Donnerstag, 3. Juni 2010

Teil 5/5: Denken in Paradoxien und psychodoxen Ordnungen

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Inzwischen ist er in der Fachzeitschrift "Entwicklungstherapie" (Heft 2012)
erschienen. Hier ist er in 5 Teilen zu lesen mit Bildern aus dem Netz aufgelockert.



Ein neues Bild von Wissenschaft
Eine Psychologie der hier skizzierten Art kann sich nur entwickeln, wenn es ihr gelingt, ein eigenes Verstehen von Wissenschaft aufzubauen und sich mit den anderen Wissenschaften darüber ins Verhältnis zu setzen. Die inhaltlich und methodisch neuen Erfahrungen mit dem Seelischen, so wie sie sich hier am Beispiel der entstehenden Psychoanalyse in den Blick gebracht haben, müssen auf diese Weise gewürdigt und ernst genommen werden. Ein erster Schritt auf diesem Weg könnte darin bestehen, auf die Haltung zu schauen: Wie sollte eine wissenschaftlich-psychologische Haltung aussehen, die den neuen Erfahrungen gerecht wird und in welchem Verhältnis steht diese dann zu einer Haltung in der Wissenschaft allgemein? Ich werde versuchen, eine Antwort darauf zu geben: In der Wissenschaft vom Seelischen geht es stets darum, Vertrautes aufzubrechen und Unbekanntes darin sichtbar bzw. zugänglich zu machen. Das heißt: bekannte Dinge, an denen wir eigentlich nichts Überraschendes wahrzunehmen vermögen, zeigen auf einmal etwas Unerwartetes, Neues, wenn wir psychologisch-methodisch (bzw. bildanalytisch) mit ihnen umgehen. Sie verwundern uns und versetzen uns in ein Staunen. Jetzt können wir uns fragen, ob die anderen Wissenschaften nicht auf gleiche Weise an die Dinge herangehen. Geht es ihnen nicht ebenfalls darum, Selbstverständlichkeiten aufzubrechen und Neues im Vertrauten aufzuzeigen? Die etwas rhetorisch anmutende Frage scheint berechtigt. Wenn wir aber nach einer entsprechenden Haltung in den "klassischen" Wissenschaften suchen, treffen wir tatsächlich eher auf das Entgegengesetzte: Das Vorgehen in den Wissenschaften allgemein ist vielmehr davon bestimmt, das Unbekannte wie etwas Störendes aufzugreifen um es schlussendlich - und in vielen Fällen mit sehr viel Aufwand - auf das uns schon Bekannte zurückzuführen.

Aus Sicht der Psychologie liegt der Dreh- und Angelpunkt einer Wissenschaft allgemein darin, das Vertraute/Allzuvertraute in etwas Neues und Überraschendes zu überführen. Das Staunen ist also der Ort, wo wir hin wollen, und nicht eine Sache, die es primär zu überwinden gilt. Einstein hat das wohl ähnlich gesehen und auf seine ihm eigene Art - welche die Wissenschaft immer wieder gern einmal auf den Arm nimmt - formuliert: „der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen“.

Die Psychologie setzt in ihrem Verhältnis zur Wissenschaft eigene Akzente. Dabei geht sie auf verschiedene Fragen ein: Was ist mit Empirie gemeint, allgemein und für die Psychologie im Besonderen? Muss nicht jede Wissenschaft ihre Ergebnisse an der Realität überprüfen, aus der dieselben entnommen sind (das Seelische also an der Realität des Seelischen)? Was ist allgemein der „Gegenstand“ einer Wissenschaft, sind damit die „Objekte“ gemeint, die wir  bearbeiten oder sind es die Methoden, mit denen wir auf die Dinge losgehen, oder gibt es noch eine andere Auffassung hierzu? Gibt es methodisch gesehen eine universale Wissenschaft, die sich in den verschiedenen Bereichen lediglich ausdifferenziert, oder ist eine andere Ordnung angemessener? Die notwendigen Fragen können hier nicht alle gestellt und ihre Antworten nicht alle gegeben werden. Eine mögliche Positionsbestimmung von einer zukünftigen Psychologie möchte ich in knappen Zügen hier dennoch geben.

Methodenentwicklung und Modellbildung
Die Wissenschaft der Zukunft tritt nicht mehr mit dem Anspruch einer generalisierenden Methode auf, die alle Objekte mit den gleichen Prozeduren „behandeln“ will. Sie tritt uns vielmehr in zwei verschiedenen Formen entgegen. Da ist zunächst die Form oder der Typus einer
(1) methodenentwickelnden Wissenschaft. Diese Form von Wissenschaft übersetzt alles, was ihr begegnet, auf eine ihr eigene universale Perspektive und entwickelt dabei Methoden, die auf die Natur der so herausgehobenen Phänomene und Zusammenhänge ganz genau passen. Den zweiten Typus von Wissenschaft können wir modellbildend nennen. Die (2) modellbildende Art wissenschaftlichen Arbeitens definiert sich über einen „äußerlich“ gut abgrenzbaren Objektbereich. Sie lebt nicht von einer universalen Perspektive, welche sich in ihren Übersetzungen die ganze Wirklichkeit zum Thema macht, vielmehr sucht sie in einem betont erlebensunabhängigen  Vorgehen, Modelle für eine Realtität zu entwickeln, die einer "objektiven" Wirklichkeit so nahe wie möglich kommen sollen. Die Unterscheidung in subjektiv und objektiv spielt hierbei eine große Rolle. Auch wenn das Wort "modellbildend" atmosphärisch eher etwas Freies und Bewegliches verspricht, es herrscht hier eher ein etwas zwanghafter Ernst vor: Gesucht wird nämlich - offen oder unterschwellig - nach der wahren Ordnung der Dinge. Und im Hintergrund wirkt das Versprechen: Wir können dieser wahren Ordnung Schritt für Schritt näher kommen, wenn wir unsere Modelle nur immer wieder verbessern und dabei alles "Subjektive" beiseite lassen.

Für die „methodenentwickelnde“ Wissenschaft gilt dagegen eine andere Idee. Sie versteht sich als eine methodische Veranstaltung, die dazu da ist, die Methoden in den Dingen selbst zu erfassen und zu verstehen.

Methoden treffen auf Methoden und erzeugen das hochkomplexe Problem einer Rückbezüglichkeit. Und damit sind wir wieder bei der Paradoxie und ihren unauflösbaren Widersprüchen. Das Auftrennen in eine "objektive" Perspektive, die uns wie von außen auf die Dinge schauen lässt, und in eine subjektive, die uns gleichsam mit den Dingen verklebt, lässt sich von dieser Idee her nicht aufrechterhalten. In diesem Typus von Wissenschaft, den ich als „methodenentwickelnd“ bezeichne, tritt vielmehr das Problem der Rückbezüglichkeit in den Mittelpunkt. Und das spricht, allen Vereinfachungswünschen zum Trotz: Es gibt keinen archimedischen Punkt, nichts Objektivierendes irgendwo in einem "Außen", nur Umzentrierungen und Ähnliches innerhalb der Zusammenhänge selbst. Daher gibt es auch keine objektiven und wahren Herangehensweisen, mit denen wir in immer besser werdenden Modellen einer wahren Wirklichkeit näher kommen können. Methoden „behandeln“ Methoden: Herangehensweisen sind Methoden wie auch die Gegenstände der Wissenschaft Methoden sind. Auf die Wissenschaft vom Seelischen bezogen heißt das: "Psyche" ist das bildhafte oder gleichnishafte sich Verstehen einer Wirklichkeit. Sogar Dinge haben ein „Bildverstehen“, das heißt: sie verstehen sich nach dem einen oder/und anderen Bild bzw. Gleichnis.

Ebenbürtige Wissenschaften
Die Wissenschaft hat die Aufgabe, in diesem Gewirr von Zusammenhängen ein Zusammenspiel zu entwickeln, was die jeweilige Sache zum Sprechen bringt.

(a) Im Fall der Psychologie geht es um die erlebbaren Zusammenhänge,
(b) im Fall der Physik um die räumlich-zeitlichen
(c) und im Fall der Mathematik um die formalisierenden Zusammenhänge.

Die Gesetze, die wir dabei entdecken können, beschreiben dann z.B. wie im Fall der Psychologie die erlebbaren Zusammenhänge als solche noch einmal selbst zusammenhängen (Gestaltschließung, Verkehrung z.B.), so wie uns auch die raum-zeitlichen Zusammenhänge einer Physik innere Regelmäßigkeiten aufzeigen können (Energieerhaltung, Entropie z.B.) und auch die formalisierenden Zusammenhänge einer Mathematik (Gruppenbildung, Kompaktifizierung von Unendlichkeiten z.B.).


Zu meinem Bild von einer zukünftigen Psychologie gehört es, dass diese zusammen mit den ebenfalls methodenentwickelnden Wissenschaften Mathematik und Physik wie ebenbürtig nebeneinander existieren und nach dem Beispiel des Märchens sich auch gegenseitig helfen lassen. Nehmen wir hierfür die Analogie des Schlussbildes im Märchen. Die beiden Geschwister des Zweiäugleins haben nach einer langen Zeit der Entwicklung, alles Übergriffige in ihrem Verhältnis zum Schwesterchen fallen gelassen und Zweiäuglein, hat inzwischen ein eigenes Zuhause gefunden. Es muss jetzt nicht mehr vermittels einer magisch bleibenden Eigenwelt (Tischleindeck-Dich-Zauber) oder eines Unterkriechens (Leben unter dem umgekippten Fass) eine ihr versagt bleibende Zugehörigkeit kompensieren, die ohnehin - und das stellt sich nicht selten erst gegen Ende einer Entwicklung heraus - einen zu hohen Preis gefordert hätte.

Psychologie und Metadiskussion
Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Ausgangspunkt unserer Überlegungen zurückkommen. Wir gingen von den unauflösbaren Widersprüchen in den Paradoxien aus und davon, dass die Wissenschaftsgemeinschaft in weiten Teilen etwas gegen die Logik des Paradoxen in ihrem Bereich einzuwenden hat. Durch unseren Blick darauf, wie es der Paradoxie gelungen ist, zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort, ihren Fuß in das wissenschaftliche Denken und Arbeiten hineinzubekommen, sind wir zunächst auf die Psychoanalyse und Tiefenpsychologie gestoßen, welche im Bezug auf diese Problematik sehr früh schon den Mut hatte, einen eigenen Weg zu gehen. In einem nächsten Schritt hatte ich versucht diese Entwicklung weiterzudenken. In einer Vision von einer zukünftigen Psychologie und Wissenschaft ließ sich ein interessantes Bild entwerfen, ein Bild von einer methodisch eigenständigen Psychologie, die ihren Phänomenbereich in den erlebbaren Zusammenhängen hat. Sie hat damit eine Wirklichkeit zum Gegenstand, die nicht an irgendeiner Stelle aufhört wie die Geographie zum Beispiel mit ihren prinzipiell inventarisierbaren Objekten (und Prozessen). Sie bezieht vielmehr alles ein, was der Perspektive des Erlebbaren zugänglich ist. Ihre Phänomene können sich mit denen aus anderen Wissenschaften überschneiden. 


So kann eine Allee mit Bäumen zugleich auch als ein mathematisches Phänomen verstanden werden. Dann sehen wir anstelle der Allee, eine gleichabständige Anordnung ähnlicher Objekte, die in zwei Reihen parallel nebeneinander herlaufen. Aus der Perspektive einer Psychologie hätten wir es vielleicht mit einem (uns, den Spatziergänger) einladenden Gewölbe aus Baumgrün zu tun, was sich weit vor uns ausstreckt und uns mit einem seitlich überall hell aber auch ebenso sanft einfallenden Sonnenlicht spätsommerlich anzulächeln scheint. Für den formalisierenden Blick einer Mathematik auf die Allee fände möglicherweise die Krümmung, welche die Reihe der Bäume in ihrem Verlauf beschreibt eine besondere Beachtung oder die mit dem Wert "0" zu beschreibende gleichbleibende Steigung in der Höhendimension der gegebenen Wegstrecke. Die beiden „Welten“, die wir in diesem Falle jeweils beschreiben überschneiden sich natürlich in irgendeiner Weise immer, „tun sich“ dabei aber „nichts“: Veränderungen, die wir aus der einen Beschreibungswelt heraus beobachten, sind meist mit irgendwelchen Veränderungen in der anders beschriebenen Welt verbunden, aber sie sind es nicht auf eine verstehbare Weise. So ist das seitlich einfallende, wie ein spätsommerliches Anlächeln wirkende Licht durchaus auch von der Dichte der Bäume und z.B. einem nicht vorhandenen stärkeren Anstieg des Alleeverlaufes abhängig. Einen Beitrag zum Verstehen der besonderen seelischen Verhältnisse, erwächst daraus aber nicht. Ebenso hilft das Übereinanderlegen der Beschreibungen auch nicht für ein besseres Verstehen der bei der Baumaufstellung realisierten symmetrischen Verhältnisse in der Allee. Eine ähnliche Überschneidung findet auch in einem häufig diskutierten anderen Zusammenhang statt, nämlich da wo sich in ein und demselben Ereignis, die Phänomene einer hirnpyhsiologischen Beschreibung mit den Phänomenen einer Erlebensbeschreibung überschneiden. Auch in diesem Falle scheint es eine gewisse Verschränkung der Geschehnisse über die perspektivischen Grenzen hinaus zu geben, einen "inneren" Zusammenhang zwischen diesen Welten aber nicht - also keinen verstehbaren Zusammenhang, oder Zusammenhang "ohne Sprung".

Das Paradoxe und die Überschneidungen
Wir müssen uns nun fragen, wie wir mit solchen Überschneidungen und den darin aufbrechenden Differenzen umgehen wollen. Sind die Widersprüchlichkeiten welche durch die unterschiedlichen Beschreibungen hervorgebracht werden, auflösbar? Die Erfahrungen aus der Psychologie laden mit dem Stichwort der Paradoxie dazu ein, von einer Unauflösbarkeit auszugehen. Zusammenhänge aus der einen Wissenschaft kommen prinzipiell nicht zusammen mit denen einer anderen Wissenschaft, solange wir es hierbei mit zwei eigenständigen Perspektiven zu tun haben.

Die Idee, dass eine Unauflösbarkeit von Gegensätzen vielleicht prinzipiell hingenommen werden muss, kann dem Gegeneinander von wissenschaftlichen Sichtweisen einen neuen Spielraum geben. Die Wissenschaftsgemeinschaft kann die Herausforderung, die in dem Bergriff des Paradoxen liegt, nutzen, ein grenzüberschreitendes Gespräch in Gang zu bringen. Das Prinzip der Paradoxie beschreibt die Problemlage wissenschaftlicher Welten, die sich in ihren Beschreibungen überschneiden und macht ein streitbares Angebot, wie die Widersprüche dabei eventuell zu behandeln sind. Über das Paradoxe kommt man miteinander ins Gespräch. Außerdem, hilft die Thematik innerwissenschaftlich, das Denken zuzuspitzen, was in spezifischen Umbruchssituationen von besonderem Nutzen sein kann (Kuhn, Paradigmenwechsel). Das Thema der Paradoxie bringt die verschiedensten Probleme und Bedürfnisse einer Wissenschaft auf den Tisch (z.B: Austausch, Zuspitzung im Eigenem, Übersetzung zwischen den Wissenschaften).

Das Interesse an der Paradoxie geht wahrscheinlich auf eine neue Art des Denken zurück, wie ich sie im Beispiel des Märchens mit der Zweiäugleinmethode beschrieben habe. Das neue Denken hatte sich in vielen Anwendungen (z.B.: Psychotherapie, Werbung, Film) schnell als sehr erfolgreich erwiesen. Die Psychoanalyse mit ihren Beobachtungen zur merkwürdigen Logik des Unbewussten war ein wirkungsvoller Anfang in dieser Entwicklung.

Dass eine bestimmte Erfahrung  aus der Wissenschaft ansteckend auf alle möglichen Bereiche einer wissenschaftsinteressierten Welt wirken kann, hat sich schon einmal gezeigt. Im ausgehenden neuzehnten Jahrhundert ist die Methode des wissenschaftlichen Experiments zu einer außerordentlichen Erfolgsgeschichte geworden. In alle Bereiche der Wissenschaft hinein wollte man das erfolgreiche Vorgehen übertragen. Das brachte einen großen Schwung in die Wissenschaften und eine Ermutigung zu allerhand Neugründungen von Wissenschaften - hierzu gehören auch die Vorform einer wissenschaftlichen Psychologie die hauptsächlich sich in Wahrnehmungsexperimenten versuchte (Experimentelle Psychologie, Wilhelm Wundt).

Einladung zum Gespräch
Heute ist es das Thema der Paradoxie, was eine ähnlich große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Das Paradoxe  in der Wissenschaft scheint mir für eine Metadiskussion sehr nützlich zu sein. Das Thema lädt dazu ein, verschiedene Betrachtungsweisen und ihre Konsequenzen in einem Nebeneinander gelten zu lassen und sich frei zu machen von dem Druck einer generalisierenden Methode. Das Thema richtet die Aufmerksamkeit ja gerade auf das Problem von Gegensätzen und auf die Möglichkeit einer Unaufhebbarkeit derselben. Die Gefahr von Abkürzungen und gewaltsamen Synthesen zugunsten irgendwelcher höherer Wichtigkeiten wird in einem solchen Kontext schneller gesehen. Das schützt und erleichtert eine wirkliche Begegnung von Ideen.
Die Methode des naturwissenschaftlichen Experiments hatte damals zu einem rasanten Austausch zwischen den Wissenschaften geführt: In allen Wissenschaftsbereichen hatte man sich die Methode des Experiments als Vorbild genommen. Wie wir heute wissen, ist man dabei manchmal auch ein bisschen zu weit gegangen. Nicht überall machte es nämlich den gleichen Sinn, das Experiment, als methodisches Vorbild zu nehmen. In den Kulturwissenschaften passte eine Übersetzung der Erfahrungen aus dem Naturwissenschaftlichen Bereich nicht immer.
Etwas Vergleichbares könnte auch passieren, wenn wir das Denken in Paradoxien versuchen sollten, auf alle Wissenschaften zu übertragen. Die diesbezüglichen Erfahrungen, so wie sie aus der Psychologie kommen, lassen sich höchstwahrscheinlich nicht 1:1 auf die Zusammehänge in den anderen Wissenschaft übertragen. Besonders interessant wird es sein, in der nächsten Zeit zu verfolgen, wie die Physik im Bereich der quantenphysikalischen Phänomene die paradoxe Logik für sich interpretieren und möglicherweise auch methodisch integrieren wird. Zur Zeit nimmt in diesem Bereich der Naturwissenschaft die Thematik des Paradoxen einen sehr großen, wenn auch noch nicht so recht "geklärten" Raum ein.

Psychodoxe Natur und eigener Raum
Wir können zusammenfassend sagen, dass die Analogien aus der klassischen Naturwissenschaft weitgehend versagen, wenn wir die seelischen Phänomene methodisch erfassen und verstehen wollen (die Vorbildfunktion der Naturwissenschaft funktioniert nicht). Wir haben es im Bereich der erlebbaren Zusammenhänge wirklich mit einer eigenen „Natur“ zu tun und diese lässt sich auch nur mit ihren "eigenen Methoden" erfassen. Die Paradoxie und die Logik der unauflösbaren Wiedersprüche, spielt dabei eine große Rolle. Für das Selbstverständnis einer zukünftigen Psychologie, würde ich vorschlagen, das Denken in Paradoxien durch den Begriff des Psychodoxen zu erweitern. Immer, wenn sich die Paradoxien auf den psychischen Bereich beziehen, sollten wir die entsprechenden Zusammenhänge als psychodox qualifizieren. Der Begriff des Paradoxen kann somit freigehalten werden für den Austausch der Wissenschaften untereinander. Einer allzuschnellen Gleichsetzung von Zusammenhängen, die möglicherweise nur in formaler Hinsicht besteht, wird damit etwas entgegensgesetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass wir innerhalb der Psychologie zukünftig mehr von einer „psychodoxen“ Natur sprechen, einer „Natur“, welche das Werden im Seelischen grundlegend motiviert und antreibt.

Die umfangreiche Diskussion über das Für und Wider einer Logik des Paradoxen in den Methoden einer Wissenschaft ganz allgemein, scheint mir ein Ausdruck dafür zu sein, dass die Natur des Seelischen ihren eigenen Raum in der Wissenschaft noch nicht gefunden hat. Das spannende Thema geht hier gleichsam fremd. Dass die Psychologie etwas zu bieten hat, ist wohl ohne Frage und das kommt auch in unserer Wirklichkeit so an. Wir dürfen unseren Blick dabei nur nicht zu sehr auf das "Inventarisierbare", richten, also auf irgendwelche Psycho-Sensationen (auch wenn diese immer sehr stark interessieren): Wir können vielmehr "methodisch" etwas hinzulernen durch diese neue Wissenschaft, auch wenn das noch nicht so in der Diskussion ist. Eine Ahnung davon drückt sich - nach meiner Auffassung - in den vielfältigen Metadiskussionen aus, die in den verschiedenen Wissenschaften geführt werden. Ich sehe darin einen guten und spannenden Anfang. Für die Psychologie selbst aber bedeutet das noch nicht so viel: Sie muss nämlich diesen eigenen Raum, so wie er hier entworfen ist, erst noch "breit" und für alle "begehbar" herstellen. Es geht um einen "Raum", der das "methodisch Eigene" in die Mitte stellt, und es zugleich mit der Gemeinschaft der Wissenschaften teilbar macht.

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Autor: Werner Mikus


Bildnachweis:
Allee, Foto Werner Mikus


Kommentare:

  1. Mit der Empirie ist das so: Soll sie etwas bringen, dann verlangt sie ein gesundes Wechselspiel zwischen Ich und Welt. Die Bedingungen sind manchmal gegeben, aber nicht immer. Manchmal ist es besser am Ich festzuHALTEN. Das Ich ist das Innere, das Ich das sind die Werte, die Ideale. Das Ich von Kant, Fichte, Hegel . . . hat sich geistig als Deutscher Idealismus niedergeschlagen. Viele Menschen kennen gar nichts anderes. - Man sieht, was man glaubt. Credo ut intellegas. Das Ich wirkt wie ein Filter für die Dinge. Unter günstigen Bedingungen entwickelt sich ein Ich. Man sagt dann: Der geistige Horizont erweiter sich. Auch die Welt kann ihre Grenzen (peras) hinausschieben. Geschieht das nicht symmetrisch zur Erweiterung des Ichs dann geht der Mensch unter: Er regrediert (in Träume). Er regrediert in Okkultismen (wozu auch der falsche Glaube ans Geld gehört). Der unterworfene Mensch (homo subiectus) hat ein gespaltenes Bewusstsein (und einen Führer (significant Other)). Gott ist nur für kurze Zeit gnädig - ho bios brachys, he de techne makre, ho de kairos oxys, he de peira sphalere, he de krisis chalepe. Das Leben ist kurz. Die Kunst ist lang. Der rechte Moment ist scharf. Der Versuch ist schlüpfrig. Die Entscheidung ist schwierig. Hippokrates.

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  2. Nach einer ersten Durchsicht ein erster vorläufiger Kommentar: Das "Erlebbare" geht weit über das hinaus, worüber bislang Einigkeit in der Psychologie herrschte, dass ihr Gegenstand das Verhalten und Erleben sei. Dilthey´s Ausgangspunkt für die beschreibende Methode war der "erlebte Zusammenhang". Für Husserl galt ja dann das Mögliche als das Wirkliche. Damit war eine neue "Empirie" eröffnet. Zu: "Methode bricht Methode" wäre eine Menge zu sagen - nur soviel: Anna Freuds "Widerstandsanalyse" und Rolle der Kunst: sie macht Erlebbares deutlich.

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  3. Lieber W.W.

    vielen Dank für den Hinweis auf das Geschichtliche. Dilthey in einer Husserl-Version, das wäre es vielleicht damals schon gewesen. Aber Entwicklungen brauchen immer Zeit. Vielleicht solltest Du einen eigenen kleinen Beitrag zu diesem Thema und zu dem zweiten, was Du hier ansprichst schreiben für unsere Zeitschrift z.B. :)
    Danke für den interessanten Kommentar
    Werner

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