkeitserfahrung in bestimmten Situationen das Sagen übernimmt und die angerührten Potenzen eines Bedeutungsfeldes in die Endlichkeit einer einzigen Bedeutung herunterbrícht. Und dabei entscheidet dann allein das "Sich sinnvoll gegenseitig in den Dienst nehmen" der zugrundeliegenden Einzelheiten und nicht irgendeine zeitliche Folge ihres Auftretens, wie wir es vom Erklären in kausalen Folgen her gewohnt sind. Die Stimmigkeit ist am Ende die einzige sichere Erfahrung, die unsere Entscheidungen in einem Denkprozess bestimmen. Sind die Daten unschuldig falsch erhoben oder die Handlungsschritte unbemerkt fehlerhaft aus dem Prozessganzen hervorgegangen, lässt es sich zuletzt ebenfalls über den besagen Sinn erfahrbar machen. Wir müssen uns auf die besondere Natur des menschlichen Denkens in unserem Handeln einstimmen, gerade dann, wenn wir wissenschaftliche Erkenntnis suchen. Wir müssen diesen sechsten Sinn kultivieren und ausrüsten mit allem Equipment, das uns zur Verfügung steht, statt zu glauben, Computerprogramme könnten uns irgendwann diese Arbeit abnehmen.

Zentral für die Kultivierung unseres Stimmigkeitssinnes ist die Beschreibung der Wirklichkeit in sprachlichen Bildern und geschichtenhaften Zusammenhängen. Sie sind die unmittelbaren Voraussetzungen für ein differenziertes Probehandeln und gefühlsmäßiges Ausprobieren. Verstehenslogisch um einiges später, also jenseits der Zeitlogik, werfen dann erst die biologischen Prozesse ihr eigenes Sagen zum konkreten Geschehen mit in die Waagschale.

Das Bild des oben abgebildeten denkenden Affen ist in diesem Zusammenhang durchaus zutreffend, weil wir ihm das Probierende einer Haltung im Ganzen ansehen. Ebenso ist dieses Bild aber auch unzutreffend, weil es die Mitwirkung des Sprachbildlichen nicht aufzeigt, welches aber das Denken des Menschen auf besondere Weise mitbestimmt.

Autor: Werner Mikus

Bildquelle:  https://blockbusterforbeginners.files.wordpress.com/2016/11/primate-1019101.jpg?w=869&fbclid=IwAR2Bs4s6w05eqw0ZQJiCJMHCgyJZI2xqiWdGArnmNN_FAVFQOD-FUCKQLqw

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