Bildanalytisches Denken – in vier kleinen Schritten

 




(1) Erlebbare Zusammenhänge

a) Die Gegenstände einer Forschung sind zuallererst Zusammenhänge.

b) Zusammenhang bedeutet, dass etwas mit etwas anderem zusammenhängt - auf bestimmte Art und Weise.

c) Zusammenhänge lassen sich ihrer Verbindungsart nach typisieren

Daraus ergibt sich eine Wirklichkeit, die sich unter verschiedenen Perspektiven zeigt.

(2) Methode und Gegenständlichkeit

Um die Bedeutung dieser Perspektiven zu verstehen, lohnt es sich, auf ein grundlegendes Verhältnis zu achten: Auf das Verhältnis von

Methode (als einem strukturierendem Tun) und Gegenständlichkeit (als Manifestation eines Zusammenhangs).


Daraus ergeben sich zwei Einsichten:

Erste Einsicht Methode kann sich in den Dienst einer gegenständlich gegliederten Welt stellen. Dann heben wir aus einem Ganzen bestimmte Wirklichkeitsbereiche heraus und behandeln sie als abgrenzbare Zusammenhänge. So entstehen Fachwissenschaften wie Juristerei, Musikwissenschaft oder Kombinationswissenschaften wie Medizin und Ökologie. Diese Perspektive ist gegenstandsorientiert.

Zweite Einsicht Wir können die Gegenständlichkeit unserer Welt aber auch funktional zurücknehmen und sie in den Dienst eines anderen Prinzips stellen: eines strukturierenden Tuns, das alle Gegenständlichkeit durch sein übergreifendes Handeln aufhebt. Das gelingt dort, wo etwas Gegenständliches zum Gleichnis für die Wirklichkeit im Ganzen werden konnte – so wie uns in der Physik das Phänomen der Bewegung zur Perspektive des Raumzeitlichen geführt hat.

Ein solches „übergreifendes Tun“ kann von verschiedenen Zusammenhängen ausgehen. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt jedoch, dass sich drei Versionen besonders hervorgehoben haben:


(3) Universale Perspektiven

1. Die Welt der raumzeitlichen Zusammenhänge (Physik) Alles Denkbare lässt sich als ein raumzeitliches Zusammenwirken beschreiben und auf die Gesetzlichkeiten der Naturwissenschaften zurückführen.

2. Die Welt der formalisierenden Zusammenhänge (Mathematik) Alles Denkbare lässt sich als ein formalisierendes Zusammenhängen beschreiben, das die Wirklichkeit so weit aus ihren räumlichen und atmosphärischen Bezügen herauslöst, dass jene Grenzbeziehungen sichtbar werden, die sich nicht mehr relativieren lassen.

3. Die Welt der erlebbaren Zusammenhänge (Psychologie des Atmosphärischen) 

Hier wird alles Denkbare als erlebbarer Zusammenhang verstanden. Der Zusammenhang selbst ist die Wirklichkeit – nicht ein „Fühlender“ hinter dem Gefühl oder ein „Denker“ hinter dem Gedanken. Es braucht kein Subjekt, das etwas erlebt. Die Erlebbarkeit in all ihren Manifestationen ist der Zusammenhang, der sich ereignet – jenseits jeder Tat Täter-Logik.


(4) Alle Perspektiven im Zusammenhang

Jede dieser Perspektiven bringt eigene Zusammenhänge hervor, die sich in der Art ihres Austauschs unterscheiden. Keine ist „wahrer“ als die andere. Es gibt keinen Generalschlüssel zur Wirklichkeit.

Neben diesen universalen Perspektiven gibt es nicht universale Zusammenhänge, die innerhalb begrenzter Bereiche Ordnung schaffen (z. B. Geografie, Rechtswissenschaft). Und schließlich gibt es unbekannte Zusammenhänge, von denen wir uns kein Bild machen können, deren Wirkungen uns aber dennoch treffen können – wie die Erfahrung mit dem Corona Virus gezeigt hat.

Die menschliche Perspektive ist in eine überordnungsfreie multiperspektivische Wirklichkeit eingebettet. Sie umfasst die universalen und nicht universalen Zusammenhänge und deren Zusammenspiel, bleibt aber der Totalität dieser multiperspektivischen Wirklichkeit unausweichlich ausgeliefert.

Eine Haltungsherausforderung

In dieser überordnungsfreien Wirklichkeit bricht ein tiefer Gegensatz auf: Auf der einen Seite steht unsere enorme Macht, Naturkräfte verfügbar zu machen. Auf der anderen Seite flüchten wir vor der Verantwortung dieser Macht und inszenieren uns als ohnmächtige Abhängige.

Diese oszillierende Stimmung zwischen Allmacht und Ohnmacht gilt es zu überwinden. Das kann gelingen, wenn wir unsere perspektivische Aufgehobenheit vertrauensvoll ausgestalten und gleichzeitig die überordnungsfreie Multiperspektivität anerkennen, die jederzeit in unsere menschliche Wirklichkeit einbrechen kann.

Dieser fundamentale Bruch darf weder durch Regression noch durch Allmachtsphantasien verschleiert werden. Wir sollten ihn aushalten – und vielleicht sogar lernen, ihn zu lieben. Darin könnte das Fundament einer neuen menschlichen Stärke liegen.


Foto: Montage Werner Mikus

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