Über den Dingen stehen?


 - von den drei Kränkungen der Menschheit (Freud) und einer vierten

Ein "Apropos"-Beitrag
- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück





Kontext: Auf den kürzlich hier veröffentlichten Beitrag "die Geschichte von einer dreifachen Kränkung der Menscheit und wie sie sich weitererzählen lässt" (2.Juli 2019) gab es einen Verweis auf der facebook-Gruppenseite "Psychologie des 21. Jahrhunderts". Und so kam es zu einem Nachfragen auf der Seite dieser Gruppe. Es wurde um ein zusätzliches Beispiel gebeten, was dann zu einer zweiten Version des Beitrags mit der folgenden Frage und Pointe führte:

Es gibt doch die Redensart „über den Dingen stehen“

Oft tun wir so, als würden oder müssten wir über den Dingen stehen. Wenn es gut geht, stehen wir aber gar nicht drüber sondern in den Dingen! Mit genau diesem Problem des *Drüber- oder Nicht-Drüberstehens* experimentiert auch die Menschheit, also der Mensch im Ganzen, herum (der Einfachheit halber ist hier der Mensch immer aus der abendländischen Perspektive gesehen). Die Menschheit also versuchte sich sehr engagiert an diesem Problem und zwar in vier Wendungen - wovon die vierte derselben gerade in vollen Touren läuft: (Im Folgenden ist immer die weiteste Bedeutung des Begriffes "Ding" gemeint.)

Die vier Wendungen in der Versuchung des Menschen "über den Dingen zu stehen":


1. VORSEHUNG und göttliche Ordnung *stellen uns über alle Dinge*
(das heliozentrische Weltbild brachte eine Ernüchterung in diesem Glauben)
2. Wir *stehen über der Natur*, weil der GEIST unser Wesen bestimmt, der ja die Natur beherrscht. (Die Abstammungslehre brachte eine Ernüchterung)
3. Der FREIE WILLE *stellt uns über alles*, was lebendig ist. Der Mensch kann frei entscheiden.
(Die Macht des unbewussten Wollens bringt Ernüchterung – Freud)
4. Wir sehen uns *über allem Geschichtenhaften stehen*. Warum? Weil wir im Menschen den alleinigen Produzenten von Geschichten sehen, salopp gesagt: den GOTT der GESCHICHTEN. Und in diesem letzten Abkürzungsversuch unterwegs, stellen wir vielleicht (die Prophetie sei mir erlaubt) sehr bald das Folgende fest:
Der Ursprung der Geschichten liegt in den Dingen selbst, von denen sie erzählen. Und das führt zum Schließen des Kreises (siehe oben):

In den Dingen statt über den Dingen


Der Mensch, der über den Dingen zu stehen versucht, entdeckt, dass er nicht über sondern *in* den Dingen steht und zu stehen hat – jedenfalls, wenn er es klug anstellt.
Und wie er das nun klug anzustellen hat, das ist möglicherweise wieder eine andere Geschichte. Oder aber...

Geschichten erklären via Geschichten


... die hier erzählte Geschichte mit ihren vier Wendungen "erzählt" uns schon selbst etwas darüber, wie es denn anzustellen sei, dieses "wirklich In den Dingen stehen". Sie könnte als ein Gleichnis hierfür stehen. Wenn ich auf meine Bemühungen hier und jetzt beim Schreiben schaue, stelle ich fest: das Ding, was ich mir hier zu erklären vorgenommen hatte, findet seinen erklärenden "Ursprung" in genau der Geschichte, die ich zur Klärung mir hier vorgelegt hatte.

P.S. Wenn es jemanden hierbei schwindelig wird, dann ist er auf der richtigen Spur!


Autor: Werner Mikus

Bildquelle: https://www.hypnause.de/wp-content/uploads/2019/03/hypnose-hoehenangst.jpg

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