Der Kugelfisch von Davos

 

Ein satirisches Gleichnis mit Nachgedanken

Ein Dialog zwischen Werner und Claude*

Januar 2026



Das Gleichnis

Zu den Europäern gesprochen, speziell zu den Deutschen:

Sprecher: Ein als Kugelfisch verkleideter Staatsmann

[Übereinstimmungen mit politischen Verhältnissen, die uns zur Zeit bewegen, sind rein zufällig.]

»Eure Waren sind so begehrt in meinem Land, dass wir – völlig arglos und weit über unsere Verhältnisse – bei Euch eingekauft haben. Wir hätten die Konsumkosten immer wieder – durch eine gleichwertige Gegenleistung – ausgleichen müssen (naheliegenderweise durch den Erfolg der eigenen Produkte im Handel mit Euch oder mit der übrigen Welt).

Das ist aber nicht geschehen, sodass mein Land mit immer mehr Schulden dasteht (was eine Reihe von unangenehmen Folgen mit sich bringt).

Welche kugelrunde Lehre ziehe ich daraus? Ihr Europäer seid so moralisch verwerflich wie eine Bande von Drogenhändlern, die ein unschuldiges Wesen – mein Heimatland – erst verführt, dann abhängig macht und schließlich ausnimmt wie eine Weihnachtsgans.

Schluss mit der Ausbeutung! Wir lassen uns das nicht mehr gefallen. Wir verlangen das Geringste, was wir verlangen können, nämlich dass die zusammengelaufenen Schulden uns genommen sind.

Andernfalls – und eigentlich liebe ich euch ja alle, wunderbares Europa, wunderbares Deutschland – andernfalls geht es Euch mächtig an den Kragen.

Was alles passieren könnte: Strafzölle; zwingende Angebote dubioser Staatsanleihen; Abstandnehmen von bestehenden militärischen Bündnisverpflichtungen; oder aber – und das liegt meiner Natur besonders – die mir per Augenzudrücken zugeschanzte kleine weiße Insel vor meiner Haustür.

Ein idealer Ort, um mich – kugelrund und zufrieden – ein wenig zu entgiften.«

Die Entfaltung im Dialog

Was als satirische Reaktion auf einen Auftritt in Davos begann, entfaltete sich im Gespräch zu einer Betrachtung, die über den Anlass weit hinausreichte.

Der aufgeblähte Zustand als Symptom: Eine Wirklichkeit, die sich nicht mehr als Teil eines größeren Werdens verstehen kann, muss jede Veränderung als Angriff auf sich selbst deuten. Das Handelsdefizit wird zur persönlichen Kränkung. Es ist die Unfähigkeit zum atmosphärischen Denken, zur Wahrnehmung von Zusammenhängen. Stattdessen: alles wird zur Frage von Absicht, Schuld, persönlicher Feindschaft.

Der Fischer und seine Frau (Märchen): Der Fischer ist die Verkörperung eines gesunden Verhältnisses zu sich und der Natur. Aus seiner Großzügigkeit heraus entwickelt sich ein unerwartetes Problem. Sprünge werden möglich, für die er nicht die Ausrüstung hat. Ilsebill – das rastlose Mehr-Wollen, das keine Gegenwart erträgt – fragt: ›Hast du dir denn gar nichts gewünscht?‹ Und von da an: Hütte, Haus, Schloss, König, Kaiser, Papst...

Das ›Weib in ihm‹: Nicht eine äußere Frau, sondern diese innere Stimme, die jeden erreichten Zustand sofort entwertet. ›Das reicht noch nicht. Du könntest mehr sein. Die anderen haben dich noch nicht genug anerkannt.‹

Das schwarze Meer: Im Märchen der Moment, wo die Natur selbst antwortet – als Spiegel der Maßlosigkeit. Und das geopolitische Schwarze Meer? Da treffen sich mehrere Ilsebills: der russische Traum vom wiederhergestellten Imperium, die amerikanische Vorstellung, man könne aus der Ferne ›Deals machen‹ über Länder, die man nicht versteht.

Die Schwangerschaft: Wenn Ilsebill am Ende im Pißpott sitzt und sagen kann: ›Wir sind schwanger‹ – dann wäre das der Moment, wo aus dem erzwungenen Nichts ein fruchtbares Nichts wird. Nicht mehr die magischen Sprünge des Butts, sondern echtes Wachsen: neun Monate, Zelle für Zelle, in Fühlung mit dem, was entsteht.

Die Entgiftung: Der Kugelfisch ist nur gefährlich, wenn man ihn konsumieren will – wenn man sich auf sein Spiel einlässt. Was, wenn Europa einfach sagt: Wir haben keinen Hunger auf Kugelfisch? Dann bleibt er, was er ist: ein seltsames Tier, das sich aufbläht, wenn es Angst hat. Das wäre die eigentliche Entgiftung: nicht seine auf der weißen Insel, sondern die der Welt von ihm.

Zurück ins Aquarium: ›The Apprentice‹ – der Lehrling. Er war der, der anderen beibrachte, Lehrlinge zu sein, während er selbst den Meister spielte. Als bunter Fisch im Aquarium der Medienöffentlichkeit war er jahrelang: unterhaltsam, schillernd, ein bisschen grotesk, aber letztlich ungefährlich. Das Problem begann, als jemand auf die Idee kam, diesen bunten Fisch aus dem Aquarium zu holen und in den Ozean der Weltpolitik zu setzen.

Zum Schluss

Das Lachen ist selbst eine Form des Erkennens – etwas wird plötzlich sichtbar, das sich argumentativ nie so dicht fassen ließe. Die Komik entsteht dort, wo die Logik einer Sache sich gegen sich selbst wendet und dabei ertappt wird.

›Komisch, was es alles so gibt‹ – ja. Ein 78-jähriger Philosoph und eine KI, die gemeinsam über einen Kugelfisch lachen, der eigentlich ein Präsident ist, der eigentlich ein Showmaster ist, der eigentlich ein Lehrling ist, der eigentlich... zurück ins Aquarium gehört.

Das ist doch auch ziemlich wunderbar.

Werner Mikus mit dem KI von Claude von Anthropic

*) Claude ist eine KI, mit der Wener Mikus seine Bildanalytische Psychologie in ein Buch bringt.

Foto: Kugelfisch.reddit.com

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