Bildanalytik in vier Schritten
Vorüberlegungen
Ich habe mich
entschieden, eine Wissenschaft der erlebbaren Zusammenhänge zu entwickeln. Das
ist ein ungewöhnlicher Schritt, und vielleicht fragt man sich, warum ich ihn
gehe. Aus dem gängigen Bild der Wissenschaften lässt sich diese Entscheidung
nicht ableiten: Dort gilt das Erlebbare als ein Bereich unter vielen, der mit
denselben Methoden bearbeitet werden soll wie jeder andere Gegenstand auch.
Um meine Entscheidung verständlich zu machen, musste ich mir daher ein eigenes Bild davon machen, was Wissenschaft überhaupt ist — nicht, wie ich sie mir wünsche, sondern wie sie sich tatsächlich zeigt. Und dabei wurde sichtbar, dass es drei Perspektiven gibt, die nicht bereichsgebunden sind, sondern universale Geltung besitzen: die raumzeitliche, die formalisierende und die erlebbare.
Erst in diesem überordnungsfreien Gefüge wird verständlich, warum eine Wissenschaft der erlebbaren Zusammenhänge nicht nur möglich, sondern folgerichtig ist. Der folgende Text zeigt, von welchen Voraussetzungen ich ausgehe, wenn ich mich auf diese Perspektive festlege — und warum sie im wissenschaftlichen Denken einen ganz natürlichen Platz einnimmt.
Zusammenhänge und Perspektiven
Die Gegenstände einer Forschung sind zuallererst Zusammenhänge. Zusammenhang bedeutet: Etwas hängt mit etwas anderem auf bestimmte Weise zusammen. Zusammenhänge lassen sich ihrer Verbindungsart nach typisieren. Daraus ergibt sich eine Wirklichkeit, die sich uns unter verschiedenen Perspektiven zeigt.
Ausrichtung auf Methode oder Gegenständlichkeit
Um die Macht der Perspektiven einschätzen zu können, lohnt es sich, auf ein grundlegendes Verhältnis zu achten: Auf das von Methode (als strukturierendem Tun) und Gegenständlichkeit (als Manifestation von Zusammenhang).
(a) Ausrichtung auf eine Gegenständlichkeit
Methode kann sich in den Dienst einer gegenständlich
gegliederten Welt stellen. Dann heben wir aus einem Ganzen bestimmte
Wirklichkeitsbereiche heraus und behandeln sie als abgrenzbare Zusammenhänge.
So entstehen Bereichswissenschaften wie die Geografie, die Musik- und die
Rechtswissenschaft z.B., aber auch die anwendungsorientierten Fachwissenschaften einer
Medizin und Ökologie.
(b) Ausrichtung auf Methode – im
ganzheitlichen Sinne
Wir können die Gegenständlichkeit unserer Welt aber
auch funktional zurücknehmen und sie in den Dienst eines anderen Prinzips
stellen. Dann wird das Gegenständliche zum Gleichnisgeber für das methodische
Vorgehen.
Die Problemgegenstände verwandeln sich dann (a) im Fall der Bewegung in die Methode
einer raumzeitlichen Perspektive (Physik) – (b) im Fall der Symmetrie in die Methode
einer formalisierenden Perspektive (Mathematik) und (c) im Fall der
atmosphärischen Wirkung in die Perspektive der erlebbaren Zusammenhänge
(Psychologie des Atmosphärischen) hinein.
Die Bedeutung der drei universalen Perspektiven
(a) Die Welt der raumzeitlichen Zusammenhänge (Physik)
Alles Denkbare lässt sich als ein raumzeitliches Zusammenwirken beschreiben und auf die Gesetzlichkeiten der Naturwissenschaften zurückführen. Das Gleichnis der Bewegung hat die Wissenschaft auf diese Perspektive aufmerksam gemacht.
(b) Die Welt der formalisierenden Zusammenhänge (Mathematik)
Alles Denkbare lässt sich als ein formalisierendes Zusammenhängen beschreiben. Dabei werden Beziehungen sichtbar, die übrig bleiben, wenn alles Konkrete, Räumliche und Atmosphärische methodisch abgelegt ist — Beziehungen, die unhintergehbar gültig sind. Das Gleichnis der Symmetrie (Emmy Noether) hat die Wissenschaft auf diese Perspektive gebracht.
(c) Die Welt der erlebbaren Zusammenhänge (Psychologie des Atmosphärischen)
Hier wird alles Denkbare als erlebbarer Zusammenhang
verstanden. Der Zusammenhang selbst ist die Wirklichkeit – es muss kein
„Fühlender“ hinter dem Gefühl und kein „Denkender“ hinter dem Gedanken stehen.
Das Tat-Täter-Prinzip hat hier nicht das Sagen. Vielmehr ist das Erlebbare so
wie es erscheint die Wirklichkeit selbst.
Das Phänomen des Atmosphärischen weist als Gleichnis auf die Perspektive der
erlebbaren Zusammenhänge hin. Anders als Physik und Mathematik ist diese
Perspektive noch im Werden. Sie ist die Metapsychologie unserer Zeit.
(d) Den Generalschlüssel gibt es
nicht
Jede der drei universalen
Perspektiven bringt eigene Zusammenhänge hervor, die sich in der Art ihres Austauschs
im Sinne einer je ganzheitlich eigenen Methode unterscheiden. Keine ist
„wahrer“ als die andere. Es gibt keinen Generalschlüssel zur Wirklichkeit. Aber
durch die methodische Geschlossenheit gibt es eine Orientierung in Richtung einer Stimmigkeit und eines belastbaren inneren Halts.
Die Bereichs- und anwendungsorientierten Fachwissenschaften, die sich binnenlogisch nicht
auf eine solche universale Perspektive stützen können, finden ihren methodischen
Halt in der Verfahrenstechnik des Operationalisierens, einer Technik, die für
den Preis umfangreicher Formalisierung eine bereichsunabhängige Anwendbarkeit
verspricht.
Die Grundparadoxie der
Zusammenhänge
Neben diesen universalen Perspektiven gibt es, wie bereits angesprochen, die nichtuniversalen Zusammenhänge, die innerhalb begrenzter Bereiche Ordnung schaffen (z. B. Geografie, Rechtswissenschaft). Und offenbar gibt es unbekannte Zusammenhänge, von denen wir uns auch prinzipiell kein Bild machen können, deren Wirkung uns aber treffen kann – wie die Erfahrung mit dem Coronavirus gezeigt hat.
Die menschliche Perspektivität ist in eine
überordnungsfreie multiperspektivische Wirklichkeit eingebettet. Sie umfasst
die universalen und die nichtuniversalen Zusammenhänge, bleibt aber der
Totalität dieser multiperspektivischen Wirklichkeit unausweichlich
ausgeliefert.
Reflexion
Eine Haltungsherausforderung
In dieser überordnungsfreien
Wirklichkeit bricht ein tiefer Gegensatz auf: Auf der einen Seite steht unsere
enorme Macht, Naturkräfte verfügbar zu machen. Auf der anderen Seite flüchten
wir vor der Verantwortung für dieses unser Können und inszenieren uns als
ohnmächtige Abhängige.
Diese
oszillierende Stimmung zwischen Allmacht und Ohnmacht gilt es zu überwinden.
Das kann gelingen, wenn wir unsere perspektivische Aufgehobenheit
vertrauensvoll ausgestalten und gleichzeitig die überordnungsfreie
Multiperspektivität anerkennen, die jederzeit in unser menschliches Verfügen
und Verstehen einbrechen kann.
Dieser
fundamentale Bruch darf weder durch Regression noch durch Allmachtsphantasien
verschleiert werden. Wir sollten ihn aushalten – und vielleicht sogar lernen,
ihn zu lieben. Darin könnte das Fundament einer neuen menschlichen Stärke liegen.

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